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			Werkstatt des Historikers 
der mittelalterlichen Ritterorden. 
Quellenkundliche Probleme 
und Forschungsmethoden 


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			UNIVERSITATIS NICOLAI COPERNICI 
Ordines militares 
Colloquia Torunensia Historica 
IV 


WERKSTATT DES HISTORIKERS 
DER MITTELALTERLICHEN RITTERORDEN. 
QUELLENKUNDLICHE PROBLEME 
UND FORSCHUNGSMETHODEN 


herausgegeben von 
Zenon Hubert Nowak 


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TORUN 1987
		

/Czasopisma_119_04_004_0001.djvu

			Projekt okladki 
SLA WOMIR JANIAK 


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Redaktor 
HANNA TOMASZEWSKA-NOW AK 


Korektor 
GENOWEFA KMITA 


Redaktor tecbniczny 
JADWIGA GOSIENIECKA 


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0.1. L 3L.IffiA 
ISBN 83-231-0095-0 


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UNIWERSYTET MIKOLAJA KOPERNIKA 
Wydanie I 
Naklad 600+80 egz. 
Ark. wyd. 14,5 
Podpisano do druku 3 czerwca 1987 r 
Druk ukonczono w czerwcu 1987 r. 
Zam. 26. Cena zl 290,- 
Zaklad PoUgrafii UMK 


--
		

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			Inhalt 


V
w
t 5 
M a r i a n Bis ku p (Torun) - über quellenkundliche Fragen und 
einige Forschungsaspekte der Geschichte des Deutschen Ordens. 
Ein Beitrag zu den Verkstattproblemen des heutigen Forschers 7 
U d 0 Ar n 0 I d (Bonn) - Forschungsprobleme der Frühzeit des 
Deutschen Ordens 1190-1309 19 
An t j e kat h r in G r a ß man n (Lübeck) - Lübeck und der 
Deutsche Orden. Möglichkeiten zu neuen Forschungen . 33 
A n d r z e j N a d 0 I ski (L6dz) - Die Forschungen über die Be- 
waffnung des Deutschen Ordens und seiner Gegner in Ost- 
mitteleuropa . 49 
Ha r t mut B 0 0 c k man n (Göttingen) - Beiträge zu einer Iko- 
nographie des Deutschen Ordens. 65 
B ern h art Jäh n i g (Berlin - West) - über Quellen zur Sach- 
kultur des Deutschen Ordens in Preußen . 77 
M a r i a n Ars z y n ski (Torun) - Die Burgen im Deutsch- 
ordensland Preußen als Quelle zur Erforschung der Geschichte 
des Deutschen Ordens und seines Staates . 97 
Wer n e r Par a v i c i n i (Kiel) - Heraldische Quellen zur Ge- 
schichte der Preußenreisen im 14. Jahrhundert. 111 
Carl August Lückerath (Köln) - Hochmeister - Itine- 
rar. Forschungs- und Interpretationsprobleme . 135 
Tor e Ny b erg (Odense) - Quellen zur Geschichte der nordi- 
schen Johanniter 141 
T h 0 m a s R i i s (Kopenhagen) - Die übernahme Marqabs durch 
die Johanniter (1186) . 151 
Co li n R ich mon d (Keele) - Research on the Spanish Mili- 
tary Orders in Great Britain . 157 
J erz y S er c z y k (Torun) - Tradition des Deutschen Ordens 
in der stadtbürgerlichen Geschichtsschreibung Königlich-Preu- 
ßens im 16.-18. Jahrhundert 163 
E n n Ta r v e I (Tallinn) - Livländische Chroniken des 13. Jahr- 
hunderts als Quelle für die Geschichte des Schwertbrüder- 
ordens und Livlands 175 
J a r 0 s I a w Wen t a (Torun) - über die Notwendigkeit einer 
Neuausgabe der Annalen für das Gebiete des Deutschordens- 
landes 185
		

/Czasopisma_119_04_006_0001.djvu

			I 


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--
		

/Czasopisma_119_04_007_0001.djvu

			ORDINES MILITARES IV. Werkstatt des Historikers... 


Vorwort 


Der vorliegende Band enthält die Beiträge und Kurzberichte, welche 
im Rahmen der III. Konferenz des Zyklus Ordines Militares - Colloquia 
Torunensia Historica vorgetragen worden sind. Diese Konferenz hat in 
der Zeit vom 27.-28. September 1985 in Torun getagt und wurde, so 
wie die vorangegangenen, in den Jahren 1981 und 1983 abgehaltenen 
Konferenzen, vom Institut für Geschichte und Archivkunde der Nicolaus- 
Copernicus-Universität in Torun organisiert. 
Werkstattprobleme des Historikers der Ritterorden haben bisher 
kein größeres Interesse erweckt, und deswegen hat man sich entschlossen, 
gerade sie zum Gegenstand einer besonderen Tagung zu machen. Erfreulich 
große Beteiligung der Forscher aus Polen und dem Auslande hat be- 
wiesen, daß die Wahl richtig getroffen wurde. 
Die vorgetragenen Beiträge und Kurzberichte sowie die durch ihre 
Thesen angeregte Diskussion betrafen vor allem Probleme der Quellen- 
kunde und der Forschungsmethoden. Die erzielten Ergebnisse haben 
bestimmt nicht alle Erwartungen der zeitgenössischen Forschung be- 
friedigen können. Doch als Hauptziel der Konferenz in Torun sollte 
man vor allem eine Bestandsaufnahme der wichtigsten Probleme und 
eine einleitende Erörterung einiger Schlüsselfragen betrachten. Ihre 
eingehendere und genauere Erforschung soll ausführlichen Untersuchun- 
gen vorbehalten werden. 
Anschließend möchte der Herausgeber Herrn Professor Dr. Udo 
Arnold für seine Hilfe bei der sprachlichen Revision der Texte und dem 
Verlag und der Druckerei der Nicolaus-Copernicus-Universität für die 
große Sorgfalt bei der Gestaltung des vorliegenden Bandes danken.
		

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			ORDINES MILITARES IV. Werkstatt des Historikers... 


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J\'1ARIAN BISKUP (Torun) 


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Uber quellenkundliche Fragen und eInige Forschungsaspekte 
der Geschichte des Deutschen Ordens. Ein Beitrag zu den 
Werkstattproblemen des heutigen Forschers 


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In diesem Aufsatz möchte ich ein paar Bemerkungen vorlegen, welche 
während meiner letzten Reisen zu den Deutschordens-Archiven in der 
Bundesrepublik Deutschland (besonders Ludwigsburg, Stuttgart und 
München), Deutschen Demokratischen Republik (Dresden) und Österreich 
(Wien) entstanden sind. Auch die neu este Literatur zur Geschichte des 
Deutschen Ordens, mit der interessanten Darstellung seiner Geschichte 
von Hartmut Boockmann 1, schließlich der dauerhafte Gedankenaustauch 
mit ausländischen (an der Spitze mit Udo Arnold), sowie polnischen 
Kollegen naben hier wesentlich beigetragen. Ich unterstreiche, daß es 
nur Bemerkungcn und unverbindliche Verschläge sind, welche ich doch 
als Ausgangspunkt einer Diskussion im breiteren Kreise betrachten 
möchte. Zur solchen Stellungnahme und Diskussion fühle ich mich auch 
nach der Gründungssitzung der Internationalen Historischen Kommission 
zur Erforschung des Deutschen Ordens, welche Anfang September 1985 
in Wien stattgefunden hat, berechtigt. Deshalb knüpfe ich ganz absicht- 
lich auch an die teilweise schon dort vorgestellten Pläne und Probleme 
an. 
Zuerst - als Ausgangspunkt - möchte ich noch einmal unterstrei- 
chen, daß wir nach der Periode oder intensiven Forschungen zur Ge- 
schichte des Deutschen Ordens, besonders in Preußen, fast einstimmig 
zur folgenden Ansicht gekommen sina: Man soll, mehr noch - man 
muß endlich die G e sam t h e i t der Geschichte des Deutschen Ordens 
als Forschungsobjekt in Angriff nehmen, um einer - sonst unver- 
meidlichen - engten Forschungsperspektive aus dem Weg zu sehen. 
Man darf also die Geschichte des preußischen und livländischen Zweiges, 
teilweise auch im Mittelmeergebiet, nicht mehr gesondert betrachten. 
Die Wurzeln der mittelalterlichen Ordenskorporation an Weichsel, PregeI 
und Memel oder an der Düne liegen doch an Main, Neckar, Tauber und 
Rhein, teil weise auch an der Eibe, Saale und Weser. Der Zustrom der 
1 H. B 00 C k man n, Der Deutsche Orden. Zwölf Kapitel aus seiner Geschichte, 
München 1981.
		

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			8 


Marian B' up 


Ordensritter kommt doch überwiegend aus den deutschen Gebieten in 
die beiden Ordensstaaten in Preußen und in Livland. Ohne die genauere 
Erforschung der sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und Mentalitäts- 
Merkmale der deutschen Konvente und ihrer Strukturen in den Balleien 
können wir manche Probleme in Preußen und teilweise auch in Livland 
nicht lösen, weil wir dann der Gefahr einer vereinfachten, sogar ober- 
flächlichen Analyse und Beurteilung unterliegen. Natürlich erscheint 
dabei als unentbehrlich die moderne Analyse der sozialen, wirtschaft- 
lichen und politischen Voraussetzungen in den preußischen und livlän- 
dischen Gebieten, welche doch auf das Verhalten der von außen an- 
kommenden Ordensgruppen einen wesentlichen Einfluß ausgeübt haben. 
Ohne die Wirkung z.B. des prussischen, aber auch des polnischen Ele- 
ments in Preußen ist die Klärung wichtiger, geschichtlicher Prozesse 
in diesem staatlichen Organismus und in der geistlichen Ordenskorpo- 
ration nicht denkbar, ähnlich wie in Livland die Rolle der einheimischen, 
baltischen oder ugrofinnischen Komponente zu beachten ist. Die zweite 
Gefahr ist, daß wir bei der Erforschung der Geschichte des Deutschen 
Ordens nur in Preußen bis 1525 und in Livland bis 1561 der Ansicht 
unterliegen, eigentlich sei die restliche Geschichte dieses Ordens im 
Deutschen Reiche bis 1809, in manchen deutschsprachigen und slavischen 
Staaten, wie auch in Italien noch bis heute bestehend, viel weniger 
interessant und bedeutungsvoll. Es ist das wieder eine Vereinfachung, 
welcher nicht nur das breitere Publikum - sondern nicht nur in Polen 
heute mit Erstaunen konstatiert, daß ein Deutscher Orden überhaupt 
noch besteht - auch manche gelehrten Fachkollegen unterliegen. Die 
Geschichte des Deutschen Ordens im Alten Reiche (1525-1809) und 
seiner Nachfolgeschaft gehört eben zur Gesamtgeschichte dieser geistlich- 
ritterlichen Korporation: erstens als Nachfolgeschaft dieser Korporation 
aus dem Mittelalter mit ihren verschiedenen, zeitbedingten Umwandlun- 
gen, was uns in letzter Zeit so schön die emsigen Arbeiten von Bernhard 
Demel 2 zeigen, zweitens auch als ein Teil der deutschen und öster- 
reichischen Geschichte, wie überhaupt als ein Teil der Geschichte der 
neuzeitlichen Kultur mit ihrem spezifischen Antlitz. 
Drittens ist die Geschichte des Deutschen Ordens doch ein Teil der 
gesamten mitteleuropäischen Geschichte, auch im Verhältnis des 


I Besonders B. Dem e I, Der Deutsche OTden zwischen Bauernkrieg (1525) und 
Napoleon (1809), (in:] Von Akkon bis Wien. Studien zur Deutschordensgeschichte 
vom 13. bis zum 20. Jahrhundert, Quellen und Studien zur Gescbichte des Deutschen 
Ordens, Bd. 20, Marburg 1978, S. 177-207; der s., Mergentheim - Residenz des 
Deutschen Ordens, Zeitscbrift für Württembergische Landesgeschichte, Bd. 34/35, 
1978, S. 142-212; der s., Der Deutsche Orden und die Stadt Gundelsheim, Gundels- 
heim 1981, S. 9-104. 


......... 


.-
		

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			über quellenkundliche Fragen... 


n 


deutschen Zweiges, seit 1525 um die Hoch- und Deutschmeister als 
lehnbare Fürsten des Reiches im fränkischen Mergentheim gruppiert 
zu der Reichsherrschaft und zu den Reichsinstitutionen, aber auch zu 
den nachbarlichen Staaten und Herrschern. Sie zeigt doch nicht nur den 
habsburgischen Einfluß auf den Orden und seine Einbeziehung in die 
Kreise des Reiches sowie seine Anteilnahme an den Türkenkriegen, 
sondern auch sein Verhältnis zu Polen-Litauen und Brandenburg- 
Herzogtum Preußen. Dieses Verhältnis spielte seit 1525 bis zur ersten 
Teilung Polens eine mehr oder weniger große Rolle in der Gesamt- 
politik des Reiches, wie natürlich auch der Hochmeister. Ich denke hier 
an fast 250 Jahre dauernden diplomatischen und finanziellen Bestre- 
bungen des Ordens um die Rückgewinnung von Preußen oder Livland 
(oder wenigstens Samaiten oder Kurland) und die konsequente Negli- 
gierung der rechtlichen Ansprüche der Hohenzollern auf Preußen, sowie 
ihres Titels als "Könige in Preußen". Im Anschluß daran bildet der 
Deutsche Orden im Alten Reich eine überbrückung zu seiner neuesteJ\ 
Geschichte zuerst im 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts. schließ- 
lich seit 1929 zu seiner letzten Periode als geistlichen Orden mit neuen, 
seelsorgischen und charitativen Aufgaben. Dabei wird gerade im 19. Jahr- 
hundert die Geschichte des Ordens mit der national interpretierten 
Geschichte Preußen (aber auch Livlands) verbunden und hauptsächlich 
als Bestandteil der gesamten, deutschen Ostpolitik betrachtet, im Geiste 
der Einseitigen, nationalen Ideologie, nicht nur in der deutschen Historio- 
graphie und Publizistik 3. 
Die Gründe fÜr die Gesamtbetrachtung der Geschichte des Deutschen 
Ordens sind also heute wichtig und überzeugend genüg. Das Haupt- 
problem liegt somit: 
1) in der Schaffung des Zuganges zu den wertvollsten Quellen über 
die Geschichte des Deutschen Ordens, hauptsachlich zu denjenigen aus 
dem deutschen Gebiete, teilweise durch Publizierung, 
2) in der Schaffung der Impulse zur Bearbeitung von Themen, welche 
die Hauptmerkmale dieser Gesamtgeschichte des Ordens analysieren 
und beleuchten werden. 
Das Problem der Quellen zur Geschichte des Deutschen Ordens, 
besonders für die neuzeitliche Epoche, bildet ein Thema für sich. Ich 
denke zuerst an Preußen, doch dieses Thema habe ich vor einigen Jahren 
ausführlicher behandelt', deshalb hier nur ein paar notwendige Bemer- 


8 W. W i p per man n, Der Ordensstaat als Ideologie, Berlin 1979. 
. M. Bis k u p, Die Erforschung des Deutschordensstaates Preußen. FOTschungs- 
stand _ Aufgaben - Ziele, (in:] Der Deutschordensstaat Preußen in der polnischen 
Geschichtsschreibung der Gegenwart, Quellen und Studien zur Geschichte des 
Deutschen Ordens, Bd. 30, Marburg 1982, S. 1,35.
		

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			10 


Marian Biskup 


kungen. Bekanntlich bilden die Unterlagen für jeden Deutschordens- 
forscher für Preußen die Bestände des Ordensbriefsarchivs und der 
Ordensfolianten, welche früher in Königsberg waren und heute sich in 
West-Berlin (Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin _ 
Dahlem) befinden. Hier ist die Lage viel günstiger, weil diese Quellen 
durch die von E. Joachim und W. Hubatsch herausgegebenen "Regesta 
historico-diplomatica Ordinis S. Mariae Theutonicorum" allgemein, wenn 
auch nur teilweise, zugänglich sind. Man darf nämlich niemals vergessen, 
daß diese Edition die Ordensfolianten (d. h. Kopiare der Ordenskanzlei 
in Marienburg-Königsberg) nicht umfaßt und daß als eine dringende 
Aufgabe für die jetzige Direktion des Geheimen Staatsarchivs in Berlin- 
Dahlem bleibt, die Edition der Regesten der Ordensfolianten fortzusetzen. 
Auch die Direktionen der polnischen staatlichen Archive mit Danzig 
(Gdansk) und Thorn (Torun) an der Spitze müßten endlich über den 
Abschluß der modernen Inventarisierung und Registrierung der reichen 
Korrespondenz aus der Zeit des Deutschen Ordens (bis 1525) nachdenken 
und die schon teilweise vorbereiteten Regesten im Druck (oder verviel- 
fältigt) zugänglich machen. I 
Auch die Publizierung aller Handfestenbücher oder Inventare der 
Ordensschlösser und ihrer Güter in Preußen bis zum Anfang des 
16. Jahrhunderts aus den deutschen oder polnischen Archiven (wie es 
letztens mit dem "Ksi
ga komturstwa gdanskiego - Danziger Komtu- 
reibuch" geschah 11) würde die Schaffung einer noch breiteren gedruckten 
Basis für Preußen ermöglicht. Man kann nur sich wünschen, daß die 
Edition des "Preußischen Urkundenbuches" durch Klaus Conrad fort- 
gesetzt wird, weil diese wertvollste Edition das große Urkunden-Material 
wohl bis zum Ende des XIV. Jahrhunderts umfassen wird. Man muß 
aber bedauern, daß die Edition der "Berichte der Generalprokuratoren 
des Deutschen Ordens an der Kurie" ins Stocken geraten ist und wün- 
schen, daß sich endlich ebenbürtige Nachfolger von K. Forstreuter und 
H. Koeppen finden werden. Auch die Fortsetzung der Urkunden bücher 
für manche preußischen Bistümer (Samland, Pomesanien) ist weiter 
aktuell, wie auch der Druck der Kriegsquellen des Deutschen Ordens 
vom Anfang des 15. Jahrhunderts (F. Benninghoven, S. Ekdahl). Man 
wartet geduldig auf das Erscheinen der weiteren städtischen Quellen 
aus der Ordenszeit in Preußen vor allem der Stadtbücher von Kulm 
(Chelmno) in West-Berlin schon längst vorbereitet, wie auch von Elbing 
(Elblqg), durch W. Hoppe und M. Pe lech vorbereitet und Thorn (Torun), 
wo die Schöffen bücher von K. Ciesielska vorbereitet sind. Man kann 


· Kai*:C1Q komturstwa gdanskiego, wyd. K. eie sie 1 s k a - I. J a no 8 z - 
Bis k u P 0 w a, Fontes Tow. Nauk. w Toruniu, Bd. 70, Warszawa-Poznan-Torun 
1985. 


-
		

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			über quellenkundliche Fragen... 


11 


nur bedauern, daß die längst angekündigte Edition der Steuerquellen 
für die Altstadt Thorn (Torun) sich so lange verschleppt hat. über die 
Publizierung der städtischen Quellen von Danzig (Gdailsk) hört man gar 
nichts, was etwas beunruhigend wirkt. Man müßte auch an die Publi- 
zierung weiterer Bände - nach der Edition von A. Triller - für die 
Kulturgeschichte Preußens, vor allem aus den Beständen des Geheimen 
Staatsarchivs in West-Berlin, denken, z.B. der Inventare der Nachlässe 
der verstorbenen Ordensbrüder oder der ländlichen und städtischen Pfar- 
rer. 
Für Livland war die Quellenlage immer schlechter gewesen, weil 
ein bedeutender Teil der Korrespondenz und der Wirtschaftsbücher aus 
der Ordenskanzlei (oder aus den Bistumskanzleien) schon im 16. Jahr- 
hundert verloren ging. Doch die Publizierung der wesentlichen, mittelal- 
terlichen Quellen in dem monumentalen "Liv-, est- und kurländisches 
Urkunden buch" (bis zum Jahre 1510), wie auch der Quellen zu der 
Reformationsepoche und dem Ende des livländischen Ordensstaates 
erhellt wesentlich die Situation; man müßte endlich die Vorarbeiten zu 
dem fehlenden Band des livändischen Urkundenbuches für die Jahre 
1472-1494 beschleunigen (der soll in West-Berlin vorbereitet werden). 
Der Zugang zu den Archiven in Stockholm und der Handschriften- 
abteilung in der Universitätsbibliothek in Uppsala mit ihren livländischen 
Quellen aus dem 16. Jahrhundert (besonders für die Endphase der 
Ordensherrschaft bis zum Jahre 1561), sowie zum Bundesarchiv in 
Koblenz mit den Beständen des ehemaligen Stadtarchivs zu Reval 
(Tallinn) kann, wie die letzten Publikationen von R. Seeberg-Elverfeldt 
und R. Vogelsang gezeigt haben, auch hier die Aufgabe für die Forscher 
des livländischen Ordenszweiges erleichtern. 
Das größte und schwerste Problem bildet doch die Quellenbasis für 
das deutsche Ordensgebiet. Einerseits ist sie bis zum Jahre 1525 ziemlich 
schma), durch die weitgehende Vernichtung überwiegenden Teille des 
Archivs der Deutschmeister in Horneck während des Bauernkrieges am 
Neckar, wobei doch manches sich erhalten hat. Manches liegt nämlich 
in den Beständen der einzelnen Komtureien oder in den Residenzen der 
Landkomture (wie z.B. Wien, Altenbiesen, Ellingen, Altshausen, Zwätzen). 
Dagegen waren die Quellen für die Zeit 1525-1809 damals in großer 
Zahl in Mergentheim im Hauptarchiv des Deutschen Ordens versam- 
melt enorm reich und vielseitig. Im Jahre 1789 hatte man leider mit 
der Zentralisierung der archivalischen Beständen durch die Ordens- 
behörden begonnen. Dabei ging ein bedeutender Teil der Komturei - 
bestände nach Mergentheim, wo die Akten ganz einfach teilweise ver- 
nichtet wurden (man schätzte damals nur die Urkunden). Doch noch 
schlimmeres passierte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als
		

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			12 


Marian Biskup 


nach dem Jahre 1809 die Ordensarchivalien auf recht willkürliche Art 
und Weise von Mergentheim weggeschafft und verteilt wurden, beson- 
ders zwischen den Königreichen Württemberg und Bayern. Ein bedeu- 
tender Teil ging nach Wien, wo seit 1810 die Hochmeister residiert 
haben und wo das Zentralarchiv des Deutschen Ordens gebildet wurde. 
Die willkürliche Verteilung des Mergentheimer Hauptarchivs hat tref- 
fend A. Seiler beschrieben: "Kaum jemals ist wohl ein so großes, 
weitul11spannendes Archiv so arg zerstückelt worden, wie das Mergen- 
theimer Deutschordensarchiv" 8. 
Es genügt daran zu erinnern, dass die altcn Bestände des Deutschen 
Ordens im Reich sich heute - neben dem Deutschordens-Zentralarchiv 
in Wien - in über 20 Archiven, staatlichen und privaten, in der Bundes- 
republik Deutschland befinden. An der Spitze stehen die staatlichen 
Archive in Ludwigsburg (Württemberg) und München (Bayern), dann 
besonders in Stuttgart, Nürnberg, Altshausen (privat), Marburg/Lahn, 
Koblenz, Münster/Westf. usw. In dcr DDR befinden sich die Reste der 
Ordensballeien Sachsen, Thüringen und Böhmen in den staatlichen 
Archiven in Dresden, Weimar und Magdeburg. Dieser große archivalische 
Bestand ist heute verhältnismäßig am besten in Wien zugänglich (neue 
Findbücher). In Ludwigsburg wurden in den letzten Jahren einige mo- 
derne Findbücher vorbereitet. Auch die Herstellung der beiden Aus- 
stellungen (vor allem kartographischer Natur) durch das Ludwigsburger 
Staatsarchiv 7 hat den Reichtum vor allem der kartographischen, aber 
auch teilweise der schriftlichen überlieferung dieses Archivs gezeigt. 
Am schlimmsten sieht die Lage in München aus, wo immer noch der 
alte Zustand aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts herrscht, mit der 
Zerstückelung des großen Bestandes auf Urkunden (rund 7000) und 
"Literaria" (Akten) - ohne irgendwelche modernen Findbücher und 
ohne Aufteilung dieser Archivalien nach dem Stande vor dem Jahre 
1789. Die Pläne zur Sanierung dieser anormalen Situation, welche im 
Jahre 1979 Walter Jaroschka vorgeschlagen hat 8, wurden bis heute nicht 
'A. Sei 1 e r, florneck - Mergentheim - Ludwigsburg. Zar Vberlieferungs- 
geschichte deT Archive des Deutschen Ordens in Südwestdeutschland, [in:) llorncck, 
Königsberg und Mergentheim. Zu Quellen und Ereignissen in Preußen und im 
Reich vom 13. bis 19. Jahrhundert, Lüneburg 1980, S. 55. 
7 Baukunst und Bauhandwerk des Deutschen Ordens in Südwestdeutschland 
im 18. Jahrhundert. Baupläne - Karten - Ansichten, bearb. von A. Sei 1 e rund 
D. Bad e r mit Beiträgen von P. B. Dem e 1 O. T. und J. Hot Z, Ludwigsburg 
1981; Neckarsulm und der Deutsche Orden 1484-1805-1984. Dokumente, Pläne, 
Bilder bearb. von A. Sei 1 e rund D. Bad e r mit einem Beitrag von P. B. Dem e 1 
O. T., Neckarsulm 1984. 
· W. Ja r 0 S c h k a, Probleme der Schriftgutüberlieferung des Deutschen 
Ordens in Bayern, Mitteilungen für die Archivpflege in Bayern, Bd. 22, 1979, 
S. 3-14. I 


..-...
		

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			über quellenkundlicbe Fragen... 


13 


realisiert. Auch in den DDR-Archiven, namentlich in Dresden, sieht nicht 
viel besser aus; es fehlen vor allem die modernen Findbücher wenn wir 
auch eine genauere übersicht über die dortigen Bestände bekommen 
ha ben. 
Der heutige Forscher muß also zu den zahlreichen, westlichen und 
DDR-Archiven pilgern, wo er meistens an Ort und Stelle sich überzeugen 
kann, daß er über die Lawine des Quellenmaterials nicht ausreichend 
informiert ist. Es bleiben nur die wenigen, veralteten Inventare, einige 
neue Findbücher und - das mühsame Durchblättern von der Hunderten 
von Quellenseiten. Es ist auch zu bedauern, daß die noch Anfang des 
20. Jahrhunderts schön entwickelte Publikationsaktivität mancher Archi- 
vare im Reich (besonders Kar! Otto Müller in Stuttgart-Ludwigsburg) 
heute fast ganz aufgehört hat und sogar die Materialien vor dem Jahre 
1525 nicht genügend berücksicht wurden, auch bei den Editionen. Das 
Arbeitsfeld für den Forscher auf diesem Gebiet ist also heute weiter noch 
weit und tief. 
In dieser nicht leichsten Situation möchte ich folgendes vorschlagen: 
1) Man sollte vor allem die Zugänglichkeit der schon bearbeiteten 
modernen Findbücher einem breiteren Kreis der Ordensforscher sichern 
und erleichtern, z.B. durch das Xerokopieren der einzelnen Hefte und 
durch Zusendung dieser Kopien an die einzelnen Universitätsbibliotheken 
oder Bibliotheken historischer Instituten (Universitäts- oder Akademie- 
Institute). Die Forscher können dann dort die notwendigsten Quasi-In- 
ventare der einzelnen Abteilungen in bestimmten Archiven haben. An 
erster Stelle denke ich an die neuen Findbücher im Deutschordens- 
Zentralarchiv in Wien, wovon die Findbücher für die Abteilung Preußen 
und Livland durch K. Wieser bereits - wenn auch nicht in bester 
Gestalt - publiziert wurden 9, sowie im Staatsarchiv Ludwigsburg, 
eventuell auch in Stuttgart. Auch das moderne Inventar des Archivs 
der Ballei EIsaß-Burgund in Altshausen - durch das Haus Württemberg 
weiter verwaltet - im Jahre 1974 als Maschinenschrift in 3 Bänden in 
Stuttgart erstellt 10, müßte mit Genehmigung des Inhabers dieses Archivs 
in mehreren Exemplaren wenigstens den zuständigen westdeutschen, 
österreichischen und polnischen Bibliotheken geliefert werden. Diese 
Aktion müßte laufend kontinuiert werden und am besten durch den 


8 K. Wie s e r, NOTdosteuTopa und deT Deutsche OTden. Kurzregesten, Bd. 1-2, 
Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens, Bd. 17 und 27, Bad 
Godesberg 1969-1972. 
11 Archiv des Hauses Württemberg in Altshausen. Bestand Deutschordens- 
kommende Altshausen und Ballei EIsaß-Burgund, Bd. 1-3, bearb. im Haupt- 
staatsarchiv Stuttgart 1974 als Manuskript; Exemplar in dem Deutschordens-Zentral- 
archiv, Wien. !
		

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			," - 


14 


Marian Biskup 


Vorstand der Internationalen Historischen Kommission zur Erforschung 
des Deutschen Ordens finanziell und organisatorisch unterstützt werden. 
Man müßte auch in der Zukunft z.B. die Gesamtberichte von manchen 
Archiven, so in der Bundesrepublik Deutschland, wie auch in der DDR, 
aber auch vielleicht in Belgien, Frankreich und Holland, sowie in den 
sowjetischen, baltischen Archiven publizieren lassen (z.B. in der serie 
Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens). Das Beispiel 
von dem Berichte durch A. Seiler im Jahre 1980 für das Ludwigsburger 
Staatsarchiv publiziert 11, ist lehrnreich genug. 
2) Die Nachprüfung der bis jetzt vorbereiteten oder teilweise publi- 
zierten Findbücher, wie im Falle Wien und Altshausens, führt zu der 
. überzeugung, daß sie doch oft zu verallgemeinernd vorbereitet wurden; 
unter einer Nummer gibt man die Information, daß sich unter dieser 
Signatur rund 15 Briefe befinden - ohne Angabe des Ausstellers und 
der Daten der einzelnen Briefen! Deshalb sehe ich in Zukunft als Not- 
wendigkeit die Vorbereitung ordentlichen, c h r 0 n 0 log i s c h e n R e- 
ge s te n aus einzelnen Archiven in Europa, welche Urkunden und 
Briefe, zusammen oder getrennt, zur Deutschordensgeschichte enthalten 
sollten, Ich möchte hier auf die Initiative und den Erfolg des Salzburgers 
Historikers Heinrich Koller verweisen, welcher vor einigen Jahren die 
Edition "der Regesten zur Geschichte Kaiser Friedrichs III von Habsburg 
(1440-1493) aus den einzelnen westdeutschen und österreichischen 
Archiven begonnen hat (bis jetzt 3 Hefte mit rund 600 Positionen 12); die 
ganze Publikation soll bis rund 25000 Positionen umfassen. Man könnte 
also mit der Vorbereitung der Deutschordensregesten aus den bundes- 
deutschen und österreichischen, wie auch polnischen Archiven langsam 
beginnen. Auf diese Art könnten wir auch er eichen, was bei den bis- 
herigen Findbüchern - mit Ausnahme der "Regesta" von Joachim 
Hubatsch - und Inventaren sehr fehlt: die c h r 0 n 0 log i s c h e übe r- 
si c h t über die Gesamtkorrespondenz und die Urkunden für die Ordens- 
geschichte im Reich oder in Preußen. Wir dürfen niemals vergessen, daß 
die Archivare der früheren Jahrhunderten die Korrespondenz ganz 
willkürlich zerstückelt und zu mehreren sachlichen Abteilungen (Faszi- 
keln) zusammengezogen haben, was ihre chronologische Ordnung ganz 
ruiniert hat (was ich im Deutschordens-Zentralarchiv Wien letztens fest- 
stellen konnte). 
Es könnte auch eine weitere notwendige Aufgabe erleichtern: die 
Vorbereitung des Kat a log s des Archivs (oder besser: der Kanz- 
I 


11 Siehe Anm. 6. 
11 Regesten Kaiaer Frfedrichs IU. (1440-1493) nach Archiven und Bibliotheken 
geordnet, hrsg. von H. K 0 11 e r, H. 1-3, Wien-Köln-Graz 1982-1983. 


-
		

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			über quellenkundlicbe Fragen... 


15 


leitätigkeit) der Deutschmeister in Horneck bis zum Jahre 1525. Das 
Archiv wurde in diesem Jahre überwiegend wernichtet teilweise zer- 
streut, teilweise sieht man die Früchte der Hornecker Kanzlei in anderen 
Archiven, wie Berlin-Dahlem und Wien. Dabei müßte man auch das 
durch A. Seiler in Ludwigsburger Staatsarchiv entdeckte "Alte Reper- 
torium" des Hornecker-Mergentheimer Archivs des Deutschmeisters aus 
den Jahren 1525-1530 berücksichtigen, welches uns einen überblick 
darüber gibt, was nach 1525 nach Mergentheim gerettet wurde (zusam- 
men mit den Mergentheimer Akten) 13. Ich meine, daß die Publizierung 
dieses Repertoriums durch A. Seiler (rund 80-90 Seiten der Handschrift) 
die Arbeiten über die Hornecker-Kanzlei bis 1525 wesetnlich erleichtern 
könnte. 
3) Man müßte schließlich ein Programm zur Vorbereitung und 
Publizierung der weiteren Haupt-Quellen für die Geschichte des alten 
Deutschen Ordens im Reich, zuerst aus der Periode bis zum Jahre 1525 
bearbeiten und etappenweise die vorbereiteten Manuskripte drucken 
lassen. Ich denke an erster Stelle an die Edition der Protokolle von 
Sitzungen des Generalkapitels, auch Kapitelgespräche genannt, des 
Deutschen Gebiets bis zum Jahre 1525, sowie die Protokolle von Sitzun- 
gen der Kapitel in den einzelnen Ordensballeien (vor allem der Balleien 
Altenbiesen und Franken, welche gute Quellenunterlagen haben), auch 
bis 1525. Die erste Position - Protokolle des deutschmeisterlichen 
Kapitels des Deutschen Ordens von den Jahren 1499-1524 ist schon in 
der Phase fortgeschrittener Realisierung. In dcn nächsten Jahren sollen 
nämlich die Ergebnisse der Recherchen in Ludwigsburg (wo man einen 
umfangreichen Faszikel mit den Protokollen aus den Jahren 1499-1510 
gefunden hat) und letztens in Wien im Druck erscheinen (1. Janosz- 
Biskupowa). Weiter sollte man wenigstens an die Inventarisierung der 
Generalkapitel-Protokolle aus den Jahren 1525-1809 oder an die Vor- 
bereitung zum Druck der ausführlichen Regesten von den einzelnen 
Sitzungen (Gespräche) denken. b 
Des weiteren möchte ich die sogenannte Gesamtordensverzeichnisse 
(Ordensstand) für das Deutsche Gebiet nennen, mit deren Inventari- 
sierung man ebenfalls beginnen sollte. Es ist schon zum Druck aus den 
Wiener Beständen die erste Zusammenstellung des Ordensstandes für das 
Meistertum und die Ballei Franken vom Jahre 1513 (rund 200 Namen) 
vorbereitet. Man müßte für die spätere Periode eine Auswahl der Ge- 
samtordensverzeichnisse vom Jahre 1577 beginnend aus den Wiener 
Beständen vornehmen und zum Druck vorbereiten, um dabei eine Unter- 
lage für die moderne Prosopographie des Ordens bilden zu können. 
. 


11 A. Sei 1 e r, op. cit., S. 61; siehe auch A 1. 11. 


I 
1 nD 


-
		

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			- 


16 


Marian Biskup 


An erster Stelle wäre doch sowohl bei den archivalischen Recherchen 
als auch bei den Editionen die Periode bis 1525 berücksichtigen. Erst 
dann werden wir von einem gewissen Ausgleich zwischen den bisherigen 
Errungenschaften der Historiographie für Preußen und Livland wie für 
das Deutsche Gebiet sprechen können. 
Ich möchte zum Schluß unterstreichen, daß die monographische 
Darstellung der Ordensgeschichte mir am schwächsten für das Deutsche 
Gebiet und besonders das Ende des alten Ordens im Reich bis 1525 
erscheint. Außer der sehr verallgemeinernden und zu schwach unter- 
bauten Monographie von H. H. Hofmann u. haben wir keine ernstere, 
modernere Bearbeitung der Geschichte des Deutschen Ordens im Reich, 
besonders von der Mitte des 14. Jahrhunderts bis zum Jahre 1525. Diese 
Lücke müßte man am schnellsten, vielleicht durch die Forschungsinitia- 
tive der Internationalen Historischen Kommission zur Erforschung des 
Deutschen Ordens ausfüllen. Dagegen wäre für die spätere Periode die 
Erforschung der sich verändernden Methoden der Rekrutierung zum 
Deutschen Orden, in ihren sozialen und religiösen Aspekten vom 13.-18. 
Jahrhundert recht nützlich. Dabei müßte man endlich mit der Erfor- 
schung der Mentalität und Ideologie in den deutschen Ordenskonventen 
beginnen, um auch die Ideologie und Mentalität der Ordensritter in 
Preußen und Livland im Mittelalter besser verstehen zu können. In der 
Vatikanischen Bibliothek liegt zum Beispiel ein dreibändiges Werk, ver- 
faßt wahrscheinlich von dem Ordenspriester Ulrich von Gumpoldskirchen 
bei Wien um das Jahr 1335; in Wien im Deutschordens-Zentralarchiv 
befindet sich nur ein Band in deutscher übersetzung des 15. Jahr- 
hunderts (Handschrift 787). Das Werk umfaßt eine breite Interpretation 
der Ordensstatuten und Ordensgewohnheiten im Geiste der ersten 
Hälfte des 14. Jahrhunderts und kann viel über die Mentalität der 
Ordenspriester, aber auch der Ordensritter um diese Zeit sagen. Das 
Werk, in der größeren Fassung, sollte nach einer Ankündigung von 1964 
seitens K. Forstreuter durch Frau Annaliese Maier in Rom analysiert 
werden 111, doch bis heute wissen wir nichts weiteres. 
Sehr wichtig erscheint mir schlißlich die Erforschung der Geschichte 
der Ballei Franken und des Meistertums (mit Mergentheim) für das 16.- 
18. Jahrhundert. 
Ich hoffe, daß die Erleichterungen bei der Ausnutzung der Archi- 
valien sowie die Anregung zu Quellenpublikationen für das Deutsche 


1& H. H. Hof man n, Der Staat des Deutschmeisters, Manchen 1969. 
11 K. F 0 r s t r e u t e r, Ein Traktat des Deutschen Ordens aus dem 14. Jahr- 
hundert, (in:] Recht im Dienste der Menschheit. Festschrift far Herbert Kraus, 
Würzburg 1964, S. 445-462, bes. S. 446-453.
		

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			über quellenkundliehe Fragen... 


17 


Gebiet auch zur Erweiterung der Forschungen beitragen und in der 
Zukunft zur Erforschung der Gesamtgeschichte des Deutschen Ordens 
führen wird. 
Ich muß doch unterstreichen, daß die vorgeschlagenen Pläne nur in 
einer dauernden, internationalen Zusammenarbeit realisiert werden 
können. Ohne dieselbe ist die Erfüllung obiger Pläne überhaupt nicht 
denkbar.
		

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			r 


'I<)'" 


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it!
		

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			ORDINES MILITARES IV. Werkstatt des Historikers... 


" 


UDO ARNOLD (Bonn) 


FOl"schungsprobleme der Frühzeit des Deutschen Ordens 1190-1309 


Jenc Zeit läßt sich grob charakterisieren als die Gründungs- und 
Aulbauzeit des Deutschen Ordens, in der vielfältige Ansätze parallel 
bufen und der eigentliche und zukunftsträchtige Schwerpunkt der 
Ordensexistenz sich erst einmal herausbilden mußte. Der Orden war 
("ingespannt zwischen Akkon und Marienburg, um cs symbolisch auszu- 
drücken. Dies bedeutet, daß neben die strukturellen Entwicklungsfragen 
eine Vielzahl regionaler Fragenkomplexe tritt, die in sich wieder diffe- 
rieren und selten parallelisierbar sind. Institutionsforschung und Regio- 
naUorschung stehen damit gleichberechtigt nebeneinander, und es stellt 
sich immer wieder die Frage, inwieweit ihre Ergebnisse sich gegenseitig 
bedingen. 
Bleiben wir vorerst bei der Institution. Bereits der Anfang bietet 
Probleme, zu deren Lösung im Abstand von jeweils etwa zehn Jahren 
neue Gesichtspunkte und Positionen beigesteuert wurden: 1955 Marian 
Turnier 1, 1966/1967 Walther Hubatsch a und Kurt Forstreuter s, 1974 
Marie-Luise Favreau 4, 1984 die Diskussion vorläufig zusammenfassend 
Gerard Müller 5. Dabei geht es um die Frage, ob das Deutsche Hospital 
in Jerusalem aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts und die Grün- 
dung des Deutschen Hospitals vor Akkon 1189/1190 in einem unmittel- 
baren Zusammenhang zu sehen sind oder nicht., Tumler sagt nein, 
Hubatsch und Forstreuter meinen ja, Favreau wiederum glaubt nein; 
doch bei letzterer kommt in die Debatte die These, daß das neuge- 
gründete Akkoner Hospital sich widerrechtlich den Besitz des Jerusa- 
lemer Spitals angeeignet habe. Dazu habe ich Stellung genommen und 
"----JM
 -T u m I e r, Der Deutsche OTden im WeTden, Wachsen und Wirken bis 1400, 
Wien 1955. 
I W. Hub a t s c h, Montfort und die Bildung des DeutschoTdensstaates im 
Heiligen Land, Nacbricbten der Akademie der Wissenscbaften in Göttmgen, 
I. phil.-hist. Klasse, Jg. 1966, Göttingen 1966, S. 159-199. 
I K. F 0 r s t r e u t e r, Der Deutsche OTden am MittelmeeT (Quellen und Studif'n 
zur Gescbichtc des Deutschen Ordens 2), Bonn 1967. 
I M.-L. Fa v r e a u, Studien ZUT Frühgeschichte des Deutschen Orden. (Kieler 
Historiscbe Studien 21), Stuttgart (1974). 
. G. Müll e r, Jerusalem odeT Akkon? übeT den Anfang des Deutschen Ordens 
nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung, Bad Münstereifel 1984. I
		

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			- - 


20 


Udo Arnold 


jene These zurückgewiesen 11, dabei allerdings offene Fragen gekenn- 
zeichnet 7. Die älteste erzählende Quelle des Ordens, die "narratio de 
primordiis Ordinis Theutonici", ist eine offensichtliche Kompilation, in 
ihrer jetzigen Form 1244 oder kurz danach entstanden 8. Diese Datierung 
ist allgemein akzeptiert worden 9, doch ist die Kompilation als solche 
bislang nicht näher untersucht 10. Aus ihrer Zusammensetzung lassen 
sich jedoch neue Anhaltspunkte gewinnen für die engere Verbindung 
des Ordens mit dem staufischen Kaiserhaus und die Frage, warum der 
Orden seine eigene Tradition umschrieb und wie jene zuvor aussah. 
Nicht nur Datierungsfragen sind hiermit verbunden, sondern wir haben 
auch das früheste Beispiel einer tagespolitisch bedingten Traditions- 
konstruktion vor uns - viele andcre sollten bis in unsere Gegenwart 
hinein für die Ordensgeschichte noch folgen 11 -, und darüber hinaus 
sind vielleicht Rückschlüsse auf die angesprochene Kontinuitätsproble- 
matik beider Hospitäler möglich. 1) 
In diese Diskussion einzubeziehen ist auch die frühe urkundliche 
überlieferung für den Deutschen Orden, zum einen die kaiserlichen 
Privilegien mit ihrer nach wie vor ungeklärten Ahnenformel, in der 
Friedrich 11. sich auf seinen Großvater Friedrich I. beruft 12, zum andern 
aber auch den frühen Besitzerwerb nach 1190 betreffend. Dies berührt 
vor allem die Hospitäler in Europa, die dem Orden vor 1229 zufielen. 
In jenem Jahr schenkte Friedrich 11. nach erfolgreichem Einzug in Jeru- 
snlem dem Orden das alte Deutsche Hospital in Jerusalem mit all seinen 
Zugehörigkeiten 18. Seit 1143 bis zum Verlust Jerusalems 1187 hatte das 
den Johan nitern unterstanden. Wie wurden die Hospitäler des Deutschen 
· U. Ar n 0 1 d, Jer"Usalem "Und Akkon. Zur Frage der Kontinuität oder Neu- 
gründung des Deutschen Ordens 1190, Mitteilungcn des Instituts für Osterreichiscbe 
Geschichtsforschung 86, 1978, S. 416-432. b 
7 Der s., Entstehung und Frühzeit des Deutschen Ordens. Zur Gründung und 
innerer Struktur des Deutschen Hospitals von Akkon und des Ritterorden, 
in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, [in:) Die geistlichen RitteT- 
oTden Europas, brsg. von J. F 1 eck e n s t ein und M. Hell man n (Vorträge 
und Forschungen 26), Sigmaringen 1980, S. 81-107. 
· U. Ar no 1 d, De primordiis ordinis Theutonici narratio, Preußenlaud 4, 1966, 
S. 17-20. 
· Auch wenn W. Hub a 15 c h, Hermann von Salza und Lübeck, [in:) Lübeck 
1226. Reichsfreiheit und frühe Stadt, hrsg. von O. A h 1 e r s, Lübeck 1976, S. 49-56, 
Anm. 1 obne nähere Argumente wieder davon abrückte. 
1. Auf die Notwendigkeit wies icb 1980 hin in Entstehung (wie Anm. 7). 
11 W, W i p per man n, Der Ordensstaat als Ideologie. Das Bild des Deutschen 
Ordens in der deutschen Geschichtsschreibung und Publizistik (EinzeIveröffent- 
lichungen der Historischen Kommission zu Berlin 24), BerUn 1979. 
11 Vgl. dazu Fa v r e a u (wie Anm. 4), S. 111-122; ab offen gekennzeichnet 
bei Ar n 0 1 d, Entstehung (wie Anm. 7), S. 95f. t' 
11 V gl. Fa v r e a u (wie Anm. 4), S. 89 mit Quellen und Literatur.
		

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			Forschungsprobleme der Frühzeit... 


2\ 


Ordens zwischen 1190 und 1229 erworben? Ist ein Zusammenhang vor- 
handen mit Besitz der Johanniter, die ja den größten Hospitalorden 
darstellten? Sind daraus gegebenenfalls Rückschlüsse zu ziehen auf die 
Usurpationsthese Favreaus? Dies ist ein wichtiger Fragenkomplex, der 
aber nur gemeinsam mit der Johanniterforschung zu bewältigen ist 1&. 
Zu den Problemen um die Gründungsphase des Deutschen Ordens 
treten. weitere für die Ausbreitungsphase. Zum einen ist das die innere 
Struktur des Ordens. Zwar habe ich versucht, diese Frage mit Hilfe 
der Regel genaucr zu durchleuchten 111, während Klaus Militzer unter 
anderer Fragestellung vom urkundlichen Befund ausging 16. Doch ge- 
rade der urkundliche Befund ist zum einen nach wie vor nicht gut 
greifbar, zum zweiten nicht gut genug ausgewertet. Es bedarf dazu vor 
allem einmal der Sammlung der Deutschordensurkunden, von denen 
viele noch unbekannt sind 17. Ein Anfang ist gemacht mit den Vorarbeiten 
zur Regestenedition der Urkunden des Deutschordenszentralarchivs Wien, 
insgesamt ca. 12.000, für das Mittelalter ca. 5.600, für unseren Zeitraum 
ca. 1.800 18. Erst anschließend läßt sich die Frage nach der inneren 
Struktur des Ordens in Theorie und Realität genauer beantworten. Zuvor 
sollten wir uns aber hüten, die Strukturen aus dem Ordensstaat Preußen 
vor allem des 15. Jahrhunderts 19 einfach rückzuprojizieren auf das 
13. Jahrhundert. 
Eine ähnliche Problematik ergibt sich für die soziale und regionale 
Herkunft der Ordensbrüder. Ein Ansatz zur Erarbeitung dieser Frage 
ist vorgelegt worden von Dieter Wojtecki 20 und Klaus Scholz 21. Dabei 
waren ihnen äußere Grenzen gesetzt durch die Unvollständigkeit des 
gedruckt vorliegenden Urkundenmaterials, aber auch in ihrer Zugriffs- 
weise. Da sie die Binnenstruktur des Ordens - z.B. die bedeutsame 
Differenzierung in Ritter- und Priesterbrüder - nur ungenügend sahen, 


18 Vgl. Ar n 0 1 d, Entstehung (wie Anm. 7), S. 91£. mit Anm. 62. 
11 Der s., Entstehung (wie Anm. 7). 
18 K. M i 1 i t zer, Die Entstehung der DeutschordensbaUeien im Deutschen. 
Reich (Quellen und Studien zur Geschicbte des Deutschen Ordens 16), Marburg l 1981. 
17 Vgl. dazu auch den Beitrag von M. Bis k u P in diesem Bande. 
18 M. Turn 1 e r. Die Urkunden. des Deutschordenszentralarchivs Wien in Re- 
gesten. hrsg. v. U. A r n 0 1 d. 
11 Dazu P. G. Tb i eIe n, Die Verwaltung des Ordensstaates Preußen vornehm- 
lich im 15. Jahrhundert (Osteuropa in Vergangenbeit und Gegenwart 11), Köln 1965. 
1.'0 D. Wo j te c k i, Studien zur Personengeschichte des Deutschen Ordens im 
13. Jahrhundert (Quellen und Studien zur Geschichte des östlichen Europa 3), 
Wiesbaden 1971. 
11 K. Sc hol!, Beiträge zur Personengeschichte des Deutschen Ordens in. der 
ersten. Hälfte des 14. Jahrhunderts. Untersuchungen zur Herkunft livlöndischer und 
pTeußischer Deutschordensbrüder, Dis!. phil. Münster 1971. 


-
		

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22 


Udo Arn01d 


blieb manche differenzierende Erkenntnis des' im Prinzip sehr positiven 
Ansatzes verborgen 22. Läßt sich hier mit Verbreiterung der Materialbasis 
und differenzierenderem Zugriff noch weiterkommen, so ist das nächste 
Problem weniger von der Quantität des Materials abhängig. 
Wir haben es mit einem Orden zu tUn. Dazu aber gehört die spiri- 
tuelle Frage. Gerade im 13. Jahrhundert ist der spirituelle Bogen zwischen 
den in den vorhandenen Orden gegebenen theologisch-geistlichen An- 
sätzen ungemein weit gespannt. Um es anders auszudrücken: Zwischen 
den Zeitgenossen Franz von Assisi und Hermann von Salza liegen Welten! 
Wie also sieht es mit der spirituellen Entwicklung im Deutschen Orden 
aus? über erste Ansätze sind wir noch nicht hinausgekommen 23. Dazu 
gehört auch die genauere Untersuchung der Regel, die allerdings nur 
gemeinsam mit den Regeln anderer Orden vorgenommen werden kann, 
ein nicht geringes Problem, da die Regelentstehung auch bei anderen 
Orden, d.h. deren zur Zeit der Entwicklung der Deutschordensregel 
vorliegende Vorschriften, keineswegs eindeutig geklärt ist 2(. 
Ordensentstehung, Entstehungstradition, Binnenstruktur, Sozialstruk- 
tur, regionale Herkunft, Spiritualität - all das betrifft den Orden in 
seiner Gesamtheit. Hinzu kommen aber eine Vielzahl regionaler Proble- 
me, die jedoch sehr wohl Ausblicke auf Gesamttendenzen der l
ntwick- 
lung geben können. Das aber heißt, daß die frühe Zeit in den verschie. 
denen Ordensballeien dringend genauer aufgearbeitet werden müßte. 
Den ersten, auf weite Strecken noch immer grundlegenden Ansatz leiste- 
te vor rund 130 Jahren Johannes Voigt 25, dem wir insgesamt verdanken, 
daß die weit auseinandergedriftete Historiographie des Ordens in Preußen 
m 
a VgI. die Rezension von U. Ar Il 0 1 d, Preußenland 11, 1973, S. 57-59. 
a U. Ar n 0 1 d, Georg und Elisabeth - DeutschordensheiUge als PfaTrpaLrone 
in Preußen, (in:] Die RoUe der Ritterorden in der Christianisierung und Kolonisie- 
rung des Ostseegebietes, brsg. VOll Z. H. No w a k (Univcrsitas Nico1ai Copernici, 
Ordinell militares. Colloquia Torunensia Historica 1), Torun Ia83, S. 69-78; der s., 
EUsabeth und GeoTg als Pfarrpatrone im Deutschordensland Prcußen. Zum Selbst- 
verständnis des Deutschen Ordens, (in:) Elisabeth, der Deutsche OTden und ihre 
Kirche. Festschrift zur 700jährigen Wiederkehr der Weihe der Elisabethkirche 
Marburg 1983, hrsg. von U. Ar n 0 1 d und H. Li e bin g (Quellen und Studien 
zur Geschichte des Deutscben Ordens 18), Marburg 1983, S. 163-185. 
1& I. S t ern s, The Statutes of the TeuLonic Knights. J1 Study of RcUgious 
ChivalrJj, Diss. pbil. masch. University of Penllsylvania 1969; dazu U. Ar n 01 d, 
Die Statuten des Deutschen Ordens. Neue amerikanische ForschungscTgebnisse, 
Mitteilungen deli Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 83, 1975, S. 144- 
153. 
EI J. V 0 i g t, Geschichte des Deutschen Ritter-Ordens in seinen zwölf Balleien 
in Deutschland, 2 Bde., Berlin 1857 und 1859; der s., Geschichte der Ballei des 
Deutschen Ordens in Böhmen, (in:) Denkschriften der phil.-hist. Klasse der kaiser- 
lichen Akademie der Wissenschaften in Wien, Bd. 12, Wien 1863, S. 87-146.
		

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			Forschungsprobleme der Frühzeit... 


23 


und im Reich wieder zusammengeführt wurde 28 - wenn auch die klein- 
deutsch-preußische Reichsgründung diesen Ansatz rasch überdeckte und 
wir mehr oder weniger heute uort wieder ansetzen, wo Voigt aufgehört 
hat. I I 
Hinzu tritt jedoch dic Notwendigkeit, den Mittelmeerraum stärker 
einzubeziehen. Den ersten Ansatz dazu lieferten Walther Hubatsch 17 
und Kurt Forstreuter 18. Daß sie die Möglichkeiten keineswegs aus- 
schöpften, zeigen die Arbeiten von Niels von Holst", so anzweif€lbar 
seine Thesen an manchen Stellen auch sein mögen. Hier bedarf es sowohl 
der regionalen Forschungsintensivierung für Apulien und Sizilien, wozu 
e!; einen Ansatz gab, der jedoch nicht fortgeführt werden konnte 30, als 
auch vor allem an den Randgebieten der christlichen Herrschaft, also in 
Armenien wie in Spanien. Ein Ansatz für Armenien ist ebenfalls stecken- 
geblieben 31, für Spanien ist auf eine Intensivierung noch zu hoffen "I. 
rrt 
!8 Vgl. U. Ar n 0 1 d, DeutschoTdenshistoriographie im Deut3chen Reich, (in:] 
Di.e Rolle deT Ritterorden in der mittelalterlichen Kultur, hrsg. von Z. H. No w a k 
(Universitas Nico1ai Cop('rnici. Ordines militares. Colloquia Torunensia Historica 3), 
Torun 1985, S. 65-87. 
17 W. Hub a t s c h, DeT Deu,tsche OTden und die Reichslehnschaft über CIIPf!rn, 
(in:] Nachrichtcn der Akademie deT Wissenschafteil in Göttingen, I. pbil.-hist. 
K1assc, Jg. 1955, Göttingcl1 1955, S. 245-306; der s., Montfort (wie Anm. 2). 
n F 0 r 5 t r e u t e r (wic Anm. 2). 
111 N. von Holst, Die Sa1vatoTkirche des Hochmeisters Hermann von Salza in 
Andria, Mittcilungen des kunstbistorischen Institutes in Florem 20, 1976, S. 379-389; 
ci C r 
., Deutschordensbu.rgen aus staufischer Zeit in Spanien, Zeitschrift des 
deutschen Vereins für Kunstwissenschaft 32, 1978, S. 12-29; der 5., Zum frühen 
HUTgenbau des Deutschen RitteToTdens in Spanien und Preußen, Burgen und 
Schlösser 21, 1980, S. 15-20: der s., Zu den Jakobs- und Nikolauspatrozinien der 
StaufcTzeit, Mitteilungen des kunstbistorischen Institutes in Florenz 24, 1980, S. 357- 

61; der s., Der Deutsche Ritterorden und seine Hauten von Jerusalem bis Sevilla, 
1'on Thorn bis Narwa, Berlin 1981. 
81 K. F 0 r s t r e u tc r, Per 1a storia del batalio dell Ordine Teutonico in Puglio, 
!in:] Studi di storia pugliese in onore di Guiscppe ChiareUi, Bd. 1, Ga1atina 1972, 
S. 591-606; K. Wie s e r, Gli inizi dell'ordine teutonico in Puglia, Arcbivio storico 
pugliese 26, 1973, S. 475-487. Es steht zu hoffen, daß Hans-JQrgen D 0 rn seine 
Absicht der intcnsivercn Beschäftigung mit der Ordensgeschichte in Apulien 
realisiert. '" . 8 
11 H. Hell c n kern per, Burgen der Kreuzritterzeit in der Grafschaft Edessa 
und im Königreich Kleinarmenien. Studien zur Historischen Siedlungsgeographif! 
Südost-K1einasiens (Geographica Historica 1), Bonn 1976. über diese Arbeit hinaus- 
gehend bestand die Planung des Autors, sich speziell mit dem Deutschen Orden 
dort zu beschäftigen. 
11 J. F e r r e r 0 Ale m par t e, Asentamiento 11 extincion de 10 Orden Teuto- 
nica en Espana. La encomienda de Santa Maria de Castellanol de 10 Mota de Tof'o 
(1222-1556), Boletin de 1a Real Academia de 1a Historia 188, 1971, S. 227-274. Der 
Autor beschäftigt sich weiterhin mit der Thematik. 8 


-
		

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			24 


Udo Arnold 


Dabei' geht es keineswegs um regional begrenzte Fragestellungen, auch 
wenn die regionale Entwicklung erst einmal aufzuarbeiten ist. Denn die 
Niederlassungen des Ordens in Armenien oder in Spanien fallen zeitlich 
parallel zu den Ansätzen im ungarischen Burzenland 33 und in Preußen, 
und wie sehr der Blick von einer anderen Region her aufschlußreich z.B. 
auch für Preußen sein kann, haben die Aufsätze von Benedykt Zien- 
tara 34 und Tomasz Jasinski 35 über den schlesischen Anteil bei der Be- 
rufung des Ordens' nach Preußen gezeigt. Wir haben in jener Zeit eben 
einen Hochmeister an der Spitze des Ordens, der den christlichen Raum 
umfassend im Blick hat und eine Entwicklung zu einem der wichtigsten 
europäisch-mittelmeerischen Politiker durchläuft, Hermann von Salza. 
Ein Desiderat in diesem Zusammenhang scheint nunmehr gerade erfüllt 
zu sein, eine neue Hermann-Biographie nach dem vor gut 50 Jahren 
erschienenen und keineswegs befriedigenden Versuch von Willy Cohn 38: 
In diesem Jahr ist eine entsprechende Dissertation fertiggeworden, deren 
Aufnahme in die "Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen 
Ordens" geplant ist 37. 
Damit sind wir auch an einem Punkt, der noch keineswegs geklärt 
ist, die Position des Ordens zwischen Kaiser und Papst, das Verhältnis 
cines fast "thüringisch-staufischen Hausordens" 38 zu seinem einzigen, 
11 H. Zirn me r man n, Der Deutsche RitteroTdcn in Siebenbürgen, [in:] Die 
geistlichen Ritterorden Europas (wie Al1m. 7), S. 267-298. 
a; 14 B. Z i e n t ara, Sprawy pruskie w polit1lce Henr1lka Brodatego, Zapiski 
Historyczne 41, 1976, S. 635---6:\0; überarbeitet unter dem Titel: Preußische Fragen 
in der Politik Heinrich des Bärtigen von Schlesien, (in:) Der Deutschordensstaat 
Preußen in der polnischen Geschichtsschreibung der Gegenwart, hrsg. von 
U. Ar n 0 1 d und M. Bis k u p (Quellen und Studien zur Gescbichte des Deutschen 
Ordens 30), Marburg 1982, S. 86-102. 
.. T. Jas ins k i, Stosunki Ilqsko-pTuskie i slqsko-krz1lzackie w pierwszej po- 
lowie XIII wieku, (in:] Ars histoTica. Prace z dzie;6w powszechnych i Polski (Uni- 
wersytet Im. Adama Mickiewicza w Poznaniu. Seria Historia 71), Poznan 1976, 
S. 393--403. 
.. W. Co h n, Hermann von Salza (Abbandlungen der Schlesischen Gesellscbaft 
für vaterländische Cultur. Geisteswissenschaftliche Reibe, Heft 4), Breslau 1930; 
Rezension von E. M a s c h k e, Altpreußiscbe Forschungen 8, 1931, S. 141-152. 
17 H. K 1 u ger, Hochmeister Hermann von Salza und Kaiser FriedTich II. Ein 
Beitrag zur Frühgeschichte des Deutschen OTdens, Diss. phil. masch., Köln 1985. 
18 H. B 0 0 c km an n, Die Bedeutung Thüringens und Hessens für den 
Deut.ehen Orden, (in:) Die Rolle deT Ritterorden in deT Christianisierung und 
Kolonisierung des Ostsegebietes (wie Anm. 23), S. 57---68, hier S. 63; vgl. dazu auch 
der s., Der Deutsche Orden. Zwölf Kapitel aus seiner Geschichte, München 1981; 
der s., Die Anfänge des Deutschen OTdens in Marburg und die frühe Ordens- 
geschichte, (In:) Sankt Elisabeth. Fürstin, Dienerin, Heilige. Aufsätze, Dokumen- 
tati01\, Katalog, SIgmariogen 1981, S. 137-150; D. Wo j te c k i, Der Deutsche 
Orden unteT Friedrtch II., (in:] Probleme um Friedrich II., hrsg. von J. F 1 eck e n- 
B t ein (Vorträge und Forschunge 16), Sigmaringen 1984, S. 187-224..
		

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			Forschungsprobleme der Frühzeit... 


25 


aber in diesen Fragen maßgeblichen geistlichen Oberherrn. Für Preußen 
ging diese Frage ja Gerard Labuda an S9, doch eine Aufarbeitung auf 
breiterer Basis fand bislang nicht statt, erst recht nicht für die Zeit nach 
dem Tod IIermanns von Salza 1239 bzw. Konrads von Thüringen 1240; 
zwar sprechen wir stets von Fraktionen innerhalb des Ordens zwischen 
päpstlicher und kaiserlicher Partei nach 1240, ohne jedoch dieser Frage 
beispielsweise anhand der Ämterwechsel im Orde einmal grundlegend 
nachgegangen zu sein (0. 
Hier wurde bereits deutlich, wie rasch wir von scheinbar regional- 
peripheren Fragen wieder ins Zentrum der Ordensentwicklung vorsto- 
ßen, damit aber gleichzeitig auch wieder große Räume überspringen 
wie von Spanien nach Preußen. 
Doch kleinere Ansätze als bislang aufgezeigt vermögen ebenfalls 
weiterführende Ergebnisse zu erbringen. Das sei am Beispiel der Ordens- 
niederlassung Friesach in Kärnten gezeigt (1. Herrschende Meinung ist, 
sie sei 1213 begründet, obwohl bereits Voigt auf 1203 verwies. In ganz 
anderem Zusammenhang ist der Frage vor einigen Jahren Bernhard 
Demel nachgegangen, der sein Ergebnis, 1203, jedoch in einer Fußnote 
versteckte, ohne die Konsequenzen daraus zu ziehen. Bei genauerer 
Betrachtung des Umfeldes ergibt sich nämlich ein unmittelbares zeit- 
liches Zusammengehören der Niederlassungen in Bozen 1202, in Friesach 
1203 und in Sonntag an der Drau wahrscheinlich in direktem Zusammen- 
hang mit Fric>sach. Damit aber wird in Verbindung mit der weiteren 
Besitzstandsentwicklung in den späteren Balleien Österreich und Etsch 
bereits für den Anfang des 13. Jahrhunderts die Funktion jener Nieder- 
lassungen deutlich, "Straße" zu bilden für den personellen Zuwachs 
im Heiligen Land: Von Österreich (Wien, gegründet zwischen 1204 und 
1206) über die Steiermark, über Kärnten, über Friaul nach Venedig bzw. 
über Friesach auf die Brennerstraße nach Bozen und von dort wiederum 
nach Venedig, einem der wichtigsten Häfen zur überfahrt ins Heilige 
Land. Die Früdhatierung Friesachs läßt diesen strategischen, dem mittel- 
alterlichen Straßennetz und seinen Möglichkeiten angepaßten Blick 
nicht erst sich langsam entwickeln, sondern praktisch unmittelbar nach 
der Umwandlung der Akkoner Hospitalgemeinschaft in einen Ritter- 
orden 1198 (2 bereits existent sein. 
18 G. Lab ud a, Die Urkunden über die Anfänge des Deutschen Ordens im 
Kulmerland und in Preußen in den Jahren 1226-1243, (in:) Die geistlichen Ritter- 
orden Europas (wie Anm. 7), S. 299-316. 
.0 Ansatzweise bei F 0 r s t r e u t e r (wie Anm. 3), M i 1 i t zer (wie Anm. 16). 
.1 u. Ar n 0 1 d, Die Gründung der DeutschordensniedeTlassung Friesach in 
Kärnten 1203, (in:) Festschrift für Hans Thieme zu seinen 80. Geburtstag, brsg. von 
K. K r 0 e s c hell, Sigmaringen 1986, S. 37-41. 
.. Daß der Begriff kirchenrechtlicb noch nicbt zutreffende nd ist, zeigte ich
		

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			26 


tt 


Udo Arnold 


'If 


Dies ist nur ein Beispiel für zusätzliche, über den regionalen Bereich 
hinaus Bedeutung besitzende Fragen, die von der Ortsgeschichte ein- 
zelner Kommenden ausgehen. Ganze Balleien bilden in dieser Hinsicht 
\'1;eiße Flecken auf der Landkarte der Ordensforschung, so z.B. die Partes 
in.feriores, aus denen sich um die Wende zum 14. Jahrhundert die Balleien 
Utrecht und Biesen entwickelten 43. Eine in Arbeit befindliche nieder- 
liindische Dissertation vermag hier vielleicht weiterzuhelfen ". Nicht 
ganz so schlecht, aber doch recht dürftig sind wir auch über die 
Entwicklung im s3chsischen Raum unterrichtet 45. Gehen wir weiter in 
den Ostseeraum hinein, so könnten wir auch für Preußen manchen 
Wunsch noch anmelden, ohne etwa das alte, aber doch allmählich mehr 
an die Peripherie rückende Kruschwitz-Problem bemühen zu müssen 411, 
Marian Biskup hat auf einiges hingewiesen 41, aber auch Gerard Labuda 
;n seinem Beitrag zur "Historia Pomorza" 411, was ich hier im einzelnen 
nicht erneut aufgreifen möchte. 
Für Livland schließlich es ziemlich schwierig. Zwar ist die Schwert- 
urüderzeit und damit auch der f'rste Ansatz des Deutschen Ordens durch 
Friedrich Benninghoven gut aufgearbeitet worden 49, doch für die 
anschließende Zeit ist der Dornröschenschlaf fast genauso tief wie für 
Spanien, trotz der gar nicht so schlechten Aufarbeitung der urkundlichen 
überlieferung 50. Immerhin schcint die Bewußtwerdung dieses Desiderats 


aufgrund cines Hinweises von Rudolf Hiestand bereits in: En.tstehung (wie 
Anm. 7). 
U Ausgeklammcrt bei Mi 1 i t zer (wie Anm. 16); vgI. H. Li m bur g, Partes 
inferiores. Deobachtnngen zur Verwaltun.osstruktur des Deutschen Ordens im 
Westen des Reiches während des 13. Jahrhunderts, Annalen des Historischen Vcr- 
dns für den Niederrhein 171, 1969, S. 259-269. n nl 
u L. E. L 0 0 p s t r a, De commanderij van dp. ridderlijke Duit.
(' OTde te Leiden 
in de middeleeuwen, Diss. phil. masch., Leiden 1980; in Arbeit eine Dissertation 
von J. A. Mol, FTiesische Klöster und ihre Güter im Mittelalter. Besitzerwerb und 
Exploitation bei den Benediktinern, Zisterziensern, PrämonstTatenseTn, Rcgular- 
kanonikerTt und Rittterorden in Westfriesland vom 12. bis 16. Jahrhundert. 
.. VgI. Mi 1 i tz e r (wie Anm. 16); weitere Literatur bei K. H. La m p e, 
Bibliographie des Deutschen OTdens bis 1959 (Quellen und Studien zur Geschichte 
des Deutschen Ordens 3), Bonn 1975. 
&I VgI. auf deutscher Seite B 0 0 C k man n, Der Deutsche Orden (\\ ie Anm. 38), 
auf polniscber Seite Lab u d a, Urkunden (wie Anm. 39). 
n M. Bis k u p, Die Erforschung des Deutschordensstaates Preußen. Forschungs- 
stand - Aufgaben - Ziele, (in:) Der Deutschordensstaat Preuß
n (wie Anm. 34), 
S. 1-35. 
18 Historia Pomorza I, I, hrsg. von G. Lab u d a, Poznan 1969, S. 433-580. 
II F. Be 11 n i n g h 0 ve n, Der Orden der Schwertbrüder. Fratres milieie Christi 
de Livonia (Ostmitteleuropa in Vergangenheit und Gegenwart 9), Köln 1965. 
.. Liv-, esth- und curländisches Urkunden buch, hr.sg. v. F. G. von B u n g e, 
1. Abt., Bd. Iff., Reval 1853ff. ..
		

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			Forschungsprobleme der Frühzeit... 


27 


ganz allgemein Fortschritte zu machen, wie die Dissertation von ..T. Ko- 
strzak 61 zur Ständegeschichte oder die Plettenberg-Initiative von N. An- 
germann zeigen $2 - auch wenn diese über unseren Zeitraum hinausgehen. 
Erst auf dem Weg über die hier angesprochene Regionalforschung 
sind wir in der Lage, die Stellung der einzelnen Balleien, ja Komtureien 
im Gesamtgefüge des Ordens zu erkennen, damit auch besser die gerade 
im 13., aber auch noch im 14. Jahrhundert häufigen Besitzstandsän- 
derungen durch Schenkung, Tausch, Kauf beurteilen zu können. Der 
Gesamtorden aber sollte, auch bei der Regionalforschung, immer im 
£.lickfeld bleiben, um isolierende Fehlinterpretationen zu vermeiden, wie 
wir sie zur Genüge aus auf nur ein Ordensgebiet zentrierter Sicht kennen. 
Wenn ich hier recht r-roßzügig den gesamten christlichen Raum des 
Mittelalters als Arbeitsfeld bpmüht habe, so sollte dies am ganz speziellen 
Einzelbeispiel einerseits. an sehr allgemein gehaltenen Hinweisen ander- 
s0its die Spannweite der regionalen Forschungsansätze allein vom Raum 
her aufzeigen, ohne damit etwa auf Einzelprobleme eingehen zu wollen. 
Damit kommt dann erneut eine kaum zu überblickende Vielschichtigkeit 
hinein. Wie beispielsweise steht es mit der Hierarchie innerhalb des 
Ordcns? Gibt es eine Rangfolge der Balleien? Wie entwickelt sie sich, wie 
ändert sie sich? Gibt es eine Rangfolge der Kommenden innerhalb einer 
Ballci? Wie steht es mit der Mobilität der Amtsträger innerhalb einer 
Ballei und über die BaHeigrenzen hinaus? Dieser Fragenkomplex 
hcispielsvvcise verlangt intensive prosopographische Arbeiten, zu denen 
reine Ämterlisten eine notwendige Voraussetzung darstellen und die nur 
für wenige Ämtcr voriegen. Ältere Ansätze gibt es für Preußen 53, aber 
Jmum eine Zusammenstellung ist wirklich so zuverlässig verwendbar wie 
die von Bernhart Jähnig über Thorn 54 oder Danzig 55. In den deutschen 
Balleien sind die Ansätze viel geringer, Vorkriegsarbeiten meist absolut 


11.J. K 0 s t r z a k, Narodziny og6lnoi-nflanckich zgromadzen stanowych od XIII 
do polowy XV wieku (Roczniki Towarzystwa Naukowego w Toruniu 82, 1), War- 

zawa ct
. 1985; der s., Friihe Formen des aUlivländischen Landtages, Jahrbücher 
f(lr Geschichte Ostf'uropas 3
. 1984, S. 163-198. 
I! WolteT 't'on Plettenber{7, der größte Ordensmeister Livlands. Beiträge, hrsg. 
von N. An 11; (' r man n (SchTiftenreihe Nordost-Archiv 21), Lüneburg 1985. 
11 J. V 0 i g t, Namen-Codex der Deutschen Ordens-Beamten. Hochmeister, 
Landmeister, GroßgebietigeT, Komthure... in Preußen, Königsberg 1843; eine ganze 
Reihe von Aufsätzen von G. A. von M ü 1 ver s t ä d t. 
I. n. Jäh n i g, Zur Stellung des Komturs von Thorn unter den DeutschoTdens- 
-Gebietigern in Preußen, (in:] Thorn, Königin der Weichsel, 1231-1981 (Beiträge 
zur Geschichte Westpreußens 7), Göttingen 1981, S. 99-144. 
11 B. Jäh n i g, Der Danziger Deutschordenskonvent in der Mitte des 15. Jhs., 
[in:) Danzig in acht Jahrhunderten (Quellen und Darstellungen zur Geschichte 
Westpreußens 23), Münster 1985, S. 151-184.
		

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			28 


Udo Arnold 


diJettantisch und unbrauchbar 68. Das hat seine Gründe darin, daß Orden 
und Territorialherrschaft, letztlich "Staat", in Preußen identisch sind, 
im Reich wie in den mittelmeerischen Balleien jedoch keineswegs. Dem- 
(>ntsprechend haben wir beispielsweise die urkundliche überlieferung 
des 13. Jahrhunderts für Preußen einigermaßen gut aufgearbeitet 57, 
ähnlich auch für Livland, wo die Verhältnisse zwar keineswegs parallel 
lagen, aber in dieser Hinsicht doch besser als im Reich, wo die urkundliche 
überlieferung zumindest der Zusammenfassung, auf weite Strecken aber 
überhaupt noch der Erfassung bedarf. 
Oder ein anderer Fragenkomplex. Wie steht es mit dem Bereich der 
Hospitalität? Zwar sind nach dem globalen Ansatz von Siegfried 
Reicke 68 Einzelansätze regional wie von Christian Tenner 59 oder orts- 
zentiert wie für Marburg von Hartmut Boockmann 60 oder ansatzweise 
für Nürnberg 61 vorgelegt worden, doch hat dieser Komplex bislang stets 
im Schatten der preußischen Entwicklung gestanden 62. 
Oder wie steht es mit der Wirtschaftsweise des Ordens auf seinem 


IS Gute Ansätze bei H. na r t man n, Liste der Komture des Deutschen Ordens 
zu Ganokofen, [in:) Gangkofen und die Deutschordens-Kommende 1279-1979, 
(Gal1gkofen 1979), S. 77-98; der s., Liste dcr Komture der Mainzer Deutschordens- 
kommende, Mainzer Zeitschrift 56/57, 1961/1962, aucb als Sonderdruck: Das Land- 
tagsgebäude zu Mainz. ehemalir/es Deutschordenshaus, Mainz 1961, S. 121-124; 
mäßig bei A. Her z i g, Die Deutschordenskommende Würzburg im MittelaUeT 
(1219-1549j. Ihre Stellung als bischöfliche "Hauskommende" und Komturspfründe, 
(Würzburg 1966), S. 99-102, aucb in: Mainfränkisches Jahrbuch fOr Kunst und 
Geschichte 18, 1966; absolut unbrauchbar L. Ru gel, DeT Deutsche Orden und 
das Deutschherrenhaus (Kommende) in Münnerstadt, Würzburger Diözesan- 
geschichtsblätter 45, 1983, S. 31-63, hier S. 57-61; zuletzt U. Ar n 0 I d, Zur 
Geschichte der Delttschordenskommende Heilbronn im MitttelalteT. Baumeister 
Mathis von Mensheim und die 'Belial'-HandschTi/t von 14<7. Mit einem Anhang: 
Die Komture und Amtsträger bis 1526, Zeitschrift für Württembergische Landes- 
geschichte 44, 1985, S. 123-141, hier S. 131-141. 
17 Zu nennen wären bier das Preußische Urkundenbuch, der Codex diplomaticus 
Warmiensis, das Urkundenbuch des Bisthums Samland oder das Urkundenbuch 
des Bisthums Culm. 
1I S. Re i c k e, Das deutsche Spital und sein Recht im Mittelalter, 2 Bde. 
(KiTchenrechtliche Abhandlungen 111-114), Stuttgart 1932. 
It Ch. Te n n e r, Die Ritterordensspitäler im süddeutschen Raum (Ballei 
Franken). Ein Beitrag zum frühesten Gesundheitswesen, Diss. rer. nat., München 
196&. 
BI B 0 0 c k man n, Anfänge (wie Anm. 38). 
I1 Der s., Der Deutsche Orden in NürnbeTo, [in:] Die Rolle der Ritterorden 
in der mittelalterlichen Kultur (wie Anm. 26), S. 89-104. 
I1 Selbst für Preußen ist diese Frage erst vor einigen Jabren aufgearbeitet 
worden von Ch. Pro b s t, Der Deutsche Orden und sein Medizinalwesen in 
Preußen. Hospital, Firmarie und Arzt bis 1525 (Quellen und Studien zur Geschichte 
des Deutschen Ordens 29), Bad Godesberi 1969.
		

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			Forschungsprobleme der Frübzeit... 


29 


ländlichen Besitz, aber auch - ganz anders gelagert - mit seinem 
städtischen Besitz? An den ersten Komplex hat man sich für Preußen 
leichter herangetraut 83, doch für die Balleien im Reich gibt es erst 
tastende Ansätze, die außerdem wenig beitragen für die hier zur Debatte 
stehende Frühzeit 8'. Für den städtischen Bereich entsteht hoffentlich 
eine Dissertation am Beispiel Kölns 811. D 
Zugegebenermaßen befinden wir uns dabei bereits in Fragestellungen, 
die sich gar nicht an alle Balleien gleichmäßig anlegen lassen. So ist es 
beispielsweise für die Ballei Böhmen dringend nötig, erst einmal die 
Lage der Niederlassungen wirklich gen8u zu erfassen, da dies keineswegs 
so klar ist, wie die Einleitung bei Josef I-Iemmerle zur Edition späterer 
Rechnungsbücher glauben macht 811 - im übrigen keineswegs Hemmerles 
Schuld, da er sich auf die ältere Literatur stützt. b 
Erst anschließend lassen sich dann Fragen nach der Bautätigkeit des 
Ordens beantworten, die selbst für Preußen - Marian Arszynski hat 
uns das vor zwei Jahren gezeigt 87 - noch sehr viele Probleme aufwirft, 
für die Balleien im Reich überhaupt noch nicht angegangen ist,' für 
Süditalien und Spanien gerade von Niels von Holst mit zum Teil kühnen 
Spekulationen erstmals untersucht wurde 88. Immerhin zeigt er Zusam- 
menhänge auf, die über den engeren Ordensbereich hinausweisen. 
Das jedoch ist eigentlich ein ganz natürliches Phänomen, und wir 
müssen uns hüten, Erscheinungen irgendwelcher Art grundsätzlich als 
typisch für den Deutschen Orden anzusprechen. Oftmals sind sie nur 


ea Zuletzt H. B 0 0 c k m B n n, Die Vorwerke des Deutschen Ordens in PTeußen, 
(in:) Die Grundherrschaft im späten Mittelalter, Bd. I, brsg. v. H. Pa t z e (Vor- 
träge und Forschungen 27), Sigmaringen 1983, S. 555-576. 
et B. Jäh ni g, Erwerbspolitik und Wirtschaftsweise des Deutschen Orden. 
vornehmlich am Beispiel der Häuser Beuggen (Elsaß-Burgund) und Elbing 
(Preußen), (in:] Erwerbspolitik und Wirtschaftsweise mittelalterlicher Klöster und 
Orden (Berliner Historische Studien) (im Satz); U. Ar n 0 I d, Les commanderie. 
de l'Ordre teutonique en Allemagne occidentale et leurs activites rurales, (in;) Les 
Ordres Militaires, la vie rurale et le peupl.ement en Europe occidentale (XIlfl- 
XVlIIfI Bi
cles', hrsg. von Ch. H i g 0 une t (FlarBn VI), Auch 1986, S. 143-186; der s., 
Agrarwirtschaft im Deutschen Orden. Besitzverwaltung und Bewirtschaftungsformen 
des landwirtschaftlichen Besitzes im deutschen Reich bis zum Reformationszeitalter, 
(in:) Beiträge zur Geschichte des Deutschen Ordens 1 (Quellen und Studien zur 
Gescbichte des Deutseben Ordens 36), Marburg 1986, S. 47-70. 
81 A. S c h u I gen Ober die Besitzgeschichte der Katbarinenkommende in - 
Köln. 
GI J. He m m e r I e, Die Deutschordens-Ballei Böhmen in ihren Rechnungs- 
büchern 1382-1411 (Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens 22), 
Bonn 1967. 
17 M. Ars z y f1 ski, Der Deutsche Orden als Bauherr und Kunstmäzen, (in:) 
Die Rolle der Ritterorden in der mittelalterlichen Kultur (wie Anm. 26), S 145-107. 
.. Vgl. Anm. 29.
		

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			30 


Udo Arnold 


typisch für Ritterorden allgemein, oftmals sind sie aber auch nur zeit- 
typisch. Diese Feststellung verweist auf eine Forderung, die nicht ein- 
dringlich genug erhoben werden kann für unsere Forschunngen, auch 
wenn ihre Befolgung oft schwerfallen mag: Die Einbeziehung des 
Umfeldes in regionaler, sozialer, zeitlicher Hinsicht ist notwendig, um 
die Entwicklung des Ordens, seine "Normalitäten" wie seine Spezifika, 
besser erkennen und beurteilen zu können. 
Abschließend möchte ich auf den hier sicher am meisten interessie- 
renden Teilbereich der Ordensgeschichte doch noch eingehen, auf 
Preußen, obwohl vor drei Jahren zuletzt M. Biskup sich deutlich dazu 
geäußert hat 69. Dabei geht es nicht darum, ihn zu korrigieren, sondern 
allenfalls darum, seine Aussagen noch zu verstärken, und anderseits nicht 
den Eindruck zu erwecken, es sollten nunmehr einseitig die übrigen Ordens- 
t)cbiete in den Vordergrund gerückt und Preußen vernachlässigt werden. 
Biskup legt besonderes Gewicht auf die Einzelbereiche Bevölkerung, 
Kultur, Besiedlung, Architekturgeschichte, Kirchengeschichte, Verwal- 
tung einschließlich der Diplomatiegeschichte sowie Historiographie, um 
nur die auch für unserp.n Zeitraum infrage kommenden Bereiche auf- 
zuzählen. Trotz der erheblichen Fortschritte, die er vor allem auf pol- 
nischer Seite aufzeigt, und die für den Bereich der Siedlung auch be- 
sonders von Seiten der Schule Walther Kuhns kamen 70, sind die 
bisherigen Ergebnisse doch recht punktuell. Hier wäre eine Verbreite- 
rung der Erkenntnisse dringend zu wünschen. Im engen Zusammenhang 
damit stehen Bevölkerungsfragen. Trotz der verständlicherweise in der 
Zwischenkriegszeit und in der ersten Zeit nach 1945 intensiven Erfor- 
schung des deutschen Bevölkerungsanteils von deutscher Seite sind 
sowohl für den städtischen als auch für den ländlichen Bereich eine 
Vielzahl von Fragen noch offen, vor allem wenn weniger die ethnische 
und damit nationale Problematik angesprochen wird, sondern der soziale 
Bereich. Gerade eine stärkere Ausrichtung auf dcn sozialhistorischen 
Kontext schließt unmittelbar die andcren Bevölkerungsgruppen mit ein, 
also für das Kulmerland die Polen und für die übrigen Landschaften 
vor allem die Prußen. Hier ist zum Beispiel zu wünschen, daß die 
Studien von R. Wenskus noch intensiv fortgeführt werden können 71. 
Im Bereich der Kultur sollten wir neben der Baukunst nicht den 


GI Vgl. Anm. 47. 
1t Zuletzt H. W und e r,Siedlung und Bevölkeruno im OTdensstaat, Herzogtum 
und Königreich Preußen (13.-18. JahrhundeTt), (in:) Ostdeutsche Geschichts- und 
Kulturlandschaften. Teil 2: Ost- und Westpreußen (Studien zum Deutscbtum in 
Osten 19, 2), Köln 1987, S. 67-98. 
71 Zuletzt R. Wen s k u s, Studien zur Geschichte deT Ritterschaft im Ordens- 
lond Preußen. 11: Die ..Sie n Geschl chter", Altpreußische Geschlchterkunde, 
NF 15, 1984/1985, S. 1-72. .. 


-
		

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			Forscbullgsprobleme der Frübzeit... 


31 


Komplex von Literatur und Historiographie' vergessen, denn trotz der 
Arbeiten von Manfred Ca liebe 72 und Jaroslaw Wenta 73 scheinen mir 
hier noch Möglichkeiten und Erfordernisse der Forschung zu liegen. Wie 
sehr dies der Fall ist in der Architekturgeschichte, haben uns kürzlich 
die Arbeitshypothesen von Marian Arszynski gezeigt 7t, die ebenso wie 
für den Kirchengeschichtskomplex Karol G6rski 75 oder Marian Biskup 71 
trotz oder vielmehr aufgrund ihrer interessanten Ausführungen eine 
Vielzahl von offenen Fragen präsentierten. 
Klarer dagegen ist allmählich die politische Entwicklung des Ordens- 
staates, auch wenn es sicher zusätzlichen Erkenntnisgewinn brächte, ihn 
insgesamt stärker im Zusammenhang mit dem gesamten Ostseeraum 
zu sehen, wozu uns Tore Nyberg bei den vergangenen Tagungen wichtige 
Hinweise gab 77. 
A Doch auch für Preußen sollten wir nicht vergessen, daß es im 
Gesamtgefüge des Ordens zu sehen ist, wobei noch am Ende des 13. J ahr- 
hunderts keine Eindeutigkeit für seinen Stellenwert existierte. Wie ich 
an der Person des Hochmeisters Konrad von Feuchtwangen zeigen 
konnte 7", befand sich der Orden in einer offenbar stets schärfer werden- 
den Diskussion, ob er sein Zentrum im Heiligen Land beibehalten oder 
es in den Ostseeraum verlegen sollte. Gerade rechtzeitig erfolgte 1291 
der Verlust Akkons für die Christen, um den Orden vor einer Zerreiß- 
probe zu bewahren, wobei diese Situation gewiß noch intensiver Auf- 
merksamkeit bedürfte. Denn immerhin dauerte es fast zwei Jahrzehnte, 
bis die Verlagerung der Zentrale des Ordens in die Marienburg 1309 


71 M. Ca 1 i e b e. Hester. Eine poetische PaTaph-rase des Buches Esther aus dem 
Ordensland Preußen. Edition und Kommentar (Quellen und Studien zur Gescbichte 
des Deutschen Ordens 21), Marburg 1985. 
71 J. Wen t a, Kierunki rozwoju rocznikarstwa w panstwie Zakonu Krzll zac - 
kiego w XIII-XVI wieku (im Druck). 
7. Vgl. Anm. 67. 
71 K. G 6 r ski, Das Kulmer Domkapitel in den Zeiten des Deutschen Ordens. 
Zur Bedeutung der Priester im Deutschen Orden, (in:] Die geistlichen Ritterorden 
Europas (wie Anm. 7), S. 329-337; der s., Probleme der Christianisierung in 
Preußen, Livland und Litauen, (in:] Die RoUe der Ritterorden in der Christiani- 
sierung und Kolonisierung des Ostseegebietes (wie Anm. 23), S. 9-34. 
71 M. Bis k u p, Bemerkungen zum Siedlungsproblem und den Pfarrbezirken 
in Ordenspreußen im 14.-15. Jahrhundert, (in:) Die Rolle der Ritterorden in der 
Christianisierung und Kolonisierung des Ostseegebietes (wie Anm. 28), S. 35-56. 
77 T. Ny be r g, Deutsche, dänische und schwedische Christianisierungsversuche 
östlich der Ostsee im Geiste des 2. und 3. Kreuzzuges, (in:] Die RoUe der Ritter- 
orden in der Christianisierung und Kolonisierung des Ostseegebietes (wie Anm. 23), 
S. 93-114; der s., Zur RoUe der Johanniter in Skandinavien. Erstes Auftreten und 
Aufbau der Institutionen, (in:] Die RoUe der Ritterorden in der mittelalterlichen 
Kultur (wie Anm. 26), S. 129-144. 
78 U. Ar n 0 1 d, Konrad von Feuchtwangen, (in:) Preußenland 13, 1975, S. 2-34.
		

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			32 


'11 U do Arnold 


1 


endgültig vollzogen wurde, und auch anschließend war, wie die 
Schwierigkeiten unter Hochmeister Karl von Trier zeigen, die Diskussion 
darum keineswegs beendet. I 
Sicher spielte bei der übersiedlung des Hochmeisters von Venedig 
nach Preußen die Eroberung Pommerellens durch den Orden keine aus- 
schlaggebende Rolle, aber vielleicht bei der Ortswahl? Auch diese Frage 
verdiente Aufmerksamkeit, wie insgesamt die Wandlungen des Ordens 
im Innern wie in seinem äußeren, staatlichen Erscheinungsbild noch 
intensiverer Untersuchung bedürften 79. 
Dagegen ist das Problem der eigentlichen Eroberung Pommerellens 
kein Brennpunkt des Interesses mehr, auch nicht mehr unter nationalen 
Aspekten. Die Diskussion darüber scheint im letzten Jahrzehnt doch 
erheblich versachlicht zu sein 80 und ein Beispiel dafür zu bieten, wie 
die Kooperation über nationale Grenzen hinweg uns Wissenschaftler 
von unnötigem Ballast befreien kann. Nicht zuletzt haben solche Desi- 
deratenvorstellungen wie hier, die mitnichten Vollständigkeit erreichen 
können, aber zur intensiven Diskussion auffordern, einen Stellenwert 
gerade unter dem Aspekt der Versachlichung und Intensivierung unser 
aller Arbeiten, wie wir sie erstreben. r b 


7t V g1. Anm. 23. 
111 G. Lab ud a, (in: I Historia Pomorza (wie Anm. 48), S. 541-544; M. BIs k u p, 
Die RoUe des Deutschen Ordens in Preußen in der Geschichte Polens. (in:] 
Deutschland, Polen und der Deutsche Orden, (Köln 1975), auch als Sonderdruck 
aus dem Internationalen Jahrbuch für Gescbicbts- und Geograpbieunterricht 16, 
1975 (dort nie erschienen), S. 19-29, hier S. 21-23; H. B 0 0 c k man n, G. Rb 0 d e, 
Thesen zur Geschichte des Deutschen Ordens, (in:) ebd., S. 7-18, hier S. lU.; 
U. Ar n 0 I d, Der Erwerb Pommerellens durch den Deutschen Orden, Westpreußen- 
Jahrbuch 30, 1980, S. 27-37; H. B 0 0 c k man n, Der Deutsche Orden (wIe Anm. 38), 
S. 138-146. 


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			ORDINES MILITARES IV. Werkstatt des Historikers... 


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ANTJEKA'l'HRIN GRAßMANN (Lübeck) 


Lübeck und der Deutsche Orden. Möglichkeiten zu neuen Forschungen 
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Blickt man in die gegenwärtige Literatur, sei es in die deutsche, sei 
es in die polnische, soweit mir diese in Resumes in westeuropäischen 
Sprachen zugänglich ist, so stellt man fest, daß es monographische 
Nachkriegsbearbeitungen zum Verhältnis Lübeck - Deutscher Orden 
nicht gibt und daß es nur hier und da zu Erwähnungen am Rande und 
zur Behandlung einzelner Probleme kommt 1. Ein Exemplar der Vor- 
kriegsdissertation von Marianne Pohl 2 , einer Schülerin von Fritz Rörig, 
über dieses Thema ist nicht mehr erhalten. Deswegen ist es wohl an der 
Zeit, sich mit dem Verhältnis des zum Hansevorort heranreifenden 
Lübeck, das in erster Linie wirtschaftspolitisch ausgerichtet, dann aber 
der ausschlaggebende politische Faktor im Ostseeraum wurde, zum 
Deutschen Orden, der zu Missionsaufgaben aufgebrochen, sich ebenfalls 
zur politischen und wirtschaftlichen Macht auf derselben Bühne ent- 
wickelte, zu untersuchen 3. D.h.: für uns 1) die Quellenlage neu zu 
prüfen, 2) die daraus zu erschließenden Einzelheiten in einem vielleicht 
neuen Zusammenhang mit der Geschichte des Ostseeraum zu sehen und 
in Beziehung zur allgemeinen Geschichte zu setzen, 3) die Menschen, 
welche die einstige Gegenwart bestimmte, wenn möglich, näher kennen- 
zulernen u nd 4) wohl noch kurz wirtschaftliche Fragen zu streifen. Das 
I C. Kr 0 11 man n, Lübecks Bedeutung für die Eroberung Preußens, (in:] 
Festschrift A. Bezzenberger zum 14. April 1921 dargebracht von seinen Freunden 
und Schülern, Göttingen 1921, S. 98-102; der s., Die Herkunft der deutschen 
Ansiedler in Preußen, Zeitscbrift des westpreußischen Gescbichtsvereins 54, 1912, 
S. 1-103, insbes. S. 51ff.; W. Hub a t s c h, Hermann v. Salza und Lübeck, (in:l 
Lübeck 1226. Reichsfreiheit und frühe Stadt, hrsg. von O. A h 1 e r s, LObeck 1976, 
S. 49-56. 
I M. P 0 h 1, Lübeck und der Deutsche Orden, Masch. Diss., Berlin 1942: Die 
Arbeit ist nicht abgeliefert worden (Auskunft dcr UniversiUitsbibliothelt der 
Humboldt-Universität zu Berlin v. 18.10.1979). 
I Die Form des Vortrags ist beim Abdruck dieses Beitrages beibehalten worden, 
handelte es sicb docb um "Werkstattgespräche". Icb möchte zugleicb mit dem 
nocbmaligen Dank für die Einladung bemerken, daß dieses Colloquium zu man- 
cherlei Anregungen gcführt bat, wodurch icb mich nöber und ausführlicher mit 
diesem Thema zu bescbäftigen beabsichtige. Dies sei in Aussicht gestellt. Die 
Quelle
1- und Literaturangaben sind daber auch nic erschöpfend gedacht.
		

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			34 


Antjekathrin Graßmann 


sind im Grunde meistenteils Postulate, insbesondere die beiden letzt- 
genannten Punkte, die der polnische Kollege Marian Biskup f. 1976 auf- 
gestellt hat. Es kann in diesem kurzen Referat nur versucht werden, 
erste rekognoszierende Schlaglichter auf den Stoff zu werfen, die ich 
mit Nachsicht und Verständnis zu betrachten bitte. Die Beziehungen 
Lübecks zum Deutschen Orden, insbesondere für das spätere 15. Jahr- 
hundert, obwohl gerade hierauf Marian Biskup das Augenmerk zu richten 
wünschte, möchte ich außen vor lassen und mich mehr auf die beiden 
davorliegenden Jahrhunderte beschränken. Sie zeigen die Stadt und den 
Orden in der ersten Phase politischer und dann auch wirtschaftlicher 
Etablierung, in einer zweiten auf ihrem Höhepunkt. In beiden weisen 
sie manche Gemeinsamkeiten auf, Berührungspunkte, ja mehr noch ge- 
genseitige Einflußnahme. Zudem sind die Quellen für das 15. Jahr- 
hundert - in Lübeck jedenfalls - zum großen Teil nicht mehr zugäng- 
lich. 
Wie sieht es nun im einzelnen mit der Quellenlage aus? Eine Frage, 
die für einen Lübecker Archivar, jedenfalls für die Lübecker Seite, 
einfach zu beantworten sein sollte, geht er doch täglich mit diesem 
Quellen fI um. Nun ist es aber so, daß die einst kriegsbedingt vorgenom- 
mene Auslagerung unter anderem die Urkundenbestände, die mittelal- 
terlichen Stadtbuchreihen und auch das einschlägige Aktenmaterial 
umfaßte. Abgesehen davon, daß die betroffenen Archivalien bisher noch 
nicht wieder an die Trave zurückgekehrt sind, muß auch ein Teil der 
Unterlagen als verschollen angesehen werden. Glücklicherweise sind die 
älteren Urkunden zum großen Teil im Lübeckischen Urkunden buch, 
Hansischen Urkundenbuch, in den Hanserezessen und natürlich auch in 
den für den Orden wichtigen Urkundenbüchern faßbar. Gerade für das 
15. Jahrhundert weisen sie aber eine Auswahl auf, deren Kriterien wir 
heute vielleicht anders festsetzen würden. Das Niederstadtbuch ." in das 
die privaten Schuldverhältnisse der Lübecker Kaufleute eingetragen 
wurden, liegt in Fotobänden, wenn auch schwer leserlich, für den 
Zeitraum 1312 bis 1415 vor, für das weitere 15. Jahrhundert aber leider 


& M. Bis k u p, Die Erforschung des Deutschordensstaates Preußen. Forschungs- 
.tand - Aufgaben - Ziele, (in:) Der Deutschordensstaat in der polnischen 
Geschichtsschreibung der Gegenwart, brsg. von U. Ar n 0 I d und M. Bis k u p 
(Quellen und Studien zur Gescbichte des Deutschen Ordens 30), Marburg 1982, 
S. Uf. 
I A. G ra ß man n (Hrsg.), Das Archiv der Hansestadt Lübeck. (Veröffentli- 
chung des Senats der Hansestadt Lübeck. Amt für Kultur 16), Ltlbeck 1981. 
· F. R ö r i g, Das Lübecker Niederstadtbuch des 14. Jahrhunderts. Seine recht- 
liche Funktion, sich wandelnde Zwecksetzung und wirtschaftliche Bedeutung. (in:] 
Ehrengabe dem Deutschen Juristentage überreicht vom Verein für Lübeckische 
Ge.chtchte und Altertumkunde, Ltlbeck 1931, S. 35-54.
		

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			Lübeck und der Deutscbe Orden 


35 


nicht. Es enthält Angaben über gegebene und empfangene Darlehn, über 
die Einlagen der Partner bei Handelsgesellschaften, die Bestimmungen 
über die Verteilung des Gewinns und Verlustes, auch testamentarische 
Bestimmungen, - kurz: es stellt die wirtschafts- und personengeschicht- 
liche Quelle zur Erschließung des Lübecker Handelsnetzes dar. Aller- 
dings gibt es nur für die Zeit bis 1363 ein Personenregister, jedoch kein 
Orts- und Sachregister, für den zweiten Teil, bis 1415, liegen überhaupt 
nur erst Vorarbeiten für ein Personenregister vor, - man muß also die 
Eintragungen durchsehen. Von den Lübecker Bürgertestamenten 7 mit 
ihrem Reichtum an Informationen über die Menschen vor 600 Jahren 
gibt es nur vom Ende des 13. Jahrhunderts bis 1370 Regesten. Die Testa- 
mente selbst sind selten, und wenn, dann nur in einer Abschrift des 
18. Jahrhunderts greifbar. Leider finden sich auch nur ab und zu, und 
dann lediglich wenige Angaben in den Testamenten, aus denen sich 
Beziehungen zum Ordensland erkennen lassen. Als Beispiele seien hier 
zwei Testamente genannt, das des Hermann von Bucken vor 1288, dU" 
eine Geldsumme für einen Pilger nach Riga, nach Dünamünde und 
Preußen aussetzt. Ebenso tat es 1289 8 Nicolaus Vrowedhe, der einen 
Pilger nach Riga und nach Preußen für das deutsche Haus in Akkon 
entsenden ließ. - Verwandtschaftliche Verbindungen der Kaufleute 
untereinander, man könnte sagen, das Bindemittel, welches das Handels- 
gefüge im Ostseeraum menschlich trug, - und Hinweise auf ihre soziale 
Situation sind nicht nur aus den Niederstadtbüchern, sondern auch aus 
den sog. Oberstadtbüchern (Grundbüchern) tI zu entnehmen, die zwar 
auch bis auf das älteste - Ende 13. auf 14. Jahrhundert (dies als Foto- 
band) - nicht greifbar sind, von denen es aber immerhin verläßliche 
Regesten gibt. - Zusammenfassend läßt sich also sagen: Zuwachs an 
Lübecker Quellen gegenüber der Vorkriegszeit ist nicht zu verzeichnen, 
eher muß man eine Einbuße in Kauf nehmen. Andererseits sind aber 
Fortschritte in der Erschließung der Quellen gemacht worden. - Auf 
die Quellen zum Deutschen Orden brauche ich wohl nicht einzugehen, 
sie sind als bekannt vorauszusetzen. Worin gab es nun Berührungspunkte 
zwischen der Hansestadt Lübeck und dem Deutschen Orden und worin 
könnten, abgesehen von einer erneuten Prüfung der Quellen, vielleicht 
neue Forschungsansätze gefunden werden? 
Vielleicht kann man voran ganz allgemein mit Hartmut Booc
qlann 


7 A. von B r a nd t, Regesten der LübeckeT Bürgertestamente des Mittelalters, 
Bd. 1 und 2 (Veröffentlicbungen zur Geschicbte der Hansestadt Lübeck 18 und 24), 
Lübeck 1964 und 1973. 
8 Ibid., Bd. I, Nr. 3 und Nr. 5. 
I P. Reh m e, Das Lübecker Oberstadtbuch. Ein Beitrag zur Geschichte der 
RechtsqueZZen und des Liegenschaftsrechts, Hannover 1895.
		

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			36 


Antjekathrin Graßmanl1 


antworten, der in seinem Buch "Der Deutsche Orden. Zwölf Kapitel aus 
seiner Geschichte" bei der Betrachtung der vielfältigen Beziehungen des 
Hochmeisters Hermanns v. Salza zu Lübeck sagt; "Weil es so gekommen 
ist, muß es doch auch nicht so geplant gewesen sein 10". Er spielt in die- 
sem Fall auf die häufig wiederholte These einer zielbewußten Groß- 
raumpolitik des Kaisers und des Hochmeisters an, die schon von Anfang 
an die Schaffung ('ines Ordensstaates in Preußen angestrebt habe. Diese 
These stützt sich auf die Tatsache, daß der Hochmeister die beiden 
wichtigen Urkunden für Lübeck von 1226 11 mitbezeugt hat, die Lübecks 
Territorium festgelegt haben, seine wirtschaftliche Situation umrissen, 
seine Verfassung und seinen Reichsstadtcharakter betrafen. Auch hat 
Hermann von Salza bei den Verhandlungen mit König Waldemar 11. von 
Dänemark 1224 12 mitgewirkt, dic wegen dessen Freilassung aus der 
Gefangenschaft des Grafen von Schwerin stattgefunden haben und daher 
für die großräumige Gliederung der Machtverhältnisse im Ostseeraum 
ausschlaggebend werden sollten. Dabei ist es eigentlich eint:' Binsen- 
wanrheit für den Historiker, nicht vom Ergebnis der geschichtlichen 
Entwicklung her zu interpretieren, sondern einfühlsam von der zeit- 
genössischen Gegenwart (soweit das uns natürlich möglich ist) und dabei 
in Betracht zu ziehen, daß die agierenden Personen noch bUnd für die 
Zukunft handeln mußten. Der erste Vertrag zur Freilassung Waldemars 11. 
wurde nicht Wirklichkeit, und auch die beiden Urkunden für Lübeck 
von 1226 enthielten zwar Wünsche der Lübecker, die der Kaiser durch 
seine Bestätigung mit seiner Zustimmung versah, für deren Durchsetzung 
er jedoch keine Kräfte einsetzen konnte. Lübeck selbst mußte an die 
Realisierung dieses Wunschprogramms gehen, Lübeck, das um diese 
Zeit erst gerade zwei Generationen alt war. - Dies alles als allgemeine 
Bemerkung voran. Sie gilt in mancher Hinsicht für die Betrachtung der 
Ordensgeschichte und der Lübeckischen Geschichte gleichermaßen und 
sollte zu neuem überdenken führen. Tatsachen liegen dc>r Bulle des 
Papstes Honorius III. vom 28. Nov. 1226 13 an die Lübecker zugrunde, 
nach der die Pilger ins Heilige Land, aber auch nach Preußen und Liv- 
land Durchfahrt und Schutz in Lübeck erhalten sollten. In ihr spiegelt 
sich die Situation, denn beschreibt nicht schon Arnold von Lübeck le- 
bendig, wie sich die Livlandfahrer in Lübeck sammeln und einschiffen a? 


11 H. B 0 0 c k man n, Der Deutsche Orden. 12 Kapitel aus seiner Geschichte, 
MQnchen 1981, S. 82. 
11 Lübeckisches Urkundenbuch (künftig: LUB), Bd. I, Lübeck 1841, Nr. 34 
und 35. 
11 LUB, I, Nr. 26. 
11 LUB, I, Nr. 36. 
1& Arnoldi chronica slavorum !ib. V (1198). 


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			Lübeck und der Deutsche Orden 


37 


Ich rufe lwrz in Gedächtnis zurück 115: ] 184 begann man mit der Be- 
kehrung der Bewohner Livlands, 1201 wurde Riga gegründet, bald darauf 
der Schwertbrüderorden gestiftet. Dänemarks Vordringen in Nord- 
deutschland, in Lübeck, dann auch Pommern, seine Konkurrenz bei der 
Christianisierung in Estland, ließen den dänischen Druck auf Lübeck 
zunehmen. So kam es 1220 zu einer Blockade seines Hafens 111, um den 
Nachschub nach Livland zu verhindern. Als sich die Niederwerfung 
Waldemars 11. abzuzeichnen schien, sandte Lübeck seine Boten über die 
Alpen zum Kaiser, um die schon erwähnten Privilegien zu erbitten. In 
der ersten Hälfte desselben Jahres 1226 ließen der Orden, der Bischof 
:.1nd die Bürger Rigas sowie die anderen Deutschen in Livland die drin- 
gende Mahnung an Lübeck gelangen, ja keinen Sonderfrieden mit dem 
dänischen König zu scHießen, ohne sie mit einzubegreifen 17. Lübecks 
politische und taktische Schlüsselposition für die Entwicklung des öst- 
lichen Ostseeraums wird hiermit so recht deutlich. Nach der Schlacht 
bei Bornhöved 1227 18 mußte Waldemars 11. dann auf alle Eroberungen 
außer auf Rügen und die Gebiete um Reval verzichten, d.h. er blieb eine 
unberechenbare Größe für dieses Gebiet. 1234 19 mußte Papst Gregor IX. 
wiederum mehrere Bullen zur Förderung der Livlandpilger über den 
Lübeckischen Hafen erlassen, im August 1234 ausdrücklich gegen den 
dänischen König, dcr den Travehafen durch versenkte Schiffe unbrauch- 
bar gemacht hatte. Ib 
Schon diese paar Hinweise mögen gezeigt haben, wie eng Lübeck 
mit dem Schwertbrüderorden in Livland verbunden gewesen sein muß, 
mehr als mit dem Deutschen Orden, nachdem dieser 1231 sein Missions- 
werk in Preußen begann, obwohl die ein wenig sagenhafte spätere 
überlieferung ja gerade Lübecker und Bremer Bürgern die allererste 
Gründung des Ordens 1189 in Form eines Zelthospitals im Heiligen 
Land zuschreibt. Lübecks Funktion als Ausgangshafen für die Pilger 
nach Osten ist, man sieht es, also auch schon vor Hermanns v. Salza 
Auftreten selbstverständlich. Angeknüpft wird hier natürlich an die 
schon vor der Hinwendung des Deutschen Ordens nach Preußen vorhan- 
denen engen Wirtschaftsbeziehungen der Travestadt nach Livland. 1208 


JI Einzelheiten ausführlich z.B. bei F. Ben n i n g h 0 v e n, Der Orden der 
Schwertbrüder, KölnJGraz 1965; R. W i t t r a m, Baltische Geschichte. Die Ost- 
seelande Livland, Estland, Kurland 1180--1918, Müncben 1954. 
JI F. Ben n i n g h 0 v e n, op. cit., S. 167; nach Heinrici chronicon Livonie lib. 
XXIV 3, 4. 
17 LUB, I, Nr. 41. 
JI E. Hof f m a 11 n, Die Bedeutung der Schlacht bei Bornhöved für die deutsche 
und skandinavische Geschichte, Zeitscbrift des Vereins für Lübeckische Geschichte 
und Altertumskunde, 51, 1977, S. 9-37, hier aucb weiterführende Literatur. 
18 LUB, I, Nr. 55 und 56. 


.
		

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			38 


Antjekathrin Graßmann 


hatte der Schwertbrüderorden allen fremden Kaufleuten, auch den 
Lübeckern, in seinem Lande Privilegien erteilt 20. Dies wiederum ist zu 
sehen vor den großen Zusammenhängen des Lübecker Handels gemein- 
sam mit den Gotländern nach Novgorod und zum Schwarzen Meer. 1228 
wirkte Meister Volkwin schon mit an dem Abschluß des Vertrages 
zwischen Deutschen und gotländischen Kaufleuten, mit dem Fürsten von 
Smolensk 21. Seit 1231 besaßen die Lübecker einen Hof in Riga 22. 
In die zwanziger Jahre fällt auch die Gründung der Niederlassung 
des Schwertbrüderordens in Lübeck, der ein Haus in der dortigen Klei- 
nen Burgstraße erwarb 23. Ganz selbstverständlich dienten Ordensleute 
um diese Zeit auch als Zeugen bei innerlübeckischen Angelegenheiten 
oder auch als Boten bei Missionen 24. Zwar ging 1237 der Schwert- 
brüderorden im Deutschen Orden auf, dennoch - das soll hier nicht 
weiter ausgeführt werden - war ein Eigenleben, bedingt durch die 
außenpolitische Situation, weiterhin, ja bis in die Spätzeit des Ordens 
im 16. Jahrhunderts im livländischen Ordenszweig wahrzuneh.men 25. Die 
Ostseemacht Dänemark war Gegenspieler und Partner sowohl für 
Lübeck als auch für den Orden in Livland. Stellung zu beziehen war 
immer wieder gegenüber dem russischen Handelspartner oder auch 
feindlichen russischen Kontrahenten, - Veränderungen, die gleichsam 
seismographisch von der Kaufleuteschaft vermerkt wurden und auf 
die reagiert werden mußte 28. Eine dritte Größe blieb Litauen. - Viel- 
leicht kann man sagen, anders als der Deutsche Orden in Preußen, der 
um diese Zeit (Anfang der dreißiger Jahre) seine ersten Eroberungszüge 
von der Küste her unternahm, spielte der livländische Orden schon lange 
auf der politischen Bühne des Nordens mit. Man darf sich die Lage im 
13. Jahrhundert einfach noch nicht verfestigt oder vom nachhinein 
vorstellen. 
Man kann in der ersten Hälfte des Jahrhunderts noch nicht von 


10 Vgl. Erwähnung 1273 im Hansischen Urkundenbuch, I (1876), Nr. 714. Die 
Urkunde von 1208 ist nicht erbalten. 
11 LUB, I, S. 694. Vgl. bierzu auch L. P. Go e t z, Deutschrussische Handels- 
geschichte des Mittelalters (,. Hansische Geschichtsquellen Band 5), Lübeck 1922, 
S.26. 
.. LUB, I, Nr. 51. 
11 C. F. Web r man n, Das Haus des Deutschen Ordens in Lübeck, Zeitschrift 
des Vereins für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde, 5, 1888, S. 461-464. 
N Z.B. LUB, I, Nr. 75 (1236) und LUB, II, Nr. 32 (um 1256). 
11 M. Hell man n, Die Stellung des livländischen Ordenszweiges Zur Gesamt- 
politik des Deutschen Ordens Vom 13. bis zum 16. Jahrhundert, (in:] Von Akkon 
bis Wien. Studien zur Deutschordensgeschichte. Festschrift für M. Tumler hrsg. 
von U. Ar no 1 d (Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens 20), 
Marburg 1978, S. 6-13. 
· Vgl. Go e tz (wie Anm. 21), S. 53ft.
		

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			Lübeck und der Deutsche Orden 


39 


einem Ordensstaat reden, und man kann nicht von einer festgegründeten 
politischen Wirksamkeit Lübecks ausgehen, das sich im 13. Jahrhundert 
noch immer mit den umgebenden Territorialfürsten insbesondere den 
Schauen burg ern auseinandersetzen mußte 27. Selbst innerstädtisch waren 
noch "Lebensfragen" offen, wie z.B. die Anlage einer Wassermühle an 
der Wakenitz 1230, die durch den Kaiser noch erst genehmigt werden 
mußte 28. Die Travestadt war auch gezwungen, ihr Territorium und 
ihren Wasserweg zur Ostsee trotz der kaiserlichen Urkunden immer 
wieder, bis ins dritte Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts, durch wiederholte 
Verhandlungen mit den Schauenburgern zu sichern 29. In einer solchen 
Lage ist es nicht verwunderlich, daß innerhalb der Stadt auch das 
Verhältnis Bürger - Geistlichkeit, bzw. - Bischof, noch durchaus von 
Auseinandersetzungen und Reibungen gekennzeichnet war. Typisch ist 
daher ein Lösungsversuch wie der folgende. Das 1227 neu gegründete 
Heilig-Geist-Hospital in Lübeck wünschten die Bürger der Einfluß- 
nahme des Lübecker Bischofs zu entziehen und unterstellten es dem 
Deutschen Orden 30, der, exemt, direkt vom Papst abhängig war. So 
hätte man ohne bischöfliche Vollmacht gottesdienstliche Handlungen 
vornehmen können. Die Ordnung des Hospitals, in dem sich die Insassen 
nun auch mönchischer Lebensweise unterwarfen, ist in einer Aufzeich- 
nung von 1263 überliefert 31, die aber noch Bestimmungen der Johan- 
niterregel aufweist, Bestimmungen, die auch der Deutsche Orden hin- 
sichtlich der Krankenpflege aufgenommen hatte. Der Versuch der 
Lübecker, sich durch Verknüpfung mit einer überlokalen Macht, wie 
der Orden war, von der örtlichen des Bischofs zu lösen, schlug allerdings 
1234 fehl. Der Orden, der wirklich Gottesdienste hatte abgehalten lassen, 
wurde gebannt und erst wieder von dem Bann gelöst, als die Lübecker 
ihrem Bischof Gehorsam versprochen hatten. Diese Episode ist ein Indiz 


17 u. La n g e, Die Grafen von Holstein und Lübeck um 1200, [in:] Lilbeck 
1226. Reichsfreiheit und frühe Stadt, hrsg. von O. A h I e r s, U.a., Lübeck 1976, 
S. 116-172. 
11 LUB, I, Nr. 45. Vgl. auch ebd. Nr. 76 (1236 Juli 25 Friedrich II. erteilt der 
Stadt Lübeck das Recbt, jährlich von Pfingsten bis Jacobi einen allgemeinen Markt 
(gencrales nundinas) zu halten. 
11 Wie Anm. 27. Vgl. z.B. aucb A. G r aß man n, Lübecks PriwaU, (in:] Lübeck 
1226. Reichsfreiheit und frühe Stadt, hrsg. von O. A h I e r 5 u.a., S. 83-76. 
110 LUB, I, Nr. 66; vgl. auch W. Bi e r e y e, Das Bistum Lübeck bis zum Jahre 
1254, Zeitschrift des Vereins für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde, 25, 
1929, 5. 353ff. und K. Neu man n, Das geistige und religiöse Leben Lübeck. am 
Ausgang des Mittelalters, Zeitschrift des Vereins für Lübeckiscbe Geschichte und 
Altertumskunde, 22, 1923, S. 97. 
11 LUB, I, Nr. 275, vgl. G. W. D i t t m e r, Das Heil. Geist Hospital und de,. 
St. Clemen. Kaland zu Lübeck, Lübeck 1838, S. 100-103.
		

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n Antjekathrin Graßmann 


für die sich auch erst verfestigenden Kirchenverhältnisse in Lübeck. 
Ähnlich stand es auch im Ostseeraum. 
Lübecks Funktion als Sprungbrett zeigte sich auch darin, daß Albert 
Suerbeer 32, einst Bremer Domherr, 1245/1246 zum Erzbischof von 
Preußen, Estland und Livland ernannt wurde. Da er seine Diözese nicht 
sofort in Besitz nehmen konnte, erhielt er zur Ausstattung 1247-1254 
die Verweserschaft des Bistums Lübeck, und so hat er folgerichtig meh- 
rere Mandate zur Abschaffung des Strandrechts an der preußischen und 
livländischen Küste erlassen (1253, 1256) 33. Diese Tradition setzten 
übrigens die späteren geistlichen Oberhirten dort fort (1275, 1277, 1295, 
1299) 3'. In Lübeck wurden auch Streitigkeiten zwischen dem Erzbischof, 
der seit 1246 nicht nur Erzbischof, sondern auch päpstlicher Legat für 
Preußen, Livland, Estland, Gotland, Rügen, Holstein, sogar auch für 
Rußland war, und der Stadt Riga beigelegt, sowie Zahlungen geleistet. 
In den Etappen der allmählichen Verdrängung Alberts aus seinem 
preußischen Kompetenzbereich (1254), über die Kurt Forstre
ter genaue 
Untersuchungen angestellt hat 35, wurde ihm der Sitz in Riga zugewiesen, 
so daß der Deutsche Orden in Preußen keinen geistlichen Rivalen hatte. 
Ob Lübeck in dieser Entwicklung E'ine Rolle spielte, ließe sich noch 
genauer prüfen. Zugleich sollte man nicht vergessen, daß sich dies vor 
dem Hintergrund der Reichspolitik abspielte. 1241 schloß Lübeck mit 
Hamburg einen Vertrag 38, in dem sich beide Städte zur Sicherung der 
Eibe und der Trave sowie des zwischen beiden liegenden I-Iandelsweges 
verständigten. Dieser Vertrag und auch die Städtebünde Westfalens 
und Niedersachsens - außerdem befinden wir uns in der Zeit der Land- 
frieden - sind sozusagen die Folie und der Ausgangspunkt für das 
Zusammenwachsen der Städte zu gemeinsamen Vorgehen, - ich nenne 
hier nur das Stichwort Hanse 37 - und zum Ausgreifen in die noch in 
der Schwebe befindlichen Verhältnisse im Osten. Typisch für diese 
"Aufbruchstimmung" war, daß ein Jahr später, 1242, Deutschordens- 
brüder an ihren Präzeptor Heinrich von Wida mit dem Wunsch von 
Lübeck, der damals wohl aktivsten Stadt im Norden Europas herantraten, 


1I M. R 0 b k 0 h I, Albert Suerbeer, Erzbischof von Livland, Estland und 
Preußen, Zeitschrift der Gesellscbaft für Schlcswig-Holsteinische Geschicbte, 47, 
1917, S. 6S-90; K. F 0 r s t r eu te r, Fragen der Mission in Preußen von 1245 
bis 1260, Zeitscbrift für Ostforschung, 9, 1960, S. 250-268. 
11 LUB, I, Nr. 199 (1253), Preußisches UB, I, 1 Nr. 328 (1256). 
14 LUB, I, Nr. 362 (1275), Nr. 379 (1277), Nr. 637 (1295), Nr. 688 (1299). 
11 Wie Anm. 32. 
11 LUB, I, Nr. 95. 
17 W. D. Mob r man n, Der Landfriede im Ostseeraum während des späten 
Mittelalters (Regensburger Historische Forschungen 2), Kallmünz 1972, hier auch 
weiterführende Literatur.
		

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			LQbeck und der Deutsche Orden 


41 


den Lübeckern ein Gebiet im Samland zu überlassen, auf dem sie in 
eigener Regie eine Stadt gründen könnten, nach dem Vorbild von Riga 31. 
Der Südrand der Ostsee zählte inzwischen schon eine ganze Reihe von 
Gründungen mit Lübecks Hilfe und Stadtrecht: Rostock 1218, Wismar 
1228, Stralsund 1234, Greifswald 1241. Dieses Projekt, das Heinrich von 
Wida ursprünglich wohl wirklich gefördert hat, da in der damaligen 
Gefahrensituation (Aufstand der Prußen) dem Orden tatkräftige Hilfe 
nur zupaß kommen konnte, kam nicht zustande. Der Orden wünschte 
anscheinend keine Eigeninitiative neben sich. In Lübeck hat man, wohl 
bezeichnend für diese Gründung, eine relativ große bürgerliche Selb- 
ständigkeit angenommen, die in Riga vorgelebt wurde. t 
Das Motiv des Ordens, Rivalitäten auszuschalten, kann auch an 
anderen Stadtgründungen nachgewiesen werden, die ausdrücklich nicht 
mit lübischem Recht bewidmet oder, wenn sie schon nach diesem Recht 
lebten, seiner wieder entledigt worden sind 39. Hier ist interessanter, daß 
die Lübecker, die selbst mit der Konsolidierung ihrer eigenen Stadt noch 
zu tun hatten, trotzdem schon einen Stützpunkt für die Zukunft im 
Samland, auf das der Orden 1242 noch keinen Fuß gesetzt hatte, planen 
konnten, - aus welchem Grunde? Wahrscheinlich, um mit Forstreuter 
zu sprechen 
o - wegen des Bernsteinreichtums. Der Orden unterband 
die Durchführung des Unternehmens durch einen Schiedsspruch vom 
10. März 1246 u. Eine Reihe von namentlich genannten Lübeckern sollte 
sich aber für einen genau festgelegten Waffendienst ihr Landstück in 
der Nähe der neuen Stadt aussuchen dürfen, wo sie dann auch nach- 
zuweisen sind. Das Inkrafttreten dieser übereinkunft wird von manchen 
Gelehrten in Zweifel gezogen, da die Lübecker Gesandten es nicht 
untersiegelt haben. Dennoch haben die Lübecker sich anscheinend daran 
gehalten, denn eine Expedition vornehmer junger Leute gemeinsam mit 
Deutschordensbrüdern aus Livland zu einem Kreuzzug ins Samland 
läßt sich nachweisen. Im Oktober des Jahres 1246 wurden in der Lübek- 


I' LUB, I, Nr. 98 (=- PTeußisches Urkundenbuch, I, 1, Nr. 140). 
11 F. Gau s e, Die GTündung der Stadt Königsber(1 im Zusammenhang der 
Politik deli Ordenll und der Stadt Lübeck, Zeitschrift für Ostforscbung, 3, 1954, 
S. 517-536. Vgl. aucb C. Kr 011 man n, Die Herkunft deT deutschen Anlliedler 
(wie Anm. 1); W. Hub a t s c h, Zum lübillchen Einfluß auf die Stadt(1ründung von 
Königsberg. Topographische Betrachtungen, LUbecker Schriften zur Arcbäologie 
und Kulturgeschichte, 4, 1980, S. 103-108. 
.. K. F 0 r s t r e u t e r, Die ältesten Handelsrechnungen deli Deutlichen Orden. 
i'1. PTeußen, Hansische Geschichtsblätter, 74, 1956, S. 13-27, insbes. S. 15; W. S t i e- 
da, Lübische BeTnsteindreher und PaternostermacheT, Mitteilungen des Vereins 
für Lübeckiscbe Geschichte und Altertumskunde, 1883, S. 97-112; J. War n c k e, 
Bernsteinkunst und Paternostermaker in Lübeck, Nordelbingen, 10, 1934, S. 428- 
464; Vgl. aucb LUB, IV, Nr. 657 (1397) und 674 (1398). 
.1 Schiedsspruch: LUB, I, Nr. 110 (Preußisches UB, I, I, Nr. 177).
		

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			42 


Antjekathrin Graßmann 


J 


ker Marienkirche eine Reihe von gefangenen führenden Samländern 
getauft und mit Rechten und Freiheiten im Samland versehen 42. 1255 
kam es dann bekanntlich nach Bekehrung des Samlandes auch zur 
Gründung der Stadt Königsberg durch den Orden. 
Die Hinwendung zu Lübeck hinsichtlich des Stadtrechtes wird in den 
Stadtgründungen durch Verleihung des lübischen Rechts seit Mitte des 
13. Jhs. deutlich. Elbing (Elblllg) erhielt es 1246, Dirschau (Tczew) 1262, 
Danzig (Gdansk) ließ sich 1263 eine Handschrift lübischen Rechts kommen, 
Danzig, in dem Herzog Swantopolk von Pommerellen den Lübeckern schon 
kurz nach 1220 das erste Handelsprivileg ausgestellt hatte. Memel bekam 
1253 lübisches Recht, und auch die beiden bischöflichen Gründungen 
Braunsberg 1284 und Frauenburg 1310 48 . Wohl nicht nur Zufall ist es, daß 
sich die in Lübeck befindlichen Urkunden des Ordens aus der zweiten Hälfte 
des 13. Jahrhunderts außer auf diese Stadtrechtsfragen sonst kaum auf eine 
Zusammenarbeit mit dem Orden in Preußen beziehen, obwohl gerade 
um 1260 durch den großen Prußenaufstand eine Krise heraufbeschworen 
ist. Die Urkunden betreffen zumeist Livland und behandeln politische 
und wirtschaftliche Fragen, beides wohl kaum von einander zu trennen. 
Vom 27. April 1261 ist eine Urkunde des Ordensmeisters in Livland 
datiert", in dcr es um die Bedingungen zur Ansiedlung von interes- 
sierten Lübeckern in Livland geht. Hier läßt sich also keine Konkurrenz 
des Ordens wie in der samländischen Episode von 1242/1246 feststellen. 
Seit etwa 1259 begann Lübeck als Schutzherr in des russischen Handels 
der Deutschen aufzutreten, eine Entwicklung, die mit den Privilegien 
in Livland begonnen und die Lübeck und die mit ihm konform gehenden 
deutschen und gotländischen Kaufleute in Novgorod an die Seite des 
Ordens gebracht hatte. Nur kurz kann diese Situation hingewiesen 
werden. Während der Orden militärisch gegen die Novgoroder und Ples- 
kauer vorging, wünschten die Kaufleute natürlich möglichst ungestörte 
Handelsbeziehungen. Es. kam daher mehrmals vor, daß der livländische 
Meister sich an Lübeck wandte und um Einstellung des russischpn 
Handels während der kriegerischen Auseinandersetzungen anhielt (um 
1269) oder auch die Wegnahme von Kaufmannsgut während einer solchen 
Handelssperre als unumgänglich deklarierte (1274) 45. lVIan kann wohl 
sagen, daß der Orden in seinem livländischen Zweig der natürliche 


LI'" ' 
A' LUB, I, Nr. 117. . "I . 
AI W. E bel, Lübisches Recht, Bd. I, Lilheck 1971, S. 81f!.; zu Danzig aucb: I 
H. Li n gen be r g, Der Strukturwandel in der Entwicklung Danzigs vom 12. 
zum 13. Jahrhundert, (in:] Stadt in Preußen. Beiträge zur Entwicklung vom frühen 
Mittelalter zur Gegenwart, hrsg. von U. Ar n 0 1 d, Lüneburg 1983, S. 43-78. 
AA LUB, I, Nr. 256. 
A. LUB, I, Nr. 315 und LUB, I, 347. Vgl. auch Go e t z (wie Anm. 21), S. 42.
		

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			Lfibeck und der Deutsche Orden 


43 


Schutzherr des lübeckischen Handels in Novgorod gewesen ist. Reval, 
das 1248 lübisches Recht erhielt, ist der Eingangshafen für den Landweg 
nach Novgorod. Gemeinsam war den Hansestädten und dem Orden die 
Furcht vor dem Vordringen der Russen. Der Orden regelte daher in 
seinen Verträgen mit ihnen nicht nur militärische und politische, sondern 
auch kommerzielle Dinge. Ähnlich wie der Deutsche Orden in Preußen 
hat auch der livländische eigenen Handel betrieben, jedoch wohl noch 
kaum in dieser frühen Zeit und auch nicht dem Maße, daß er seinen 
Städten Konkurrenz machte. Wichtiger aber war noch Einmütigkeit 
zwischen Riga, dem Erzbischof und dem Deutschen Orden, zu der es 
aber erst im Laufe des 14. Jahrhunderts kam. Lübeck hat übrigens auf 
päpstlichen Wunsch vermittelnd eingegriffen 66. Zwischen 1282 und 1283 
traten die Livländischen Städte dem 1280 von Lübeck und Visby zum 
Schutze des Ostseehandels mit Novgorod geschlossenen Bündnis bei, 
aber erst nach 1350 formierten sich livländische Städtetage, und im 
Kontor zu Novgorod übernahmen allmählich Livländer die Leitung. Der 
Rechtszug von Novgorod war allerdings schon 1293 von Visby nach 
Lübeck verlegt worden, was aber nur die preußischen Hansestädte eben- 
falls anerkannt hatten 47. Die eigentliche lübeckische "Ordens" politik 
für die zweite Hälfte des 13. und bis in das 14. Jahrhundert hinein hat 
damit einen Schwerpunkt in der Verbindung mit Livland; daher sollte 
auch das Verhältnis Lübecks zum Deutschen Orden unter dieser Prä- 
r.1isse einer sozusagen livländischen Voreingenommenheit untersucht 
werrlel1. Anders als in Livland, wo die Beziehungen konformer, weil 
älter, und schon von Anfang an vom Handel mehr bestimmt waren, wobei 
die russischen Nachuarn und auch Dänemark zu Reaktionen zwangen, 
war Druck und Gegendruck im Verhältnis des sich von Konkurrenten 
ungehindert straffer organisierenden Ordens in Preußen zu Lübeck zu 
erkennen. In Livland war die Kirchenverfassung anders geregelt und 
war der Kaufmann schon tätig gewesen, bevor die Ordensleute dort 
ankamen. Die intensive Besiedlung der preußischen Städte mit Lübek- 
kern oder wenigstens über Lübeck Eingewanderten aus Niedersachsen 
und Westfalen spricht nicht dagegen. Aber eine vertragliche urkundliche 
l<'estlegung lübeckischen Einflusses in Preußen fand nicht statt. Als um 
1285 die Besiegung der Heiden durch den Orden in Preußen im we- 
sentlichen beendet war, setzte die Durchdringung mit Einwanderern aus 
dem Westen so richtig ein. Schon vorher - man sieht es an dem sam- 
ländischen Kreuzzug-haben auch Lübecker mitgekämpft und sich nicht 
nur kaufmännisch betätigt. Ohnehin sollte man nicht unterschätzen, daß 
eine Gren ze zwischen dem Kaufmann der Anfangszeit der Hanse, der 
.. LUB, 111, Nr. 553 (1366). 
U LUB, I, 642. VgI. Go e t z (wie Anm. 21), S. 73.
		

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			- 


44 


Antjekathrin Graßmann 


gewärtig war, seine Waren mit der Waffe verteidigen zu müssen, und 
dem Ordensritter, der gemeinsam mit dem Kaufmann einem heidnischen 
Feind gegenüberstand, keine strenge Scheidelinie war. Was die Ein- 
wanderer betrifft, so wäre vielleicht eine Untersuchung des Namen- 
materials aus den Archiven der Städte wiedcr einmal am Platz. Während 
Ernst Günther Krüger t8 die Bedeutung Lübecks hoch ansetzt, nimmt 
Theodor Penners tU an, Abstriche machen zu müssen. In dem Sinne, als 
die Einwanderer zwar über den Hafen Lübeck gekommen seien, aber 
nicht in Lübeck vorher schon eine Existenz gegründet und sich dort 
niederlassen hätten. 
Für diese Ansicht mögen auch die Forschungen Emil Dösselers 50 
sprechen, der direkte Einwanderung aus verschiedenen westfälischen 
Gebieten nach Osten nachgewiesen hat. Abgesehen von Einzelheiten und 
Prozentzahlen über die Einwanderung von Lübeck aus Westfalen usw. 
wird sich bei einer erneuten Durchsicht des Materials, die ja immer an 
der Schwierigkeit der Herkunftsnameninterpretation kranken wird, 
feststcllen lassen, seit wann Lübeck nicht mehr allein die Verteiler- 
funktion der West--Ost-Wanderung innehatte und seit wann die Aus- 
wandcrung "über seinen Kopf hinweg" nach den neugegründeten Städten 
entlang der Ostseeküste (und auch schon von dort) immer mehr zunahm. 
Es begann eine neue Entwicklungsphase, die auch dadurch bedingt war, 
daß 1309 der Hochmeistersitz von Venedig auf die Marienburg verlegt 
worden war, und wie Manfred Hellmann meint, die Territorialisierung 
des Ordens begann 51. Von diesem Zeitpunkt ab läßt sich auch Genaueres 
über die Herkunft der Ordensritter sagen. Auch hier weist der livlän- 
dische Ordenszweig ältere Beziehungen zu Lübeck auf, gehörten ihm 
doch mehrere Lübecker Kaufmannsöhne an. Für die letzte Zeit des 
Bestehens des Schwertbrüderordens und kurz nach seinem Aufgehen im 
Deutschen Orden waren das Friedrich Tumme 1232-1249, Heinrich 


U E. G. Kr ü ger, Die BevölkeTungsverschiebung aus den altdeutschen Städten 
über Lübeck in die Städte des Ostseegebiets, Zeitschrift des Vereins für Lübeckische 
Geschichte und Altertumskunde, 27, 1934, S. 264ff. 
4D Th. Pe n n e r s, Untersuchungen iiber die Herkunft der Stadt bewohner im 
Deutschordensland Preußen bis in die Zeit um 1400 (Deutschland und der Osten 17), 
Lcipzig 1942. 
.. E. Dös seI e r, Der NiederThein und der deutsche Ostseeraum ZUT Hansezeit. 
Neue Quellenbeiträge zur Geschichte der niederrheinischen Auswanderung in die 
Ostseestädte und des niedeTrheinischen Ostseehandels vom 14.-16. Jahrhundert, 
(Quellen und Forschungen zur Geschicbte des Niederrheins 1), Düsseldorf 19-10; 
der s., Die Grafschaft Mark und der deutsche Ostseeraum. AuswandeTung in die 
Ostseestädte vom 13.-18. Jahrhundert mit besonderer Berücksichtigung der Han- 
sezeit, Der Märker, 12, 1963, S. 225-230, 304-309. 
11 M. Hell man n (wie Anm. 25), S. 11.
		

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			Lübeck und der Deutsche Orden 


45 


Tumme 1241-1248, Ludolf Vifhusen 1242-1246 52 . Erst im 14. Jahr- 
hundert können dann wieder fünf Ordensritter aus Lübecker Bürger- 
geschlecht nachgewiesn werden: Heinrich Morneweg 1347 113 , Johann 
Vifhusen 1329 51 , Gottschalk Warendorp 1351 1111 , Gottschalk Wickede 111, 
Ende des 14. Jahrhunderts, und Hinrich Pleskow 57 in den dreißiger 
Jahren des 14. Jahrhunderts, der eine wichtige Rolle bei livländisch - 
russischen Verhandlungen spielte. Dieser bürgerliche Anteil im Orden 
ist nicht nur charakteristisch für ihn selbst, sondern die Teilnahme von 
Bürgerssöhnen der im 14. Jahrhundert zu der politischen Macht heran- 
wachsenden Stadt Lübeck zeigt vielleicht auch, daß man von Lübeck 
aus Möglichkeiten sah, durch Ordenszugehörigkeit und Bekleidung von 
Ämtern politischen Einfluß auszuüben. Kaufmännische und politische 
Interessen gingen Hand in Hand. Um die Mitte des 14. Jahrhunderts 
wandte sich der Orden auch dem bisher von ihm gemiedenen Feld der 
nordischen Politik zu, und es lassen sich - jedenfalls quellenmäßig 
vielleicht gibt es ihn schon früher - Nachweise über die Zunahme 
seines Handels führen, seines eigenen Handels, der in Wettstreit mit dem 
seiner Städte trat 58. b 
Diesem möchte ich am Schluß meiner kurzen Skizze noch ein paar 
Worte widmen, da sich mit Hilfe des Lübecker Niederstadtbuches wohl 
noch einige neue Quellenangaben und damit einige Ergänzungen zu den 
SatUerschen Handelsrechnungen ergeben könnten 119. Dort werden die 
Personen genannt, die als Schäffer oder Lieger mit Lübeckern in Bezie- 


11 Ben ni n g b 0 v e n (wie Anm. 15), S. 211. 435f.. 445f. 
11 Vgl. allgemein: M. Hell man n, Bemerkungen zur sozialgeschichtlichen 
Erforschung des Deutschen Ordens, Historisches Jabrbucb, 80, 1961, S. 126-142; 
E. M a s c h k e, Deutschordensbrüder aus dem Städtischen Patriziat, (in:) der s., 
Domus hospitalis theutonicorum. Europäische Verbindungslinien der Deutschordens- 
geschichte. Gesammelte Aufsätze aus den Jahren 1931-1963, (Quellen und Studien 
zur Geschichte des Deutscben Ordcns 10) Bonn/Bad Godesberg 1970, S. 60--68 
(Wiederabdruck aus: Preußenland und Deutscher Orden. Festschrift für Kurt 
Forstreuter zur Vollendung seines 60. Lebensjahres, Würzburg 1958, S. 255-271); 
K. Sc bol z, Beiträge zur Personengeschichte des Deutschen Ordens in der ersten 
Hälfte des 14. Jahrhunderts. Untersuchungen zur Herkunft livländischer und 
preußischer Deutschordensbrüder, Diss. Münster 1969, S. 126ff.; LUB, 11, Nr. 883. 
N LUB, 11, S. 543 Anm. 
11 E. F. Feh 1 in g, Lübeckische Ratslinie von den Anfängen der Stadt bis 
auf die Gegenwart, Veröffentlichungen zur Geschicbte der freien und Hansestadt 
Lübeck, 7, 1, Lübeck 1925 (Unveränderter Nacbdruck 1978), Nr. 324. 
M Ibid., Nr. 331. 
17 LUB, 11, Nr. 531, (1331), 672, 673 (1338); Hansisches Urkundenbuch, 11 (1879), 
Nr. 614; Sc hol z (wie Anm. 53), S. 140ff. 
18 W. Bö h n k e, Der Binnenhandel des Deutschen Ordens in Preußen und seine 
Beziehung zum Außenhandel um 1400, Hansische GeschichtsbUitter, 1962, S. 26-95. 
Ig C. S a t t 1 e r, Handelsrechnungen des Deutschen Ordens, Leipzig 1887. 


--
		

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			46 


Antjekathrin Graßmann 


hung traten 60, so z.B. Rolf v. MeIlen, Lieger in Lübeck 1358, Hermann 
Warendorp 1368-1380, Albert Kaneyl 1380, Gottschalk Biermann 1397- 
1402, Johannes Huxer 1403-1406 und so fort. Einige Aussagen über ihre 
Handelsware und -tätigkeit sind daher möglich. Bei einigen von ihnen 
läßt sich auch ein schriftlicher Niederschlag hiervon in Lübecker Quellen 
wiederfinden, wodurch auch Lübecker Bernsteindreher ins Spiel kamen 81. 
Hier noch ein kurzer Hinweis: Das Wort "Hanse" ist in diesem 
Zusammenhang zwar am Rande gefallen, aber ich kann auf diesen 
Komplex nicht näher eingehen, obwohl es sich in der Hansestadt Thorn 
ja geradezu anbieten würde. Man darf nur nicht vergessen bei der 
Zeichnung des Hintergrundes des Verhältnisses Lübeck-Deutscher 
Orden um die Jahrhundertwende vom 14. und 15. Jahrhundert, daß der 
Orden allmählich intensiver an den hansischen Angelegenheiten teil- 
nahm 6!. 
Zusammenfassend kann man wohl sagen: Berührungspunkte Lübecks 
mit dem Orden mußten sich zwangsläufig und von Anfang an ergeben, 
da zwei politischen Potenzen im sei ben territorialen Bereich zunehmend 
tätig wurden, Lübeck als Handelspartner mit dem Osten, der Orden 
mehr von der militärisch-missionarisch Machtausübung her. Fernhändler 
und Ritter hatten Gemeinsames, beide waren aufeinander angewiesen. 
Lübeck war das Sprungbrett, der Ausgangspunkt und allmählich der 
wichtige politische Faktor im Ostseekräftespiel. Wußte der Orden auch 
ein überhandnehmen des lübeckischen Einflusses, insbesondere durch 
sein Stadtrecht, einzudämmen, so begannen sich im Rahmen der erstar- 
kenden Hanse Gemeinsamkeiten auch durch verwandschaftliche Bezie- 
hungen zwischen den Städten Preußens und Lübeck zu entwickeln, 
durch das kommerzielle Geben und Nehmen ohnehin. Hervorzuheben 
ist, daß die Travestadt im 13. und 14. Jahrhundert mit Livland und Riga 
durch den gemeinsamen russischen Handel mehr verbunden war und 
Lübeck auch mehr Einfluß in die livländische Innenpolitik nehmen durfte, 
wenn man so sagen kann. Der Unterschied im preußischen und livlän- 
dischen Wirken des Ordens, der ihn während der ganzen Zeit seines 
Bestehens begleitete, übertrug sich auf das Verhältnis Lübecks zum 
Deutschen Orden. 


.. E. M a s c h k e, Die Schäffer und Lieger des Deutschen Ordens, (in:] der s. 
(wie Anm. 53), S. 59-103 (Wiederabdruck aus: Hamburger Mittel- und Ostdeutsche 
Forschungen 11. 1960, S. 97-145). 
.1 Wie Anm. 41. 
.1 H. G. von Run d s ted t, Die Hanse und der Deutsche OTden in Preußen 
bi! zur Schlacht bei TannenbeTg 1410, Weimar 1937; C. S a t t 1 e r, Das OTdensland 
P7'eußen und die Hanse bis zum JahTe 1370, Preußische Jahrbücher 41, 1878, S. 327- 
!45; der S., Die Hanse und der Deutsche OTden in PTeußen bis zu dessen Verfall, 
Hansische Geschlchtsblätter, 1882, S. 67--84.
		

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			Lübeck und der Deutsche Orden 


47 


Die rein wirtschaftlichen Beziehungen zu den Städten, die sich im 
Laufe des 14. Jahrhunderts entwickelnden Hansefragen, müssen einem 
Extrakapitel vorbehalten bleiben. Ebenso konnte der Blick auf den 
Ordenshandel mit Lübeck nur eine Andeutung geben. 
Die notwendige ausführliche Darstellung des Verhältnisses Lübeck- 
Deutscher Orden würde sowohl dem geschichtlichen Phänomen Orden 
als auch der Hansestadt Lübeck neue Facetten in der Erkenntnis ihres 
jeweiligen Wesens vermitteln.
		

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			aRDINES MILITARES IV. Werkstatt des Historikers... 


ANDRZEJ NADOLSKI (L6dz) 


Die Forschungen über die Bewaffnung des Deutschen Ordens 
und seiner Gegner in Ostmitteleuropa 


Die Waffenkunde als gesonderte wissenschaftliche Disziplin hat sich 
im Laufe des 19. Jhs. gestaltet. Zu ihrer Grundlage wurden vor allem 
die damals vorhandehen Sammlungen der historischen Bewaffnung, die 
ihren Anfang den königlichen oder aristokratischen Rüstkammern, kirch- 
lichen Schatzkammern, manchmal auch den Stadtarsenalen zu verdan- 
ken haben hatten. 
Die Anlehnung der waffenkundlichen Forschungen an konkrete 
altertümliche Vorräte hatte wichtige Folgen nach sich gezogen. Sie hat 
das Systematisieren der Quellenbasis, die Bestimmung der Chronologie, 
der Herkunft und Zugehörigkeit einzelner Exponate ermöglicht. Es 
wurden die Voraussetzungen geschaffen, um die Genese und die Evo- 
lutionswege verschiedener Arten von historischen Waffen erforschen zu 
können. Der Einblick in manche Einzelheiten der technologischen Pro- 
zesse und in die Organisierung der Waffen produktion wurde gewärt, 
ebenso konnte der Kunstwert von untersuchten Exemplaren eingeschätzt 
werden. Diese museumskundliche Bestimmung der Waffenkunde führte 
gleichzeitig zu einer gewissen Isolierung der sich gestaltenden Disziplin 
von anderen Fachrichtungen der Geschichtswissenschaft, sogar von der 
Militärgeschichte, weil die alte Waffe eher als Kunstwerk denn als 
Gerät zum Kämpfen getrachtet wurde. Solch eine Einstellung begünstig- 
te übrigens der bloße Gehalt der traditionellen Sammlungen, in denen 
vorwiegend verzierte, oder Gala-Bewaffnung aufbewahrt wurde. Die 
einfache Nutzwaffe geriet dorthin nur wenig zahlreich. 
Die auf diese Weise entstandene Situation hat letztens sehr treffend 
der belgische WaUenkundespezialist Claude Gaier charakterisiert, indem 
er die alte Waffe als wichtige Kategorie der geschichtlichen Quellen 
behandelte, die in den Forschungen über die gesamte Geschichte des 
Mittelalters in einem ungleich größeren Grade ausgenützt werden sollte, 
als das in der Vergangenheit, sogar der nicht weit zurückliegenden 
geschah 1, Die Richtigkeit dieser Anschaung scheint unwiderlegba
 
u 


 
 
I C. Ga i e r, Les armes. TlIpologie des sources du mOlle1L age occidentol.
		

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			50 


Andrzej Nadolski 


Da das Vorhandensein der entsprechend reichen Sammlungen von 
historischen Waffen bis vor kurzem die entscheidende Bedingung für 
den Fortschritt der Waffenkunde war, haben die über solche Sammlungen 
verfügenden Länder das außerordentliche Interesse der Forscher gefunden. 
Andere in dieser Hinsicht zurückgesetzt, blieben außer des Bereichs dcr 
systematischen Forschungemaßnahmen. Zu jenen verkannten Gebieten 
gehörte der Ordensstaat in Preußen und ebenso angrenzende Territorien 
seiner Gegner. Das war nicht ohne Einfluß auf den Inhalt der histo- 
rischen, der Geschichte dieses Teilcs unsere Kontinents gewidmeten 
Monographien, insbesondre jener, die die Geschichte von Kriegszügen 
des Deutschen Ordens gegen Prussen, Litauen und das Königrcich Polen 
behandelten. 
An dieser Stelle sollte man erklären, daß wir hier unter "Bewaffnung" 
bewegliche Gegenstände verstehen, deren Konstruktion und Herstellung 
für den Gebrauch im Kampf bestimmt waren. Dabei wollen wir unsere 
Erwägung auf die Bewaffnung des Heeres des Deutschen Ordens im 
preußischen Ordensstaat begrenzen, auf die Bewaffnung der polnischen, 
prussischen und litauischen Heere. 
Als die untere, chronologische Grenze wollen wir den Anfang des 
2. Viertels des 13. Jhs. annehmen, da der Deutsche Orden sich damals 
an der unteren Weichsel, im Kulmerland niedergelassen hatte. Die obere 
Grenze wird vom Ende des 15. Jhs. markiert. 
Der viele Jahre dauernde ungenügende Zustand der Forschungen 
über das Militärwesen und vorwiegend über die Bewaffnung des 
Deutschen Ordens, erstaunt angesichts des eindeutig militärischen 
Charakters des Ordens. Eine lange Zeit galten in diesem Bereich die 
Bestimmungen, die das monumentale, aber schon seit langem nicht mehr 
aktuelle Werk von Johannes Voigt enthält 2. Verhältnismäßig viele Kennt- 
nisse im Bereich Militärwesen werden in den Abhandlungen Von F. A. 
Vossberg 3, Max Töppen t und Martin Baltzer Ii zum Ausdruck gebracht, 
Fase. 34, Brepols, Tarnhout 1979. Ein Beispiel für den Gebrauch von Informationen 
Ober die Bewaffnung in einer umfangreichen militär historischen Synthese: Ph. Co n- 
tarn i n e, La guerre au Moyen Age, Paris 1980. 
b I J. V 0 i g t, Geschichte Preußens von den ältesten Zeiten bis zum Untergang 
der Herrschaft des Deutschen Ordens, Bd. 1-9, Königsberg 1827-1839. . 
I F. A. V 0 s s be r g, Geschichte der preußischen Münzen und Siegel von 
frühester Zeit bis zum Ende der Herrschaft des Deutschen Ordens, Berlin 1843, 
S. 13-15. 
a M. T ö p p e n, Die ältesten Nachrichten über die Geschützwesen in Preußen, 
Arcbiv für Offiziere des KgI. Preußischen Artillerie- und Ingenieure Corps, H. 32, 
Berlin 1868; der s., Elbinger Antiquitäten. Ein Beitrag des städtisches Lebens 'm 
Mittelalter, H. 1, Marienwerder 1870, S. 74-104. 
I M. Bai t zer, Zur Geschichte des Danziger Kriegswesens im 14. und 15. Jahr- 
hundert (Programm des Kgl. Gymnasium zu Danzigl, Danzig 1893.
		

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			Die ForscbUl1gen über die Bewaffnung des Deutscben Ordens... 51 


obv:ohl fast alle diesen Autoren das Bewaffnungsthema nur am Rande ihrer 
eigentlichen Interessen behandelten. Auf eine mehr direkte Weise 
beschäftigten sich mit dieser Thematik Theodor Blell l , der übrigens 
über die früheren Feststellungen von Voigt und Vossberg nicht hinaus- 
gegangen war, und Gustav Bujack 7, besonders aber Berndt Engel. Der 
zuletzt genannte hatte treffend seine Aufmerksamkeit der Bedeutung 
gewidmet, welche die Ordensrechnungsbücher für die waffenkundlichen 
Studien hatten, und dann veröffentlichte er einen Studienzyklus unter 
dem gemeinsamen Titel "Waffengeschichtliche Studien aus dem Deutsch- 
ordensgebiet" 8. Für die im Ordensheer benutzte Feuerwaffe interessierte 
sich Berndt Rathgen ". 
Dieser ganze, übrigens bescheidene und fragmentarische Ertrag der 
früheren Forschungen auf dem Gebiet der Deutschordensbewaffnung 
blieb ohne größeren Einfluß auf die Anschauungen der die Heeresor- 
ganisation und Kriegskunst des Ordens behandelnden Geschichts- 
forscher. Angefangen von Hartknoch im 17. Jh. 1o , setzte man ein zu 
großen Vertrauen in den Wortlaut der Ordensregel, die die Ausrüstung 
der Rittermönche mit den Anforderungen des palästinsischen Kriegs- 
schauplatzes in Einklang brachte 11. Es wurde nicht in Betracht gezogen, 
daß ganz unterschiedliche Bedingungen, auf welche der Orden in Ost- 
seeländern stieß, andere Lösungen verlangten und daß konkrete taktische 
Situationen solche Lösungen aufdrängten, unabhängig von den vor- 
handenen gesetzlichen Bestimmungen. Der Tradition gemäß betrachtete 


e T. BI eil, Kriegsgewandt und Bewaffnung des Hochmeisters und des Ritt
rs 
des Deutschen OTdens in der 1. Hälfte des 13. JahThunderts, SttzungsbeTichte der 
Altertumsgesellschaft Prussia zu KönigsbeTg, Bd. 6, Königsberg 1879/1888, S. 42-48. 
7 G. B u j a c k, Zur Bewaffnung und Kriegsfilhrung der Ritte-r des Deutschen 
Ordens in Preußen (Programm des Altstädter Gymnasium fÜr OsteTn 1887/1888), 
Königsberg 1888, S. 1-12. 
8 B. Eng e 1, Nachrichten über Waffen aus dem TTessleTbuche des Deutschen 
Ordens von 1399-1409, Zeitschrift für Hist. Waffenkunde, Bd. 1 (1897-1899), S. 195- 
199, 228-233; der s., Waffengeschichtliche Studien aus dem Deutschordensgebiet, 
ibid., Bd. 2 (1900-1902), S. 94-102, 174-175, 214-217, 348-351; Bd. 3 (1902-1905), 
S. 37-40; Bd. 4 (1906-1908), S. 118-125; Bd. 5 (1909-1911), S. 12-15; Bd. 7 (1915- 
1917), S. 136-139. 
g B. Rat b gen, Die Pulverwaffe im Deutschordensstaate bis 1450, E1binger 
Jabrbuch, H. 2 (1922), S. 76. 
11 Alt und Neues Preussen oder preussische-r Historien, zwei Teile (...) mit son- 
derbarem Fleiß zusammengetragen durch M. Christophorum H art k n 0 c h des 
Tornischen Gymnasii Professorern, Frankfurt und Leipzig in Verlegung Martin 
Hall e r w 0 r den, Buchhandler in Königsberg, 1684, S. 261, 306. 
11 Vgl. bes.: K. Sc b ü n e man n, Deutsche KTiegsfÜhrung im Osten während 
des Mittelalters, Deutsches Archiv für Geschichte des Mittelalters, Bd. 2, Berlin 
1938, S. 60-71; K. G 6 r ski, Kawaleria krztlzacka, Przegl
d Kawaleryjski, H. 11 
(lD34), S. 405-422.
		

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			52 


i 


Andrzej Nado1ski 


man die Deutschordensritter als Vertreter der westlichen Kriegskunst 
und Ritterkultur, deren Bewaffnung quasi symbolhaft der volle Platten 
harnisch war, der den riesigen Reiter zusammen mit seinem riesigen 
Roß verhüllte und der den auf einem weißen Mantel ein schwarzes 
Kreuz tragenden Kriegern entschiedenes technisches übergewicht sicher- 
te über die leichter und schwächer bewaffneten polnischen Gegner, um 
von den mit Pelzen bekleideten Prussen und Litauern ganz zu schweigen. 
Zum Anzeichen einer überprüfung jener Anschauungen wurden 
wertvolle, obgleich schon wieder nur Randbemerltungen, die u.a. die 
Dissertation von Helmut Nickel über mittelalterliche Ritterschilde und 
einige Artikel von Friedrich Benninghoven sowie Sven Ekdahl enthielten, 
in denen die Organisation der Ordensstreitkräfte in Preußen behandelt 
wurden 12. Beinahe gleichzeitig wurde seitens der Polen die Notwendig- 
keit hervorgehoben, durch systematische Forschungen das Heerwesen 
des Deutschen Ordens zu erfassen 13 Anschließend erschienen in der 
polnischen, hauptsächlich archäologischen Literatur die ausschließlich 
der Ordensbewaffnung gewidmeten Veröffentlichungen oder auch solche. 
die die Elemente jener Bewaffnung im Rahmen anderer, einen größeren 
territorialen Bereich betreffenden Bearbeitungen behandelten u. 


11 H. Ni c k e I, Der mittelalteTliche Reiterschild, Inaugural-Disertation zur 
ETlangerung des Doktorgrades der Philos. Fak. deT Freien Universität, Berlin 1958; 
S. E k d a h 1, Vber die KTiegsdienste deT FTeien im Kulmerland zu Anfang des 
15 Jhs., Preußenland, 2 (1964), S. 1-14; F. Ben n i n g h 0 ve n, Die Gotlandfeldzüge 
des DeutBchen Ordens 1398-1408, Zeitschrift für Ostforscbung, Jg. 13, H. 3 (1964). 
1. A. N a d 0 1 ski, Stan i potrzeby badan nad polskq. sredniowiecznq histoTiq 
wOjBkowq, Arcbeologia Polski, Bd. 13, H. 2 (1968), S. 372-382. 
1& Bron Iredniowieczna z ziem polskieh, red. A. Na d 0 1 ski, L6d1 1978; 
V. Den k s t ein, Elementy wschodnie i zachodnie w czeskim uzbrojeniu XV wie- 
ku, (in:) Elementll wschodnie i zachodnie w uzbrojeniu slowianskim w sTednio- 
wieczu, KW8rta1nik Historii Kultury Materia1nej, Jg. 21, Nr 2 (l973), S. 283-287; 
M. G! 0 s e k, Znaki i napis1/ na mieczach sredniowiecznych w Polsce, Wroc!aw 
1973; M. G! 0 s e k, A. No w a k 0 W ski, Sredniowieczna PTzlllbica z Muzeum 
Okrf:gowego w Toruniu. Prz1/cz1/nek do znajomosci baltyjskiego uzbrojenia ochron- 
nego, Kwart. Hist. Ku1tury Mat., Jg. 28, Nr 1 (1980), S. 53-61; A. Kola, G. Wilke, 
Produkcja grotow do kuszy w sredniowieczu w swietle wsp6lczesnych pr6b ekspe- 
TlI me ntaln1/ch, Acta Universitatis Nicolai Copernici, Arcbeo10gia 5, Torun 1975, 
S. 161-181; die s., Zesp61 grot6w belt6w do kusz z grodziska p6znosredniowiecznego 
w SloBzewach kolo BTodnicy w 'wietle odkTIIC z 1973 r., Zapiski historyczne, Bd. 41, 
H. 1 (1976), S. 81-123; A. Na d 0 1 ski, M. GI 0 s e k, Miecze sredniowieczne z ziem 
polskich, L6dt 1970; A. Na d 0 1 ski, InfluenceB balto-slaves dans l'armement des 
ChevalieTB TeutoniqueB, Berichte über den ll. Internationalen KongTeß für SlaviBche 
Archäologie, Bd. 3, Berlin 1973, S. 33-36; (po1niscbe Version: Niekt6re element1/ 
balto-slowianskie w uZbrojeniu i sztuce wo;ennej Krzllzakow, Pomerania Antiqua, 
Bd. 5 (1974), S. 165-173]; A. Nowakowskl, Stan i potTzebll badan nad wojsko- 
wolciq krz1/zackq, Pomorania Antiqua, Bd. 6 (1975), S. 281-293; (deutsche Version; 


-
		

/Czasopisma_119_04_055_0001.djvu

			Die Forschungen über die Bewaffnung des Deutschen Ordens... 53 


Der unbestreibare Wendepunkt auf dem uns interessierenden Gebiet 
erfolgte im Jahre 1980, mit der Herausgabe der monographischen Be- 
arbeitung von Andrzej Nowakowski über die Bewaffnung des Deutsch- 
ordensheeres in Preußen im Laufe des 14. Jhs. und zu Beginn des 15. 
Jhs. 15 Ihr Autor hat die Feuerwaffe mit seinen Studien nicht erfaßt, in 
dieser Hinsicht wurde ihm die Arbeit durch die beinahe gleichzeitig 
cntstandene Abhandlung von Völker Schmidtchen UI abgenommen. Die 
Monographie von Nowakowski zeichnet sich aus durch Auswertung aller 
zugänglichen Quellenkategorien, d.h. im Original erhaltenen Realien, 
an die Ikonographie und schriftliche Quellen. Fügen wir gleich hinzu, 
daß nur eine solche Themenbehandlung den Anforderungen entspricht, 
die an eine auf moderne Weise begriffenen waffenkundlichen Arbeit 
gestellt werden. 
Das Interesse an der Bewaffnung des Deutschen Ordens, in den 70er 
Jahren einsetzend und hauptsächlich auf die polnische Wissenschaft 
bezogen, geht weiter, wovon eine Reihe von weiteren Arbeiten zeugt, 
die die Bemerkungen des genannten Buches von Nowakowski ergänzen 17 
Dieser ganze schon ziemlich bedeutende, obwohl noch nicht vollständige 
Ertrag der Forschungen berechtigt uns, gewisse allgemeine Folgerungen 
zu ziehE'n. Vor allem wird in vollem Umfang die schon oben angedeutete 


Situation und Notwendigkeit der Forschungen nach dem Militärwesen des Deutschen 
Ordens, Rapports du IlIe Congres International d'Arch
ologie Slave, Bd. 2, Bra- 
tislava 1980, S. 329-334); der s., Przyczynki do p!,znania tak zwanej zbroi mazo- 
wieckiej, [in:) Elementy wschodnie i zachodnie, S. 289-298; der s., Jeszcze 0 ge- 
nezie pawt:zy (Uwagi na maTginesie ksiqzki A. N. Kirpicznikowa), Kwart. Hist. 
Kultury Mat., Jg. 28, H. 1 (1980), S. 111-115. 
tl A. No w a k 0 W ski, Uzbrojenie wojsk kTzyzackich w Prusach w XIV w. 
i na poczqtku XV w., L6d£ 1980. 
tl V. Sc b m i d t c h e n, Die Feuerwaffe des Deutschen Ritterordens bis zur 
Schlacht bei TannenbeT(1 1410, Lüneburg 1977; vgl. auch: Ch. Pro b s t, Salpe- 
tereinfuhr und Salpetersieder im Deutschordensland Preußen, Waffen- u. Kostum- 
kunde, 1965, H. 1, S. 60-64. 
17 Cl. Ga i e r, Quelques particularit
s de l'armement des Chevaliers Teutoni- 
ques dans le baillage de Germante Inferieure aux XIVe et xve siedes, Fasciculi 
Archaeologiae Historicae, Nr. I, L6di 1986; M. GI 0 s e k, Miecze jrodkowoeuropej- 
skie z X-XV wieku, Wafszawa 1984; M. Lewa n d 0 w ski, Puginaly jrednio- 
wieczne z ziem polskich, Medievalia Archaeologica, Acta Archaeologica Lodziensia, 
Nr. 31, L6d£ 1986; A. Na d 01 ski, Grunwald 1410, Uniformes, Nr. 64 (1981), Paris, 
S. 13-18; A. No w a k 0 ws k i, Arsenaly zamk6w krzyzackich w Prusach w latach 
1362-1431, Medievalia Arcbaeologica, Acta Archaeologica Lodziensia, Nr. 31, siehe 
oben; der s., Sredniowieczny helm z Olsztyna, Rocznik Olsztynski 1986. A. N 0 w a- 
k 0 ws k i, J. Dan k a, Osobiste arsenaly Wladyslawa Jagielly i Ulryka v. Jungingen 
w jwietle wspolczesnych rachunkow, Kwart. Hist. Kultury Mat., Jg. 29, Nr 1 (1981), 
s. 21-34, Plemit:ta, iredniowiecznll gr6dek w ziemi chelmift.skiej, red. A. N a- 
d 01 ski, Torun 1985.
		

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			54 


Andrzej Nadolski 


" 


Notwendigkeit einer interdisziplinären, die ganze unterschiedliche Quel- 
lenbasis berücksichtigenden Behandlung des Themas bestätigt. Zur Ver- 
vollständigung jener Basis spielen archäologische Forschungen eine 
wichtige und weiterhin unentbehrliche Rolle, außer einer gebührenden 
Interpretation der bescheidenen Ikonographie sowie dem sorgfältigen 
Studium eines verhältnissm:ißig reichen Bestand an schriftlichen Quellen 
die bei weitem noch nicht dementsprechend nutzbar gemacht worden sind. 
Solchen Forschungen, die von den Archäologen aus Torun (Thorn) und Gru- 
dzi
dz (Graudenz) unternommen wurden, verdanken wir äußerst wertvolle 
Informatione über die zu Beginn des 15. Jhs. im Kulmerland gebrauchte 
Bewaffnung, die die Entdeckungen aus den Burgwällen in Sloszewy bei 
Brodnica (Strasburg) und Plemi
ta (bei Graudenz) gegeben haben. Da es an 
erhaltenen Sammlungen von Deutschordensbewaffnung fehlt, können 
nur solche Entdeckungen die bescheidene Realienbasis, deren Unzulän- 
glichkeit oder Mangel unser Erkenntnisvermögen drastisch begrenzen, 
bereichern. Jedoch unabhängig vom weiteren Fortschritt in der For- 
schung können wir schon jetzt die überprüfung einiger traditionellen 
und schematischen Anschauungen über die Bewaffnung des Ordensheeres 
riskieren. Es besteht kein Zweifel, daß in jener Bewaffnung baltische 
Elemente eine nicht zu verleugnende Rolle spielten. Die Waffe baltischen 
Typus wurde nicht nur von prussischen Untertanen des Ordens gebraucht, 
die zum Militärdienst verpflichtet waren, sondern auch von den Ritter- 
mönchen selbst. Dies betrifft insbesondere leichte Speere, "sulice" ge- 
nannt, Helme von Typ "Pekilhube", vor allem aber die ebenso in anderen 
Ländern Ostmitteleuropas sehr verbreiteten Reiterpavesen, die in Be- 
standverzeichnissen und Rechnungsbüchern des Ordens als "prusche 
schilde" bezeichnet werden. Gleichzeitig stellte man fest, daß die Ritter 
im vollständigen Plattenharnisch im Ordensheer, übrigens ähnlich wie 
in anderen damaligen Heeren des lateinischen Europas, in einer entschie- 
denen Minderheit blieben. Sogar in der Phase der vollen Entwicklung 
der Plattenharnische, endgültig im Laufe des ersten Viertels des 15. Jhs. 
ausgestaltet, zogen vorwiegend nicht nur Schützen, sondern auch meisten 
Lanzenreiter im Dienste Ordens von Kettenpanzern geschützt in den 
Krieg, eventuell durch Plattenröcke oder unterschiedlich angepaßte Ele- 
mente aus unvollständigen Plattenschutzen ergänzt. Als Helm wurde 
meistens der einfach herzustellende, billige und zugleich praktische 
Eisenhut gebraucht. Die in Deutschordensreihen zahlreichen prussischen 
Krieger standen in Anbetracht ihrer Ausrüstung ihren litauischen 
Brüdern nahe, die polnische Ritterschaft des Kulmerlandes und aus 
Pommerellen gebrauchte dagegen nicht nur die gleiche Waffe und Klei- 
dung, sondern auch dieselben Stammwappen wie die unter den Fahnen 
des Königreiches stehenden Ritter aus Großpolen, Kleinpolen, Kujawien 


-
		

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			Die Forscbungen über die Bewaffnung des Deutschen Ordens... 55 


und Masowien. Daraus folgten Irrtümer und eine diesbezügliche Not- 
wendigkeit zusätzlicher Erkennungszeichen bei den Zusammenstößen 
zwischen Polen - Litauen und dem Deutschen Orden, die sich in der 
Schlacht bei Grunwald und bei anderen Gelegenheiten sehr bewährt 
haben. 
Eine grundsätzliche Bedeutung für unser Wissen vom Militärwesen 
des Deutschen Ordens hatte das Zusammenrechnen der Waffenvorräte, 
die in Ordensschlössern aufbewahrt waren und die volle Ausrüstung 
einiger Tausende von Bewaffneten erlaubten. Es ist bemerkenswert, daß 
jene Vorräte, auch mittels Einfuhr ergänzt (u.a. aus norditalienischen 
Werkstätten), eine deutliche steigende Tendenz am Vorabend des Großen 
Krieges 1409-1411 zeigen, um nach dem Zusammenbruch bei Grun- 
wald auf einmal zu fallen, da jener großtenteils zum Verlust der sorg- 
fältig vom Orden angesammelten Kriegsrüstung führen mußte 18. 
Der die polnische Bewaffnung im 13.-15. Jh. betreffende Forschungs- 
zustand ließ lange Zeit viel zu wünschen übrig. Auch in dieser Hinsicht 
herrschen sogar im Bewußtsein der Geschichtswissenschaftler meistens 
schematische Vorstellungen, die weniges mit der Wirklichkeit gemein 
haben. Neben den traditionellen Bild des "in Eisen gefesselten" mittelal- 
terlichen Ritters 19 wurde in jenen Vorstellungen das Bild des polnischen 
Kriegers geprägt, mit charakteristischen Merkmalen eines orientalischen 
Reiters versehen, der mehr beweglicher, zugleich aber leichter, also - 
wie man meinte - schlechter bewaffnet war im Vergleich zu den 
Deutschordensrittern, die die westliche Kriegskunst und deren Ritter- 
ausrüstung verkörperten. Es ist erstaunlich, daß eine solche Vorstellung 
recht früh entstand, da sie schon auf den die Kämpfe zwischen Orden 
und Polen darstellenden Holzschnitten des 16. Jhs. auftauchen 20. Eben- 
falls verblüfft ihre Dauerhaftigkeit, die zur Folge hatte, daß man noch 
vor 20 Jahren Beispiele in der polnischen wissenschaftlichen Literatur 
finden konnte, daß jene Holzschnitte als wahrheitsgetreue Widerspiege- 
lung der Realität des 14.-15. Jhs. angenommen wurden, während sie 
ein Abbild der eben erst im Laufe des 16. Jhs. entstandenen Situation 
gaben, als es tatsächlich zur Orientalisierung unseres Militärwesens 


18 A. No w a k 0 w ski, Arsenaly zamk6w krzyzackich (wie Anm. 17). 
18 K. OIe j n i k, Dzialalno
c militarna Polski w czasach Kazimierza Wielkiego, 
Poznao 1966, S. 47--48; S. M. Ku c z y 0 ski, Wielka Wojna z Zakonem Krzt/- 
zackim w latach 1409-1411, Warszawa 1980, S. 276. Eine mebr zutreffende, realis- 
tiscbe Stellungsnahme äußert u.a. J. S z t e t y 11 0, Rzemioslo metalowe wraz 
z uzbro;eniem, (in:] Historia Kultury Materialne; Pol ski w zart/sie, Bd. 2, Wroclaw 
1978, S. 73. 
110 M. Bi eIs k i, Kronika Polska. Nowo przez Joachimo Bielskiego (...] wt/- 
dana, Krak6w 1597, S. 296.
		

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			56 


Andrzej Nadolski 


gekommen war 21. In welchem Ausmaß der Glauben an die Gegenüber- 
stellung des auf orientalische Weise bewaffneten Polen dem abendlän- 
dischen Ordensritter verbreitet war, davon zeugt die bis vor kurzem 
noch allgemeine Gewohnheit, allen in Polen aufgefundenen sp:itmittelal- 
terlichen Schwertern Deutschordensherkunft zuzuschreiben. Für die 
volkstümliche, den Polen zugeschriebene Hiebwaffe wurde natürlich nur 
der gekrümmte Säbel gehalten. 
Vereinzelte, heute in hohem Grade nicht mehr aktuelle Werke von 
Bahnbrechern der polnischen Waffenkunde, vor 1939 geschrieben, ins- 
besondere diejenigen, die die spätmittelalteriche Bewaffnung berück- 
sichtigten 22, konnten nur einen sehr geringen Einfluß auf vorhandene 
Anschauungen ausüben. Nach dem 2. Weltkrieg gewann zuerst das 
Frühmittelalter das Interesse der Forscher. Die spätmittelalterliche 
Problematik erschien mindestens teilweise erst in den 60er Jahren in den 
nützlichen Erörterungen von Tadeusz Nowak, die der mechanischen 
Artillerie und den Anfängen der Pulverartillerie gewidmet sind 23. Zur 
gleichen Zeit versuchte Zofia Stefanska, die im mittelalterlichen Polen 
gebrauchten Panzer zu charakterisieren, wobei sie zu diskutablen Ergeb- 
nissen gekommen ist 2(. Fast gleichzeitig wurden in den Fachperiodika 
Feststellungen gemacht, die die Notwendigkeit solcher Forschungen 
aufzeigten, welche in größeren Maßstab die mittelalterliche, insbesondere 
spätmittelalterliche Bewaffnung berücksichtigen sollten und die die Be. 
deutung dieser Forschungen für die Erkenntnis des Gesamtbildes der 
polnischen Kultur jener Epoche hervorhobcn 25. 
Solche Forschungen wurden tatsächlich unternommen, vorwiegend, 


11 K. Sr 0 C z y n s k a, Ze studi6w nad ikonografiq bitwy pod Grunwaldem, 
Rocznik Olsztynski, Bd. 4 (1961-1962), 1964, S. 53; vgl. A. Na d 0 1 ski, Niekt6re 
elementy balto-slowianskie (wie Anm. 14). 
11 Z. B 0 c ben ski, Uzbrojenie w krakowskich dzielach Wita Stw08za, Rocz- 
nik Krakowski, Bd. 26 (1935), S. 137-157; der s., Krakowski cech miecznikow, 
Krak6w 1937; W. D z i e w a no w ski, Zarys dziej6w uzbrojenia w Polsce, War- 
szawa 1935; B. Gern bar z e w ski, Zolnierz polski, ubi6r i oporzqdzenie od wie- 
ku XI do roku 1960, Bd. I, Warszawa 1960 (das Werk wurde vor 1939 vollendet); 
M. G u m 0 w ski, Uzbrojenie i ubi6r rycerski w czasach ptastowskich, Bron i bar- 
wa, Jg. 3, Nr. 3 (1936), S. 51-71. 
11 T. No w a k, Artyleria polska do konca XIV w. Problematyka i stan badaf!, 
Studia i Materialy do Historii WOjskowo!tci, Bd. 9, Teil 1 (1963), S. 3-41; der s., 
Z dziej6w techniki wojenne; w dawnej Polsce, Warszawa 1965; der s., Problema- 
tyka dziej6w i g16wne etapy rozwoju dawnej art1l1erii polskiej, Studia i Materialy 
do Historii Wojskowoki, Bd. 27, (1984), S. 225-254. 
I' Z. S t e fan s k a, Pancerze w Polsee Iredniowiecznej, Muzealnictwo Wojsko- 
we, Bd. 2 (1964), S. 73-140. 
· A. Na d 0 1 ski, Uwagi 0 problematyce i metodach badan nad historiq uzbro- 
jenia, Muzealnictwo Wojskowe, Bd. 1 (1959), S. 43-47; der s., Zabytki uzbrojenia
		

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			Die Forschungen Ober die Bewaffnung des Deutschen Ordens... 57 


jedoch nicht ausschließlich durch die Archäologen in 1:..6dz, wonach eine 
Reihe von Arbeiten veröffentlicht wurde, deren Inhalt und Umfang 
unterschiedlich waren - von kurzgefaßten Beiträgen bis zu umfan- 
greicheren Monographien. Ein Teil davon wurde hauptsächlich, wenn 
nicht ausschließlich auf die Ikonographie gestützt, wobei besonders viel 
Bedeutung Schlesien und Kleinpolen beigemessen wurde, da dort dies- 
bezügliche Materialien verhältnismäßig zahlreich sind 2'. Andere Be- 
arbeitungen entstanden vorwiegend anhand der schriftlichen Quellen, 
wobei die Epoche der polnischen Ständemonarchie und besonders die 
hundert Jahre von der Mitte des 14. bis zur Mitte des 15. Jhs. im Mittel- 
punkt des Interesses ihrer Verfasser stand 27. Als brechend erwiesen sich 
jedoch diejenigen, die sich in ersten Linie auf altertümliche, bei Aus'- 
grabungen endeckte, Realien stützten. 
Unter den auf eine solche Basis gestützten Abhandlungen finden wir 
Veröffentlichungen konkreter Entdeckungen, manchmal sensationellen, 
wie jene aus Siedl
tköw an der Warthe, wo überreste eines Harnisches 
von etwa 1380 ans Tageslicht kamen, die mit dreimaligem Abdruck 
einer bisher nicht bekannten Plattnermarke versehen waren, die über- 
haupt unt er denel1 in Europa bekannten Marken eine der ältesten ist 28. 
jako zrodlo do dziejow polskiego Iredniowiecza, Studia Zr6dloznawcze, Bd. 8 (1963), 
S. 112-116; d crs., Stan i potrzeby badan nad polskq, Iredniowiecznq historiq woj- 
skowq (wie Anm. 13). 
1ft L. K a j zer, Uzbrojenie i ubioT ryceTski w Iredniowiecznej Malopolsce 
w Iwietle zrodet ikonograficznych, Wroclaw 1976; A. Na d 0 1 ski, Uroczysty stroj 
rycerski krolow polskich w XIV-XV wieku, (in:] Elementy wschodnie i zachodnie, 
Kwart. Hist. Kultury Mat., Jg. 21, Nr 2 (1973), S. 305-313; der s., Zbrojny krol. 
Poznolredniowieczny wizerunek z Wielkopolski, Kwart. Hist. Kultury Mat., Jg. 31, 
Nr 2 (1983), S. 163-170; A. No w a k 0 w ski, Przyczynki do poznonie tzw. zbroi 
mazowieckiej (wie Anm. 14); Z. W a w r z 0 n 0 w s k a, Uzbrojenie i ubior rycerski 
Piastow Slqskich od XII do XIV w., L6dt 1976; Z. W a w r z 0 no W s k a, L. K a j zer, 
Chronologie dwöch kodeksow Legendy Slqskie; w Iwietle analizll militaTiow, Kwart. 
Rist. Kultury Mat., Jg. 17, Nr 3 (1969), S. 509-517. 
17 J. Ku c i il ski, Miejskie rzemiosto zbrojeniowe w panstwie polskim w XIV 
i pierwszej polowie XV wieku, Studia i Materialy do Historii Wojskowosci, Bd. 15, 
Teil 1 (1969), S. 3-39: A. Na d 0 15 k i, J. Dan k 0 w a, Uwagi 0 skladzie i uzbro- 
jeniu polskiej jazdy rycerskiej w 1. 1350-1450, Studia i Materialy do Historii 
Wojskowosci, Bd. 26 (1983), S. 91-110; A. No w a k 0 w ski, J. Dan k a, Osobiste 
arsenaly (wie Anm. 17); A. No w a k 0 w 8 k i, J. S z y m c z a k, Rodzaje uzbrojenia 
ochronnego w Polsee w okresie monaTchii stanowej w twietle zrodel pisantIeh, 
Kwart. Mist. Kultury Mat., Jg. 33, Nr 1-2 (1985), S. 29-48. 
11 M. Lewa n d 0 w ski, L'atelier du flckhiers dans la Tour de Pierre au 
chdteau de Legnica (Sil
sie), Fasciculi Arcbaeologiae Historicae, Nr 1, L6dt 1986; 
A. N a d 0 1 ski, Helm i fragmenty zbroi z X IV wieku znalezione w Siedlqtkowie 
nod Wartq, Studia do dziejow dawnego uzbrojenia i ubioru wojskowego, Teil 4, 
Krak6w 1969, S. 5-23; A. Na d 0 1 ski, A. K 0 s i 0 r e k, Szczqtki zbroi Irednio- 
wiecznej z grodziska w Borowku, Studie nad kulturq materialnq wiek6w od XIV
		

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			58 



 n..rf . 


Andrzej Nadolski" 


,,".. 


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Es wäre angebracht, hier auch umfangreichere Abhandlungen ein- 
zuordnen, die dem Systematisieren und der Analyse ausgewählter Be- 
waffnungskategorien in einem gan.z Polen und Mitteleuropa betreffenden 
Ausmaß gewidmet waren 29. . 
Bald darauf, teilweise gleichzeitig. mit detaillierten Bearbeitungen, 
erschienen Synthesen. An erster Stelle soll man hier das ansehnliche, 
grundsätzliche Werk von Z. Zygulski Bron w dawnej Polsee nennen, das 
n.ützlich ist, obwohl .im Mittelpunkt des Interesses seines Autors eher 
spätere Zeit£>n als das Mittelalter stehen .30. Ganz dem Mittelalter wurde 
dagegen der Katalog einer Ausstellung' gewidmet, die von den Archäolo- 
gen-Waffenkennern aus L6dz 1978 in Warszawa veranstaltet wurde, 
anläßlich des damals stattgefunden 8. Kongresses IAMAM (Internationale 
Vereinigung der Militär- und Waffenmuseen) 31, Ebenfalls wurde der 
Versuch. einer populärwissenschaftlichen Synthese gemacht, die die 
Bewaffnung und Bekleidung der polnischen Rit schaft innerhalb des 
mittelalterlichen Zeitraums zu behandeln hatte 32. f 
Von besonderer Bedeutung für die uns hier interessierende Proble- 
matik wird wohl die umfangreiche interdisziplinäre, 1985 abgeschlossene 
Arbeit sein, die die Bewaffnung in Polen etwa von der Mitte des 14. Jhs. 
bis zur 
/Iitte des 15. Jhs" behandelt 33. Diese Frucht der langjährigen 
Arbeit im. Waffenkennerkollektiv aus L6dz gilt im gewissen Sinne als 
Entsprechu.ng zur Monographie von A. Nowakowski über die Bewaffnung 
des Deutschen Ordens, was zusätzliche vergleichende Studien ermöglicht. 
Die .hier aufgeführten Errungenschafteri unserer Wissenschaft, die fast 
ausschließlich aus den letzten zwanzig Jahren stammen, lassen sich einet:\..: 
ziemlich klaren Begriff von der polnischen Bewaffnung machen, ins-. 
besondere innerhalb des Jahrhunderts zwischen 1350 und 1450. Es hat 
sich eindeutig erwiesen, daß die damalige polnische Bewaffnung sich 


do XVI, Acta Archaeologica Lodziensia, Nr" 32, L6di 1986. A. Na d 0 1 ski, Z. Wa- 
w r z 0 n 0 w s k a, Szczqtki zbroi ze Spytkowic, [in:J Studia do dziejow dawnego 
uzbrojenia i ubioru wojskowego, Teil 8, Krak6w 1992, S. 21-34. . 
18 M. GI 0 s e k, Znaki t napisy na mieczach jTedniowiccznych w Pol se£:, . 
Wroclaw 1973; der s., Miecze. jrodkowoeuropejskie z X-XV wieku (wie .Anm. 14); 
M. L e.w a"n d 0 w ski; Puginalll 
1"edniowieczne z ziem polskich .(wie Anm. 17); 
A. Na d 0 1 ski, Polska brO'li.. Bron biala, Wroclaw, 1 Ausgabe 1974, 2 Ausgabe 1984; 
(engliscbe Vi!rsion: Polish Arms. Side Arms, Wroclaw 1974); A.. Na d 0 1 ski, 
M. GI o.s e k, Miecze 
redniowieczne. z ziem polskich (wie Anm. 14). 
8G Z. Z Y g u 1 ski jr., Bron w dQ.wnej Polsce na tle 1.I.zbrojenia Europy i Bliskie- 
go Wschodu, Warszawa 1975. 
11 Bron 
redniowi£:czna z ziem polskich (wie Anm. 14). 
.. A. N a: d 0 1 ski, Bron i str6j ryccrstwa polskiego . w Ired.niowieczu, Wroclaw 
1979. . 
11 Uzbrojenie w Polsee jredniowiecznej 1350-1450, red. A. Na d 0 1 ski, 
Olsztyn (in Druck).
		

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			Die Forscbungen über die Bewaffnung des Deutschen Ordens... 59 


bcinahe gänzlich in Zusammenhang mit den westlichen latein-europä- 
ischen Formen bringen läßt. Deutlichere Einwirkungen des russischen 
oder vielmehr baltisch-russischen Ostens sind vorläufig nur in Masowien 
(vielleicht e.uch in Ost-Pommern), und zwar vor der Mitte des 14. Jhs., 
sichtbar. Ähnlich wie im Deutschordensheer verfügte auch im spät- 
mittelalterlichen Polen nur eine geringe Anzahl von Lanzenreitern über 
vollständige Plattenharnische, die Mehrheit sowie die die Lanzenreiter 
begleitenden Schützen tretten in Eisenhüten, Panzern (Kettenpanzern), 
in Platten, eventuell mit zusätzlichem fragmentarischem Arm- und 
Beinplattenschutz auf. Die Lanzenreiter und Schützen stehen im Ver- 
hältnis 1 : 3. Ähnlich wie auf der Seite des Deutschen Ordens war die 
Armbrust, nicht der Bogen die Grundwaffe der zuletzt genannten. Der 
Einsatz von Pulverartillerie wird durch Quellen erst für das Jahr 1383 
best:itigt, aber es ist sehr wahrscheinlich, daß sie in unserem Land schon 
früher bekannt war. Jedenfalls erlebt diese Art von Waffe eine bewegte 
Entwicklung unter der Regierung von Wladyslaw Jagiello. Der Gebrauch 
der Handfeuerwaffe im Felde scheint dagegen im Fall unseres 
He(>res in jener Zeit trotz des Vorbilds der benachbarten Hussiten be- 
grenzt zu sein. Diese Waffe tritt vor allem in Städten und Schlössern 
auf. Der Sättigungsgrad des ganzen Landes mit Waffen hauptsächlich 
mit Angriffswaffen, ist beträchtlich. Die Blankwaffe besonders wird 
allgemein, nicht nur von Adligen, auch Städtern, selbst von Bauern 

etr"gen. Die zuletzt genannten verfügen noch über ein ziemlich reiches 
Bewaffnungssortiment, das sie in Anspruch nehmen, wenn sie im Rahmen 
der "defensio terrae" einberufen sind. 
Bemerkenswerte Ergebnisse wurden im Bereich der Forschungen 
über die Organisation der Waffenproduktion erreicht. Es wurden 468 
Handwerker, Spezialisten auf diesem Gebiet, namentlich identifiziert, 
die auf dem Territorium des Königreiches in den Jahren 1350-1450 
tätig waren. Der Vorrang muß zweifellos Krak6w gegeben werden, da 
diese Stadt sich vom Ende des 14. Jhs. rasch zu einem mächtigen Zentrum 
der Rüstungsproduktion entwickelte. Diese Erzeugung deckt nicht nur 
den lokalen Bedarf, indem sie u.a. den königlichen Hof versorgt. Es wird 
ebenfalls ausgeführt, und zwar unter Beachtung des Geschmäckes ent- 
fernter Abnehmer, wovon die in den Quellen genannten "schlomy Tarta- 
rorum" (tartarische Helme) zeugen, die in Krak6w angefertigt und für 
Litauen bcstimmt waren. Zu den spezialisierten, städtischen Zunft- 
werkstätten sollte man die über das ganze Land zerstreuten Werkstätten 
der Dorfhandwerker zählen, insbesondere diejenigen der Schmiede, aber 
ebenso der Riemenschneider u.a., die imstande waren, unkomplizierte 
Rüstungselemente anzufertigen oder wenigstens zu reparieren. 
Die in Polen tätigen Waffenhersteller eigneten sich schnell die neu-
		

/Czasopisma_119_04_062_0001.djvu

			60 


Andrzej Nadol!;ki 


esten technischen Errungeschaften und Anforderungen der militärischen 
Mode an. Der Gebrauch von vollständigen "blanken" Harnischen wird 
bei uns für die Zeit um 1420 bestätigt, in übereinstimmung also damit, 
was in Weste uropa festgestellt wird. Der italienische Stil der Harnische, 
der anfänglich bei uns, übrigens auch in der ganzen lateinischen Welt, 
überwiegt, tritt innerhalb des 15. Jhs. hinter dem süddeutschen Stil 
zurück. Einige Rüstungselemente gelangen zu uns zweifellos als Ein- 
fuhrwaren vom Ausland. Die lokale Produktion überwog jedoch. Ein 
Versuch der Schätzung ihrer Leistungsfähigkeit ergab zu überlegende 
Resultate. Man sollte annehmen, daß jährlich in Polen ungefähr 2200 
Plattenharnische, etwa 2500 Kettenpanzer, bis 2400 Armbüste und etva 
6400 Schwerter abgesetzt werden konnten. Der König JagieHo redete 
nicht in den Wind, indem er den Herolden des Deutschen Ordens bei 
Grunwald sagte, er habe "Schwerter genug in seinem Heer". 
Die Rüstung der Prussen, Sudauwer und Litauer ist besonders 
ungenügend erfoscht worden. Die bescheidene Quellenbasis entschiedet 
sicher auch darüber, aber vor allem sind das mangelnde systematische 
Studien, die die aktuellen Anforderungen der Forschungsmethode 
berücksichtigen. Unter diesen Umständen sind wir allzu oft auf Ver- 
mutungen angewiesen, die sich manchmal wenig von legendären, durch 
jahrhundertelange Tradition eingeprägten Vorstellungen unterscheiden. 
Als besonders kennzeichnend muß man die festgewurzelte überzeugung 
von primitivem Militärwesen der Balten annehmen, vor allem der Prussen, 
die in Pelzen gekleidet mit Knüppeln und Steinen bewaffnet in den 
Kampf gezogen sein sollen. Die Darstellung eines solchen prussischen 
Kriegers, der mit einer riesigen Keule zum Nahkampf sowie mit einer 
Reihe von Wurfkeulen, in den Gürtel gesteckt, ausgerüstet war, wird 
schon auf einem Blatt des heute raren Buches von Mathias Weissei aus 
dem Jahre 1599 sichtbar 3'. Beinahe unverändert wiederholte Hartknoch 
1684 diese Abbildlung 35. 
Zweifellos finden wir in einigen in Betracht gezogenen schriftlichen 
Quellen Informationen über Balten, die ihre Feinde mit Hilfe von Knüp- 
peln und Steinen bekämpfen 3&. Es erhebt sich die Frage, ob diese Infor- 
mationen eine Widerspiegelung der vollen Wirklichkeit sind, oder ob sie, 
mindestens zum Teil, dem, wie es scheint, von einigen mittelalterlichen, 
westeuropäischen Autoren angewandten Schema entspringen, die Kämpfe 


I. M. W eis e 1, ChTonica Alter Preusscher Eifflendischer und Curlen- 
diseher Historien (...], Königsberg, gedr. bey Georgen Oster borgen 1599; ein Exemplar 
dieses Werkes befindet sich in der Stadtbücherei TorUl1. 
.. Alt-und Neues Preussen (wie Anm. 10). 
· Beispiele mit Bezug auf die Quellen: H. l.. 0 w m i ans k i, Studia nad dzie- 
jami Wielkiego Kst
stwa Litewskiego, Poznan 1983, S. 345-346.
		

/Czasopisma_119_04_063_0001.djvu

			Die Forschungen über die Be", 


ng des Deutscben Ordens... 


'1 


ihr
r Landleute gegen heidnische, oder schismatische Völker beschrieben. 
Anderseits empfiehlt es sich zu merken, daß "homme d'armes", "homo 
armatus" in der mittelalterlichen Terminologie keinen underfinierten 
Bewaffneten, sondern einen gepanzerten Ritter bezeichnet. Im Gegen- 
satz dazu kann der auch für baltische Krieger angewandte Terminus 
"inermes" die Leute bezeichnen, die zwar keine Panzer besaßen, aber die 
der Angriffswaffe nicht beraubt wurden 37. ... 
Gleichzeitig finden wir in entsprechenden Texten zahlreiche Bemer- 
kungen, aus denen eine ziemlich reiche Rüstung der prussischen oder 
litauischen Krieger zu entnehmen ist 38. Auf eine verhältnismäßig weit 
fortgeschrittene Entwicklung der materiellen Kultur von mittelalterlichen 
Balten verweisen ebenfalls archäologische Forschungen, die bisher vor- 
wiegend auf früh mittelalterliche Fundstätten gerichtet waren 39. Es bleibt 
die Frage offen, ob verschiedene in schriftlichen Berichten genannte 
und während der Ausgrabungen entdeckte Waffen nur den Stammäl- 
testen und den um sie gescharten Gefolgsleuten zur Verfügung standen 
oder ob sie auch der Gesamtheit der Stammesmitglieder zugänglich 
waren, welche zur Verteidigung des Landes bereit standen. Auf diese 
Frage finden wir keine eindeutige Antwort in der vorhandenen, übrigens 
sehr bescheidenen Fachliteratur. Diese Literatur läßt sich entweder auf 
allgemeine Bemerkungen reduzieren, die am Rande von einer umfan- 
greicheren Problematik gewidmeten Abhandlungen gemacht worden sind 
oder auf Skizzen, die nicht immer ganz den Anforderungen entsprechen, 
welche in der letzten Zeit an wissenschaftliche Bearbeitungen gestellt 
werden 4.0. Die Veröffentlichungen der archäologischen Materialien be- 
treffen vorwiegend, wie bereits erwähnt wurde, überbleibsel aus früh- 


17 Es macbt darauf aufmerksam, daß sowohl im Text als aucb auf den entspre- 
chenden Bildern der ungariscben Cbronicon Pictum (Fot 72b und 73'b) die Walachen 
des Woiwoden Basarad, die das Heer von Karl Robert d'Anjou 1330 vernichteten, 
ebenfalls mit Pelzen bekleidet sind und mit Knüppeln und Steinen ausgerüstet 
auftreten. Die Bedeutung des Terminus ..homo armatus" und ähnlicber: Ph. C 0 n- 
tarn i n e, op. cit., S. 242; Cl. Ga i e r, Armes et armures dans l'oeuvTe ipique 
et historique de Jean d'Outremeuse (XIV siede), Gladius, Bd. 16 (1983), S. 20. Der 
Terminus ..inermes" wird von Hcinricb der Lette auf Liven bezogen: Henrici 
Chronicon LlIvoniae, hrsg. von W. Ar n d t, Hannover 1874, VII 7, X 12 (S. 37). 
Dieleibe Bezeichnung angewandt im Hinblick auf Esten mit der Anmerkung: ..qui 
non habent consuetudinem armorum in tantum quantum alie genUs", ebd., XV 3. 
1& Beispiele mit Bezug auf die Que en' H. L 0 w m i ans k i (wie Anm. 36). 
.8 Ibid. 
.. K. A j c i k, 0 wojskowo
ci Prus6w w V-XIII wieku, Komunikaty Mazursko- 
Warmi1'lskie, Nr 2 (100), 1968, S. 221-237; der s.,O SZllku bojowym Balt6w, Studia 
i Materia!y da Historii Wojskowojci, Bd. 16, Teil 1 (1970), S. 3-10; K. W i 1 ins k i, 
Walki polBko-pruskie w X-XIII w., Acta Univ. Lodziensis, Folia Historica, 15, 
L6dz ).984.
		

/Czasopisma_119_04_064_0001.djvu

			62 


Andrzej Nadolski 


mittelalterlichen oder noch ferner zurückliegenden Zeiten u. Es ist ein 
eigentümliches Paradoxon, daß wir ziemlich viel über die Rüstung der 
Balten aus den ikonographischen und schriftlichen Quellen erfahren, 
sogar archäologischen, aus dem Gebiet ihrer Nachbarn, die sich, um 
es noch einmal hervorzuheben, einige prussische und litauische Waffen- 
gattungen angeeignet hatten, und ebenso ihre Streitkräfte mit zahlreichen 
Kontingenten von Balten in ihrer eigenen charakteristischen Ausrüstung 
ergänzten. 
In jener Ausrüstung spielten in der von uns behandelten Zeit ost- 
europaische, genauer gesagt russische Elemente eine unbestreitbare und 
wichtige Rolle 42. Zu diesen Elementen gehören kegelformige, spitzige 
offene Helme mit Schuppenhelmbrünnen ausgerüstet. Hierzu soll man 
. auch charakteristische orientalische Schuppenpanzer oder Lamellen- 
panzer rechnen, die in den Ordenstexten als "brogne", "bronye" be- 
zeichnet werden 43. Sowohl Helme als auch Panzer jenes Typus kennen 
wir anhand der bescheidenen Ikonographie der litauischen Herrscher 
und ebenso anhand derjenigen der masowischen Herzöge 44. Dagegen 
scheint die hölzerne viereckige Reiterpavese ein originales prussisch- 
litauisches Gebilde zu sein, das nachher von slawischen und deutschen 
Nachbarn sich zu eigen gemacht worden ist 45. 


U A. A n t ein s, Damascetie un ieTakstu zobeni Latvi;a un to asmenu techno- 
logi;a, Par technikas Latvijas, PSR VI, Riga 1964; der s., Damasska;a stal w stra- 
nach bassina baltiskogo moria, Riga 1973; der s., Melnais metl1las Latvi;/i, Riga 
1976; K. Gab r i u n a i t e, LOkalny;e podrazania rannosriedniewiekowych szlemow 
russkogo typa w Litwie, Acta Baltico-Slavica, Bd. 2 (1965), S. 115-132. Die wert- 
vollen Werke von polnischen Archäologen, darunter J. Antoniewicz, J. Jaskanis, 
J. Okulicz beziehen sich vorwiegend ebenfalls auf frühmittelalterlieben oder noch 
lerner zurückliegenden Fundstätten; vgl. D. Jas k a n i s, M. K a c z y n ski, Balto- 
wie, p6lnocni sqsiedzi Slowian, Warszawa 1981, Ausstellungskatalog, wo baupt- 
sächliche Bibliographie. über die spätmittelalterliche Kultur Lettlands letztens: 
E. M u gur e vi l: s, The Culture 01 Inhabitants of Mediaval Settlement in Latvia 
in Livonian PeTiod (the End of the 12th - the Half 01 the 16th Century) Fasciculi 
Archeologiae Historicae, Nr. 2, (im Druck). t 
CI Die übersicht der russischen Bewaffnung im Spätmittelater: A. N. Kir p i c z- 
ni k 0 w, Wo;enno;e dielo na Rusi w XIII-XV w.w., Leningrad 1976. 
CI M. GI 0 s e k, A. No w a k 0 ws k I, Sredniowieczna przylbica (wie Anm. 14); 
A. No w a k 0 w ski, Uzbro;enie wo;sk krzyzackich (wie Anm. 15), S. 65-67, 83-64. 
ce M. G u m 0 w ski, Pieczfcie ksiq-tqt litewskich, Ateneum Wilenskie, Jg. 7, 
H. 3-4 (1930), S. 684-725; A. No w a k 0 w ski, Przllczynki do poznania tzw. zbroi 
mazowieckie; (wie Anm. 14). 
CI V. Den k s t ein, Elementy wschodnie i zachodnie w czeskim uzbro;eniu 
(wie Anm. 14); A. Na d 0 I ski, Niekt6re elementy balto-slowianskie (wie Anm. 14); 
A. No w a k 0 ws k i, Przycz1lnki do poznania tzw. zbroi mazowieckie; (wie Anm. 14); 
d e t s., Jeszcze 0 genezie paWfZ1l (wie Anm. 14); der s., Uzbro;enie wo;sk krzy- 
zackich (wie Anm. 15); A. No w a k 0 ws k i, T. 0 rio ws k i, Dwa przedstawienia
		

/Czasopisma_119_04_065_0001.djvu

			Die Forschungen über die Bewaffnung des Deutschen Ordens... 63 


Wie aus dem Obigen hervorgeht, gehören die komplexen, inter- 
disziplinären und modern eingestellten Forschungen nach dem Militär- 
wesen, darunter ebenso der Bewaffnung von Prussen, Sudauwern und 
Litauern im 13.-14. Jh. zu den Aufgaben, von deren Erfüllung das 
Niveall unserer Kenntnisse vom militärischen Aspekt der Geschichte 
des Ordens und seiner Gegner abhängt. Mit Rücksicht auf die Notwen- 
digkeit einer vorherigen unentbehrlichen Vorbereitung der wissen- 
schaftlichen Grundlagen scheint es kaum möglich zu sein, daß solche 
Forschungen zu bedeutenden Ergebnissen im Verlauf von einigen oder 
vieleicht erst mehr als zehn Jahren führen könnten. Solche ErgebnisSje 
können dagegen schneller erreicht werden durch die Intensivierung der 
Studien über die polnische Bewaffnung und auch über die Bewaffnung 
des Deutschen Ordens von 1226-1350 und nach 1450, wobei natürlich 
erstens Handlung die zweite nicht ausschließt. Man darf ebenso auf 
gleichzeitige Bemühungen um die Bereicherung der Quellenbasis nicht 
verzichten. Zwar ist es schwer, sich auf die Entdeckung neuer, bisher 
unbekannter ikonographischer Quellen zu verlassen, obwohl auch das 
nicht ganz aussischtslos wäre 46. Demgegenüber enthalten die seit Jahren 
schon im Druck erschienenen schriftlichen Quellen immer noch große 
Möglichkeiten einer schöpferischen Interpretation. Solche Möglichkeiten 
kann ebenfalls die Archäologie anbieten, unter der Bedingung einer 
entschprechenden Auswahl der Ausgrabungsstellungen. Die bisherigen 
Erfahrungen lehren, daß die archäologischen Forschungen auf dem 
Gebiet der bekannten mittelalterlichen Schlachtfelder, wenn auch für 
die militärische Wissenschaft wichitg, wenig für die Kenntnisse über 
die ehemalige Bewaffnung bedeuten. Desto mehr Hoffnungen kann man 
dagegen mit Untersuchungen der überbleibsel von spätmittelalterlichen 
Holz- und Erdburgwällen verbinden. Alles deutet darauf hin, daß wir 
die. Antwort auf manche die Bewaffnung des Deutschen Ordens, der 
Polen und Balten betreffende Fragen wohl dort finden werden. 


uzbrojenia baltyjskiego w 
Tedniowiecznej plastyce tiguTalnej z ziem polskich, Acta 
Universitatis Nicolai Copernici, Archeologia 8, Torun 1984, S. 83-95. 
" Vgl. Cl. Ga i e r, Quelques particularites (wie Anm. 17).
		

/Czasopisma_119_04_066_0001.djvu

			P. .
		

/Czasopisma_119_04_067_0001.djvu

			ORDINES MILlTARES IV. Werkstatt des Historikers... 


HARTMUT BOOCKMANN (Göttingen) 


Beiträge zu einer Ikonographie des Deutschen Ordens (BI) 


Bei einem überblick über die Dokumente, die uns für die Erforschung 
der Deutschordensgeschichte zur Verfügung stehen, dürfen ikonogra- 
phische Quellen 1 nicht fehlen. Doch was sind ikonographische Quellen? 
Man hält sich am besten an das Wort und übersetzt es. Ikonographische 
Quellen wären demnach Bilder, die als Quellen benutzt werden können. 
Für unseren Zweck müßte diese einfache Definition ausreichen. Wich- 
tiger als eine genaue Definition scheint mir die Beantwortung der Frage 
zu sein, wie man als Historiker mit solchen Quellen umgehen soll und 
welchen Ertrag sie bringen. Das möchte ich nun an zwei Beispielen 
I erörtern. 
Ich beginne mit einem Gemälde, das einem der berühmtesten deut- 
schen Maler des späteren Mittelalters zugeschrieben wird: dem in Köln 
tätigen Stefan Lochner I. Thema des Bildes ist der erste Besuch Mariens 
im Tempel nach der Geburt Christi, die sogenannte Reinigung Mariens 
Maria überbringt zwei Tauben als Opfer und übergibt den Erstgeborenen, 
also Christus, dem Herrn. Christus sitzt demzufolge, gehalten vom 
Hohenpriester Simeon, auf dem Altar. Josef bereitet sich hinter Mari 


1 Einen knappen überblick gibt O. Neu b eck e r, Deutschritterorden, [in:] 
Reallexikon zur deutschen Kunstgeschichte 3, Stuttgart 1954, Spalte 1312-1344. 
Weitere Beiträge zur Ikonographie des Deutscben Ordens: K. F 0 r s t r e u t e r, 
Bildnisse "on Hochmeistern des Deutschen Ordens im Mitttelalter, [in:] Acht Jahr- 
hunderte Deutscher Orden, brsg. von K. Wie s e r, Bad Godesberg 1967, S. 1-14 
und H. B 0 0 c k man n, Das Hornecker Stifterbild und die Anfänge der Deutsch- 
ordenskommende Horneck. Beiträge zu einer Ikonographie des Deutschen Ordens, 
(in:] Horneck. Königsberg und Mergentheim, hrsg. von U. Arnold, Lüneburg 
1980, S. 11-32 und der s., Die Entwürfe "on Karl-Wilhelm Kolbe und Karl- 
Wilhelm Wach für die Glasmalereien des Marienburger Sommerremters. Beiträge 
zu einer Ikonographie des Deutschen Ordens 2, (in:) Preussen und Berlin, hrsg. von 
U. Ar no I d, LÜßeburg 1982, S. 9--39. Siehe auch die unten Anm. 24f. zitierten 
Aufsätze. 
I A. S ta n g e, Kritisches Verzeichnis der deutschen Tafelbilder "on Dürer 1, 
München 1967, Nr. 97. Das Bild befindet sich heute im Hessischen Landesmuseum 
in Darmstadt. Ausführliche Analyse von R. Wall rat h in dem Katalog: Die 
Sammlungen des Baron "on Hüpsch, Köln 1984, Nr. 70. Die Zuordnung zum Oeuvre 
Stefan Lochners ergibt sicb aus Stil-Kriterien. Bezeugt ist sie nicht. 


.......
		

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			66 


Hartmut Boockmal1n 


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A. TIM 


10 0 


darauf vor, Chrish!s durch eine Geldzahlung wieder auszulösen. Die 
Träger der Handlung sind von einer Fülle weiterer Personen umgeben. 
Die Frauen links und die Männer rechts mögen die weiblichen und die 
männlichen Verwandten Maria und Josefs sein. Doch fällt aus der Män- 
ner-Gruppe eine Person heraus, der durch das Kreuz
 auf dem Mantel 
und das Blatt in der Hand augenscheinlich eine besondere Rolle zuge- 
dacht ist. Auch (kutet der reiche Gürtel mit einem kurzen Dolch und 
einem nicht sicher bestimmbaren Gegenstand - vielleicht einer Parfüm- 
Kugel - daraufhin, daß hier nicht nur der Repräsentant eines speziellen 
Sandes, sondern ein ganz bestimmtes Individuum gemeint sein dürfte. 
_ Der Text auf dem Blatt lautet, aus dem Niederdeutschen des 15. Jahr- 
hunderts in das Deutsch der Gegenwart übersetzt: Jesus Maria gibt uns 
Lohn zusammen mit dem gerechtfertigten Simeon, dessen Heiltum, das 
heißt dessen Reliquie, ich hier in schöner Weise zeige. Dann folgt noch 
die Jahreszahl 1447 3 . Dieser Text hat nur dann einen Sinn, wenn die a 
Gestalt in der anderen Hand ursprünglich tatsächlich ein Behältnis mit 
einer Simeons-Reliquie gehalten hat, und das ist offensichtlich der Fall 


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Teppich mit liturgischer Totenfeier aus dem Bcrner Münster, kurz nacb 1448/1449. 
Landesmuseum Zurüch 


. 
gewesen, da sich in dem Bild an der entsprechenden Stelle zwei Löcher 
finden, die offensichtlich früher einer Befestigung gedient haben. Das 
Bild wäre also zugleich ein Reliquien-Ostensorium und als solches 
augenscheinlich einmalig gewesen '. In unserem Zusammenhang ist aber 


I Ihsu Maria geit uns loenl mit dem rechtverdigen Symeon/ des beltum ich 
by zeigen scboen! 1447. Die Wiedergabe des Textes bei S t an g e (Anm. 2) ist 
feblerbaft, weil sie die Kürzungszeicben nicht berücksichtigt. Die gleiche Inschrift 
trug ein Simeons-Figürchen. Vgl. unten bei Anm. 6. 
« Wall rat h (wie Anm. 2).
		

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			Beiträge zu einer Ikonographie... 


67 


interessanter, daß die besprochene Figur durch den weißen Mantel mit 
dem schwarzen Kreuz ganz eindeutig als ein Ritter des Deutschen Ordens 
ausgewiesen ist 5. Da wir aus schriftlichen Quellen wissen, daß das 
Bild aus der dem Deutschen Orden gehörigen Kölner Katharinenkirche 
stammt 6, wird man wohl annehmen müssen, daß es sich bei der dar- 
gestellten Figur um einen Ritter des Kölner Deutschordenshauses han- 
delt. WeIcher Ritter gemeint ist, läßt sich nicht sagen. Man könnte an 
Werner Overstolz den Älteren denken 7. Er gehörte einer der bekann- 
testen Kölner Familien an. Seine Familie stand dem Orden traditionell 
nahe und war in ihm mehrfach vertreten. Werner Overstolz selbst war 
erst im Alter Ordensritter in Köln geworden und hatte sich ein Leben 
ausbedingt, das in vieler Hinsicht frei von den durch die Ordensregel 
gegebenen Einschränkungen war. Zu diesem "recht eigenständigen 
Leben" 8 im Kölner Ordenshaus und zumal zum Vermögen dieses Man- 
nes könnte die gewiß te ure Tafel Stefan Lochners 9 gut passen. Daß sie 
I Den weißen Ordensmantel könnte aucb ein Priesterbruder tragen. Vgl. die 
Darstellung eines solchen auf einem Gemälde im Germaniscben Natiomllmuseum 
in Nürnberg (S t a n g e, wie Anm. 2, jedoch 2, 1970, Nr. 67. Abgebildet bei 
H. B 0 0 c k man n, Der Deutsche Orden. 2. Aufl., München 1982, Abb. 2). Daß 
der" auf Lochners Gemälde dargestellte Bruder des Deutschen Ordens ein Ritter 
sein soll; ergibt sich vielleicht aus dem - freilich nicht eindeutig sichtbaren - 
Fehlen der Tonsur, boffentlich aus dem Dolch am Gürtel und eindeutig aus dem 
Bart, den die Ordensregel dem Ritter vorschrieb. Der hier dargestellte Ritter trug 
den Bart jedocb in - gewiß modiscb - gekürzter Form. Daß der Bart auf Abbil- 
dungen überdies nur schwer zu erkennen ist, liegt daran, daß er sicb von dem 
rötlichen Inkarnat nur wenig abbebt (freundliche Mitteilung von Dr. Wolfgang 
B e e h, Darmstadt. 
e In seine!' Beschreibung Kölns aus dem Jahre 1645 spricbt Gel e n i u s 
(zitiert bei Wall rat b, wie Anm. 2) davon, daß sich in der Kölner Katharinen- 
Kircbe des Deutscben Ordens bedeutende Simeonsreliquien befunden hätten und 
daß auf dem Hochaltar dieser Kirche die Gescbicbte des heiligen Simeon dargestellt 
gewesen sei. Gelenius zitiert dann die Inschrift des heute in Darmstadt befindlichen" 
Bildes, so daß die Identität dieses Bildes mit dem von Gelenius beschriebenen" als 
sicher angenommen werden kann. Die Kölner Katharinen-Kirche besaß ferner ein 
Simeons-Figürchen aus Holz, welches die gleiche Inschrift trug wie das Bild. Vgl. 
Die Kunstdenkmäler der Rbeinprovinz 2, 3, Ergänzungs-Band: Die ehemaligen 
Kirchen, Düsseldorf 1937, S. 112. "I ."1 11 
7 So vermutete H. V 0 g t s, Die Kölner Patriziergeschlechter des' Mittelalters" 
als BauheTTen und Förderer der Kunst, Annalen des Historischen Vereins für den 
Niederrbein 155/156, 1954, S. 523. 
8 H. Li m bur g, Deutschordensmitgireder aus dem Hause Overstolz im Mittel- 
alter, Mitteilungen der Westdeutschen Gesellschaft für Familienkunde, 55, S. 146f. 
t Die in der Regel schlecht oder gar nicht zu beantwortende Frage, ob ein von 
uns hoch geschätztes Kunstwerk des 15. Jahrbunderts auch damals in ähnlichem 
Ansehen stand, "läßt sich hier mit einiger Sicherheit positiv beantworten. Die 
Darmstädter Tafel Stefan Lochners ist mehrfach nachgeabmt worden. Vgl. W a 11- 
rat h (wie Anm. 2) und S t a n ge (wie Anm. 2), Nr. 262. ·
		

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			- 


68 


Hartrnut Boockmann 


aus dem Emkommen des Ordenshauses selbst bezahlt worden sein könnte, 
muß angesichts der vielen Nachrichten über dessen damalige Notlage 
als unwahrscheinlich erscheinen. Das Kölner Deutschordenshaus befand 
sich in den vierziger Jahren des 15. Jahrhunderts offensichtlich in einer 
Krise. Sowohl der Wechsel im Hauskomturamt 10 von 1442 wie auch der 
von 1446/1447 muß einigermaßen dramatisch verlaufen sein 11. 1447 
strapaZIerten die in diesem Zusammenhang geführten Auseinandersetzun- 
gen die Ordensdisziplin nicht unbeträchtlich 12. Wohl bald darauf kam 
der Gedanke auf, das Haus aus dem Ordensverband zu lösen und dem 
Johanniter-Orden einzugliedern IS. Spiegelt sich etwas davon in Lochners 
Bild? Das läßt sich einstweilen nicht sagen. Daß das Bild die Position 
dessen, der auf ihm als Deutschordens-Ritter dargestellt ist, stärken 
sollte, wird man jedenfalls vermuten dürfen u. Und auch die demonstra- 


11 Das Kölner Haus unterstand dem Komtur von Koblenz. Der Vorsteber des 
Kölner Hauses fübrte in aller Regel den Titel pinf's Hauskomturs. H. Li m bur g. 
Die Hochmeister des Deutschen Ordens und die Ballei Koblenz. Rad Godesberg 
1969, S. 60. 
11 n:. Re i me r, VerfaU der Deutschordensballei Koblenz im 15. Jahrhundert, 
Trierisches Archiv, 11, 1907, S. 11ft. 1442 mußten der damalige Kölner Hauskomtur, 
Eherhard Thyn von Schlenderhaen, und der Komtur von Koblenz, Pbilipp von 
Kendenich, ibre Ämter vertauschen. 1446 bzw. 1447 verloren beide ibre Ämter. 
Hauskomtur von Köln wurde, wie scbon 1438, Jobann von Miele, wäbrend als 
neuer Komtur von Koblenz ein Ritter aus Preußen, Klaus von Gielsdorf. ein- 
gesetzt wurde. 
11 Im Jabre 1447 sollten die Streitigkeiten in Koblenz und Köln zunächst durch 
Schiedsrichter, die dem Deutscbmeister unterstanden, geklärt werden. An deren 
Stelle trat dann eine Entscheidung durch vom Hochmeister ernannte Schiedsricbter. 
Re i m e r (wie Anm. 11), S. 6f. und S. 24ft. VgI. auch K. E. Mur a w ski, Zwischen 
Tannenbery und Thorn, Göttingen 1953, S. 49. Am Rande mag bemerkt werden, 
daß die Annahme von Elisabeth P f e i f f e r, die Männer binter Simeon und dem 
Deutschordensritter stellten nicht die "Vertreter der Menschen" dar, "sondern sie 
sind Vertreter der Ordensmitglieder, Priester Ritter und dienende Brüder", gewiß 
in die Irre geht. (Zur Ikonographie der Darbietung Christi im Tempel, Mitteilungen 
des Vereins für Gescbichte der Stadt Nürnberg, 56, 1969, S. 331f.) Wie Ordenspriester 
dargestellt wurden, sieht man an dem Anm. 5 erwähnten Nürnberger Bild sowie 
an dem Berner Teppich unten bei Anm. 28ft. Ebenso wie dort sind aucb bier 
Männer und Frauen auf die beiden Bildbälften verteilt. Beide müssen also den 
gleichen Status haben. Daß es sieb dabei nicht um ständisch abgestufte Repräsen- 
tanten der Menschheit wie z.B. bei Schutzmantel-Madonnen handelt, liegt auf der 
Hand. 
11 Re i m e r (wie Anm. 11), S. 9 und Mur a w ski (wie Anm. 12), S. 49. 
I' Ähnlich ungewiß bleibt, ob das Hornecker Stifterbild einem konkreten Anlaß 
seine Entstehung verdankt. VgI. B 0 0 c k man n (wie Anm. 1), S. 23. Immerhin 
ist in diesem Falle klar, daß sich ein Deutschordensritter hat darstellen lassen, 
und das gleicbe gilt für das "Krypto-Portrait" der Tafel Lochnera. Dagegen bleibt 
der Versuch, die Darstellung der Heiligen Drei Königs des - ebenfalls im Darm- 
städter Museum aufbewahrten - Ortenberger Altars in dem Sinne zu deuten. daß 


------....
		

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			Beiträge zu einer Ikonograpbie... 


69 


tive Jahreszahl 1447 auf dem Gebetszettel des Ordensritters deutet in 
diese Richtung. 
Man sollte sich aber nicht verführen lassen, etwa in dem "zivilen" 
Habitus des Lochner'schen Ordensritters einen Spiegel der Kölner Zu- 
stände zu sehen, als repräsentiere diese Gestalt die nichtritterliche, 
stadtbürgerliche Lebensweise, wie sie für dieses Haus charakteristisch 
war und wohl nicht zuletzt auch den Lebensstil des Werner Overstolz 
charakterisierte, dessen später Eintritt in den Orden ja offensichtlich 
als eine Art von Ruhestand angesehen werden kann. Die für das 16. J ahr- 
hundert und für die spätere Zeit so typische Darstellung des Ordens- 
ritters im Panzer und mit einem dekorativen Brustkreuz 1& ist eben erst 
für diese Zeit charakteristisch. Wie es scheint, haben sich die Ritter des 
Deutschen Ordens bis zum Ende des 15. Jahrhunderts fast nur so ge- 
wandet wie auf dem Darmstädter Gemälde darstellen lassen: als Stifter 
von Bildern 18 oder von Kirchenfenstern 17, im Reich wie in Preußen 18. 


dE'r stehende König cine ganz bestimmte Person sei und daß mit diesem verdeckten 
Portrait bestimmte Absichten verbunden worden seien (so W. Be e h, Der Orten- 
beTgeT Altar. Mit einer Einführung von G. Bot t, Darmstadt 1981, S. 33ff.) 
spekulativ. Das neben diesem König gebaltene Schwert, welches das Hauptargument 
B e e b s darstcllt, kann diesc Argumentation nicht tragen, weil es einfach zum 
Königs-Zeremoniell gehört und infolgedessen allein durch das Bildthema erklärt 
werden kann. (Vgl. z.B. die Darstellung der Beichte Karls des Großen auf dem 
Deocarus-Altar der St. Lorenz-Kirche in Nürnberg: S t a n g e, wie Anm. 2, jedoch 3, 
1978, Nr. 43) oder zahlrciche Darstellungen König Siegmunds in der Chronik des 
Konstanzer Konzils von Ulrich Riechental. Auch die Tatsache, daß der Ortenberger 
Altar bzw. dieses Bild (ähnlicb dem Bild Locbners) im Mittelalter kopiert worden 
ist, kann diese Interpretation gleicbfalls nicht stützen. Wenn H. Be c kund 
H. B red e kam p, Katalog: Kunst um 1400 am Mittelrhein. Ein Teil der Wirklich- 
keit, Frankfurt am Main 1975, S. 63 meinen, die Herstellung dieser Kopien "knüpft 
an den antiken Brauch an, die Macbt des Herrschers durch Bildaussendung zu 
repräsentieren", so bieten sie nur ein für die damalige Zeit - und für dielen 
Katalog - typisches Zeichen desorientierter Kunstwissenscbaft. Aussichtsreicher 
könnte es sein, der Frage nachzugeben, was das verdeckte Portait Herzog Karls 
des Kübnen von Burgund in der Darstellung der heiligen Drei Könige vom Kölner 
Columba-Altar des Rogier van der Weyden (in der Alten Pinakothek in München) 
bedeutet haben könnte. 
11 Vgl. B 0 0 c k man n (wie Anm. 5), Abb. 30ff. 
11 Z.B. ibid., Abb. 13. Ob der Stifter im weißen Mantel mit einem Kreuz auf 
der Brust (und nicht auf der Schulter) auf dem St. Salvator-Alter der Kirche 
in Heiligenstadt bei Gangkofen (Bayern), wo der Deutsche Orden eine Kommende 
besaß, tatsächlich ein Deutschordensritter ist (so die Annahme von V. Li e d k e, 
Landshuter Tafelmalerei, Ars Bavarica, 11/12, 1979, S. 32), soll hier nicht entschieden 
werden. 
17 Ibid. 
18 Siehe das - indessen ganz vereinzelte - Grabnal des Hochmeisters Luther 
von Braunschweig im Königsberger Dom.
		

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Hartrnut BoockmmID 


Ausnahmen sind selten 19. Ob für die Johanniter-Ritter etwas ähnliches 
gilt, läßt sich einstweilen nicht sagen 20. 
Wenn die Beobachtung richtig ist, daß die Ritter des Deutschen 
Ordens sich bis zum Ende des 15. Jahrhunderts fast immer im Ordens- 
mantel, also ebenso wie Priesterbruder 21, jedoch nicht im Plattenpanzer 
darstellen ließen, dann hätte man darin ein bemerkenswertes Indiz dafür, 
daß die Lebensform der Ordensritter nicht so ganz äußerlich war, wie 
die geläufige - und auch berechtigte - Formel vom Orden als dem 
Spital des deutschen Adels 22 vermuten lassen könnte. Der Plattenpanzer 
ist für die Darstellung des Ritterbürtigen im 15. Jahrhundert so konsti- 
tutiv 23, daß die fast durchgängige Darstellung der Ordensritter ohne 
Panzer wahrlich nicht selbstverständlich ist. Sie muß als ein. Verzicht 
auf darges telltes Prestige verstanden werden, wobei offenbleibcn kann, 
18 Eine Ausnahme ist die bekannte' Grabplatte Kunos von Liebenstein in 
Neustadt an der Drewenz (also in Preußen). K. W r 6 b 1 e w s k a, Gotjjcka plyta 
nagrobna Kunona von Liebenstein w Nowym Midcie nad Drw
cq, Komunikaty 
Mazursko-Warminskie 3 (73), 1961, S. 321ff. Die Messingplatte zeigt einen gerüsteten 
Ritter mit extrem kurzen Mantel über den Scbultern. Das Ordenskreuz ist gerade 
eben angedeutet. Eine andere Ausnahme ist das Votivbild des Landkomturs der 
BaIlei Österreich, Konrad von Stucbwitz, von 1490 in der Schatzkammer .des 
Deutschen Ordens in Wien. VgI. deren Katalog von H. F i I I i t z, Wien 1971, Nr. 5, 4. 
Die Ordenszugehörigkeit des Ritters im Plattenharnisch ist nur an dem Kreuz auf 
seinem Schild zu erkennen. 
111 Ein im Scbweizerischen Landesmuseum Zürich aufbewahrtes Glasgemälde 
.von vor 1498 zeigt den Johanniter-Großprior Graf Rudolf von Werden berg mit 
Rosenkranz und in einem seinen Körper. ganz bedeckenden OrdensmanteI. Ab- 
gebildet bei P. Mo r a w, PTopyläen Geschichte Deutschlands 3, Berlin 1985 vor 
S. 369. Es gleicbt im DarsteIlungstypus also den Deutscbmeistergrabsteinen auf der 
Burg Horneck. Vgl z.B. B 0 0 c k man n, wie Anm. 1, Abb. 14. Ein Epitaph der 
Familie Anwyl von Martin Scbaffner in der Stuttgarter Staatsgalerie zeigt an 
zweiter SteIle den Johanniter-Ritter Walther von Anwyl, von dem die Unterscbrift 
sagt, daß er 1489 gestorben sei und in Rhodos begraben liege. Er trägt einen präch- 
tigen Mantel mit großem Ordenskreuz auf der Brust und darunter sichtbar einen 
Plattenpanzer. VgI. Katalog der StaatsgaleTie Stuttgart 1. Alte Meister, Stuttgart 
1962, S. 177f. 
11 Siebe das Anm. 5 zitierte Bild sowie den Berner Teppich unten bei Anm. 28ff. 
11 H. B 0 0 c k man n, Johannes Falkenberg, der Deutsche Orden und die pol- 
ni8che Politik, Göttingen 1975, S. 52 Anm. 4. 
.. Zum Erscbeinungsbild des Ritters auf älteren Grabsteinen A. v. Re i t z e n- 
s t ein, Rittertum und Ritterschaft, München 1972, S. 57f. Ein deutliches Zeugnis 
für die weitreichende Identität von Rittertum und Plattenpanzer liest man in dem 
Liber de reformatione monasteriorum, hrsg. von von K. G r u b e, Leipzig 1889 des 
Johannes Buscb. Als er im Jahre 1455 die Adligen und sich der Reform wider- 
setzenden Klosterfrauen in Wennigsen begütigend mit der Anrede "soror" ange- 
sprocben habe, habe eine von ihnen ihm, dem Kanoniker bürgelicher Herkunft, 
geantwortet: "Vos non estis frater meus, quare me sororem vocatis? Frater meus 
ferro est vestitus et vos linea veste" (a.a.O. S. 555ff.).
		

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			Beiträge zu einer Ikonographie... 


71 


in welchem Maße dieser Verzicht nicht nur erzwungen, sondern auch 
freiwillig akzeptiert wurde. Jedenfalls wurde er praktiziert, und das ist 
angesichts der normalen Darstellung von Ritterbürtigen in dieser Zeit 
außcrordentlich bemerkenswert. 
Wenn die Tafel Lochners nicht das Bild eines Deutschordensritters 
enthielte, würde man nicht bemerken können, daß es aus einer Deutsch- 
ordenskirche stammt, und das läßt sich verallgemeinern. Zeugnisse 
einer speziellen Ikonographie des Deutschen Ordens gibt es offensichtlich 
nicht 2( oder allenfalls d€rgestalt, daß seitens des Ordens bestimmte 
allgemeine ikonographische Themen bevorzugt wurden. Aber selbst diese 
Beobachtung mag schon zu weit gehen 25. Man sollte vielleicht auch 
fragen, ob man dergleichen überhaupt erwarten kann. Angesichts der 
wenig ausgeprägten besonderen Spiritualität der Ritterorden, angesichts 


I( Die Schreinsmadonnen, also jene Marienstatuen, die in ihrem aufklappbaren 
Inneren die Darstellung des Gaadenstuhls mit der Schutzmantelmadonna kombi- 
nieren, könnten nur dann als Ausnahme gelten, wenn sie tatsächlich nur aus 
Preußen überliefert wären, wie oft gemeint wird. Einige Exemplare weisen unter 
den von Marias Mantt'l umfangenen St:inderepräsentanten auch Deutschordens- 
ritter auf. Vgl. über die Schreinsmadonna des Nürnberger Germanischen National- 
museums zul
tzt H. S t a f ski, Die Parler und der Schöne Stil 1350-1400 2, Köln 
1978, S. 519 und R. K a h s n i t z, Das Germanische Nationalmuseum und die 
Provinz Preußen, [in: 1 Preussen im 19. Jahrhundert, brsg. von U. Ar no 1 d, 
Lüneburg 1984, S. 74ff., der Anm. 139 auch auf Schreinsmadonnen aufmerksam 
macbt; die außerhalb Preul'ens entstanden sind. Speziell zu den beiden heute im 
Diözesanmuseum von Pe1plin aufbewahrten Madonnen und zum Typus der Scbreins- 
madonna insgesamt R. C i e c hol e w ski, Problematllka badawcza pomorskich 
Madonn szafkowllch, Studia Pelplinskie 8,1977, sowie J. Domaslowski, 
Die gotische Malerei im Dienste des Deutschen OTdens, [in:) Die RoUe der Ritter- 
oTden in der mittelalteTlichen Kultur, hrsg. von Z. H. No w a k, Ordines mili- 
tares 3, Torun 1985, S. 177ff. mit weiterer Literatur. Die nicht nur von diesem 
Autor versucbten speziellen kirchenpolitischen und politischen Deutungen des 
jeweiligen Ensembles dcr Stände-Repräsentanten unter dem Mantel der Madonna 
scheinen allzu spekulativ. In der -Literatur über die aus Preußen stammenden 
Madonnen wird die auf 1430 datierte Scbutzmantelmadonna aus Schwarzau 
(Österreich) kaum beacbtet. Sie befindet sieb beute im Erzbischöflichem QQm- und 
Diözesanmuseum' in Wien. Vgl. dessen Katalog von 1973, Nr. 64. 
.. Vgl. den eben zitierten Aufsatz von Dom a s I 0 W ski. Wenn dieser nicht 
nur Marienkrönungen, sondern aucb eine Darstellung des heiligen Christopherus 
für. eine spezifische Deutschordensikonograpbie in Anspruch nimmt (S. 172), so 
verkennt - er, daß es unmöglich ist, der Verwendung so verbreiteter Themen auch 
im Bereich des Deutschen Ordens einen besonderen Bezug auf diesen abzugewinnen.' 
Richtig dagegen ist seine Zusammenfassung (S. 182), wo er von Adaptionen spricht. 
Man könnte aber binzufügen, da'3 sich die hier zu beobachtenden Adaptionen wenig 
von anderen unterscbeiden. Auch A. Kar I 0 W s k a - Kam z 0 W a, Bildideologie 
des Deutschen Ordens auf dem Hintergrund der mitteleuropäischen Kunst, (in:) 
Die RoUe (wie Anm. 24), S. 19ff. kommt im wesentlichen zu einem negativen 
Resultat.
		

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			72 


Hartrnut Boocltmann 


des Umstandes, daß der Deutsche Orden, dem in seiner Frühzeit eine 
prominente Ordens-Heilige in Gestalt Elisabeths von Thüringen gewisser- 
maßen zugewachsen H war, mit dieser Heiligen so wenig anzufangen 
wußte 27, wird man daran zweifeln dürfen, ob hier die Voraussetzungen 
einer spezifischen Ikonographie überhaupt gegeben waren. 
Die zweite hier zu besprechende ikonographische Quelle zur Geschich- 
te des Deutschen Ordens, ein Bildteppich aus dem schweizerischen Lan- 
desmuseum in Zürich, ist zwar in der regionalen Literatur oft bespro- 
chen worden 18, doch ist er der Literatur über den Deutschen Orden 
unbekannt. Neuerdings ist er auch in zwei allgemeinen Darstellungen 
abgebildet worden 111. Seit erkannt worden ist, daß unter den beiden 
Wappen am oberen Rand des Bildteppichs sich zwei ältere, auf die Stif- 
tung des Stückes zu beziehende Schilde befinden, läßt sich der Teppich 
einordnen. Gestiftet wurde er von dem Berner Schultheißen Thüring 
von Ringoltingen (1410-1483) und seiner Gemahlin Verena von Hun- 
wil 30 , und zwar offensichtlich für das Berner Münster, d.h. die Berner 
Pfarrkirche, die dem Deutschen Orden inkorporiert war. Zufälligerweise 
weiß man, daß im Jahre 1414 acht Priesterbrüder des Deutschen Ordens 
in dessen Berner Haus lebten 31. 
Dargestellt ist eine Tumba, welche an jenen westeuropäischen Typus 
erinnert, der den Toten einmal in der üblichen Darstellung und einmal 
als von Würmern zerfressenen nackten Leichnam zeigt. An der Stelle 
der repräsentativen Darstellung des Leichnams findet sich hier eine 
Mahnung: "An dieser Figur sollt ihr sehen, euch wird (es) auch allen so 


18 M. Wer n e r, Die Heilige Elisabeth und die Anfänge des Deutschen Ordens 
in Marburg, (in:) Marburger Geschichte, brsg. von E. D e t m e r i n g und R. G ren z, 
Marburg 1980. H. B 0 0 c km a n n, Die Anfänge des Deutschen Ordens in MaTburg 
und die frühe Ordensgeschichte, (in:] Sankt Elisabeth. Fürstin, Dienerin, Heilige, 
Sigmaringen 1981. 
17 H. B 0 0 c km an n, (wie eben zitiert) S. 145 und U. Ar n 0 1 d, Elisabeth 
und Georg als Pfarrpatrone im Deutschordensland Preußen, (in:] Elisabeth, der 
Deutsche Orden und ihre Kirche, hrsg. von U. Ar n 0 1 d und H. Li e bin g, Mar- 
burg 1983. A r n 0 1 d spricbt allerdings im Hinblick auf den Orden im Reich und 
vor allem im 13. Jahrbundert, S. 182 und öfter von einer "hohen Wertschätzung 
Elisabeths im Orden". 
11 Die Kunstdenkmäler der Schweiz, Bern Stadt 4, Das Berner Münster, Bern 
1960, S. 414ff. und Jenny Sc h n eid e r, Textilien. Katalog der Sammlung des 
Schweizerischen Landellmuseumll, Zürich 1975, S. 20 (Hinweis VOn Prof. Arnold 
Esch in Bern) mit weiteren Literatur. 
11 Alltag im Mittelalter, hrsg. von H. K ü h n e 1, Graz usw. 1984 Abb. 153 (ohne 
Hinweis auf den Deutschen Orden). M 0 r a w (wie Anm. 20) nach S. 138 (Hinwei. 
auf Ritter-, statt auf Priesterbrüder des Deutscben Ordens). 
11 Kunstdenkmliler (wie Anm. 28), S. 414. 
11 M. Tu ml er, Der Deutsche Orden, Wien 1955, S. 200ft.
		

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			Beiträge zu einer Ikonographie... 


73 


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Darbringung im Tempel (1447) von Stefan Locbner (Hocbaltarbild aus St. Katharina 
in Köln). Hessiscbes Landesmuseum Darmstadt - 
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... 


geschehen" 32. Die Personen vollbringen die "absolutio ad tumbam"; das 
sich an die Totenmesse anschließende Bittgebet für den Verstorbenen 31. 
Hinter der Tumba stehen neun - an ihrer Tonsur und an dem Weih- 
wasserkessel des einen von ihnen als Geistliche erkennbare 3. - Männer. 
die durch das Kreuz auf dem Mantel als Deutschordensbrüder charakte- 
risiert sind. Wir haben hier also die neun Ordenspriester vor uns, die 
in der Mitte des 15. Jahrhunderts im Berner Ordenshaus gelebt haben 


n "An dise figur sond ir secben, uch wirt ouch allen also beschehen". 
11 Kunstdenkmäler (wie Anm. 28), S. 416. [ 
14 Dennoch hat man in ibnen gelegentlich Ordensritter zu erkennen gemeint. 
So zuletzt noch Jenny Sc h ne i der (wie Anm. 28).
		

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			74 


tiartmut Boockmann 


dürften 35. Links- von ihnen eine Gruppe von elegant gekleideten Män- 
nern weltlichen Standes, in deren Mitte vielleicht ein anderer Geistlicher 
steht 38. Der Mann hinter diesem soll wohl schwerlich ein Heiliger sein 37. 
Wir haben es hier .augenscheinlich mit den männlichen Verwandten des 
Toten zu tun, und so können die Frauen in der rechten Bildhälfte nur 
dessen weibliche Familienangehörige sein 38. 
Der Verstorb
ne war ebenso wie sein mit dem einen der beiden Wap- 
pen gekennzeichneter Sohn, wie also der Stifter des Teppichs, Pfleger 
des Münsters gewese.Q. Im Münster besaß die Familie Kapelle und Altar. 
Dasselbe Wappenpaar, das den Teppich ursprünglich kennzeichnete, ist 
auch auf einer Fensterstiftung im Münster zu sehen 39. Sowohl der 1456 
verstorbene co Rudolf yon Ringoltingen wie auch sein Sohn Thüring 
gehörten zu den führenden Bernern. Beide bekleideten mehrfach das 
Schultheißen-Amt, beide haben sich insbesondere in der Außenpolitik 
tier Stadt und der Eidgenossenschaft hervorgetan CI. Thüring, der Stifter 
des Teppichs,' ist als der Autor einer vielfach verbreiteten deutschspra- 
chigen Prosa-Auflösung des französischen Melusine-Epos eine Gestalt 
der deutsc hen Literaturge
hichte. Wenn er diese Dichtung dem Mark- 


11 Vgl. die bei Anm. 31 erwähnten acht Priester in Bern. 
11 In diesem Falle hätten wir es mit einem Geistlichen unter den Verwandten 
des Verstorbenen zu tun. Daß die spitzen Schnabclschuhe den geistlichen Stand 
ausschlössen, wird man wohl nicht sagen können. 
17 Siel1e Kunstdenkmäler (wie Anm. 28), S. 416 mit Aml'l. 3. 
IR Ibid., S. 4l5f. werden die Fraucn als Deutschordensschwestern, "am weißen 
Ordenskleid der Figur mit dem Rosenkranz als solche zu erkennen", bezeichnet. 
Wie Deutschordensschwestern gewandet gewesen sein würden, läßt sich angesichts 
der schlechten überl
eferung betreffend diesen Zweig des Deutschcn Ordens nicht 
sagen. Siehe nur Turn I e r, wie Anm. 31, S. 373 und S. 386. Ebd. S. l20ff. Hinweise 
auf Deutscbordensschwestern in'Bern und insbesondere auf das Haus der we.ißen 
Frauen zu Rüwenthal, aus dem Turn I e r auf eine weiße Tracht der Scbwestern 
schließt. Selbst wenn man berücksichtigt, daß nicbt sicher ist, ob cs sich hier um 
cin Deutschordensgewand gebandelt habe, spricht für eine weiße Tracht selbst- 
verständlich alles. Dann aber könnten die dargestellten Frauen gerade keine 
Deutschordensscbwestern sein, denn sonst hätten sie ihre Ordenskleider ja ver- 
borgen. übcrdies fiel jenes Haus in den zwanziger Jahren des 15.. Jahrhunderts 
dem Neubau des Berner Münsters zum Opfer. Ob es in der Mitte des 15. Jahr- 
hunderts überhaupt. noch Deutschordensschwestern in Bern gegeben hat, stebt 
dahin. Wenn das der Fall sein sollte, wären sie auf dem Bildteppicb doch sehr viel 
ullwahrscheinlicher als die weiblichen Verwandten des Verstorbenen, auf die ja 
aucb das fiber der Frauen-Gruppe angebrachte Wappen und fiberdies ihre Kleidung 
verweist, die keineswegs geistlich ist, IIDndern 'vielmehr dem entspricht, was man 
andernorts als die Kircbgangstracht von Frauen aus ffihrenden Familien kennt. 
11 Kunstdenkmäler (wie Anm. 28), S. 414. 
ce Ibid., S. 416. 
CI U. M. Z ahn d, Die BildunDsverhältni83e in den bernischen Ratsgeschlechtern 
im ausDehenden Mittelalter, Bern 1979, S. 114f.
		

/Czasopisma_119_04_077_0001.djvu

			BE'iträge zu einer Ikonographie... 


75 


grafen Rudolf von Hochberg widmete 4'1, so zeigt das, daß die weitreichen- 
den politischen Aktivitäten dieses führenden Stadtbürgers mit seiner 
JiterarIschen Tätigkeit zusammenhingen. 
Das Kirchenpflegeramt und die Stiftungen für das Berner Münster 
sowie schließlich auch der Bildteppich liegen auf derselben sozialen 
Ebene. Der als Antependium aufzufassende 43 Teppich mag bald nach 
dem Tode Rudolfs von Ringoltingen für den um 1448/1449 von ihm 
gestiftden Alter entstanden sein u. 
Auch an diesem Antependium ist nichts zu sehen, was spezifisch 
für den Deutschen Orden wäre. Die - einzigartige - Darstellung einer 
Gruppe von Priesterbrüdern verdankt sich einfach dcm Umstand, daß 
die Berner Pfarrkirche auf der einen Seite dem Orden inkorporiert und 
und andererseits so in die städtische Gesellschaft eingebunden war, wie 
das für eine städtische Pfarrkirche damals selbstverständlich war. In 
dner anderen Pfarrkirche hätten der Pfarrer und seine Kapläne den 
Totendienst, den hier die Deutschordenspriester verrichten, vollbracht. 
So stellt dieses Antependium ein eindrucksvolles Monument jener Inte- 
gration in die Gesellschaft des jeweiligen Ortes und der jeweiligen 
Region dar, wie er für die Deutschordensbrüder im Reich - im Gegen- 
satz zu Preußen - charakteristisch war. 


I! H. Ru P p r ich, Die Deutsche Litereatur vom späten Mittelalter bis zum 
Barock I, München 1970, S. 77f. 
&a Das ergibt sich aus der Größe von 100X24l Zentimetern (Denkmäler, wie 
Anm. 28, S. 415). 
&& Ibid., S. 414.
		

/Czasopisma_119_04_078_0001.djvu

			. 


IJ}
		

/Czasopisma_119_04_079_0001.djvu

			ORDINES MILITARES IV. Werkstatt des Historikers... '" 


.,. . 


BERNHART JÄHNIG (Berlin-West) 


J 


Uber Quellen zur Sachkultur des Deutschen Ordens in Preußen 


I 
Unter Sachkultur verstehen wir die gegenständliche Welt, mit der 
es die Menschen in ihrem Alltag zu tun haben. Wir wollen dabei die 
möglichen Gegenstände nicht zu eng fassen. Diese beginnen bei den 
Gebäuden, die als Gottesdienststätte, als Wohnung oder als Wirtschafts- 
raum dienten; dazu gehören weiter Geräte und Instrumente für alle 
Arten von Tätigkeiten in Krieg und Frieden; der Bereich könnte bei 
Verbrauchsgütern wie Kleidung und Nahrungsmitteln enden 1. 
Wir fragen nach möglichen Quellen, die uns über die Sachkultur des 
Deutschen Ordens in Preußen Auskunft geben können. Da ist zunächst 
an die Originalquellen, also die Gegenstände selbst zu denken. Doch ist 
deren überlieferung zu problematisch, als daß wir durch diese allein ein 
vollständiges Bild erhoffen dürften. Ist doch kaum eine Ordensburg 
wirklich unversehrt auf unsere Tage gekommen. Immerhin können uns 
hierzu Ku nstgeschichte 2, Archäologie 3 und Denkmalpflege etwas sagen. 
1 Den Forschungsstand zeigen die Veröffentlichungen des Instituts für mittel- 
alterliche Realienkunde Österreichs, die teilweise aus Tagungen bervorgegangen 
sind, die dieses Institut unter internationaler Beteiligung in Krems durchgefübrt hat 
und weiter fortsetzt. Bisher sind erschienen Bd. 1: Die Funktion deT schriftlichen 
QuelUen in der Sachkulturfo1'schung, Osterreichische Akademie der Wissenscbaften, 
Pbilos.-Hist. Klasse, Sitzungsberichte, Bd. 304/4, Wien 1976; Bd. 2: Das Leben in 
de1' Stadt des Spätmittelalters, ibid. Sitzungsberichte, Bd. 325, Wien 1977; Bd. 3: 
Klösterliche Sachkultur des Spätmittelalte1'S, ibid., Sitzungs berichte, Bd. 367, Wien 
1980; Bd. 4: EU1'opäische Sachkultur des Mittelalters, ibid. Sitzungsberichte, Bd. 374, 
Wien 1980; Bd. 5: Adelige Sachkultur des Spätmittelalters, ibid. Sitzungsbericbte. 
Bd. 400, Wien 1982; Bd. 6: Die Erforschung von Alltag und Sachkultu1' des Mittel- 
alteTs, ibid. Sitzungsberichte, Bd. 433, Wien 1984; außerhalb der Reihe: Alltag im 
Spätmittelalter, hrsg. von H. K ü h n e 1, Graz-Wien-Köln 1984 1 , 1985. 
· K. S t ein b r e c h t, Die Baukunst des Deutschen Ritterordens in Preußen, 
Bd. 1-4, BerUn 1885-1920; K. H. Cl ase n, Die mittelalterliche Kunst im Gebiet 
des Deutschordensstaates Preußen, Bd. 1, Königsberg i. Pr. 1927; M. Ars z y il ski, 
De1' Deutsche 01'den als Bauhe1'r und Kunstmäzen, (in:] Die Rolle der Ritterorden 
in de1' mittelalte1'lichen Kultu1', hrsg. von Z. H. N 0 W a k (Ordines militares. 
Colloquia Torunensia Historica, Bd. 3), Toruil 1985, S. 145-167; der s., Die Burgen 
im Deutscho1'densland Preußen als Quelle ZU1' E1'forschung der Geschichte des 
Deutschen Ordens und seines Staates, siehe in diesem Bd., S. 97ft. ofU 
· Vgl. z.B. für Strasburg (Brodnica): T. J u r k 0 w 1 an i e c, Rzetba a1'Chitekto- 
niczna na zamku k1'z1lzackim w Brodntc1l, Biuletyn Historii Sztuki, Bd. 41, 1979,
		

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			78 


Bernbart J äbnig 


[I 


MT 


Liturgische Gegenstände 4 und Handschriften, Tafelsilber und Küchen- 
geschirr 5, Handwerks-, Acker- 8 und Kriegsgerät sind weitgehend ver- 
nichtet und zerstreut, nur Einzelnes ist in neuzeitliche Museen gelangt 7 
oder läßt sich in einer Bibliothek oder einem Archiv finden. Weitere 
Funde sind allerdings von der aufblühenden Mittelalterarchäologie zu 
erwarten. 
Ferner ist an zeitgenössische bildliche Quellen zu denken!i. Doch 
leider ist die mittelalterliche Ikonographie gerade beim Deutschen 


S. 3-20; für Thorn: J. C b u d z i a k 0 w a, A. K 0 I a, 2r6dla archeologiczne z terenu 
zamku krzllzackiego w Toruniu, Badania z 1958-1%6 r. (TNT, Prace archeolo- 
giczne, Nr. 6), Warszawa-Poznan 1974. 
, Größere Edelmetallbestände wurden erstmalig wegen der FinanZ:19t infolge 
des Krieges von 1410 eingeschmolzen, vgl. E. v. C z i h a k, Die Edebchmiedekwi.st 
früherer Zeiten in Preußen, Bd. I, Leipzig 1903, S. 32; Bd. 2, Leipzig 1908, S. 29, 
l75f.; F. Gau s e, Kulturgeschichtliche Einleitung, (in:] A. R 0 b d e, Goldschmiede- 
kunst in Königsberg, bearb. von U. S t ö ver, Stuttgart 1959, S. 11f. I 
· Wie wenig aucb in anderen Landschaften an Gegenständen aus dem Mit- 
telalter erhalten ist, macht etwa die Landesausstellung Niedersacbsen 1985 "Stadt 
im Wandel. Kunst und Kultur des Bürgertums in Norddeutscbland lI5
1650" 
deutlicb. Die Erkenntnisfortschritte der mittelalterlicben Stadtarcbäologie zeigen 
unter anderen H.-G. S t e pb an, Archäologische Stadtforschung in Niedersachsen, 
O.twestfalen, Hamburg und Bremen, (in:) Stadt im Wandel, Ausstellungskatalog, 
hrsg. von C. Me c k se per, Bd. 3, Stuttgart-Bad Canstatt 1985, S. 29-79; 
S. Sc h ü t t e, Bürgerliches Hausgerät des lloch- und Spätmittelalters in Nord- 
deutschland, ibid., S. 545-568. Vgl. Anm. 3. '" ,J 
· Die Quellenprobleme werden deutlich z-B. bei der für einen Teil Nord- 
deUtschlands vorgenommenen Untersucbung von U. Ben t z i e n, Haken und Pflug. 
Eine volkskundliche Untersuchung zur Geschichte der Produktionsinstrumente "im 
Gebiet zwischen unterer Elbe und Oder, Berlin 1969. Walter Kuhn bebandelt in 
seinen Aufsätzen über Pflug und Haken in Altpreußen andere Fragen, nacbgedruckt 
in W. Kuh n, Vergleichende Untersuchungen zur mittelalterlichen Ostsiedlung, 
Köln, Wien 1973, S. 113-171. 
7 Als Beispiel sei das silbervergoldete Buchreliquiar genannt, das 1388 der 
Elbinger Hauskomtur Thile Dagister von Lorich gestiftet batte. Es fiel wobl 1410 
in polnische Hand, wurde dann im Dom zu Gnesen aufbewahrt, bis es 1823 vom 
Domkapitel dem preußiscben Kronprinzen geschenkt wurde, der es In die Marien- 
burg gab; heute wird es im Armeemuseum Warschau aufbewahrt. Vgl. v. C z I h a k 
(wie Anm. 4), Bd. 2, S. 154f., Abb. auf S. 150f.; B. Sc h m i d, Die Inschriften des 
deutschen Ordenslandes Preußen bis zum Jahre 1466 (Schriften der Königsberger 
Gelehrten Gesellschaft, 11, 3), Halle 1935, S. 112 (44); K. S z c z e p k 0 w s k a _ 
N a I i w a j e k, Die Parler und der Bchlme Stil 1350-1400, hrsg. von A. Leg n e r, 
Bd. 2, Köln 1978, S. 522f. (bier wird fälschlich vom Elbinger Komtur gesprochen). 
,,,11ft 
· VgI. im allgemeinen das ältere Werk von P. B r an d t, Schaffende Arbeit 
und bildende Kun.t im Altertum und Mittelalter, Leipzig 1927; W. Ha n sen, 
Kalendenniniaturen der Stundenbücher. Mittelalterliches Leben im Jahreslauf, 
MUncben 1984. Oft It
		

/Czasopisma_119_04_081_0001.djvu

			über Quellen zur Sacbkultur des Deutschen Ordens... 


79 


Orden ein schmales Feld, so daß die Erkenntnismöglichkeiten zwar 
bemerkenswert, aber stark eingeschränkt sind 11. 
Um dennoch die Sachkultur einmal abgerundeter darstellen zu kön- 
nen, wird zu prüfen sein, inwieweit schriftliche Quellen nicht nur Aussa- 
gen zur Rechts- und Verfassungsgeschichte, zur sogenannten politisch- 
diplomatischen Geschichte, zur Wirtschafts- oder zur Geistesgeschicht
 
enthalten, sondern eben auch zur Sachkultur des Ritterordens 10. Es ist 
als bekannt vorauszusetzen, daß Rechnungsbücher und Inventare als die 
schriftlichen Quellen anzusehen sind, die die reichhaltigsten Angaben 
zur Sachkultur bieten 11. Da über die Rechnungsbücher als Quelle für 
das Alltagsleben der Ordensburgen in einem anderen Beitrag gehandelt 
wird 12, soll hier vernehmlich auf die Inventare näher eingegangen wer- 
den. 
Zuvor sind einige weitere Quellengruppen zu nennen, deren Be- 
nutzung für ein Gesamtbild nötig ist. Der amtliche Schriftwechsel 
zwischen Ordensleitung und den Amtsträgern außerhalb des Haupthauses 
ist im Ordensbriefarchiv und in den entsprechenden Ordensfolianten 
des historischen Staatsarchivs Königsberg überliefert 13. Hier findet sich 


. Vgi. H. B 0 0 c km a n n, Das Horneckcr StifteTbild und die Anfänge der 
Deutschordenskom711ende Horneck, (in:] Horneck, Königsberg und Mergentheim. 
hrsg. von U. Ar n 0 I d, Lüneburg 1980, S. 11-32; der s., Ikonographische Quellen 
zur Geschichte des Deutschen Ordens, siehe in diesem Bd., S. 65ff. Militärische 
Bildquellen behandl'lt S. E k d a h I, Die "Banderia Prutelloru-m" des Jan Dtugosz - 
eine Quelle zur Schlacht bei Tannenberg 1410 {Abha
1dlung

. der Akademie der 
Wissenscbaften in Göttingen, Pbilologiscb-Historische Klasse, Folge 3, Nr. lW), 
Göttingeil 1976, außer, der "Banderia" selbst be!ion
r
 .S. 23-25 sowie Abb. 1- 
VlII u. X. 
11 Anregend war E. Per s 0 0 n s. Klösterliches Leben und Sachkultur im 
SpätmittQlalteT, (in:) Veröffentlichungen (wie Anm.. 1), Bd. 6, S. 200-218, Sonder- 
druck auch: Historiscb-Arcbeologiscbe Inte,ratie via Modelbouw, Het Ancien 
Regime, Publicatie Nr. 2. ,ü I 
11 Als vorbildliche Untersucbung vgI. G. Ja r i t z, Die. Reiner RechnungsbücheT 
(1399-1477) als Quelle ZUT klösterlichen Sachkultur des Spätmittelalters, (in:) 
Veröffentlichungen ,wie Anm. 1), Bd. 1, S. 145-249. 
11 Z. H. N 0 w a k, Rechnungsbücher des Deutschen Ordens in Preußen als 
Quelle fÜT das AUtagsleben deT Ordensburg, Vortrag jWf der III. Konferenz Ordine. 
militares .(27 IX 1985) gehalten. .r1 
, 11 VgI. K. F 0 I' S t r e u t e r, Das Preußische StaatsaTchiv in Königsberg 
(Veröffentlichungen der niedersächsischen Archivverwaltung, 3), Göttingen 1955, 
S. 11-22, 10lf.; H. K 0 e pp e n, Das Archiv. des Deutschen Ordens in Preußen, 
Jabrbuch der Stiftung Preußischer Kulturbe
itz, Bd. 4, 1966 (1967), S. 172-187; 
B. J ii h n i g, MilitäTgeschichtliche Quellen des Staatsarchiv! Königiberg im Ge- 
heimen StaatsaTchiv PreußischeT Kult-urbeaitz. Altpreußische Geschlechterkunde, 
Neue Folge, Bd. 13, Jg.. 30, 1982, S. 7.-.44, h¥!1" S. 10-14. Die Bestände werden 
seit 1979 in Berlin verwahrt und bilden di;, XX Haupt
bteilun, des Geheimen
		

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			80 


Bernhart J ähnig 


nicht wenig, was die Angaben der Rechnungsbücher und Inventare zu 
crgänzen vermag. Einzelnes aus der Verwaltungs- und Kanzleitätigkeit 
findet sich sogar in Urkunden und Notariatsinstrumenten. Auch norma- 
tive Quellen, so die Ordensstatuten 1& und die übrigen Rechtsdenkmäler, 
werden auf die Nennung oder Beschreibung von Gegenständlichem 
durchzusehcn sein. In der Fachprosa des Ordens ist ebenfalls manches 
2'ur Sachkultur zu finden. Hervorgehoben sei nur das von Hochmeister 
Konrad von Jungingen veranlaßte Lehrbuch zum Vermessungswesen 15; 
vergleichbare Texte sind auch aus anderen Bereichen wie Falknerei, 
Pferdezucht, Medizin und Kriegskunst überliefert UI. Schließlich soll auf 
rlie erzählenden Quellen hingewiesen werden. Das gilt sowohl für die 
Chroniken von Ordensbrüdern und anderen Landesangehörigen wie auch 
für die Berichte von Besuchern 17. Eine kartographische überlieferung 
setzt erst in der ausgehenden Ordenszeit ein 18. 
Wenden wir uns nun den Inventaren zu, und zwar den Inventaren 
von Ordenshäusern oder von Amtsträgern, die für ein Ordenshaus oder ein 
Amt in einem Ordenshaus verantwortlich waren. Besitzverzeichnisse 
einzelner Ordensbrüder, etwa in Testamenten, bleiben hier außer Be- 
tracht, da sie im ganzen einer späteren Zeit angehören und in Preußen 
noch nicht so zahlreich sind 19. Die von uns gemeinten Inventare sind 
zumeist anläßlich von Amtswechseln, gelegentlich auch im Zuge von 
Visitationen verfaßt worden. Der Schwerpunkt der überlieferung liegt 
in der Zeit vom späten 14. bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts, und zwar 


Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz; sie werden künftig zitiert: StA Kb,., OBA 
bzw.OF. 
U Die Statuten des Deutschen Ordens nach den ältesten Handschriften, hrs,. 
von M. Per I b ach, Halle 1896, Neudruck Hildesheim, New York 1975. 
11 Geometria Culmensts, hrsg. von H. Me n d t haI, Leipzig 1886. VgI. H. R 0 e d- 
der, Zur Geschichte des Vermessungswesens Preußens insbesondere Altpreußens, 
Stuttgart 1908, S. 25-41. 
1. Vgl. den überblick bei G. Eis, Die Literatur im Deutschen Ritterorden und 
in seinen Einflußgebieten, Ostdeutsche Wissenschaft, Bd. 9, 1962, S. 56-101, hier 
90-10l. 
17 Fast alle Texte sind greifbar in: Scriptores rerum Prussicarum, Bd. 1-8, 
hrsg. von Th. H I r s c h, M. T 0 e p p e n, E. S t reh I k e, Leipzig 1861-1874, Neu- 
druck Frankfurt a.M. 1965, Bd. 6, bearb. v. U. Ar n 0 I d, Frankfurt a.M. 1968. 
1. VgI. E. J ä ger, Pruslria-Karten 1542-1810. Geschichte der kartographischen 
Darstellung Ostpreußens 'Vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, Weißenhorn 1982, 
S. 26-42. 
11 Während des Dreizehnjährigen Krieges wird der Nachlaß des Seehestener 
Pflegers Erwln Hugh vom HeilIgenberge erwähnt, wobei eine Reibe von Wertsachen 
aufgezählt wird (StA Kbg., OBA 14984). Testamente von Ordensbrüdern kennen 
wir aus der Spätzeit des Ordens in Preußen, etwa aus dem Jahre 1522 von dem 
Tilsiter Pfleger Eberhart von Freyberg (OBA 25737) oder des Pflegers von Guttstadt, 
Wilhelm von Schaumberg (OBA 25819).
		

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			über Quellen zur Sachkultur des Deutscben Ordens... 


81 


im Marienburger Ämterbuch 20, im Großen Ämter- oder Bestellungs- 
buch 21 und im Großen Zinsbuch 22. Die wissenschaftlichen Ausgaben 
enthalten einige weitere, aber nicht alle ergänzenden Quellen des 
KQp.igsberger Deutschordensarchivs 23. ( 
Es handelt sich um Quellen, die von der Forschung vielfach benutzt, 
aber keineswegs ausgeschöpft worden sind. Das ist um der Abgrenzung 
willen deutlich zu sagen. Zu erinnern ist an die Personalangaben der 
Ämterbücher 2t, an die Aussagen des Zinsbuchs für die Siedlungsge- 
schichte 25, an den Nutzen, den Militär- 28, Bau- 27 und sogar Literatur-' 
geschichte 18 aus diesen Quellen gezogen haben. Teilweise berührt sich 
das mit unserem Anliegen. Im Blick auf die seit einer Reihe von Jahren 
an vielen Orten betriebenen Quellenermittungen mittelalterlicher Sach- 
kultur erscheint es uns sinnvoll und nötig zu sein, die genannten Inven- 
tare im Zusammenhang zu prüfen, inwieweit sie zur Sachkultur des 
Deutschen Ordens in Preußen Auskunft geben können. 
Wir beginnen mit den Ordenshäusern. Das Marienburger Ämterbuch 
verzeichnet die Inventare bei der übergabe von Hausämtern des Haupt- 
hauses Marienburg. Daß diese Quelle so wenig vollständig ist wie andere 
mittelalterliche Quellen, bedarf keiner näheren Erläuterung. Hochmei- 
sterinventare sind hier nicht enthalten und hat es wohl auch nie ge- 
geben, da der Wechsel des Hochmeisteramtes sich stets unter ganz an- 
deren Umständen vollzog als bei den gewöhnlichen Gebietiger- und 


" StA Kbg., OF 129. Druck: Das MarienbuTgeT Amterbuch, brsg. von W. Z i e- 
I> e m e r, Danzig 1916 (künftig: MÄB). - 

\ StA Kbg., OF 130. Druck: Das Große AmteTbuch des Deutschen Ordens in 
Preußen, hrsg. von W. Z i e sem e r, Danzig 1921, Neudruck Wiesbaden 1968 
(künftig: GÄB). Beide Editionen berücksichtigen außerdem die OF 132, 134, 135 
und Teile von 131 sowie ergänzende Texte des OBA. 
u OF 131 und 162a. Druck: Das Große Zins buch des Deutschen Ritterordens 
(1414-1438), hrsg. von P. G. T h i eie n, Marburg 1958. 
a. So etwa W. Z i e sem e r, VisitationsbeTichte aus dem Culmerland, Alt- 
preußische Monatsschrift, 53, 1
17, S. 486-493. 
. -.C. Bereits für J. V 0 i g t, Namen-Codex deT Deutschen Ordens-Beamten, Königs-- 
berg 1843, Neudruck Niederwalluf 1971, waren dies die grundlegenden Quellen. 
11 Seit M. T 0 e p p e n und L. Web ergab es zahlreicbe Benutzer, vgl. die 
Hinweise von Thielen (wie Anm. 22). · 
111 Anscbaulich F. Ben n i n g h 0 v e n, Die Burgen als Grundpfeiler des spät- 
mittelalterlichen Wehrwesens im pTeußisch-livländischen Deutschordensstaat, (in:) 
Die Burgen im deutscheni SprachTaum (Vorträge und Forschungen, 19), Bd. 1, 
Sigmaringen 1976, S. !\65-601; V. Sc h m i d t ehe n, Die Feuerwaffen des Deutschen 
Ritterordens bis ZUT Schlacht bei Tannenberg 1410 (Schriftenreihe Nordost-Archiv, 
10), Lüneburg 1977. 
17 Vgl. Anm. 2. 
.ItI K. He 1 m u.' w. . Z i e sem e r, Die LiteTatur des Deutschen Ritterordens 
(Gießener Beiträge zur deutschen Philologie, 94), Gießen 1951, besonders S. 31-34. 


--
		

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			8 


Bernbart J ähnig 


Hausämtern. Bei einer Reihe der Hausämter werden Ortsangaben ge- 
macht 20. Unter dem Großkomtur wird die von ihm verwaltete Harnisch- 
kammer genannt, und zwar als auf dem Hause gelegen, ferner wird 
seine persönliche Kammer als Ort von Gegenständen erwähnt. Unterm 
Treßler finden sich keine Orstangaben, seine Kammer wird im Großen 
Zinsbuch genannt 30. Unterm I-Iauskomtur wird das von ihm verwaltete 
Sattelhaus 31 aufgeführt, das sich in der Vorburg befand. Auch unter 
anderen Ämtern werden Gebäude außerhalb von Hoch- und Mittelschloß 
genannt, so beim Kelleramt das Malzhaus, das Büttenhaus und das 
Brauhaus, beim Karwansherrn der Karwan, der Holzhof, der Bönhof 
und der Neuhof, beim Viehamt Viehhof, Schafhof und Kalthof, auch 
Schirrhaus und Schweinehaus, beim Kornamt die Getreidelagerstätten 
im Hochschloß, auf der Vorburg, bei St. Nikolaus, der neue Speicher, 
die Speicher auf St. Lorenz, im Kalthof und auf dem Malzhaus 3!. Das 
Glocken3mt hatte die Kirche des Haupthauses zu verwalten. An Örtlich- 
keiten werden die verschiedenen Sakristeien der Marienkirche, die unter 
dicser befindliche Annenkapelle und die Bartholomäuskapelle im Mittel- 
schloß regelmäßig genannt 33. Lorenz und Nikolai in der Vorburg sind 
außerdem anzuführen 34. \. 
Örtlichkeiten der Marienburg in großer Zahl enthalten drei Eintragun- 
gen des Marienburger Treßlerbuches 35, die der Herausgeber nicht mit 
abdruckte, weil es sich um keine Ausgabe- und Einnahmeposten handelte. 
Die Veröffentlichung wurde später nachgeholt 31. Hier finden wir ver- 
zeichnet, wo die auswärtigen Teilnehmer des Generalkapitels von 1404 
und des preußischen Kapitels von 1399 untergebracht werden sollten. 
Eine weitere Niederschrift, die die Aufgaben einzelner Ordensbrüder 
bei einer Prozession festhält, nennt ebenfalls Ortsangaben des Haupt-. 
hauses. Örtlichkeiten fast des ganzen Ordenslandes verzeichnen die 
Schaden bücher, in denen die Ordensleitung die Schäden eintragen ließ, 
die durch die polnischen Feldzüge nach 1410 im Ordensland entstanden 
waren. Gelegentlich, wie beim Ordenshaus Strasburg, geht die Auf- 
ählung ins einzelne. Da diese Quellen seit 1945 verschollen sind, stehen 


It MÄB, S. 1. 
11 Das Große Zinsbuch (wie Anm. 22), S. 1. 
'1 MÄB, S. 6U. 
.1 MÄB, S. 92-97, 102-109, 111-114, 115f.; StA Kbg., OBA 740 (wird vom 
Verfasser andemorts gedruckt). Weitere Nacbweise ,eben die Register zum MÄB. 
11 MÄB, S. 123-134. 
.. MÄB, S. 130. 
SI StA Kbg., OF 140, BI. 227v-229r. 
11 Das Ausgabe buch des Marienburger Hauskomturs für die Jahre 1410-1420, 
hrsg. von W. Z i e sem er, Königsberg 1911, S. 462-464.
		

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			über Quellen zur Sachkultur des Deutschen Ordens... 


83 


n ..I .., n ri 
uns heute nur noch die Ortsregister und die Ergebnisse früherer Benutzun- 
gen zur Verfügung 37. 
Zur Komturei Marienburg gehörten verschiedene Pflegeämter; deren 
Amtswechsel wurden ebenfalls im Marienburger Ämterbuch festgehalten. 
Auch hier finden sich Ortsangaben, so beispielsweise bei Stuhm das 
Haus selbst, Keller, Küche, Backhaus, Brauhaus, Salzkammer, Schirr- 
haus, Pulverkammer, Kapelle, Baumgarten und verschiedene umliegende 
Höfe 3
. Diese Nenvungen allein erlaeben es allerdings nicht, die Lage 
der einzelnen Räumlichkeiten zueinander zu bestimmen. Andere Quellen, 
vor allem die überreste der Gebäude selbst, sind hier zur Ergänzung 
"'ötig. 
Ähnlich verhält es sich bei den übrigen Ordenshäusern. So finden 
wir 1440 bei Elbing des Meisters Gemach, des Komturs Gemach, des 
Hauskomturs Gemach, Harnischkammer, Kammer neben derselben, 
Pulverkammer, Schmiede, Böttcherhaus, Schirrhaus, Karwan, Ziegelhof, 
Viehhof, Konventskeller, Metkeller, Obere und Niedere Mühle, Walk- 
mühle, Schweinehof, Werkhaus, Malzhaus, Schuhhaus, Sattelhaus und 
andere 3". Betrachten wir für Elbing den sogenannten Wirtschaftsplan 
von 1386 tO, dann lassen sich die Ortsangaben für das Haus des dritt- 
größten Konvents weiter vermehren. Diese Angaben sind verhältnis- 
mäßig dicht, bei den meisten anderen Häusern sind sie spärlicher über- 
liefert. Da die Hauptaufgaben immer die gleichen sind, lassen sich die 
Angaben zu den einzelnen Häusern nicht nur vergleichen, sondern auch 
zur gegenseitigen Aufklärung verwenden, wie es die Denkmalpflege ge- 
tan hat. 
Die Invcntare vermitteln statische Angaben, d.h. wir erfahren, daß 
zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Gebäude oder Gebäudeteil bestan- 


17 StA Kbg., OF 5a, 5b und 11. Vgl. Chr. Kr 0 11 man n, Die Bau- und Kunst- 
denkmäleT des Ordenslandes Preußen in den Schadenbüchern (1411-1419), Berlin- 
Grunewald 1919, hier S. 9f. über Strasburg. Erst ein Jabrhundert jünger sind diE.' 
Vcrzeicbnisse des obcrfränkischen Adels über die Scbäden aus dem Bauernkrieg 
von 1525. Staatsarcbiv Bamb2rg, Rep. 46b, Nr. 3-10. Benutzt von R. End res, 
Adelige Lebensformen in Franken im Spätmittelalter, Veröffentlichungen (wie 
Anm. 1), Bd. 5, S. 79-104, sowie in anderen Arbeiten desselben Verfassers; 
W. Goez, Das Leben auf der Ritterburg, (in:) C. Meckseper u. E. Schraut 
(Hrsg.), Mentalität und Alltag im Spätmittelalter (Kleine Vandenhoeck-Reihe, 1511), 
Göttingen 1985, S. 9-33. 
.. MÄB, S. 10-25. 
.. GÄB, S. 91-96. 
.. StA Kbg., OF 166m, Bl. 27v---40r. Druck: W. Z i e sem e r, Wirtschafts- 
ordnung des Elbinger Ordenshauses, Sitzungsberichte der Altertumsgesellschaft 
Prussia, 24, 1923, S. 76-91; A. Sem rau, Der WiTtschaftsplan des Ordenshauses 
Elbing aus dem Jahre 1386, Mitteilungen des Copernicus-Vereins für Wissenschaft 
und Kunst zu Thorn, H. 35, 1937, S. 1-74.
		

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			84 Bernbart Jähnig 
den hat. Zur Bauausführung enthält das Marienburger Ämterbuch einen 
einzigen Eintrag, nämlich die Eintragung zum Wechsel des Steinmeisters 
im Jahre 1398 u. Der Steinmeistcr war für Beschaffung und Herstellung 
das Baumaterials zuständig. So werden 1398 als Bestand 100000 Mauer- 
ziegel und 90 000 Dachsteine aufgeführt. Die folgenden für das Steinamt 
vorgesehenen Blätter des Marienburger Ämterbuchs blieben leer '2, 
offenbar weil dieses Amt nicht mehr benötigt wurde; denn mit der 
Fertigstellung des Hochmeisterpalastes und des Trcßlergemaches waren 
Ende des 14. Jahrhunderts die Großbauten der Marienburg zunächst 
vollendet, so daß keine größeren Mengen an Baumaterial benötigt wur- 
den. Das baugeschichtliche Datum 1398/1399 macht zugleich deutlich, 
daß die Verbindung verschiedener Quellen erst sichere Erkenntnisse 
ermöglicht. Noch Konrad Steinbrecht hat die längste Zeit über, vor allem 
in seinen Schloßführern, die Entstehung des Hochmeisterpalastes mit 
Sommer- und Winterremter früher angesetzt '3. Erst unter dem Einfluß 
seines Mitarbeiters und Nachfolgers Bernhard Schmid ging er zu der 
heute Allgemeingut gewordenen Datierung über u. Dazu wurden Anga- 
ben aus dem Marienburger Treßlerbuch für 1393, aus dem Marienburger 
Konventsbuch von 1398 und 1399 sowie eine Nachricht des Chronisten 
Johann von Posilge aufeinander bezogen '5, als negativer Beleg pr ß 
außerdem die zitierte Beobachtung aus dem Ämterbuch dazu. 
Der Vollständigkeit halber sei angeführt, daß die beiden vom Treßler 
für Hochmeister und Konvent geführten Ausgabe- und Einnahme- 
bücher '6 und das seit 1410 überlieferte Ausgabebuch des Marienburger 
Hauskomturs U zahlreiche Einzelangaben zur Baugeschichte enthalten. 
An diese Dinge ist auch aus wissenschaftsgeschichtlichen Gründen zu 
erinnern, da es gerade die Bau- und Denkmalpflege insbesondere der 


'1 MÄB, S. 115. 
a Ibid. Anm. 2. VgI. A. Sie I man n, Die Verwaltung des llaupthauses Marien- 
burg in der Zeit um 1400, Zeitschrift des Westpreußiscben Gescbichtsvereins, H. 61, 
1921, S. 30-32. 
U K. S t ein b r e c h t, Schloß Marienburg in Preußen, 14. A. Berlin 1917, S. 6. 
"K. S t ein b r e c h t, Neue Feststellungen über die ETbauung und den Bau- 
meister des Hochmeisterpalastes, Geschäftsbericht des Vorstandes des Vereins für 
die Herstellung und Ausschmückung der Marienburg für die Zeit vom 1. Oktober 
1916 bis zum 1. Juli 1920, Danzig 1920, besonders S. 12-16; K. H. CI ase n, Der 
Hochmeisterpalast deT Marienburg, Königsberg Pr. 1924, S. 94f.; B. Sc h m i d, 
Die MarienbuTg, hrsg. von K. Hau k e, Würzburg 1955, S. 52-55. 
U Das MarienbuTgeT Treßlerbuch der Jahre 1399-1409, hrsg. von E. J 0 ach i m, 
Königsberg 1. Pr. 1896, S. 18; Das MarienbuTger Konventsbuch der Jahre 1399-141Z, 
brsg. von W. Z i e sem e r, Danzig 1913, S. 7 u. 8; SCTiptoTeB (wie Anm. 17), Bd. 3, 
S. 22
. 
& "StA Kbg., OF 140 und 178-179; Editionen s. Anm. 45. Zur Kassenfübrung 
vgI. Sie I man n (wie Anm. 42), passim. 
n StA Kbg., OF 180-181; Edition s. Anm. 36. r l I 


-
		

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			über Quellen zur Sachkultur des Deutschen Ordens... 


85 


Marienburg war, die gewissermaßen als erste 'l'eildisziplin einer Sach- 
kulturforschung sich dieser Quellen angenommen hatte. So sind alle 
genannten Amtsbücher auf Anregung von Konrad Steinbrecht und mit 
Unterstützung des Vereins für die Herstellung und Ausschmückung der 
Marienb
1l"g in den Jahren 1896-1921 im Druck erschienen, die Be- 
arbeitung lag mit einer Ausnahme bei dem Germanisten und Volks- 
l
undler Walther Ziesemer 
8, während sich die eigentlichen Historiker 
in dieser Hinsicht reichlich lange zurückgehalten haben. 
Fragen wir nun, welchen Quellenwert die Inventare der beiden 
Amterbücher für den Gottesdienst, für das geistliche Leben auf den 
Ordensburgen haben. Die in den Jahren 1331-1344 endgültig ausgebaute 
Schloßkirche St. Marien 
9 hatte zunächst eine seitlich im Glockenturm 
befindliche Große Sakristei. Dort finden wir 1394 drei silberne Leuchter, 
2 silberne Rauchfässer, davon 1 vergoldet, 1 silbernes Weihrauchschiff- 
chen, ein mit silbernen Brettchen eingefaßtes Meßbuch, 2 Kelche aus 
feinem Gold. 5 Brustplatten aus feinem Gold, eine große Monstranz zum 
Tragen des Heiligen Leichnam und anderes. Außer den liturgischen 
Gegenständen aus Edelmetall werden aufgeführt: 11 Ornate für höchste 
IÜrchliche Feiertage totum duplex, 2 Ornate für die Fastenzeit, 1 rote 
Kasel und 2 Kappen, 14 beste Kappen für Feiertage totum duplex, 23 
gemeine Kappen und anderes. Daneben gab es in der Kleinen Sakristei 
in der Südmauer des Chors und in der Ferialen Sakristei in der südli- 
chen Chorschräge weitere Ornate und Kaseln, für letztere wird ein 
Ornat des Hochmeisterkaplans genannt. Auch in des Glockmelsters 
Sakristei in der nördlichen Chorschräge werden Gottesdienstgewänder, 
ei.n vergoldetes Prozessionkreuz und anderes aufbewahrt. Weiterhin in 
der Kirche selbst befinden sich zahlreiche liturgische Gegenstände: 
12 Kelche, von denen zwei aus Gold sind, 6 Paar silberne Ampullen, für 
die drei kleinen Altäre sind 3 silberne Borten, 3 Paar Angularia und 
3 silberne Antependien für Feiertage totum duplex und duplex da, für 
Feiertage duplex gibt es außerdem 1 silberne Borte für den Hochaltar. 
Ferner werden Leuchter, Fahnen, Kissen, Umhänge, Kreuze und anderes 
aufgezählt 110. 
Weitere Bestände werden für die hochmeisterliche Grablege, die 
Annenkapelle, verzeichnet, ferner für die Bartholomäus-Kapelle im 

.IIittelschloß. Monstranzen, Kreuze, Feiertags- und Wochentagsornate, 


'8 Nachrufe von W. Mit z k a, Zeitschrift für Ostforschung, 1, 1952, S. 279- 
281, 535-538; H. Mo t e kat, Jabrbucb des Vereins für niederdeutsche Sprach- 
forschung, 75, 1952 (1953), S. 138-141; B. Sc b u mac her, Jahrbuch der Albertus- 
Universität zu Königsberg Pr., 2, 1952, S. 29-36. 
" S c b m i d/H a u k e (wie Anm. 44), S. 25-28. 
.. MÄB, S. 123f.
		

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			86 


Bernhart Jähnig 


Kaseln, Handtücher, Oblatenbüchsen und anderes werden aufgeführt 61. 
Das erscheint als eine reiche Ausstattung, die mit den Schloßkapellen 
anderer Fürstenresidenzen zu vergleichen sein wird. In den folgenden 
Jahrzehnten sind die Bestände an liturgischem Gerät vermehrt und voll- 
ständiger verzeichnet worden, so daß nicht sicher ist, ob die größere 
Anzahl allein als Vermehrung anzusehen ist. 
In der Kirche wird auch die Bibliothek verwahrt. Das Inventar unter- 
scheidet lateinische und deutsche Bücher. Unter ersteren finden wir 
1391: 6 Meßbücher, 1 Fruhmeßbuch, 1 Römerbriefkommentar, Antipho- 
naria, Graduale, Psalter, weitere Bibelkommentare und Legenden. Unter 
den deutschen Büchern finden wir Chroniken und Bibeldichtungen wie 
lIiob, Barlaam, Hester und Judith, erbauliche Werke wie Passional und 
Väterbuch, ferner auch deutsche Kommentare zu biblischen Büchern 52. 
Das waren nicht die einzigen Gottesdienststätten im Burggelände. Vom 
Gartenamt wurde die Kapelle St. Lorenz und die daneben liegende Fir- 
marie verwaltet, beide waren für das Gesinde des Haupthauses bestimmt. 
In St. Lorenz finden sich 1416 etwa 4 ganze Ornate, 2 Kelche, 1 obere 
Kasel, 1 weißes Chorhemd, 1 Meßbuch und anderes 53. Daß die Gesin- 
dekapelle hinsichtlich ihrer Ausstattung nicht mit der Marienkirche dC'r 
Burg verglichen werden kann, liegt auf der Hand. Das Marienburger 
Ämterbuch weist für die Kammer des Großkomturs eine Lade mit Meß- 
gerät aus 54, über des Hochmeisters Kapelle erfahren wir leider nichts. 
Auch für die I'flegeämter werden die liturgischen Geräte angeführt. 
Unsere Kenntnisse sind nicht auf das Haupthaus beschränkt. Bei allen 
Ordenshäusern, deren Amtswechsel im Großen Ämterbuch festgehalten 
sind, werden für die Jahrzehnte nach 1410 die liturgischen Geräte ge- 
nannt, auch der Bestand an Handschriften wird zumeist wenigstens 
einmal überliefert 51. Es entsteht der Eindruck, daß bei einer Reihe von 
Ordensburgen die Verzeichnungsdichte zunimmt, wie wir das schon beim 
Haupthaus gesehen haben. Setzt die überlieferung außerhalb der Marien- 
burg erst später ein, so bieten sich wenigstens für das 15. Jahrhundert 
Möglichkeiten für eine Liturgiegeschichte des Ordens, Bibliotheks- und 
Literaturgeschichte haben hier schon benutzt. Aussagen zur Ankaufs- 
politik sind allerdings fast nur in den Rechnungsbüchern des Haupt- 
hauses sowie in der Ordenskorrespondenz enthalten. 
Für die Kanzleigeschichte finden sich ebenfalls einige Angaben in den 
Inventaren, indem Schriftträger genannt werden, über die wir heute 


11 MÄB, S. 124. 
11 I bid. 
13 MÄB, S. 148. 
14 MÄB, S. 1. 
11 GÄB, passim. Vgl. Anm. 28. 


ur 


-
		

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			über Quellen zur Sachkultur des Deutscben Ordens... 


87 


nicht mehr verfügen. So werden beim Amtswechsel des Treßlers 1375 
Schrifttafeln genannt, auf denen Zinsleistungen verschiedener Gebiete 
eingetragen sind. Auch ein Schuldbuch wird erwähnt 56. Schlagen wir 
das Große Ämterbuch auf, finden wir im Vorwort des Schreibers den 
Hinweis auf das alte Ämterbuch, der Vorlage für die älteren Einträge in 
der uns jetzt erhaltenen Reinschrift 117. Beim ersten Eintrag für das 
Marschallamt, zu 1374, werden gleich drei "Bücher" genannt, nämlich 
das alte und das neue Schuldbuch des Marschalls sowie ein Einnahme- 
und Ausgabebuch IIR. Bei Elbing werden 1416 das neue Schuldbuch, 1428 
auch noch das alte neben einem Kornbuch genannt. Auf Amtsregister, 
ausgeschnittene Zettel des Glockmeisters und Amtsbriefe wird außerdem 
verwiesen 119. Bei der Komturei Osterode wird neben dem Schuldbuch 
ebenfalls ein Kornbuch genannt, bei Balga ein Ackerbuch 110. Die Wachs- 
tafeln kommen verschiedentlich in den Niederschriften vor 111. 
Nicht nur in Kirchen und Kapellen der Ordensburgen finden sich 
Gegenstände der Goldschmiedekunst. So werden in des Großkomturs 
Kammer eine Reihe silberner Gefäße, nämlich verschieden große silberne 
Trinkgefäße und Schalen, vergoldete Becher, mit Silber belegte Becher 
aus geädertem Holz und anderes genannt 112. 54 silberne Schalen, 2 Trink- 
gefäße und 49 Löffel besitzt das Kelleramt des Haupthauses IIS. Bei der 
Visitation des Marienburger Konvents im Jahre 1443 geben etliche 
Brüder an, neben Geld auch silberne Becher und Löffel oder sogar gol- 
dene Rmge zu besitzen 111.. Auch in den anderen Ordenshäusern sind Gold 
und Silber zu finden. Beim Marschallamt werden 1374 folgende Silber- 
gefäße aufgeführt: 2 hohe vergoldete Becher mit Deckel, 2 Krudefässer, 
1 Mischkanne, ferner nach anderem 1 Becher aus geädertem Holz, der 
mit Silber belegt und vergoldet ist und das Wappen von Einer im Schild 
zeigt, also das Wappen des gerade aus dem Amt gehenden Obersten 
Marschalls Rotcher von Einer". Neben anderen Zeichen findet sich auf 


.. MÄB, S. 3. 
.7 GAB, S. 1. 
18 Ibid. 
.. GÄB, S. 86-91. 
.,. G.'\B, S. 328 u. 160. 
ftl Vgl. GAB, Wort- und Sachregister. Wachstafeln der Stadt Thorn haben sich 
bis heute im dortigen Archiv erhalten und sind durch eine Edition erschlossen: 
Tabliczki woskowe miasta Torunia ok. 1350 - 1. pol. XVI w. (Tabule cereae 
civitatis Torunensis ca. 1350 - I, pars XVI. I.), wyd. K. G 6 r ski, W. S z c z u c z- 
k 0 (TNT, Fontes, 69), Warszawa, Poznan, Torun 1980. ,. 
H MÄB, S. H. 
11 MAB, S. 92-96. 
U MÄB, S. 160-162. · 
.. Zu Ordensbrüdern aus dieser rheinischen Familie aus der Nachbarschaft 
der Kniprodes vgl. B. Jäh n i g, Winrich von Kniprode, Jahrbuch Preußischer
		

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			88 


Bernbart Jähnig 


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Deckeln der Deutschordensschild, einmal auch ein Reitender mit einem 
Vogel auf der Hand, also wohl ein Falkner 88. Die Königsberger Verzeich- 
nisse vor 1410 sind überaus reichhaltig, weil an den Ausgangspunkt der 
Litauerreisen besonders viele Geschenke seitens der westeuropäischen 
Gäste gelangt sind. Bei den Elbinger Verzeichnissen werden nämlich 
Silbergefäße nur knapp berücksichtigt, so 1402: 2 silberne Becher, 16 sil- 
berne Schalen, 12 silberne Löffel 87. Das hätte bei weitem nicht für den 
ganzen Konvent gereicht. Bei den übrigen Ordenshäusern verhält e si(j) 
ähnlich. I'b 
Das Kunstgewerbe bediente sich nicht nur der Edelmetalle, um die 
Ordensburgen auszustatten. Beim Kelleramt des Haupthauses werden an 
der schon zitierten Stelle weiterhin genannt: 22 stählerne Schalen, 7 
Zinnkannen, 13 große und kleine Stahlkannen, 13 große und kleine Zapf
 
hähne, je 2 Kessel aus Messing und Kupfer, 8 Trinkbecher aus Zinn 88. 
Bei den übrigen Ordenshäusern finden sich hierfür so gut wie keine An- 
gaben. Offenbar wurde das Aufzeichnen nicht für so nötig befunden wie 
Leim liturgischen Gerät. 't 
Umfangreicher sind die Inventare bei -den Handwerkszeugen. Beim 
Küchenamt der Marienburg werden 1404 als Kochgeräte 29 große und 
kleine Kessel, 25 große und kleine Töpfe, 4 Roste, 5 Brotspieße und 
1 Mörser aufgeführt 89. Beim Tempelamt finden wir im Jahre 1416 Kessel, 
Äxte, Töpfe, Feuerschaufel, Hackmesser, Fleischbeil und anderes 70. Beim 
Schmiedeamt werden 1398: 88 Schiffspfund Eisen, 863 Zimmerbeile, 491 
Äxte, 415 Sattelbeile, 50 Erdäxte, 8500 Hufeisen, 52 Mistgabeln, 37 Pflug- 
und Hakenscharen und anderes genannt 71. 
Gehen wir weiter zum Schnitzhaus, dann finden wir 1393: 5 Reibeisen, 
3 große Eisenfeilen, 9 kleine Eisenfeilen, 5 flache Haken, 1 hohler Haken, 
12 Schrot- und Sengeisen, verschiedene Hämmer, Brechzinken, Stempel 
und anderes mehr. Die jüngeren Inventare enthalten vermehrte Einzel- 
heiten 72. An Arbeitsgeräten des Gartenamtes finden wir 1410: 1 Kessel 
\-on 2 Eimern, 1 kleiner Kessel, 2 Hopfenhacken, 1 Heugabel, 3 Tretspa- 
ten, 1 Beil, 1 Axt, nach anderem zuletzt 2 Kompostbottiche mit Einge- 


Kulturbesitz, Bd. 19, 1982 (1983), S. 270f. Es kann sich aber auch um eine Stiftung 
eines weltlich gebliebenen EIner handeln, der als Preußenfahrer ins Land ge- 
kommen war, vgl. W. Par a v i ein i, Westeuropäische Quellen zur Geschichte 
der Preußenfahrten im 14. Jahrhundert, siehe in diesem Bd., S. HUf. 
N GÄB, S. 2-13. 
 
B7 GÄB, S. 83. 
11 MÄB, S. 92-97. 
BI MÄB, S. 139. 
1'1 MÄB, S. 122. 
71 MÄB, S. 141f. JA !tU 
n MÄB, S. 143-146. 


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			über Quellen zur Sachkultur de
 Deutschen Ordens... 
/ 


8
 


machtem (Sauerkraut). Zum Gartenamt gehörte" auch d
t Weingarten der 
Marienburg.- Der Winzer "hat 4 Weinhacken, 2 - Schnittmesser, 2 Hauen, 
2 Bottiche 73. Dem Mühlmeister unterstanden fünf Mühlen in unmittel. 
barer Nähe des Haupthauses. Zu den Arbeitsmitteln gehörten Steinhauen, 
Steinwofen, Bindaxt, Handbeil, Bucksmeißel, schließlich eine Isreitte, eine 
Stange zum Zerstoßen des Eises 7&. 11 u:J a i u n 
.Die Inventare der übrigen Ordenshäuser gehen in den Einzelheiten 
zunächst nicht so weit, da die Aufzeichnungen anläßlich der Komturs. 
wechsel erfolgten, so daß die Inventare der Hausämter unberücksichtigt 
blieben. Erst seit den 30er Jahren des 15. Jahrhunderts, als die Nieder- 
schriften auch Einzelangaben zu den nachgeordneten Häusern und Wirt.:. 
schaftshöferi machten," werden Arbeitsgeräte aufgeführt, so - 1441 in 
Seehesten Beile, Äxte und Messer des Schirrhauses, Kessel. Kellen, Hack.. 
messer und Fleischbeil in der Küche, Stahlkannen und Zinnbecher im 
Keller, Braupfanne mit Zubehör im Brauhaus 7&. 
Zum Amt des Karwansherrn gehörten auch die Geräte zum Ackerbau. 
Dazu finden wir beim Haupthaus eine Reihe von Angaben. Neben den 
für militärischen Einsatz bestimmten Büchsenwagen und anderem wer- 
den aufgezählt: Pflugräder. neue Säcke, Wagen tücher zur Saat, beim 
Fütterer Äxte, Mistgabeln, Spaten, Schleifketten, beim Schirrmacher 
Zimmer beile, Waldäxte, Bohrer, Sc:hnittmesser 76. Weiteres ist bei den 
nachgeordneten Häusern zu erfahren, von denen aus das fruchtbare Wer.:. 
dergebiet bewirtschaftet wurde. 
Die Aufzählung der Waffen nimmt" in den Inventaren einen größeren 
Raum ein. Deren hoher Stellenwert ist schon daran abzulesen, daß sie 
den Gebietigern oft unmittelbar unterstanden. Im Haupthaus gehörte die 
Harnischkammer zu den Aufgaben des Großkomturs in der Hausverwal- 
tung. Beim Amtswechsel 1383 werden 29 Panzer, 26 Gehänge, 27 Platten, 
37 Brünnen, 437 Helme, 3 Paar Blechhandschuhe und anderes aufgeführt. 
Ergänzende Kleinbestände sind in des Großkomturs Kammer unterge- 
bracht 77. Dem Marienburger Hauskomtur unterstand unmittelbar das 
Sattelhaus, so daß bei seinen Amtswechseln im wesentlichen das Reitzeug 
verzeichnet wird 78: Beim Karwansherrn sind wie erwähnt die Büchsen- 
wagen zum Transport von Geschützen sowie die Rcisewagen zu finden 711. 
Das Schnitzamt ist zuständig für die Anfertigung der Waffen aus Holz. 


fI MÄB, S. 147f. 
7. MÄB, S. 150f. 1D1 
71 GÄB, S. 168. 
- 
'I 71 MÄB, S. 104. 
77 MÄB, S. I. 
71 MÄB, S. 6-9; :I 
n MÄB, S. 102-105. 


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/Czasopisma_119_04_092_0001.djvu

			90 


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Jähnig 


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Im Schnitzhaus selbst beCinden sich größere Armbrustbestände. 1393 bei- 
spielsweise wird auf dem Haus Marienburg eine Gesamtzahl von 560 
angegeben 80. I)ttfI 
Schauen wir auf die Bestände anderer Ordenshäuser, so finden wir bei 
Königsbex:g erstmals 1392 die Vorräte des Schnitzhauses und der Har- 
nischl\:ammer aufgeführt, nämlich 11 Windarmbrüste, 480 neue Stegreif- 
armbrüste, 20 andere Armbruste, 145 neue Rückarmbrüste, 130 alte 
Stegreifarmbrüste, 116 alte Rückarmbrüste, 85200 Pfeile sowie an Har- 
nisch, 54 Platten, 47 Brongen, 19 Panzer und anderes mehr 81. Bei Elbing 
werden die dem Schnitzmeister unterstehenden Waffen mit ihren ver- 

chiedenen Lagerungsstätten angegeben, nämlich 1396 auf der Herren 
Remter, auf der Herren Schlafhaus und im Schnitzhaus, wo 40 Armbrüste 

erade hergestellt werden. Der Vorrat an Pfeilen befindet sich auf dem 
Haus. Die Harnischbestände werden außer in Elbing selbst auch in Preu- 
ßisch Holland verwahrt 81. Auch die kleineren Ordenshäuser in Pomme- 
rellen und im Kulmer Land verzeichnen anläßIich der Komturswechsel 
seit den 80er Jahren des 14. Jahrhunderts ihre Bestände Iln A m rüsten 
und Harnisch. I 
Die Entwicklung der Feuerwaffen erlebte im späten 14. Jahrhundert 
einen bedeutenden Aufschwung. Es war selbstverständlich, daß sich der 
Deutsche Orden in Preußen dieser Waffengattung bediente und weiter- 
zuentwickeln suchte 83. Seit 1374 lassen sich in den Inventaren der Or- 
denshäuser Geschütze nachweisen; in der Regel werden sie mit den 
Waffen aufgeführt, die dem Schnitzmeister unterstehen. Es handelt sich 
dabei sowohl um Steinbüchsen, die Steinkugeln als Munition verwenden, 
als auch um Lotbüchsen, für die Bleikugeln zu benutzen waren. 1393 
finden wir beim Marienburger Schnitzamt 63 Lotbüchsen und 2 Stein- 
büchsen, 1409 werden hier allerdings nur 11 Lotbüchsen genannt. Von 
[ 


BI MÄB, S. 143-146. Eine Darstellung der Bestände aller Häuser bei Ben n i n g_ 
ho v e n (wie Anm. 26), S. 595-599 mit Karte. Oß 
11 GÄB, S. 7. 
II GÄB, S. 79. Eine Darstellung unter Benutzung scbriftlicher, ikonographischer 
und archäologischer Quellen bietet A. No w a k 0 w ski, Uzbrojenie wojsk krz1l- 
zackich w Prusach w XIV w. f na poczqtku XV w. (L6dzkie Towarzystwo Nau- 
kowe, 11: Nauk historycznych i spolecznych, 29), Wroclaw 1980; A. Na d 0 1 ski, 
Die Forschungen über die Bewaffnung des Deutschen Ordens und seiner Gel7neT 
in Ostmitteleuropa, siehe in diesem Bd., S. 49ff. Beispiel der systematiscben Auswer- 
tung einer schriftlichen, wenn aucb erzählenden Quelle für das Kriegswellen bei 
E. Eng I i s c h, Ottokan Steirische Reimchronik. Versuch einer realienkundlichen 
Interpretation, (in:] Veröffentlichungen (wie Anm. 1), Bd. I, S. 7-54 mit Glossar. 
ea Grundlegend B. Rat h gen, Die Pulverwaffe im DeutschordenSltaate bi, 
zum Jahre 1450, Elbinger Jahrbuch, H. 2, 1922, S. 1-116; ferner Sc b m i d t c h e n 
(wie Anm. 26). . 1 I .N .., 


-
		

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			über Quellen zur ,sachkultur des Deutschen Ordens... 


91 


zugehöriger Munition ist nichts zu hören 84. In Königsberg werden 1392 
außer 5 kleinen Steinbüchsen, 12 Lotbüchsen und 2 großcn Büchsen 
6 Tonnen Salpeter, 84 Steine Salpeter sowie 1900 Pfund fertigen Pulvers 
aufgeführt 
II. Daraus folgt, daß das Pulver auf der Burg hergestellt 
wurde. Wenn auch in Elbing 1396 die Ausrüstung geringer war, so sind 
die Angaben genauer: 50 Steine fertige'1 Pulvers, ferner im Gemach des 
Hauskomturs 4 1 /2 Faß Salpeter und 4\/1 Tonnen Schwefel; weiter ist man 
der Marienburg 3 Tonnen Schwefel schuldig; dem Hochmcister wurde für 
die Elbingcr Bürger eine mittelgroße Büchse ausgeliehen. Elbing hat 
3 kleine Steinbüchsen, für diese 400 Steine Munition, für die großc 
Büchse 303 Steine, für die mittlere Büchse 120 Steine Munition 811. Für 
fast alle Komtureien lassen sich bereits für die Zeit vor 1410 Angaben 
über eine artilleristische Ausrüstung machen. 
Das Gießhaus in der Vorburg des Haupthauses war nicht nur Pro- 
duktionsstätte für Kirchenglocken und Kesscl, sondern auch für Ge- 
schütze. Die im Treßl
rbuch vcrzeichneten Ausgaben lassen das im ein- 
zelnen nachweisen. Daneben wurden Büchsen auch angekauft. Geschütze 
konnten geschmiedet und gegossen werden. Auf der Marienburg wurde 
der Bronzeguß angewandt, die Erfahrungen aus dem Gießen von Kirchen- 
glocken waren dabei hilfreich. Die Steinkugeln wurden von Büchsenstein- 
hauern angefertigt; das waren Steinmetze, die für diese Arbeit einge- 
setzt wurden. Aus den Inventaren geht hervor, daß nach 1410 die Anzahl 
der Geschütze vervielfältigt wurde, in wenigen Jahrzehnten wurde auf 
deor Marienburg ein erfolgreicher Rüstungsbetrieb aufgebaut. Die Wagen 
zum Transport der BÜchsen ins Feld wurden schon bei den Beständen des 
Karwansherrn erwähnt 87. 
Binnenländische Transportmittel sind die Flußschiffe. Für die Marien- 
burg werden sie beim Hauskomtur verzeichnet. 1387 finden wir 5 Weich- 
selschiffe. 8 Nassuten, 1 Kalkschiff, 1 Kohlenschiff, 2 Holzprahme, 
3 Stromkähne. Später werden die Anker besonders genannt, außerdem 
1402 2 große Leinen, mit denen man die Schiffe herüberzieht, 6 neue 
und 2 alte Treidelleinen, 5 neue und 5 alte Rickleinen 88, Fischereifahr- 
zeuge (Schuten) und weitere Fischfanggeräte werden beim Fischamt 
Scharfau verzeichnet 89, das zur Komturei Marienburg gehörte. Einen 
größeren Fahrzeugbestand bietet Königsberg 1404: 7 Deimeschiffe, 16 


9. MÄB, S. 143, 146. 
81 GÄE, S. 7. 
M GÄB, S. 79. 
87 Wie Anm. 76. 
81 MÄB, S. 6-8. Eine Darstellung der Bestände aller Häuser bei Ben n i n g- 
b 0 v e n (wie Anm. 26), S. 599-601 mit Karte. t 
8. MÄB, S. 54-59.
		

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			92 


Bernhart Jähnig 


rg 


Nassuten und 7 Korbechen, Elbing 1404: 12 alte und neue Nassuten, 
1 großes Karwanschiff, 1 Prahm, 4 Weichsel schiffe, 1 Deimeschiff. Auch 
Christburg verzeichnet eine größere Anzahl. Dagegen hat Danzig einen 
geringen eigenen Bestand, so 1420 1 Prahm, 1 Floß und 1 in der Mottlau 
liegende Nassute 90. 
Auffällig in den Inventaren der preußischen Ordenshäuser sind die Tier- 
bestände. Das Amt des Pferdemarschalls war sowohl im Haupthaus wie 
in den anderen Konventen ein angesehenes Hausamt. In Krieg und Frie- 
den waren die Pferde als Arbeits- und Reittiere unentbehrlich. Die Kom- 
turei Marienburg war der bedeutendste Standort der Pferdezucht im 
Ordensland. Mit Kalthof und Sandhof lagen zwei Gestüte in unmittelba- 
rer Nähe des Haupthauses. Zum Marienburger Konvent gehörte ein 
weiterer Pferdemarschall, und zwar in Leske, der dort neben einem 
Pfleger die Aufsicht über die Tiere zu führen hatte. Weitere Häuser und 
Höfe kommen dazu. Das Marienburger Ämterbuch ist daher reich an ein- 
schlägigen Angaben 91. An Pferden werden aufgeführt: Stutkobeln, Pflug'- 
kobeln, die Bezeichnungen Kobel und Fohlen in Verbindung mit den 
Altersangaben von 1-3 Jahren, Wagenpferde, Schweiken und andere. Die 
Begriffe sind teilweise schwierig zu trennen, da sie teils mit, teils ohne 
Praefixe verwendet werden und damit sprachlich kein leicht überschau- 
bares Bild geben 92. Das gehört zur Eigenart unserer Quellen. Roß ist die 
Bezeichnung für das männliche Tier und meint den Zuchthengst. Ent- 
sprechend ist Roß fohlen ein noch nicht geschlechtsreifes Tier, das aber 
für die Zucht vorgesehen ist. Stut ist die Bezeichnung für das Gestüt, die 
Zuchtstätte. Das weibliche Tier ist die Kobel, deutlicher auch als Stlltkobel 
bezeichnet. Entsprechend gibt es auch das Wort Schelroß (heute noch: 
Beschäler). Pflugkobel meint dagegen ein weibliches Arbeitspferd. Die 
kastrierten Tiere werden Monchpferde oder Monchhengste genannt. Diese 
Pferde werden oft als Wagenpferde eingesetzt, auch als Arbeitspferde auf 
den Wirtschaftshöfen. Hengst ist in unseren Quellen keine Geschlechts- 
bezeichnung, denn dieses Wort wird nicht im Blick auf die Zucht verwen- 
det. Die Hengste sind die Ritterpferde des Ordens, also die Streitpferde. 
Es handelt sich um eine Benutzungsbezeichnung. Daneben hatten die 
Ordensritter jeweils ein Pferd zum Reiten außerhalb des Kampfes. oft 
Zelter, also Tiere, die wegen ihers Paßganges bequem waren. Das dritte 
Pferd jeden Ritterbruders war für den berittenen Knecht bestimmt, der 
zum Führen des jeweils anderen Pferdes und für andere Verrichtungen 


111 GÄB, S. 9, 83, 129, 699. 
11 MÄB, S. 97-101, 52-54 u.a. 
. "VgI. F. R iI n ger, Herkunft, Rassezugehörigkeit, Züchtung und Haltung de, 
Ritterpferde des Deutschen Ordens, Zeitschrift für Tierzilchtung und Zilchtungl- 
biologie, Bd. 2, 1925, S. 211-308. .2 .8. 


-
		

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			über Quellen zur Sachkultur des Deutschen Ordens... 


93 


nötig war. Die Schweiken, auch Post- oder Briefschweiken genannt, wa- 
ren einheimisch und wurden vorwiegend als Kurier- und Arbeitspferde 
Eingesetzt, in Friedenszeiten sogar als Reitpferde. Das war die einzige 
Pferdebezeichnung, die zugleich eine Rasse benannte. 
Aus den Konventslisten, insbesondere der Visitation von 1437/1438, 
geht hervor, daß die Ordensritter - wie gesagt und wie in den Auf- 
riahmebedingungen festgelegt - drei Pferde haben sollten"3. Für das 
lIaupthaus gibt es darüber hinaus Pferdeverzeichnisse, die die Tiere ein- 
zeln mit Namen aufführen. So beginnt 1445 die Reihe der Zuchtpferde 
der Ritterbrüder mit: "der Schawmburger, der grosse Yxkewle, der groe 
Proike". DIe ersten Wagenpferde heißen: "der groe Kirsberger, der blinde 
Benhoffer, der rote Belgener mit dem weissen monden" \14. Preußische 
Pferde wurden gelegentlich wie Falken als diplomatische Geschenke an 
auswärtige Fürsten abgegeben, so an den Römischen König, den Groß- 
fürsten von Litauen,den Erzbischof von Köln. Die Mehrzahl der verzeich- 
T
eten Empfänger waren natürlich Ordensangehörige, gelegentlich auch 
außerhalb Preußens wie der Deutschmeister \15. Neben dem Haupthaus 
hatte jeder Konvent seinen eigenen Pferdebestand mit Zucht. So heißt 

s zusammenfassend 1396 bei Elbing: Summe der alten und jungen Pfer- 
de: 588, davon 21 Rösser, 271 Kobeln, die zu Rosse gehen, 8 Hengste, 23 
Knechtspferde und andere 116. Für spätere Jahre werden auch innerhalb 
der Komtureien die einzelnen Standorte gesondert ausgewiesen. 
. Die Bestände an Rindern, Schweinen und Schafen gehören zu den re- 
gehnäßigen Angaben der Inventare. In Marienburg hat der Pferdemar- 
schall einen kleineren Bestand, so 1392: 46 Kühe, 212 Schafe, 99 Schwei- 
ne. Der Viehmeister verwaltete 1390: 183 Rinder, 2070 Schafe, 338 
Schweine. Weitere große Viehbestände befanden sich bei den Pfle- 
geämtern der Komturei, so 1391 in Stuhm: 178 Rinder, 1200 Schafe; 656 
Schweine 117. Ähnlich ist die überlieferung für die übrigen preußischen 
Ordenshäuser. Die nicht selten vorkommenden Bienenstöcke sollen we- 
nigstens erwähnt werden 98. I 
Schließlich enthalten die Inventare reichhaltige Angaben über die 
J 


.. GAB, S. 37 f. u.ö. Vgl. B. J ä b n i g, Der Danziger Deutschordenskonvent ift 
der Mitte des 15. Jahrhunderts, (in:) Danzig in acht JahThunderten, hrsg. vo
 
B. Jäh n i g, u. P. Let kern a n n (Quellen und Darstellungen 
ur Geschichte 
Westpreußens, 23), Münster 1985, S. 161£., 166-168. 
N MAB, S. 154-'-157. VgI. G. Eis, Pferdenamengebung im Deutschen Ritter- 
orden, Beiträge zur Namenforschung, 5, 1954, S. 271-280. 
M MAB, S. 158; StA Kbg., OBA, zablreiche Belege. 
N GAB, S. 78. 
.7 MAB, S. 99, 111, 12. 
M V,l. die Nachweise in den Wort- und Sacbregiltern zu MA
 und GAB.
		

/Czasopisma_119_04_096_0001.djvu

			94 


Bernhart J äbnig' uz 11 


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Verbrauchsgüter. Beim Haupthaus erfahren wir die Ausstattung des 
Spitals, des Schnitzhauses, der Herren- und der Gesindefirmarie, auch der 
Häuser der Pflegeämter mit Betten 1111, jedoch nichts über das Dormitorium 
des Hochschlosses. Bei den andercn Ordenshäusern sind die Angaben zu- 
nächst noch spärlicher. Immerhin hören wir 1431 vom Bett nebst Pfuhl 
und Laken des Obersten Marschalls in seiner Kammer. In der ausge- 
henden Ordenszeit vermehren sich die Einzelangaben, so werden 1521 
bei einer Gastkammer in Preußisch Eylau überbett, Unterbett, Laken, 
Kissen und Pfuhl aufgeführt 100. 
Die Trappeneien oder Kleiderkammern zählen Kleidungsstücke und 
Stoffe mit ihrer auswärtigen Herkunft auf. Dazu gehören auch die Schu- 
he. Besonders anschaulich ist eine Niederschrift des Jahres 1410 aus dem 
Danziger Ordenshaus, wo gleich die Verwendung mit angegeben wird. So 
l.eißt es, "das man den herren mechelische thucher und huntschos gap 
czu menteln. ire kogeln worne von guttem yprisschem gewande mit ley- 
disschem gewande undirfuttert. dy hoszen, dy man in gap, woren von 
guttem engelisschem gewande. man gap den herren ufi dy czeit west- 
felissche leynwot czu laken und czu hemden. des somirs gap man den 
herren bewer und den pristirherren harras czu rocken. des winters gap 
n:an den herren gutte vor dir gro tucher czu rocken und czu hantschuen. 
dy hantschun woren mit weysem wande undirfuttert". Die weiteren Aus- 
führungen berühren die Kleidung der Diener und Brief jungen 101. 
Die Küchenämter nennen die Vorräte an Lebensmitteln. So heißt 
s 
in der eben zitierten Danziger Aufzeichnung von 1410, daß die Küche un- 
ter anderem mit folgendem ausgestattet sei: 90 fette Ochsen, 100 fette 
Schöpse (Hammel), 300 fette Schweine, 1500 Herrenkäse, 8000 Knechte} 
käse, 7 Tonnen Butter, 6 Pfund Safran, 3 Steine Pfeffer, 5 Steine Reis: 
4 Körbe Feigen, 5 Steine Mandeln, 1 Korb Rosinen, 7 Last Salz, 40 Schef- 
fel Gerste für Knechtegrütze, 50 Scheffel Hafer für Herrengrütze, Hering 
aus Schonen und aus Heia. 1422 finden wir im Keller des Obersten Mar- 
schalls 1 Faß ungarischen und 1 großes Faß Rheinwein, 2 große Fässer' 
und 1 Tonne alten Met, 11 Tonnen dünnen Met und 14 Tonnen Elbinger 
Bier 102. i 
Wir brechen unsere übersicht ab, ohne die angeführten "Sachen" des 
Deutschen Ordens in ihrem weiteren Zusammenhang zu deuten. Hier 
waren lediglich die hauptsächlichen Bereiche der Sachkultur anzuzeigen, 
die in den Inventaren der preuß' ..len Ordenshäuser einen Niederschlag 


" MÄB, S. 116-120, 145, 153f., 147-149, 37 U.Ö. 
101 GÄB, S. 28, 177 
1'1 GAB, S. 690f. 
I" GÄB, S. 18. UI -ho 


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/Czasopisma_119_04_097_0001.djvu

			über Quellen zur Sachkultur des Deutscben Ordens... 


95 


gefunden haben. Die jeweils in einer Auswahl angeführten Gegenstände 
sollen die Art der überlieferung kennzeichnen, die Fülle der Aussagen 
konnte dabei nur angedeutet werden. U:S: f D"I1 8 
Für eine Darstellung der Sachkultur werden die hier vorgestellten 
Quellen systematisch zu bearbeiten sein, dazu werden auch bisher un- 
fedruckte Archivalien ergänzend heranzuziehen sein. Aus solchen Quel-' 
len werden sich Teilbereiche erschließen, die in den Inventaren kaum 
berührt werden. Das kann bis zur Beschreibung von Arzneien gehen, wie 
sie beispielsweise dem vom Steinleiden geplagten Hochmeister Konrad 
von Jungingen "verschrieben" werden 103. Für die inhaltliche Erläuterung 
der Begriffe bilden die Wort- und Sachregister der von uns benutzten 
Editionen eine erste Hilfe. Es wird sich bei einer weiteren Bearbeitung 
zeigen, daß mit dem Untergang vieler Sachen der Bedeutungsinhalt 
wenigstens einiger Wörter verloren ist, wie schon Walther Ziesemer 

agte 11"'. Sein "Preußisches Wörterbuch", das diese Quellen berücksichtigt 
hatte, konnte leider nur zum kleineren Teil erscheinen lOS, das übrige 
Material ist ein Opfer des letzten Krieges geworden. Eine Aufarbeitung 
der Sachkultur des Deutschen Ordens in Preußen wird nicht nur in 
sprachlicher Hinsicht mit anderen historischen Räumen zu vergleichen 
haben. Es wird auch nach Traditionszusammenhängen zu fragen sein, 
nämlich ob und inwieweit Züge einer fürstlichen, einer adeligen oder 
£'iner klösterlichen Kultur auf den Ordenshäusern zu erkennen sind tot. 
Es wird nicht nur auf die Beziehungen innerhalb der Ordensverwaltung 
zu achten sein, sondern es wird der Blick auch auf ähnliche Forschungs- 


111 So StA Kbg., OBA 872; Harry Sc hol z, Eine mittelalterliche ärztliche 
Verordnung, Deutsches mediziniscbes Journal, Jg. 10, 1959, S. 512-515; Die Berichte 
der Generalprokuratoren des Deutschen Ordens an der Kurie, Bd. 2, bearb. von 
H. K 0 e p p e n (Veröffentlichungen der niedersüchsischen Jlrchivverwaltung, 13), 
Göttingen 1960, Nr. 22. Nicht mebr im wörtlicbe Sinne zu einer "Sachkultur" 
gehört eine ärztliche Verordnung, die derselbe Hochmeister nacb der etwa 50 Jahre 
spbtcr entstandenen Chronik von Laurentius Blumenau erhalten baben soll: "Novis- 
sime dolore calculi vexatus medici sui peritissimi consilio, qui eum mulierem 
cognoscere carnalitcr sollicitabat, tarn sancte tamque rcligiose experimur respon- 
disse: 0 ridicula infirmitatis cura, qua illi offensus ero, ad cuius iudicium pervenire 
est necessarium". Scriptores (wie Anm. 17), Bd. 4, S. 56. 
IN MÄB, S. VIII. 
111 Preußbches Wörterbuch. Sprache und Volkstum Nordostdeuuchlands, Lief. 
1-21, Königsberg Pr. 1935-1944, Neudruck (mit) Einführung und Bibliographie 
von E. R i e man n, Bd. 1-2, Hildesheim 1975. 
111 Für den Bereich der Küche vgl. Johanna M. van W i n t e r, Kochkultur 
und Speisegewohnheiten der spätmittelalterlichen Oberschichten, (in:) Veröffent- 
lichungen (wie Anm. 1), Bd. 5, S. 327-342; U. Will erd i n g, Ernährung, Garten- 
bau und Landwirtschaft im Bereich der Stadt, (in:) Stadt im Wandel (wie Anm. 5), 
Bd. 3, S. 569-598.
		

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			96 


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vorhaben andernorts, die weiter fortgeschritten sind, zu werfen: .sein. 
Unser quellenkundlicher Bericht soll dazu einladen, eine solche Bearbei- 
tung beim Deutschen Orden zu beginnen 107. mI 


107 Verfasser beabsichtigt, das im Zusammenhang seiner Untersuchung der 
Residenzen des Deutschen -Ordens in Preußen wenigstens teilweise! zu berücksich
 
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/Czasopisma_119_04_099_0001.djvu

			ORDINES MILITARES IV. Werkstatt des Historikers... 
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MARIAN ARSZYNSKI (Torun) 


Die HUl'gen im Deutschordensland Preußen als Quelle zur Erforschung 
der Geschichte des Deutschen Ordens und seines Staates 


Wenn man die umfangreiche Literatur zur Geschichte des Deutschen 
Ordens und seines Staates unter dem Gesichtspunkt ihrer Quellengrund- 
lage betrachtet, dann kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, daß 
die bisherige Forschung den Quellenwert der Ordensburg zwar einerseits 
durchaus nicht verkannt, doch anderseits auch nicht voll und allseitig 
erkannt hat. Man könnte, zwar eine Anzahl von Arbeiten nennen, in wel- 
(;hen die Quellenaussage der Ordensburgen mit einigem Erfolg zur Aus- 
wertung gekommen ist, doch eine planmäßige, genauer gezielte und tief 
schöpfende Ausbeutung dieser Quellen steht meiner Meinung nach immer 
noch aus. 
Dieser Zustand muß um so mehr verwundern und Bedenken erwecken, 
weil in der europäischen Forschung die Kunstdenkmäler - zu dieser Ka- 
tegorie gehören doch auch die Ordensburgen - mindestens schon seit 
dem bekannten Buch von Droysen 1, also schon seit über hundert Jahren 
als vollwertige Geschichtsquelle anerkannt werden. Diese Anerkennung 
wird auch in der neusten quellenkundlichen Literatur immer wieder zum 
Ausdruck gebracht 2. Doch muß man anderseits zugeben, daß die bishe- 
rigen Versuche einer praktischen Anwendung dieser theoretischen Er- 
kenntnis, auch außerhalb des Ordenslandes, durchaus nicht befriedigen 
können. Vor Jahren hat es schon Doering, und neulich wieder Topolski 
zum Ausdruck gebracht s, - obwohl in der europäischen Geschichts- 


1 J. G. D r 0 y sen, GTundriss der Historik, Leipzig 1868, S. 14. 
I G. Ban d man n, Das Kunstwerk als Geschichtsquelle, Deutsche Vierteljahres- 

chrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, 24, 1950. P. S k u bis z e w- 
ski, Dzielo sztuki a zr6dlo historyczne, [in:] Proces historyczny w literaturze i sztu- 
ce, Instytut Badan Literackich PAN - Historia i Teoria Literatury, Studia, Bd. 18, 
Warszawa 1967; W. Jus z c z a k, Dzielo sztuki czy fakt histor1lczn1l?, (in:) Granice 
sztuki, Warszawa 1972, S. 10f. 
I O. D 0 e r i n g, Deutschlands mittelalterliche Kunstdenkmäler als Geschichts- 
Quelle, Leipzig 1910; J. Top 01 ski, Metodologiczne klasyfikac;e zr6del histOTYcz- 
nych, [in:] Problemy dydaktyczne nauk pomocniczych historii, Katowice 1972, S. 7- 
20; der s., Metodologia historii, Warszawa 1973, S. 348-350; der s., Marksizm 
i historia, Warszawa 1977, S. 58f.
		

/Czasopisma_119_04_100_0001.djvu

			...-- 
 


98 Marian Arszynski 
schreibung doch elmge, vielleicht nicht ganz befriedigende, trotzdem 
bestimmt bemerkenswerte Arbeiten zu verzeichnen wären, deren Quel- 
lengrundlage vorwiegend aus Kundstdenkmälern zusammengesetzt wurde. 
Ich denke hier etwa an Bechtels Untersuchungen des mittelalterlichen 
Wirtschaftsstiles " Frölichs Studien zur Rechtsgeschichte Ii und Zaskes 
überlegungen zum Thema der norddeutschen Backsteinarchitektur 8. Dem 
kann die Deutschordensforschung leider nichts ebenbürtiges entgegen- 
stellen. 
Diese, dem weiteren Fortgang der breitest aufgefaßten Forschung 
bestimmt nicht dienliche Situation schien mir eine genügende Recht- 
fertigung zu sein, diese Tagung, die doch gerade den quellenkundlichen 
Problemen und Forschungsmethoden gewidmet ist, als Gelegenheit wahr- 
zunehmen und auch das etwas vernachlässigte Thema der Ordensburg in 
ihrer Eigenschaft als Geschichtsquelle zur Sprache zu bringen. Eine seiner 
Bedeutsamkeit gemäße - daß heiDt möglichst vielseitige und gründliche 
Erörterung dieses Themas ist in Anbetracht seiner Weitläufigkeit im 
Rahmen eines kurzen Beitrages nicht möglich - umso mehr, weil es doch 
eigentlich an Vorarbeiten fehlt. So war also nur eine Möglichkeit gege- 
ben - nämlich die ausgedehnte Thematik unter einem besonders aus- 
gewählten, möglichst einen der Kernpunkte des besprochenen Themen- 
kreises umfassenden Aspekt zur Darstellung zu bringen, um damit we- 
nigstens eine Andeutung der Forschungsmöglichkeiten zu geben, vor 
allem aber die Aufmerksamkeit eines breiteren Fachgremiums auf das 
Problem der Ordensburg zu lenken und das Interesse an dcr Auswertung 
ihrer queUenmäßigen Aussage vielleicht etwas zu beleben. 
Nach einigem Zaudern habe ich mich entschlossen, in diesem Beitrag 
den Punkt aus dem ganzen Themenkomplex herauszugreifen und ihn 
näher ins Auge zu fassen, dem auch A. von Brandt 7, der anerkannte Mei- 
ster der historischen Methodik, die Bedeutung eines Kernpunktes in der 
Quellenforschung beigemeßen hat. 
Die Befragung einer Quelle verlangt vom Fragenden, daß er über ein 
bestimmtes Wissen verfügt, welches ihm eine zielbewußte und zielsichere 
Fragestellung ermöglicht und eine exakte Deduktion der Antwort gewähr- 
leistet. Im Falle der Befragung einer Sachquelle ist dieses Wissen, nach 
Brandt, besonders wichtig, da es doch den besonderen Erfordernissen der 
Sachquellenforschung genüge tun muß. Diese besonderen Erfordernisse 
ergeben si ch daraus, daß bei der quellenmässigen Befragung der Sach- 
, H. Be c h tel, WiTtschaftsstil des deutschen Spätmittelalters. MÜßchen-Leip- 
7ig 1930, passim. 
I K. Fr ö 1 ich, MittelalteTliche Bauwerke als RechtsdenkmäleT, Arbeiten ZUT 
rechtlichen Volkskunde, Bd. 3, Tübingen 1939, passim. 
I N. Z a s k e, MittelalteTlicher Backsteinbau NOTddeutschlands aZs Geschichts. 
Quelle, (in:) Neue Hansische Studien, Berlin 1970, S. 59-81. 
1 A. von B r a n d t, Werkzeug des HistorikeTs, Stuttgart 1958, S. 68f.
		

/Czasopisma_119_04_101_0001.djvu

			Die Burgen im Deutschordensland... 


99 


überreste die entscheidende Bedeutung einer klaren und vollständigen 
Ermittlung der Funktionen zukommt, welche der befragte überrest im 
Verlaufe seines geschichtlichen Daseins ausgeübt hat. Erst an hand der 
,Ergebnisse einer solchen Ermittlung kann man nämlich schließen, welche 
Nachrichten man von der befragten Quelle erwarten darf, ob - der 
Ehemaligen Funktion dieser Sachquelle gemäß - in ihrer Substanz der 
gesuchte Umstand, die begehrte Aussage, einen lesbaren Niederschlag 
finden konnte. Diesem, im Prozeß der Ausbeutung der Sachquellen eine 
Schlüsselstellung einnehmendem Problem der Funktionen der Ordens- 
burgen in ihrer Eigenschaft als Sachüberreste möchte ich in diesem Bei- 
trag also die ganze Aufmerksamkeit schenken. Die auf diese Weise hier 
wohl zum ersten Mal zustande kommende Probe einer generellen und 
zusammenfassenden Bestandsaufnahme und übersicht dieser verschie- 
denen Funktionen wird - so erlaube ich mir jedenfalls zu hoffen - we- 
nigstens teilweise die eingangs gestellte Aufgabe der Erweckung des 
Interesses an der Quellenaussage dieses Bauwerkes erfüllen, die Beur- 
teilung der Forschungsmöglichkeiten erleichtern und vielleicht auch für 
künftige Forschungsunternehmungen einige Anregungen vermitteln. 
Im Folgenden möchte ich also - gestützt auf die bisherigen For- 
schungsergebnisse und eigene Quellenuntersuchungen - die einzelnen 
Funktionen der Ordensburgen nach Bereichen geordnet, zusammen- 
fassend betrachten. Dabei soll nicht verschwiegen werden, daß bei diesem 
Ordnungsversuch der allgemein für den Burgenbau als grundlegend gel- 
tende Aufsatz von Ebner 8, Pate gestanden hat. 
Wenn man die Ordensburg durch das Prisma der bisherigen histori- 
schen, kunsthistorischen und burgenkundlichen Forschung betrachtet, 
dann scheint es einem, daß es wohl kaum eine andere Quelle geben 
könnte, die mit so vielen, nach allen Richtungen sich verzweigenden 
Fäden, mit so mannigfaltigen Gebieten der geschichtlichen Wirklichkeit 
verknüpft wäre - was natürlich schon im voraus eine große quellen- 
kundliche Aussagekraft ahnen läßt. Die so zustandekommende Perspektive 
ermöglicht uns gleichzeitig die Ermittlung und nähere Bestimmung ihrer 
zahlreichen Aufgaben und Funktionen. Entsprechend der Wahl eines 
bestimmten Blickwinkels, erscheint dann in unserem Beobachtungsfeld 
die Ordensburg in einer ihrer vielen Rollen 9, jedes mal dem Fragenden 
eine andere und einmalige Quellenaussage anbietend. 
--'-:8. E b n e r, Die Buro als Forschunosproblem mittelaZterZicher Verfassungsge- 

chichte, Vorträge und Forscbungen, Bd. 19, 1976, S. 11f. 
t Die meisten Forscher sind der Ansicht, daß in mancher Beziehung, vor allem 
aber hinsichtlich des Burgenbaues und überhaupt des Kriegswesens, die Verhält- 
nisse in Preußen und im livländisch-litauischen Gebiet sich sebr ähnlich gestaltet 
haben. Deswegen füblte icb mich auch berechtigt, zur Stützung meiner Ausführun- 

en, Quellen sowohl aus dem eine als auch aus dem anderem Raum heranzuziehen.
		

/Czasopisma_119_04_102_0001.djvu

			100 


Marian Arszynski 


DER BEREICH DER POLITISCHEN, SIEDLUNGSPOLITISCHEN 
UND MILITÄRISCHEN FUNKTIONEN 


Dieser Bereich hatte in den frühesten Perioden der Ordensgeschichte 
die größte Bedeutung gehabt und behielt sie auch noch später in den 
östlichen Gebieten des Landes. Der Bau einer Burg - in der Frühzeit 
war das natürlich zumeist eine lIolz-Erde-Befestigung - konnte sowohl 
mit dem Beginn 10 als auch mit dem Abschluß 11 eines Kriegsunter- 
nahmens oder einer Eroberungsaktion verbunden sein - wobei als Aus- 
gangspunkt solcher Aktionen in der Regel eine andere, schon früher erbau- 
te Befestigung diente 12. Im Falle eines Mißerfolges der Aktion oder im 
Falle eines absichtlich geplanten Abesetzungsmanövers übernahm die 
Burg die Rolle eines abgesicherten Rückzugsortes 13. Beim erfolgreich 
durchgeführten Kriegszug wurde die Burg - teilweise jedenfalls - zu 
einem Gefangenenlager und einer Beutesammelstelle 16. Bei der Erfüllung 
ihrer taktischen, strategischen oder gar operativen Aufgaben konnte die 
Burg entweder ohne besonderer Beziehung zur Topographie des Kampf- 
gebietes, oder zur Lage der anderen Befestigungen - sowohl eigenen als 
auch feindlichen - als Standort einer Garnison 1:5, einen militärischen 
Schwerpunkt bilden, oder auch, topographisch besonders gezielt situiert, 
den Durch- oder Zugang eines Landstriches 18, eines Engpasses oder Fluß- 


11 Das beste Beispiel ist bier die Burg Marienwerder (Kwidzyn), deren Bau 
den Auftakt zur Eroberung Pomesaniens gewesen ist. Peter von D u s bur g, Chro- 
nicon terrae Prussiae, hrsg. von M. T 0 e p p e n, [in:) Scriptores Rerum Prussicarum, 
Ed. 1, Leipzig 1861, S. 56f. Als Beispiel aus dem litauisch-livländischen Raume kann 
man den Bau der Burg Heiligenberg anfübren, welche als Stützpunkt des künftigen 
Eroberungsunternebmens im Feindesland gebaut, oft ohne Verbindung mit dem 
Hmterland verblieb. So mußte man sie ausscbließlich mit Hilfe von bewaffneten 
Geleitzfigen versorgen. Livländische Reimchronik, (in:) ScriptoTes Rerum Livonica- 
rum, Bd. 1, Riga 1858, S. 707. Vgl. aucb die Burg Goldingen, ibid., S. 564. 
11 Als Abschluß der Eroberungsaktion eines Landstricbes wurde z.B. die Burg 
Tapiau im Samland erbaut; A. E wal d, Die Eroberung Preußens durch die 
Deutschen, Bd. 4, Halle 1876, S. 68. 
11 Die Burg Marienwerdcr (Kwidzyn) war z.B. Ausgangspunkt für die Gründung 
der Burg Elbing (ElblQg), ibid., Bd. 1, S. 196. 
11 J. V 0 i g t, Geschichte Preußens, Bd. 4, Königsberg 1830, S. 299. 
1& L. Web e r, PTeußen vor 500 Jahren, Danzig 1878, S. 636f. 
11 F. Ben n i n b 0 v e n, Die Gotlandfeldzüge des Deutschen Ordens 1398-1408, 
Zeitschrift für Ostfonchung, 13, 1964, S. 421-477; der s., Probleme der Zahl und 
Standortverteilung der livländischen Streitkräfte im ausgehellden Mittelalter, ibid., 
S 12, 1963, S. 601-622. 
11 Als ein geradezu musterbaftes Beispiel kann bier die Burg Rehden (Radzyn) 
gelten, die ..ante solitudinem" gebaut wurde und zwar ganz genau gezielt an der 
Stelle, ..ubi continuus insultus fuerat Prutbenorum, et introitus ad terram colmen- 
sem", Du s bur g, op. cit., S. 58-59. Von einer genau solcben Burglage erzählt 
auch die Livländische Reimchronik: .....bruderen von dem deutsche .bus die haben 


.......
		

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			Die Burgen im Deutschordensland... 


101 


mündung 17 sperren oder ermöglichen, als Gegenburg einer gegnerischen 
Befestigung auftreten 18, oder auch andere militärische Aufgaben - sei 
es als Einzelfestung, sei es als Glied eines Systems erfüllen 19. Die Burgen 
waren nicht nur wichtige kriegstechnische Elemente der vorgeschobenen 
Kampfzone. Als befestigte Depos kriegswichtiger Vorräte 20, Standorte der 
Transportmittel 2 !, Rastorte 22 entlang bestimmter Anmarschwege verteilt 
oder in bestimmten Bereitstellungsräumen gelagert, bildeten sie auch im 
Hinterland wichtige Instrumente der damaligen Logistik und somit der 
allgemeinen Kriegsführung. Auch ihre Bedeutung als Stätten der 
Hüstungsproduktion und Standorte der Reperaturwerkstätten 23 sollte 
nicht außer Acht gelassen werden. Bei der Aufzählung der militärischen 
Funktionen darf man auch nicht vergessen, daß die Burgen eine wichtige 
Rolle als Kommando- und Versammlungsorte des Landesaufgebotes 2. 
der Streitmacht zu erfüllen hatten. 
Wenn wir hiermit schon das Thema der militärischen Organisation der 
Bevölkerung sowie Landesverteidigung berührt haben, so sei auch gleich 
daran erinnert, daß die Burgen bei Kriegsgefahr als militärische Anleh- 
nungspunkte und wehrhafte Zufluchtsorte für die Landesbewohner samt 
ihrem Hab und Gut gedient haben. Ihre diesbezügliche Funktion begann 
für manche Anlagen noch vor der Anordnung einer Evakuierung. Die 
Burgen spielten nämlich zuerst einmal die Rolle der Warnposten. Sie 
wurden durch ein - von Burg zu Burg verlaufendes Staffetensystem von 


burge vor die clus gebuwet in die selben lant.....; Reimchronik, S. 636. Ähnliche 
Bedeutung wird auch den Burgen Schönsee (Kowalewo), Roggenhausen (RogoZno), 
und Engelsburg (Pokrzywno) zugeschrieben; H. Bon k, Die Städte und Burgen in 
Altpreußen in ihrer Beziehung zur Bodengestaltung, Altpreußische Monatsschrift, 
32, 1895, S. 79. 
17 Man kann hier Wehlau an der Mündung der Alle in den Pregel oder Labiau 
an der Einfahrt von Haff in die Deime nennen. 
111 Die Burg Potterberg galt als Gegenburg der damals noch pommerellischen 
Burg Scbwetz (Swiecie); E wal d, op. cit., Bd. 2, S. 179f. Deswegen wurde sie auch 
nach der Eroberung Pommerallens vom Orden aufgehoben. 
18 K. K a s i s k e, Die Siedlungstätigkeit des Deutschen OTdens in östlichen 
PTeußen bis zum JahTe 1410, Königsberg 1934, S. 147; H. und G. Mo r t e n sen, 
Die Besiedlung des nOTdöstlichen Ostpreußens bis zum Beginn des XVII Jhs., Bd. 1, 
Leipzig 1937, S. 37. 
.. F. Ben n i g b 0 v e n, Die Burgen als GTundpfeiler des spätmittelalterlichen 
Wehrwesens im preußisch-livländischen Deutschordensstaat, VOTträge und For- 
Fe'hungen, Bd. 19, 1976, S. 581f. 
11 Ibid. S.601. 
11 Ibid. S. 599. 
u Ibid., S. 593. 
16 Ibid. S. 579 sowie auch der s., Die Kriegsdienste der Komturei Danzig um 
1400, (in:] Acht JahThunderte Deutscher Orden, Quellen und Studien zur Geschichte 
des Deutschen Ordens, Bd. 1, 1967, S. 191f. 


It
		

/Czasopisma_119_04_104_0001.djvu

			102 


Marian Arszynski 


dem Aufruf zur Evakuierung der Landbevölkerung benachrichtigt und zur. 
Ausrufung eines Alarmes und einer Bergung von Menschen und Material 
aus einem bestimmten Gebiet in die Burg verpflichtet, wie auch zur Wei- 
terleitung der Alarmbotschaft 25. 
Eng mit den militärischen Funktionen waren die Aufgaben verbunden, 
welche den Burgen im Rahmen d.er Siedlungspolitik zugedacht waren. 
Sie waren weitgehend mit den Funktionen des wirtschaftlichen und 
administrativen Bereiches verzahnt. Zuerst trat die Funktion des organi- 
satorischen Mittelpunktes in Erscheinung, von dem aus die Siedlungs- 
aktion in einer Landschaft geplant, in Bewegung gesetzt und koordiniert 
wurde. Dann galt es für die Burgbesatzug, gerodetes und besiedeltes Land 
vor dem Feindeinfall zu sichern - oder auch, wenn die Besiedlungsaktion 
vor der endgültigen Christianis
erung des Landes im Altsiedlungsraum 
vorgenommen wurde, die Neusiedler vor den etwaigen Feindseligkeiter_ 
der autochthonen Bevölkerung - gewissermaßen als Polizeistation - zu 
schützen 211. Mit dem militärischen Funktionsbereich der Burg war im 
Ordensland auch ihre politische Bedeutung verbunden. Sie war doch ein 
Instrument und zugleich Symbol der auf militärischer Kraft gestützter 
weltlichen Herrschaft des Deutschen Ordens als Landesherrn. Was aber 
erst seit der Neige des 13. Jhs., jedenfalls nach außen hin, deutlicher in 
Erscheinung treten konnte 27. In diesem Zusemmenhang wäre hier zu 
sagen, daß sie als Sitz des örtlichen Vertreters der Landesherrschaft auch 
der herrschaftlichen Repräsentation gedient hat, was in ihrer baulichen 
und künstlerischen Gestaltung zum Ausdruck gekommen ist 28. 


11 Auf welche Weise solch ein System funktionierte, scbilderl uns sebr genau 
I.:nd eindrucksvoll eine Urkunde aus dem Jahre 1392. Die Bevölkerung wurde auf- 
gerufen, in Burgen Sc butz zu suchen: .....homines ad munitiones confugere....., wobei 
der schriftliche Alarmbefehl ungesäumt von Burg zu Burg befördert werden sollte- 
.....littera sine mora de domo ad dom um mittatur...... Codex Diplomaticus Prussicus, 
hrsg. von J. V 0 i g t, Bd. 2, Königsberg 1836, S. 27. 
111 Die Burg spielte eine besonders große Rolle in den Siedlungsaktionen der 
Eroberungsperiode, später dann auch noch bei der Besiedlung der Wildnis; K. K a- 
Bis k e, op. cit., S. 153. 
17 M. Hell man n, über die GTundlagen und die Entstehung des Ordensstaates 
in Preußen, Nachricbten der Giessener Hocbschulgesellschaft, 31, 1962, S. 121. 
111 Man kann vermuten, daß man eine besondere architektonische Ausgestaltung 
auch diesen Burgen verliehen hat, welche als zeitweilige Sitze oder Absteigequar- 
tiere des Hochmcisters gedicnt haben. Hochmeistergemächer sind in Elbing (Elbli\g), 
Roggenhausen (Rogozno), Grebin (Grabiny) urkundlich bezeugt; K. H. C las e n, Die 
mittelalterliche Kunst im Gebiete des Deutschordensstaates Preußen, Bd. 1, Die 
Burgbauten, Königsberg 1929, S. 189; J. Muh 1, Geschichte des Rittergutes Herren- 
grebin, Mitteilungen des Westpreußischen Geschichtsvereins, 22, 1923, S. 9. Vgl. 
auch B. S c h m i d, GebietigergemächeT in den OTdenshäusern, Mitteilungen des 
Vereins für die Geschichte von Ost- und Westpreußen, 17, 1943, S. 33f. .:..
		

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			Die Burgen im Deutschordensland... 


103 


Die dem Deutschen Orden als Landesherrn zustehende gerichtliche 
Gewalt hatte mit der Burg nur einen losen Zusammenhang, da die Ge- 
richtsbarkeit oft an Städte, Schulzen, Inhaber der Dienstgüter verliehen 
wurde. Abcr sogar dort, wo der Komtur einen großen oder sogar vollen 
Ausmaß die Gerichtsgewalt auf seinem Gebiete besessen hat, waren die 
Gerichtstätten, auch Richthöfe genannt, außerhalb der Burgen gelegen 19. 
über Gefängnisfunktionen der Ordensburgen wissen wir sehr we- 
nig - doch haben sie wohl auch diesem Zwecke dienen müssen, was 
einige indirekte Aussagen der Quellen zu bezeugen scheinen 30. 


DER BEREICH DER ADMINISTRATIVEN UND WIRTSCHAFTLICHEN 
FUNKTIONEN 


Die politischen und militärischen Funktionen der Burg waren im 
Ordensland ziemlich eng mit den administrativen und auch teilweise 
wirtschaftlichen verbunden. Wie bekannt stützte sich im Ordensland 
sowohl die staatliche Verwaltungsorganisation als auch die interne Or- 
densverwaltung auf das sehr tragfähige Komtureisystem. Die Wahrneh- 
mung beider Verwaltungsaufgaben war dem Komtur übertragen. Sein 
Sitz, die Konventsburg, wurde somit zur lokalen Verwaltungszentrale, 
die in einem bestimmten Gebiet die mannigfaltigen Aufgaben plante und 
ihre Durchführung organisierte, leitete und beaufsichtigte. Als Haupt- 
aufgaben wären hier zu nennen: Siedlung, Finanzen, Landesfürsorge, 
Straßen- und Wasserbau, Durchführung der Landesverordnungen, Orga- 
nisation der Arbeitskraft im Rahmen der gemeinen Dienstleistungen sowie 
der außerordentlichen Leistungen im Rahmen der so genannten "Aus- 
richtungen" für besonders wichtige zentral geplante Vorhaben, Ein- 
sammeln der fälligen Abgaben USW. 31 
Als besonders wichtig sind hier die Funktionen der Burg als Etappen- 


It F. Gau s e, Geschichte deT Landgerichte des Ordenslandes Preußen, Alt- 
preußische Forschungen, 3, 1926, S. 6-11 und S. 67. P. G. T h i eIe n, Die Verwal- 
tung des Ordensstaates Preußen, Köln-Graz 1965, S. 90f. 
10 Dem Wortlaut der Statuten nacb mußten sich in jeder Ballei - daß heißt 
wohl auch in jeder Komturei - ein oder zwei Gefängnisse befinden. Es steht auch 
fest, daß die Mitglieder des Ordens für bestimmte Vergehen mit Gefängnisstrafe 
helegt werden konnten. G. Sc h m i d t, Die Handhabung der Strafgewalt gegen 
Angehörige des Deutschen Ordens, Beibefte zum Jahrbuch der Albertus Universi- 
tät, 4, 1952, S. 140. Es bleibt dahingestellt, ob die Gefängnisräume mit den in eini- 
gen Häusern nocb erbaltenen sog. ..Büßerzellen" (z.B. in Gollub (Golub) und Rehden 
iRadzyn» in Verbindung gebracht werden können. 
.1 K. K a s i s k e, op. cit., S. 30f.; H. und G. Mo r t e n sen, op. cit., S. 38f.; 
P. G. T h i eIe n, op. cit., passim. über die so genannten "Ausrichtungen" vgl. be- 
!'onders bei A. K 1 ein, Die zentrale Finanzverwaltung im Deutschordensstaate 
Preußen am Anfang des XV Jhs., Leipzig 1904, S. 36f.
		

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			104 


Marian Arszynski 


station für Post- und Dienstreiseverl\:ehr mit den bereitgestellten Pferden 
oder Wasserfahrzeugen zu erwähnen 32. 
In nächster Folge müßte man dann die Funktionen nennen, welche 
sich aus den wirtschaftlichen Aufgaben der Ordensburgen ergaben. So 
war die Ordensburg ein Verwaltungsmittelpunkt der ordenseigenen Vor- 
werke und verschiedenen Wirtschaftshöfe, in denen Ackerbau, Vieh-, 
P!erde- und Falkenzucht betrieben wurde 33. Manche Häuser oder auch 
ihre Vorwerke waren vor allem auf Waldwirtschaft 34, Fischerei 35, oder 
Bernsteingewinnung 36 eingestellt. In einigen Burgen hat die Produktion 
oder der Einkauf von Baumaterialien - Backsteine, Kalk, Steinelemen- 
le - sowohl für Eigengebrauch als auch für den Bedarf anderer Burgen 
eme wesentliche Rolle gespielt 37. Auch das Mühlenregale hatte die Folge, 


.1 P. Ba ben der erd e, Nachrichtendienst und ReiseverkehT des Deutschen 
Ordens um 1400, Altpreußiscbe Monatsscbrift, 50, 1913, S. 193. Vgl. weiter: Die 
Postwege des Deutschen Ordens in der ersten Hälfte des XV Jhs., [in:] Historisch- 
Geographische Atlas dcs PTeußenlandes, Hrsg. von und G. Mo r t e n sen und 
R. Wen s k u s, Lfg. 1, Wiesbadcn 1968. In vielen Häusern entlang der Haupt- 
verkehrswege waren besondere Gästeräume immer bereitgestellt. E. Gut tz e i t, 
Ordenshöfe im westlichen Natangen, Beihefte op. cit., Bd. 29, 1968, passim. Vgl. auch 
die weiterfübrende Ost- und Westpreußische Postbibliographie von A. K 0 c h, 
J'reußenland, 3, 1965, S. 10f. 
1I H. B 0 0 c k man n. Ordensvorwerke 1m fJeutschordensland Preußen, Vur- 
träge und Forscbungen, Bd. 28, 1975 und auch M. T 0 e p pe n, Topographisch-sta- 
tistische Mitteilt'ngen über dic Domänen-Vorwerke des Deutschen OTdens in Preu- 
ten, Altpreussische Monatsschrift, 7, 1870, S. 412. J. V 0 i g t, über Falkenfang und 
r'alkenzucht in Preussen, Preußische Provinzialblätter, 7, 1849, S. 237f. P. Da b m s, 
Die Beizjagd in Altpreußen, Archiv für Kulturgescbichte, 2, 1904, S. 1-19, 196-223; 
Z. No w a k, Zamki krz1lzackie jako osrodki gospodarki w Prusach okolo 1400 T., 
(in:) Sredniowieczne zamki Polski P6lnocnej. W1IbOr material6w z sesji, Malbork 
1983, S. 58-71. 
uF. Mag e r, Der Wald in AltpTeußen als Wirtschaftsraum, Köln-Graz 1960, 
S. 165, 299. 
11 B. Ben eck e, Fische, FischeTei und Fischzucht in Ost- und Westpreußen, 
Königsberg 1881, passim. 
11 H. L. Eid i t t, Das BernsteinTegal in Preußen, Altpreußische Monatsscbrift, 
5. 1868 und 6, 1969 sowie 8, 1871. Vgl. aucb Ibid., 11, 1874, S. 129f.; W. B r ü n ne c k, 
Das Bernsteinregal, Altprußiscbe Monatsscbrift 11, 1874, S. 129-155. 
17 Entsprechende Beweise liefert in Fülle - Das Marienburger Tresslerbuch deT 
Jahre 1399-1409, hrsg. von E. J 0 a c bi m, Königsberg 1896. So wurden z.B. für 
den Bau des Hauses Tilsit Hakensteine und Ofensteine aus Danzig (Gdansk) gelie- 
!ert (S. 522), Ragnit wurde mit Kalk aus Königsberg (S. 441), mit Glas aus Marien- 
burg (Malbork), mit Steinpfeilern aus Königsberg (S. 257), mit eisernen Mauerankern 
aus Danzig (Gdansk) (S. 276), Baubolz aus Königsberg (S. 555), Nägeln aus Danzig 
(Gdansk) (S. 249) versorgt. Vgl. auch. M. Ars z y n ski, Technika i oTganizacja bu- 
downictwa ceglanego w Prusach w koncu XIV i na poczqtku XV w., (in:] Studia 
z dziej6w rzemi:>sla i przem1lslu, Bd. 9, Warszawa 1970, passim mit weiterfübrender, 
ä!terer Literatur.
		

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			Die Burgen im Deutscbordensland... 


105 


claß unter den wirtschaftlichen Funktionen der Burgen ebenfalls der 


ühlenbetrieb eine gewisse Bedeutsamkeit gewonnen hat SR. 
. Außerdem war die Burg die administrative Zentrale für die Zinsdörfer 
ihres Gebietes. In dieser Eigenschaft hatte sie auch mehrere Funktionen, 
wobei als wichtigste, die Funktion einer Sammelstelle für die Abgaben, 
vor allem Zehnten und Zinsen zu nennen wäre. Diese Abgaben, die den 
Charakter der so genannten "Bringeschuld" hatten, mußten von den 
Bauern in die Burgen geliefert werden wo sie gesammelt und aufl
e- 
w hrt wurden 30. 
Man sollte auch die Rolle der Burgen in der Handelsorganisation des 
Ordens nicht zu niedrig bewerten. Nicht nur die Schäffer und Lieger, son- 
dern auch die Komture vieler Burgen sp'. ten in IIandelstran 
fien des Ordens eine wichtige Rolle 40. 


DER BEREICH DER RELIGIÖSEN UND SOZIALEN FUNKTIONEN 


Im Falle des Deutschen Ordens, einer geistlichen Rittergemeinschaft, 
die neben einer ordensgemäßen "vita communis" eine sehr aktive Tätig- 
keit auf vielen anderen Gebieten betrieben hat, sind die entsprechenden 
I"unktionen ihrer Sitze schwer voneinander zu trennen. 
Es wird oft besonders hervorgehoben, daß in der ersten Periode der 
Geschichte des Deutschordenslandes unter den verschiedensten religiösen 
Funktionen das Ordens auch die Missionierungstätigkeit eine gewisse 
Rolle gespielt hat. Doch bei eingehenderer Prüfung stellt sich heraus, 
daß das Aussmaß, in welchem die Ordensangehörigen in der Mission und 
in der eigentlichen Seelsorge des Ordenslandes tätig waren, nicht erkenn- 
bar ist f.1. Doch anderseits läßt sich nicht verneinen, daß die Burgen 
manchmal als Zwangsinstrumente einer gewaltsamen Bekehrungsaktion 
gehandhabt wurden. "Die Feinde des Christlichen Glaubens", die Heiden 


18 G. K i s c b, Das Mühlenrecht im Deutschordensgebiete, (in:) Studien zur 
Rechts- und Sozialgeschichte des DeutschoTdenslandes, Bd. I, Sigmaringen 1973, 
S. 89i. 
IV G. Au bin, ZUT Geschichte des gutsherrlieh, bäuerlichen Verhältnisses in 
OstpTeußen von der GTündung des OTdensstaates bis zur Steinsehen Reform, 
Leipzig 1910, S. 43f.; H. W und e r, Siedlungs- und BevöZkerungsgeschichte deT 
Komturei Christ burg, Wiesbaden 1968, S. 41f. 
fO W. Bö h n k e, Der Binnehandel des Deutschen Ordens in Preußen und 
seine Beziehung zum Aussenhandd um 1400, Hansische Gescbichtsblätter, 80, 1962, 
S. 26, 95 und passim. Als anschaulicbes Beispiel für die Rolle der Komture in der 
Handelsorganisation des Deutscben Ordens kann man z.B. die Komturei Thorn 
(Torun) nennen. Hier befand sieb ein ständiges Depot für die von Balga aus in 
gesalzenem Zustande verschickten Fische. Von hier aus wurden sie nach Süden - 
lJ.a. nach Breslau (Wroclaw) befördert; B. Ben eck e, op. cit., S. 275-276. 
U M. Turn I e r, DeT Deutsche OTden, Wien 1954, S. 477.
		

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			106 


n 


Marian Arszynski 


also, "kann man nicht besser bezähmen, als durch die Errichtung von 
Burgen" - erklärt 1239 der Bischof von Riga. Man darf wohl dieses Ver- 
{;ihren als allgemein üblich betrachten, denn nach den Worten des hohen 
Geistlichen ist das eine "Ion ga edocti experientia" 42. Wahrscheinlich dien- 
ten die Ordensburgen in der Frühzeit auch als Tauforte für Neubekehrte 
und Sitze der lokalen Missionsstationen, doch in dieser Hinsicht gab es 
bisher nur sehr vage Beweise. Vor allem aber haben die Burgen den 
Neubekehrten Schutz vor der Rache ihrer bei dem alten Glauben ver- 
bliebenen Stammesgenossen gewährt. Diesem Zwecke haben zwar 
meistens die eigens gebaute "Fliehhäuser" oder "munitiones pro neophy- 
tis" gedient, die oft "cum peregrinorum auxilie" gebaut wurden t3, doch 
vielfach wurden auch die Ordens- und später die Bischofs- und Kapitel- 
burgen für diese Zwecke in Anspruch genommen u. 
In etwas späteren Zeiten tll sind dann die religiösen Funktionen beson- 
ders zur Geltung gekommen, die mit dem internen Leben des Ordens als 
geistlicher Gemeinschaft im Zusammenhang standen. Langsam und der 
örtlichen Lage zeitlich entsprechend gestaffelt wurden die klösterlichen 
}<'unktionen der Ordensburg immer wichtiger. Ihr Funktionsgefüge und 
teilweise auch ihre Kunstformen mußten den Erfordernissen des klöster- 
lichen Lebens entsprechen - mit dem genau geregelten Tagesablauf, der 
&trengen Ordensdisziplin, den bestimmten Formen des Gottesdienstes, in 
dem die Meßfeier und die Stundengebete die wichtigste Rolle gespielt 
. haben - und können insofern viel Licht auf die inneren Zustände im 
Deutschen Orden werfen. 


DER BEREICH DER KüNSTLERISCHEN FUNKTIONEN 


Eine Ordensburg wurde als Bauwerk vor allem einer Nutzung für 
praktische Zwecke unterzogen, darüberhinaus hatte sie aber in ihrer 
Eigenschaft als Baukunstwerk bestimmte andere Funktionen auszuüben. 
Die sich ebenfalls auf der künstlerischen Wirkung des Bauwerks stützen- 
de Funktion der herrschaftlichen Repräsentanz haben wir schon früher 
erwähnen müssen. Nun sollten wir wenigstens noch einige weitere Bemer- 


tl Liv- Est und Kurländisches UTkundenbuch, Bd. 1/1, Reval 1853, S. 210. Man 
!'öollte hier noch binzufügen, daß die Bezäbmung und Unterwerfung - ..subiuga- 
tio" - nach damaligen Vorstellungen als eine Vorstufe der Cbristianisierung galt; 
vgl. H. R. K a h I, Zum Geist der deutschen Slavenmission des HochmittelaUers, 
Zeitschrift für Ostforschung, 2, 1953, S. 3f. 
.. Liv- Est und Kurländisches Urkundenbuch, S. 183. 
" Vgl. Anm. 25, sowie Codex Diplomaticus Warmieftsis, Bd. 1, Mainz Brauns- 
berg 1860, Nr. 95 und 162. 
M Ortsfeste Konvente, und zwar nur einzeln, sind erst seit 1243 bezeugt, 
R. Wen s k u s, op. cit., S. 357.
		

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			Die Burgen im Deutschordensland... 


107 


kungen zu den übrigen, nur beispielhaft gewählten künstlerischen Funk- 
tionen machen. ., 
Es sei vielleicht nur kurz dar an erinnert, daß ein Kunstwerk, auch 
(>in Werk der Baukunst, sowohl seinen Zeitgenossen als auch deren Nach- 
fahren gegenüber, spezifisch artilmlierte informative Funktionen aUs- 
Üben konnte und auch sollte. Man hat woanders überzeugende Beweise 
erbringen können, daß z.B. durch Rezeption oder Zurückweisung be- 
stimmter künstlerischer Formen die Kunstwerke ideologiebildende oder 
{:ropagandistische Aufgaben zu erfüllen hatten. Man hat Belege liefern 
können, daß auf diesem Wege eine Demonstration der philosophischen 
und religiösen Anschauungen, sowie Bekundung der Machtansprüche und 
politischen Ziele stattfinden konnte. Doch muß man leider feststellen, 
daß die Auswertung dieser Aussagen im Falle der Ordensburgen noch 
immer in den Kinderschuhen steckt. Zwar hat z.B. Clasen geglaubt, "das 
mystische Weltgefühl" in den Remtern der Marienburg (Malbork) "archi- 
tektonisch verkörpert" erkennen zu können. Freilich hat er der Erörte- 
rung der Frage, inwiefern und auf welche Weise der preußisch-livländi- 
sche Burgcntypus die Idee eines geistlichen Ritterordens künstlerisch dar- 
stellt, manche Zeile seiner Schriften gewidmet, doch wirkich überzeugen- 
de Beweise hat er nicht bringen können und ist auch nicht über sehr 
Dllgemein gehaltene Feststellungen hinaus gekommen 46. Doch sollte man 
nicht verhehlen, daß auch auf dem heutigen Stand der Forschung ein- 
deutige Schlußfolgerungen ebenfalls noch nicht immer möglich sind. Zeigt 
z.B. die Rezeption des Typus der französischen Schloßkappelle für die 
Marienburger Schloßltirche auf die sonst nicht besonders in der Forschung 
hervorgehobenen, direkte Kontakte mit dem Pariser Königshofe, wie 
neulich behauptet wurde 4.7, oder ist die übernahme des erwähnten Mo- I 
dells eher ein weiterer Beweis für die vermittelnde Rolle des Herrscher- 
hofes in Prag in den Kontakten mit den wichtigsten Zentren der westli- 
chen Kunst? 48 Ist vielleicht diese Rezeption als Zeichen des weltlichen 
Machtanspruchs des Deutschen Ordens als Institution zu verstehen, oder 
ist sie schon ein Beweis für den Beginn des sonst erst später angesetzten 
Prozesses der Verfürstlichung der Hochmeisterwürde? Diese und andere 
Fragen solcher Art werden wir erst nach weiteren, tiefer schürfenden 
Forschungen beantworten können. 
Es soll auch gesagt werden, daß man sich, wie übergens bei allen 
Quelleninterpretationen, vor voreiligen Rückschlüssen und Verallgemeine- 
Il 
&8 K. H. Cl ase n, op. cit., S. 204 und passim. " 
&7 S. Ski bin ski, Kaplica na Zamku Wtlsokim w Malborku, Poznan 1982. 
&8 M. Ars z y n ski, 0 problem ach badawcZlIch zamku malborskiego i zamk6w 
krz1lzackich w Prusach z okazji ksiqzki S. Skibinskiego, Biuletyn Historii Sztuki, 
45, 1983, Nr. 3/4. 1
		

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			., --... 


108 


Marian Arszynskl 


rungen hüten muß. Wie leicht könnte man sich z.B. dazu verleiten lassen, 
aus der Größe der Burg auf die Stärke seiner Bemannung zu folgern, 
wogegen doch überzeugend bewiesen wurde, daß die Burggröße keines- 
wegs auf die Zahl seiner Bewohner deuten muß 40. 
An dieser Stelle sollte vielleicht noch abschließend hervorgehoben 
werden, daß die Ordensburgen - wie alle Sachquellen - teilweise nur 

ine sekundäre Bedeutung haben, weil sie die Aussagen der anderen 
Quellen nur bestätigen, ergänzen oder auch dinglich veranschaulichen _ 
z.B. die Lagerböden der Ordensburgen, welche die Realien der aus den 
Schriftquellen bekannten Probleme der Kornspeicherung darstellen. Oft 
können aber die Aussagen der quellenkundlich aufgefaßten Ordensburgen 
auch einen primären Charakter haben, indem sie Informationen liefern, 
welche andere Quellen nicht zu geben vermögen - z.B. einen Beweis 
geben, daß die irregulären Grundrißformen dcr frühen Ordensburgen VOn 
der Gestalt der prussischen oder polnischen Befestigungen abhängig sind, 
da sie die überreste dieser Anlagen als Stütze für ihre Grundmauern 
benutzt haben 50. 
Wir können unseren Beitrag nicht zum Abschluß bringen, ohne noch 
E'ine wichtige Ergänzung zu machen. . 
Der Verlauf der ganzen bisherigen Darlegung könnte vielleicht den 
Anschein erwecken, daß die quellenkundliche Aussage der Ordensburg 
nur die ordenszeitlichen Zustände betreffen kann. So möchte ich zum 
Schluß doch noch daran erinnern, daß manche von ihnen eine sehr große 
Bedeutung als sehr aufschlußreiche Quelle für die Erforschung der Mittel- 
alterrezeption und des Geschichtsverständnisses im XIX Jh. hal:c'n kön- 
nen - was uns auf eine sehr eindrucksvolle Weise in seinen Arbeiten 
H. Boockmann gezeigt hat 51. 
Diese anspruchslose Zusammenstellung der verschiedensten Funktio- 
nen der Ordenshäuser und ihre stichwortartige Darstellung hat - so 
hoffe ich - überzeugend veranschaulichen können, daß diese sehr spe- 
zifischen, im Zeitgeschehen tief und weitverwurzelten Bauten vielseitig 
verwendbare und sehr aussagekräftige Quelleninformationen - jedenfalls 
der Möglichkeiten nach - liefern können. Die eingangs gestellte Aufgabe 
Rcheint mir hiermit - vielleicht mehr schlecht als recht - erfüllt zu 
sein. Ich hoffe nämlich, mit diesem bescheidenen Beitrag die Aufmerksam- 
keit auf die Ordensburg in ihrer Eigenschaft als Geschichtsquelle gelenkt, 


.. F. Ben n i n g h 0 v e n, Die Burgen als Grundpfeiler (wie Anm. 20), S. 
70. 
.. J. Fr y c z, Architektura zamk6w Pomorza Zachodniego, Biuletyn Informa- 
cyjny PKZ, 8, 1968, S. 30; der s. Zamek krz1lzacki w TOTuniu, Rocznik Muzeum 
w Toruniu, 1, 1963. 
11 H. B 0 0 c k man n, Die Marienburg im 19. Jh., Frankfurt 1982 mit den dort 
.t;itierten früheren Arbeiten.
		

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			Die Burgen im Deutschordensland... 


109 


das Interesse an ihrer Nutzung erweckt und die Forschungsmöglichkeiten 
vorgestellt zu haben. Man hat sie übrigens schon vor 160 Jahren geahnt 
und sehr bündig und treffend in folgendem Satz formuliert, den ich aus 
dem Führer durch das Schloß Marienburg (Malbork) aus dem Jahre 1823, 
als Endfazit meines Beitrages entnommen habe: 
"Lernt denn der Mensch nur in den Büchern des Menschen Geschich- 
te? - Nein! Auch die Steine reden von des Menschen Größe in der Welt- 
geschichte dem, der die Steine versteht" u. 


11 H. vun P lau e n, Der Führer durch das Schloss MarienbuTg in Preußen, 
Danzig 1823, S. 11.
		

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			t 


fhl 


-
		

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			ORDINES MILITARES IV. Werkstatt des Historikers... 


WERNER PARA VICINI (Kiel) 


lIeraldische Quellen zur Geschichte der Preußenreisen 
im 14. Jahrhundert 


Herolde haben bei den Preußenreisen eine große Rolle gespielt, He- 
rolde des Hochmeisters und Herolde der fremden Gäste. Allein, in Grup- 
pen, in Begleitung ihrer Herren kamen sie nach Preußen und zogen auf 
die "Reise" nach Litauen. Unter den anwesenden Rittern und Knechten 
wählten sie diejenigen aus, die am Ehrentisch sitzen oder gar ihm vor- 
sitzen durften 1. 
Es liegt also nahe, in den Werken der Herolde des 14. Jahrhunderts 
nach Spuren der Preußenreisen zu suchen, und ist gleichwohl noch nie 
unternommen worden. Ich möchte hier dann mitteilen, was ich bei 
dieser Suche gefunden habe. Dabei lasse ich die bemerkenswerten von 
Herolden verfaßten Texte 2 beiseite und widme mich ganz den Wappen- 
büchern. Bei Gelegenheit werde ich dann auch andere Quellen monu- 
Jnentaler und schriftlicher Art heranziehen. 
Im Jahre 1983 hat der bedeutende Genfer Heraldiker Leon Jequier 
ein Wappenbuch veröffentlicht, das erst 1939 von Paul Adam-Even in der 
Nationalbibliothek zu Paris entdeckt worden war, wo es die Signatur 
manuscrits francais 5320 trägt. Nach einem Vorbesitzer des 16. Jahr- 
hunderts heißt es Wappenbuch oder Armorial "Bellenville". Der Autor 
war ein Niederländer und verfaßte sein Werk zwischen ca. 1355/1360- 
1380 ,mit Nachträgen bis ca. 1400 3 . 
Schon Adam-Even hatte be
nerkt, daß diese Handschrift, obwohl von 
('iner Hand stammend, in zwei Teile zerfällt: Fol. 1-54v bilden ein allge- 
meines Wappen buch, eingeteilt in Wappenprovinzen, während Fol. 55r-72v 
eine Folge von sogenannten "Gelegenheitswappenrollen" darstellen, er- 
kennbar an ihrem nicht-regionalen, gemischten Charakter. überschriften 
oder dergl eichen gibt es bei Bellenville nicht, so daß oft nicht einmal 
1 Hierzu ausführlich meine Darstellung der Preußenreisen, deren erster Band 
voraussichtlich 1988 in Druck gehen wird. Vorab: W. Par a v i ci n i, Die Preußen- 
reisen des europäischen Adels, Historische Zeitschrift, 232, 1981, S. 2>-38. 
I Gelre (s. untern Anm. 28), Sucbenwirt, Berry. 
I L. Je q u i e r, L'Armorial Bellenville, Paris 1983 (= Cahiers d'Heraldique 5) 
Die Veröffentlichung entbält S. 241-357 schwarz-weiß Nachzeichnungen der ,e- 
samten Hs., welchen, der leichteren Reproduzierbarkeit wegen, die bier beige,ebene 
Abb. entnommen sind.
		

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			112 


Werner Paravicini 


tlRO 


Anfang und Ende einer zusammengehörigen Serie auf den ersten Blick 
erkennbar ist '. Adam-Even nannte diesen Teil "Les Tournois", hatte aber 
auch schon die Vermutung geäußert, daß die darin enthaltenen Wappen- 
folgen mit den Preußenreisen in Verbindung stehen könnten 5. 
Jequier hat sie in seiner Edition einer genauen Untersuchung unter- 
zogen, sie zu datieren und zu identifizieren gesucht. Er kommt zu dem Er- 
gebnis, daß es sich um elf verschiedene Rollen handelt, die ich hier kurz 
vorstellen möchte, mitsamt meinen weiterführenden Ergebnissen. Vorne- 
weg gesagt sei, daß ich zwar für einc ganze Reihe von Jahren umfangrei- 
che Listen von Preußenfahrern habe (aus den Reiserechnungen der Gra- 
fen von Holland und Hennegau zu den Wintern 1336/1337, 1343/1344, 
1344/1345 und 1386/1387; des Jan van Blois zu den Wintern 1362/1363 
und 1368/1369; zur Sommerreise der Herzogs von Österreich im Jahre 
1377 und schließlich ein Ehrentischverzeichnis von Anfang 1385 6 , aber 
l	
			

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			Heraldiscbe Quellen zur Geschicbte... 


113 


Aufgrund der JJom schottischen Heraldiker Colin Campbell ermittelten 
rratsache, daß mehrere der genannten Schotten und Engländer Ausreise- 
genehmigungen nach Preußen erhalten haben 10, vermutet Jequief weiter, 
daß es sich um eine Preußenfahrt handeln könne. Dessen bin ich nicht 
sicher: So viele Edelleute Nordwesteuropas sind in Preußen gewesen. daß 
oie Nennung einzelner Preußenfahrer hierfür nicht ausreicht. Kann es 
sich doch um ein Turnier handeln, etwa das vom Georgstag 1358 zu 
Smithfield bei London, zu dem auch Schotten geladen waren 11. Die Fra- 
ge muß offen bleiben. 
Roll e 11 (Fol. 56v-57v), von Jequier und mir übereinstimmend zwi- 
schen ca. 1340 und 1345 datiert und von Jequier nicht als Preußenfahrt 
angesprochen, sieht ganz anders aus. Am Anfang (Abb. 1) stehen drei mit 
JIelmzierdenversehene, ansonsten gleich behandelte Wappen des Grafen- 
sohnes Robert von Namur an der Maas, eines von Einer (Eller bei Düs- 
seldorf in der Grafschaft Berg) und eines Grafen von Hoya in Westfalen, 
offensichtlich der Anführer, wobei auffällt, daß der von Einer als Nie- 
deradliger nicht dieselbe Statur besaß wie seine Nachbarn. Es folgen 
35 Niederländer, 16 Leute vom Nieder-, 6 vom Mittelrhein, gleich am 
Anfang zwei Engländer (dieselben die auch in Rolle I nebeneinander auf- 
tauchen: Sir Reginald Cobham und Sir William Fitzwarin) 12, zusammen 
60 Wappen. Insgesamt handelt es sich um ein Gefolge, wie wir es an Zahl 
und geographischer Herkunft aus den Reiserechnungen des Jan van Blois 
kennen, woW Robert von Namur zuzuordnen, der ebenso wie Angehörige 
des Hauses Einer ein mehrfacher Preußen fahrer gewesen ist, der aber 
auch sonst auf vielen Kriegsschauplätzen Nordwesteuropas zu finden 
war 13. Rolle 11 repräsentiert also möglicherweise, nicht notwendigerweise 
eine Preußenfahrt, immerhin sind besonders viele der Wappenträger 
dieser Folge, nämlich 16 von 60, zwischen 1336-1345 in Preußen nach- 
weisbar. 
Roll e 111 (Fol. 60v-62r), die ich mit Jequier in die Zeit vor 1374 
setze, dazu nach ca. 1350 datiere u, zeigt wiederum ein anderes Gesicht. 
Sie setzt sich zusammen aus drei Abteilungen: 
-u. c. Ca m p bell, Scottish Arms in the Bellen'lJille Roll, The Scottish Genea- 
logist XXV, 2, 1978, S. 33-52. A. Mac qua r r i e, Scotland and the Cr1LSades, Edin- 
burg 1985, spricht, S. 84-88, von schottischen Preußenfahrten. kennt Bellenville 

edoch nicht. 
11 F. D e von, Issues of 
Re a d in I, Chronicon, ed. J. 
S.273. 
11 Vgl. o. Anm. 8. 
l' Zu Namur unten bei Anm. 42; zu ibm und den Einer ausführlich und mit 
Stammtafeln Par a v i c in i (0. Anm. 1), Bd. 1. 
1. Im Unterschied zu Rolle II feblen nachweisbare Preußenfahrer der Zeit 
1326-45. 


the Exchequer, London 1837, S. 169. Vgl. John of 
Ta i t, Manchester 1914, S. 130 und Kommentar auf 
{ I . W U
		

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			114 


Weruer Paravicini 


1. 53 Schilde, angeführt von Johann Banritz tBannerherr) v. Müllen- 
ark aus dem Herzogtüm Jülich, dessen Schild allein eine Helmzier trägt, 
und aus dem eine Hand hervorgeht, die ein Banner: in Silber ein rotes 
Kreuz, führt, also ein Georgsbanner (Abb. 2). 
fJ 2. 14 Schilde angeführt von dem brabantischen Herrn von Wavre, 
<:benfalls allein mit Helmzier und einem Banner, das eine stehende Mutter 
Gottes mit dem Jesuskind zeigt, also ein Marienbanner darstellt (Abb. 3). 
3. Acht Schilde, angeführt vom holländischen Herrn von Kruiningen, 
Schild und (wiederum exklusive) Helmzier, etwas kleiner ausgeführt, mit 
einem Wimpel, das die Wappenfarben dieses Herrn zeigt. Zwischen zwei 
anderen Schilden ist eine Sancta Facies sichtbar, gewöhnlich dus Zeichen 
der vollbrachten Wallfahrt nach Rom. Weshalb sie hier auftaucht, bedarf 
noch der Erklärung. 
In Rolle III, mit 76 Schilden der längsten des Wappen buches, begeg- 
nen, neben 12 Unbekannten, 23 Niederländer, 9 Nieder- und 4 Mittel- 
rheinländer, dazu einige Hessen, Franken, Österreicher, Böhmen, zwei 
rranzosen (zusammen in der dritten Abteilung) und - 18 Polen und 
Schlesier. Unter dem Georgs- und dem Marienbanner sammelten sich, 
wie wir aus der Ordenschronistik wissen, die Kriegsgäste des Ordens. Die 
polnische Präsenz, außerhalb Osteuropas nur in Einzelfällen denkbar, 
macht es vollends zur Gewißheit: hier muß es sich um eine Preußenfahrt 
handeln. 
Roll e IV (Fol. 63v), von Jequier auf die Zeit zwischen 1380 und 
1400 datiert, hat erneut einen anderen Aufbau (Abb. 4): Zwei Gruppen 
von je sieben Wappen stehen untereinander, angeführt von je einem 
Großschild mit Helmzier, hier ein Markgraf von Baden (wir wissen nicht 
welcher) mit sechs badischen Lehnsleuten, dort Johann von Namur, ein 
Neffe des erwähnten Robert, frühestens 1356 geboren, ab 1418 Graf von 
Namur, gestorben 1429; ihm folgen ebenfalls sechs Gefolgsleute aus dem 
Namurois. Die Symmetrie des Aufbaus läßt mit Jequier ein Turnier ver- 
muten, ein Turnier in Preußen? Unbezeichnete Markgrafen VOn Baden 

ind nachweislich im Winter 1362/1363 (mit mindestens 13 Rittern) im 
Winter 1380/1381 und im Winter 1385/1386 in Preußen gewesen. Ein Graf 
von Namur (Wilhelm, Johann oder Robert) wird zum Winter 1386/1387 
iJ} Preußen erwähnt. Im Winter 1380/1381 wurde jener Markgraf von Ba- 
den auf der Preussenreise Ritter IG. Sollte das Turnier aus diesem Anlaß 
veranstaltet worden sein? Wo sollten Baden und Namur denn aufeinander 
treffen, wenn nicht in Preußen oder auf der Reise in Litauen, wo es 
tatsächlich Waffenspiele zwischen Gästen und, wenigstens geplant, zwi- 
schen Gäs ten und ihren Gegnern gegeben hat? 
11 ScriptoreB rerum PrUBBlcarum, 11, 601f. (Wigand). Weitere Nachweise in der 
tt. Anm. 1 genannten Arbeit.
		

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			Heraldische Quellen zur Gescbichte... 


115 


Roll e V (Fol. 64v-65r) besteht lediglich aus hier vier, dort drei 
Wappen holländischer und Brabanter Herren, dazu einem Schild, das 
vermutlich einem Patrizier der Stadt Tournai zugeschrieben werden kann. 
Sie sind einander zugewandt und gehören wohl, wie Jequier meint, der 
Zeit um 1360/1370 an. Ein Turnier? Dazu fehl die Symmetrie. Wir werden 
auf diese Wappengruppe zurückkommen. 
Roll e VI (Fol. 58r), von Jequier nicht datiert, eine rein deutsche, 
vorwiegend hessisch-fränkische Zwölfergruppe, wird durch einen Förtsch 
von Thurnau und ein kleines Georgsbanner angeführt und gehört wohl 
in die 1360er, 1370er Jahre. Der Zusammenhang mit Preußen dürfte 
durch das Banner gesichert sein, zumal mehrere der Teilnehmer akten- 
kundige Preußenfahrten absolviert haben. 
Roll e VII hebe ich für später auf und komme gleich zum nächsten 
Stück. 
Roll e VIII (Fol. 65v-66r), von Jequier aufgrund von Erwähnungs- 
daten (nicht Todesdaten der Dargestellten) auf ca. 1375/1380 datiert, was 
vielleicht etwas zu eng ist, und als Turnierrolle angesprochen, ist eine 
Folge von 24 gleichbehandelten Wappen, alle mit Helmzier, angeführt 
von einem Banner, dessen Bemalung entweder verlorenging oder nie ein- 
getragen wurde, in Händen eines Utrechter Herren. Von den 24 Edelleu- 
ten sind 18 Brabanter, zumal aus dem Brüsseler Patriziat, einer stammt 
aus England, ein anderer aus dem Jülichschen. Polen oder Schlesier sind 
keine dabei. Einer der Brabanter, Jan van Ranst, saß Anfang 1385 am 
Ehrentisch. Sonst gibt es keine notwendigen Beziehungen zu einer 
Preußenreise. 
Roll e IX (Fol. 66v-67v), von Jequier in Ermangelung genauerer An- 
haltspunkte ebenfalls auf ca. 1375/1380 datiert, beginnt wieder mit einem 
Georgsbanner, in der Hand von Herrn Johann (VIII.) Kämmerer von 
Worms. Insgesamt 36 gleichbehandelte Schilde und Helmzierden folgen 
aufeinander, die 24 Deutschen, einem Böhmen und 10 Polen bzw. Schle- 
.siern gehörten. Niederländer und Westeuropäer fehlen ganz. Diese Liste, 
die also mit Jequier so gut wie sicher einer Preußenfahrt zugeordnet 
werden kann, ist zwischen 1368/1369 und 1387, vermutlich 1379/1381 zu 
datieren: der darin genannte Ritter Hans von Bodman am Bodensee, mit 
dem sprechenden Beinamen "der Landfahrer", ist zwischen 1379 und 1381 
in der Heimat nicht nachweisbar, nachdem er 1376-1377 schon eine 
Orientreise vollbracht hatte 18. 
Roll e X (Fol. 68r-70r), enthält 57 gleichbehandelte Wappen mit 


11 R. R öhr ich t, Deutsche Pilgerreisen nach dem HeiUgen Lande, Innsbruck 
1900, S. 94 nach L. v. B 0 dm a n, Geschichte der Freiherren von B., Schriften des 
Ver. f. d. Geschichte des Bodensees (Regesten] 24 (1895); Landfahrer; Nr. 348, 361, 

66, 379, und 27 (1898) Nr. 1591. I a
		

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			116 


Werncr Paravicini 


lTelmzierden, wird von Jequier auf den Zeithorizont ca. 1380 datiert und 
von Rolle IX trotz fehlender Anfangsmarkierung (etwa durch ein Banner) 
lIbgetrennt, weil fünf Wappen beiden Rollen gemeinsam sind. Wiederum 
ist die Zusammensetzung deutsch-polnisch (vor allem schwäbisch, 19 von 
'10 Deutschen, ein Böhme, 6 Polen), zwei Niederländer kommen hinzu, 
indes auch acht nicht identifizierte Schilde. Die Rolle schließt ab mit 

inem Herold, der das Wappen der niederrheinischen Familie Merode- 
Vlatten angekettet hält und einen Tappert trägt, bemalt mit drei silbernen 
Kronen in Blau, welche als das Wappen Schwedens und des Königs 
Artus gelten, dann allerdings eher mit goldenen Kronen. Diese Liste mit 
Jequier der Gegenwart des Herolds wegcn einem Turnier zuzuweisen, 
halte ich nicht für notwendig. Die polnischen Namen sprechen erneut für 
(:ine Preußenfahrt. Datieren läßt sich die Folge zwischen 1371 (der zuerst 
genannte Ritter Jan van den Bongart war zu dieser Zeit noch Knappe) 17 
und 1385, dem Jahr, als Johann von Schönenberg ertrank, in der Wilia in 
Litauen 18. 
. Die letzte Roll e, N r. XI (Fol. 70v-72v), 49 gleichartige Schilde mit 
IIelmzierden (vgl. Abb. 7), von Jequier ebenfalls ohne nähere Begrün- 
dung der Zeit um 1380 zugewiesen, ist unvollendet oder eine am Ende 
beginnende neue Rolle ist es: auf Fol. 72v ist von 12 Schilden nur der 
zweite bemalt und der Helm mit einer Helmzier versehen. Die Wappen- 
.folge ist besonders international; zwar sind die 14 Niederländer und die 
12 Leute vom Niederrhein in der Mehrzahl, wie überhaupt Deutsche aus 
Franken, Hessen, Mittelrhein und Holstein, aber es gibt auch vier Polen 
hzw. Schlesier und vier Franzosen, je zwei Savoyarden, Schweden, 
Engländer, einen Böhmen und einen Schotten. Die Präsenz der Polen 
weist wiederum nach Preußen. 

 
Das Schicksal eines dieser Franzosen erlaubt es, dem Datum dieser 
Liste einen terminus ante quem zu setzen: Jean de Grailly Captal von 
Buch in Bordelais, hier als "Capetan" bezeichnet und aufgrund seines 
Vlappens eindeutig bestimmt, einer der bedeutendsten Heerführer des 
('nglischen Frankreich, geriet am 16. Mai 1364 in der Schlacht bei Coche- 
rel in französische Gefangenschaft; er konnte sich im Dezember 1365 
auslösen, wurde im August 1372 aber erneut Gefangener des französischen 
Königs, der ihn diesmal, bis zu seinem Tode im September 1376, nicht 
mehr daraus entließ 111. Andererseits wurde der ebenfalls genannte Herr 


17 Er urkundet 8m 26. Febr. 1371 in Königsberi, Par a v i c in i (0. Anm. 1) 
Bd. 3, Dok. 67. 
11 SS. rer. Pruss., 11, 624: "Johannes de Schoneberge". 
le La Guerre au Mo'Uen Age [Ausstellungskatalog), Pons 1976, Nr. 224; Froissart, 
Ceuvres, ed. Kervyn de Let t e n h 0 v e, Bd. 20 (Index], Brüssel 1875, S. 471-474; 
Dictionnaire de biographie 1rancaise, 16, 1984, S. 899f.
		

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			Heraldische Quellen zur Geschichte... 


117 


Heinrich von Oefte aus der Grafschaft Berg erst kurz vor 1347 Ritter zoo 
Innerhalb dieser Grenzdaten 1347/1364 und 1365/1372 war der Captal von 
Ruch tatsächlich in Preußen, im Winter 1357/1358 21 . Vermutlich ist die 
Wappen folge diesem Jahre zuzuweisen. 
Die bislang ausgelassene Roll e VII (Fol. 62v-63r), 23 Wappen 
mit Helmzier, von Jequier nicht datiert und eher für eine Turnierrolle 
gehalten, ist in unserem Zusammenhang wohl das interessanteste Stück 
der Sammlung (Abb. 5-6) 22. Eröffnet wird die Folge durch Banner 
und Bannerträger des holländischen Herrn van der Leck aus dem Hause 
Wassenaar-Polanen, denen das etwas größere Schild mit größerer Helm- 
zier eben dieses Herrn selbst folgt, begleitet von den Buchstaben ..az" in 
Zierschrift, wohl einem Motto oder Gesellschaftszeichen. Dann folgen 
12 Niederländer und einige Fremde, unter anderem aus der Bretagen und 
aus Polen; fünf sind nicht identifiziert. Die Serie wird beschlossen durch 
pinen Herold im Tappert des Herzogs von Geldern, der ein Spruchband 
schwingt, auf dem zu lesen steht: "Suadeo vos iuste agere" (ich rate euch, 
recht zu handeln), von Jequier als Aufforderung 
U
 regelrechten Ver-. 
halten im Turnier gedeutet. I 
Der eine polnische Name, Herr Hans Borzyw6j, deutet schon nach' 
Preußen. Mehr noch muß das mit "Herr Jan van der Strate" bezeichnete 
Wappen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, das den Schild des 
Deutschen Ordens zeigt, darüber einen blauen Flügel, belegt mit zwei' 
silbernen gekreuzten Schwertern. Diesen Jan van der Strate oder van der 
Straten kennen wir. Er stammt aus dem Brügger Umland in Flandern, 
ist bis 1377 wenigstens dreimal in Preußen gewesen und trat zwischen 
1377 und 1386 in den Orden ein 23. Die gekreuzten Schwerter auf der 
Ilelmzier könnten eine Erinnerung an sein Familienwappen sein, drei 
Schwerter schrägbalkenweise. Besonders aufschlußreich ist schließlich 
das mit "her Thomas Serwille" überschriebene Wappen: in Blau ein mit 
urei roten Rauten belegter Rechtsschrägbalken, das zwei Plätze weiter, 
um einen goldenen Ring in der ersten Raute vermindert, anonym wieder-. 
holt wird, und das Jequier nicht einzuordnen wußte. Thomas Surwille 
ist ein litauischer Bajor, der mit seinem Bruder Hans oder Hannusch 1365 
1m Gefolge des Großfürsten Butaut alias Heinrich zum Orden übergetre- 
ten ist und im Ordensland Karriere gemacht hat. Von 1370 bis 1399 ist 
er, ab 1379 stets als Herr (also Ritter), in den Ordensquellen faßbar, war. 
1389-1391 sogar Burgvogt zu Rastenburg, während sein Bruder, von 1370 
'( 


" Erwähnt in Gelres Ebrenrede auf ihn (vgl. unten Anm. 28). 
11 Par a v i ein i (0. Anm. 1), Bd. 1, Tab. 7, Nr. 50. 
a Farbige Abb. bei D. L. Ga 1 b r e a t h u. L. J 6 q u i e r, Manuel du Bla.on, 
Lausanne 1977, S. 34. I 
a ParBvicini (0. Anm. 1), Bd. 3, Dok. 5, Nr. 93 mit Anm.
		

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			118 


Werner Paravicini 


bis 1411 erwähnt, erst ab ca. 1390 Ritter heißt 2'. Beide begegnen im 
Sommer 1385 auf einer großen Litauerrdse des Hochmeisters, wo sie auf- 
grund ihrer Ortskenntnis dem Heer eine Furt über die Wilia zu weisen 
vermögen und damit der Expedition aus beträchtlicher Bedrängnis hel- 
fen 25. 
Ich verdanke Herrn Dr. Bernhard Jähnig (Berlin) den Nachweis, daß 
der mit drei Rauten belegte Schrägbalken tatsächlich das Wappen der 
Surwilles in Preußen gewesen ist: zwei Siegel im Thorner Ratsarchiv 
beweisen es 28. 
Die Wappenrolle VII gehört also nach Preußen und ist nach 1365 und 
1370 (übertritt der Surwilles, Thomas noch nicht Ritter) bzw. 1376 (Jan 
van der Straten noch weltlich), aber vor 1386 (Jan van der Straten Or- 
densritter) bzw. 1394 (Todesdatum des Herrn van der Leck) zu datieren. 
Daß einem vornehmen Gast ein Ordensritter aus den Niederlanden zu- 
geordnet wurde und daß er einen einheimischen Edelmann in Dienst 
nahm, begegnet auch in den mir bekannten Reiserechnungen. Die Ordens- 
quellen erwähnen ausdrücklich, daß ein Herr van der Leck im Winter 
1380-1381 in Preußen war 27: Ein Datum, das in unsere Schere paßt, so 
daß Nr. VII (wie Nr. IV) wohl auf 1380-1381 zu datieren ist. Wenigstens 
eine der elf Wappenfolgen bei Bellenville spiegelt also mit Sicherheit 
eine Preußen reise wider. Damit nimmt auch die Wahrscheinlichkeit zu, 
daß es bei den anderen ebenso ist, die erste, schottisch-englische weiter- 
hin ausgenommen. 
In einem anderen niederländischen Wappenbuch aus der zweiten 
Hälfte des 14. Jahrhunderts, dem Wappenbuch "Gelre" 28, ist der Bezug 
I' SS. rer. Pruss., 11, 550f., Anm. 760 und im Index; E. J 0 a c bi m u. W. H u- 
bat s c h, Regeata [...] Ordinis S. Mariae Theutonicorum, I, Nr. 1548, 1550; 11, 
Nr. 963: Or.-Urkunde über die Verleihung der sehr großen Zahl von 80 Hufen zu 
kulmischem Recht an die Brüder i.J. 1370, ebenfalls überliefert im Brandenburger 
Komtureibuch (LandesbibI. Hannover Hs. XIX Nr. 1083), fol. 54v, dort anschließend 
Verleihung weiterer 15 Hufen:; Morgen LJ. 1377 (frdl. Mitteilung von Herrn Dr. 
Klaus Conrad, Göttingen). Vgl. auch R. Wen s k u s, (in:) Vorträge u. Forschungen 
13 (1970), S. 369, Anm. 101; 18 (1975), S. 437, Anm. 78. 
U SS. rer. Prus., 111, 139f. 
.. B. Eng e 1, Die mittelalterlichen Siegel des Thorner Rathsarchivs (00']' I: OT- 
densbeamte und Städte, Mitteilungen d. Coppernicus-Vereins f. Wiss. u. Kunst zu 
Thorn 9 (1894), Taf. IV, Nr. 231 (= Urk. 965 von 1440, Edelknecht Jürge S.: Schräg- 
linksbalken), und Nr. 232 (= Urk. Nr. 2700 von 1505, Edelknecht Dietrich S.: Schräg- 
rechtsbalken). Das ehemalige Staatsarchiv Königsberg = Abt. XX des Gebeimen 
Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz zu Berlin bewahrt nach frdl. Mitteilung 
von Dr. Klaus Conrad (Göttingen) keine einschlägigen Siegel auf. 
17 SS. rer. Pruss., 11, 602 (Wigand): "dominus de Lecke". 
U P. A d a m - E v e n, L' Armorial univerael du h
raut Gelre, NeuchAtel 1971 
lverbesserter Sonderdruck aus Archives heraldiques Suisses 1961-1968). Eine revi- 
dierte Neuausgabe durch L. Jequier, deren Ms. ich schon benutzen durfte, ist in
		

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			Heraldische Quellen zur Gescbichte... 


119 


auf Preußen so direkt wiedergegeben, daß meine These dadurch noch 
weiter gestärkt wird. Folio 11lv der Handschrift Nr. 15.652-656 der 
Königlichen Bibliothek zu BrÜssel (Abb. 8) zeigt zuerst das große Wappen 
des Hochmeisters des Deutschen Ordens, dann elf kleinere, unbezeichnete, 
gleichrangige Wappen mit Helmzier, die sämtlich brabantischen Land- 
und Stadtedelleuten gehören 20. Die Datierung dieses Blattes ist schwerig, 
kann kaum gel1auer sein als letztes Vicrtel des 14. Jahrhunderts. Des 
Wappenbuch selbst wurde vermutlich zwischen 1390 und 1397 ange- 
fertigt. 
Wenn nun diese Wappen folgen Preußenreisen widerspiegeln, fragt 
sich, was genau sie wiedergeben. War der Herold dabei 30 oder hat er aus 
emem anderen Wappenbuch abgemalt und abgeschrieben? Hat er Wap- 
pendarstellungen vor Augen gehabt oder wirklich Leute gesehen mit Ban- 
nern, Schilden und Wappcnhemden, dazu der gewaltigen Helmzier? Es 
fällt auf, daß zahlreiche Wappen, in der einen Rolle mehr oder weniger 
als in der anderen, bei Gclre gar nicht, mit Familiennamen, Vornamen, 
Titeln, und bei Bellenville 76-mal auch der geographischen Herkunft 
bezeichnet sind, aber eben nicht regelmäßig, so als ob der Verfasser 
manche Wappen besser gekannt habe als andere. Auch Irrtümer kommen 
vor. 
Kopien aus anderen Wappcnbüchern sind im Falle von Bellenville 
lr.öglich, bei den ältesten Wappen folgen, die vor seiner sonst feststellba- 
ren Arbeitszeit lagen, also bei Nr. 11 (1340-1345), eventuell auch bei 
Nr. I (1357-1361) und Nr. XI (1357-1358). An seine Vorlagen wäre 
dieselbe Frage dann erneut zu stellen. 
Folgende Fälle kann ich mir aufgrund aller mir bekannten Quellen 
zur Geschichte der Preußenreisen vorstellen. Der Herold zeichnete die 
Wappen auf: 
1. Einer Reisegesellschaft, die auf dem Weg nach Preußen ist oder 
von dort zurückkehrt. Zu diesem Typ dürfte Rolle 11 gehören (wenn sie 
nicht dem folgenden zuzuordnen ist), Rolle VIII und die brabantische 
Gruppe bei Gelre. ., 


Vorbereitung (= Cahiers d'Heraldique 6). An einer Gesamtdarstellung von Leben 
und Werk dieses Herolds und der Edition seiner für die Preußenreisen so wichtigen 
,.Ehrenreden" arbeitet der Philologe W. van Anrooij (Leiden); vgl. der s., Heraut 
Beyeren en beraut Gelre: oude theorieen in nieuw perspectief, Bijdragen en mede- 
delingen betr. de geschiedenis der Nederlanden 101, 1986, 153-176 (mit Lit.). 
.. Ed. A d a m - E v e n Nr. 1661-1671 bis . 
11 Das ist für Gelre anl.unebmen, der mit dem bolländischen Herold "Beyeren" 
identisch ist; s. hierzu künftig die Arbeiten von Jequier und Anrooij (0. Anm. 28) 
und das von Paravicini (0. Anm. 1), Bd. 3, Dok. 93 (Herolde in und aus Preußen) 
ausgebreitete Material.
		

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			120 


Werner Paravicini 


", 2. Des adligen Gefolges eines Herrn, das von diesem für die Dauer der 
Preußenreise in Dienst genommen und besoldet wurde. Beispiel hierfür 
sind Rolle VII (van der Leck) und die dritte Abteilurtg von Rolle III. Der 
erste und der zweite Typ dürften indes schwer auseinanderzuhalten sein. 
, 3. Der Teilnehmer an einem Turnier in oder auf dem Wege von oder 
nach Preußen oder auf der Reise in Litauen. Hierzu gehört vermutlich 
Rolle IV (Baden/Namur). 
" 4. Derjenigen Ritter und Knechte, die zum Ehrentisch "zugelassen 
wurden. Hier ist vielleicht Rolle XI einzuordnen. Das in den Akten des 
Ordensmarschalls erhaltene Ehrentischverzeichnis von 1385 zeigt aller- 
dings eine Anordnung nach engerem Ehrentisch, Rittern, Edelknechten, 
Freiherren und Edelknechten in Bannerherrenrang, der hier nicht er- 
kennbar ist 31. .. 
5: Derjenigen Edelleute, die dem Georgsbanner, Marienbanner oder 
einem anderen Banner während der "Reise" nach und in Litauen folgen. 
Beispiel hierfür ist eindeutig und besonders vollständig die Rolle III, 
weiter Rolle VI, IX und wohl auch X (handelte es sich um den Ehren- 
tisch; müßten wenigstens einige Westeuropäer darin vorkommen). 
'. 6. Schließlich kann der Herold all diese Wappenfolgen von figürlichen 
Darstellungen abgemalt haben, die er vielleicht in der Marienburg und 
sicher in Königsberg vorfand. Dergleichen würde ich am ehesten bei der 
kurzEm Rolle V vermuten. 
über diese gemalten Darstellungen haben wir aus den Reiserechnun- 
gen . eine ganze Reihe beredter Zeugnisse. Im Dom zu Königsberg und in 
der Georgskapelle, vielleicht auch in der Antoniuskapelle, beide außer.., 
halb . der Stadt, ließen die Preussenfahrer ihre Wappen auf Holztafeln 
oder Pergament gemalt aufhängen, anschlagen, anmalen, stifteten heral- 
dische Glasfenster dort und auch in den Herbergen, in denen sie gewohnt 
hatten, hinterließen ihre Wappen in Burgen in Litauen, die sie hatten 
bauen helfen. Wir wissen sogar von einem in Königsberg 
efertigten und 
dann nach Holland heimgenommenen Teller mit dem Wappen des Jan 
van Blois und aller seiner Leute, die mit ihm auf der Litauerreise des 
Jahres 1369 gewesen waren 32. Erhalten ist davon nichts, und was davon 
im 19. Jahrhundert und A1!fang des. 20: Jahrhundert!
 unter dem Putz der 
Laienkirche des Königsberger' Doms wiederentdeckt wurde, wurde bis 
in die jüngste Vergangenheit als Darstellung .von Ordensrittern oder 
Ortsadel fehlinterpretiert, jedenfalls nie identifiziert, und ist nach den 


11 J. V 0 i g t, Codex diplomaticus Pruslicus, Bd. 4, Königsberg 1853, Nr. XXXI; 
kommentierte Neuedition nach OF 1, S. 6, bei Par a v i ein i (0. Anm. 1), Bd. 3, 
Dok. 7. . IA 
11 Hierzu, nach den Reiserechnungen, Par a v i c in i (0. Anm. 1) Bd. 1, Kap. 
VI, 6: "Gedächtnis".
		

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			Heraldische Quellen zur Geschichte... 


121 


Zerstörungen des letzten Krieges endgültig verloren. Der letzte Restaura. 
tor des Domes, Richard Dethlefsen schrieb 190433: "Wappen I...] haben [u.J 
in mehreren Reihen übereinander den Schmuck der unteren Wand- und 
Pfeilerflächen des ganzen Gotteshauses gebildet I...] über diesen Wappen- 
reihen sitzen figürliche Darstellungen." Darüber befanden sich "Figuren- 
reihen lu.]' die wieder ein wenig höher an den Wänden saßen und den 
oberen Abschluß dieser Bemalung gebildet haben." Glücklicherweise sind 
einige der damals angefertigten Aquarelle veröffentlicht worden, doch 
r.icht in Farbe: Zwei Schilde, anscheinend mit Feh belegt, in einem ein 
Sparren, in der Spitze mit einer Kugel belegt; als Helmzierden abge- 
wandte Steinbockhörner 3(. Eine Gruppe von vier Wappen mit Helmzier- 
den, von denen eines als das Einhornwappen der Meissau in Österreich 
aufgrund der richtigen Helmzier des Brackenrumpfes wohl identifiziert 
werden kann 35. Zwei kleinere einander zugewandte Figuren mit Lan- 
zen in "der Hand und Wappen 3. und eine weitere Einzelfigur dieser Art 37. 
Zwei einander zugewandte Wappen mit drei Rauten, das zweite trägt die 
Rauten nur im Obereck, es zeigt sonst Sparren, darunter drei Wappen, 
von denen nur die Helmzierden erkennbar sind; darüber eine Vollfigur 
mit Helmzier, das Wappen ist nicht erkennbar 38. Eine zweistöckige 
Komposition, drei Voll figuren mit Helmzierden und bemalten Schilden 
auf denen drei Kreise oder Kugeln zu sehen sind; zu vergleichen sind 
etwa Bellenville Rolle XII Nr. 27 (Fol. 71 v), ein Wappen, das der Patrizier.. 
familie Spiegel in Köln zugehört, oder ebendort Nr. 33 Bouttemont in der 
Normandie. Im oberen Teil ist eine Schiffsreise erkennbar 3D. Daß der- 
gleichen auch auf Tafeln dargestellt wurde, überliefert die Reiserechnung. 



 
.. R. D e t h I e f sen, Wehrgana und FTesken tim Dom zu Köniasberg, Der Burg- 
wart 6 (1904-1905), 28-31, hier S. 30f. 
-14 Dethlefsen, 1904, Abb. 10. mal a. 
II-Dethlefsen 1904, Abb. 12; vgl. Gelre, Nr. 760, Bellenville 24v 8 (farbige 
/I bb. bei Ga I b r e at h I J 
 q u i e r, o. Anm. 22, S. 133). Drei weitere Gruppen die- 
ser Art bei R. D e t h I e f sen, Die Domkirche in KönigsbeTg i;Pr. nach ihrer ;üng- 
:>ten Wiederherstellung, Berlin 1912, Taf.1I, Abb. 3, 5, 6. vA 
11 H. Ehrenberg, Deutsche Malerei und Plastik "on 1356-1450, Bonn- 
Leipzig 1920, Abb. 47. 
 
17Dethlefsen 1912, Taf. 7. _ 
Ii D e t h I e f sen 1912, Tal 6 (Gesamtansicbt), Taf. 9, Abb. 2 und 4, Ehr e n- 
b erg, Abb. 46. 
, It Auf einem der Segel vielleicht das Holsteiner Nesselblatt. Farbige Litho- 
graphie (sebr verblaßt) bei G. B u j a c k, Zur Bewaffnung und Krieafiihrung der 
Ritter des deutschen Ordens in Preussen, Sitzungsber. d. AltertUmsges. Prussia zu 
Königsberg i.Pr. 44 (1889), Taf. I, nach einem Aquarell von Füllhaas (ehemals im 
Museum der Gesellschaft). Die 18515 entdeckte Malerei wurde nach Anfertigung der 
Kopie wieder übertüncht und konnte von Dethlefsen nicht mehr freilelelt werden 
(D e t h I e fit e n, 1912, S. 24)." J
		

/Czasopisma_119_04_124_0001.djvu

			122 


Werner Paravicini 


des Jan van Blois aus dem Jahre 1363. Wappen sind hier jedenfalls so gut 
wie nicht mehr erkennbar, von den Helmzierden lediglich die Form. 
Mit Ausnahme vielleicht des Meissau-Wappens, das auch in den 
Wappen büchern Gelre und Bellenville vorkommt, sind all diese Wappen 
rlicht identifizkrt und. da die Farben fehlen, vielleicht auch nicht identi- 
!izierbar 411. 
Eine letzte Darstellung, die ich Ihnen zeigen kann (Abb. 9), läßt 
deutlich die Wappen zeichnung und Hclmzierden erkennen, so daß es 
möglich ist, cinige der Inhaber ohne jeden Zweifel zu ermitteln 41. Vorne- 
weg schreitet, wie auf BeIIenvilles Rolle VII (Abb. 5), der Bannerträger, 
gefolgt von seinem Herrn. Das Wappcn auf Banner und Wappenrock: 
(in Gold) ein bekrönter (schwarzer) Löwe mit einer (roten) dornenförmigen 
Schräglciste belegt. Es gehört, bislang unerkannt, dem uns schon vertrau- 
ten Robert von Namur, der sich von anderen Angehörigen des Hauses 
Namur durch die Dornenform der Schräg kiste unterschied (vgl. Abb. 4). 
Sein Wappen, einschließlich der Helmzier, findet sich bei Bellenville 
am Beginn von Rolle 11 (Abb. 1), bei Gelre (Nr. 411) und auf Siegeln der 
Jahre 1362-1379 42 . Der Bannerträger könnte der Namurzenser Watelet 
de Seilles sein, Nr. 64 von Wappenrolle III (Fol. 62r 1): (in Gold) ein 
(roter) Schrägbalken. Ganz sicher kann dcr nächste in der Reihe an 
Wappen und Helmzier bestimmt werden. Es ist derselbe wie in Rolle IV 
Nr. 9 und in Rolle XI Nr. 24 (Abb. 4 und 7): (in Silber) 3 (blaue) Rauten, 
belegt mit einer (aus gold und Rot.) gestückten Schrägleistc. Dies ist das 
Wappen von Baudouin, gen. Bureal oder Bureau de Juppleu, ebenfalls 
aus dem Namurois 48. Wir haben also den Beginn einer Wappenrolle vom 
Typ 11 vor uns, das adlige Gefolge Roberts von Namur, dem Gefolge des 
Herrn van der Leck ähnlich (Abb..5). 


.. Die bei D e t h I e f sen, 1912, S. 26 mitgeteilten Identifizierungen sind wenig 
'\.ertrauenswürdig und, wo keine Abbildungen beigegeben sind, auch nicht über- 
prüfbar. 
.1 Schwarz-weiß-Abb. nacb einem Aquarell des Hannoveraner Restaurators 
August Olbers bei D e t h 1 e fs e n 1904, Abb. 11, und ders. 1912 Taf. 9, Abb. 1 (vor 
Restauration); nach einem Vorkriegsphoto bei S. E k d a h I, Banderia PTuthenoTum, 
Göttingen 1976, Abb. I (nach Restauration). 
.. Th. de Raa d t, Sceaux armoTies des Palls-BaB, Bd. 3, Brüssel 1901, S. I1ff. 
.. Vgl. zu den Juppleu L. Gen i c 0 t, Un lignage chevaleresque aux deTnieTB 
siedeB du mOllen 4ge: les Juppleu, (in:] Met F. RouBseau, Brüssel 1958, S. 321-348, 
und der s., L'Economie rurale Namuroise au Bas mallen dge, Bd. 2, Löwen 1960, 
passim. Da Genicot die Siegel nicht nennt und auch de Raadt (0. Anm. 42), Bd. 2, 
Brüssel 1899, S. 162f. keine Klarheit bringt, bleibt unsicher, ob es sich um Baudouin 
df: Noville oder (eher) um dessen reicheren und Robert de Namur nahestehenden 
Vetter Baudouin de Boneffe handelt. Siehe Genicot 1958, "Fiches", Nr. 4 (ca. 1343, 
tI366/1370) und 9 (1357 tI402); weitere Namensträgcr: Nr. 11 (1368-1403) und 16 
(1370). .
		

/Czasopisma_119_04_125_0001.djvu

			123 
) 
Die Autoren von Bellenville und Gelre können also ganze Wappen- 
serien einfach aus dem Königsberger Dom übernommen haben, wie umge- 
kehrt es Herolde waren, die die Anfertigung der aufzuhängenden und 
vermutlich auch der zu malenden Schilde überwachten. 
Die Ausmalung des Langhauses des Königsberger Doms wird von 
kunsthistorischer Seite auf 1370-1400 angesetzt, also genau in die Zeit, 
in der die Wappenbücher Bellenville und Gelre entstanden sind. Robert 
von Namur war nachweislich 1340/1345 (wie wir mittels der Rolle 11 
festgestellt haben), 1345/1347, im Winter 1355/1356 und im Winter 
1364/1365 in Preußen ". Vielleicht gehört die Königsberger Darstellung 
zu dieser letzten bekannten Reise, doch starb er erst im Jahre 1391 und 
viele seiner Reisen mögen uns noch verborgen sein. 
So sehr uns die von den Wappen büchern vermittelte farbige Sicht der 
Freußenfahrtcn faszinieren mag, aus Gelre und Bellenville erfahren wir 
im Vergleich zu den Hechnungen nichts prinzipiell Neues. Neu sind 
lediglich viele, zumal deutsche Namen, die keine Quelle bislang in diesem 
Zusammenhang genannt hat. Darunter nicht wenige Patrizier aus den 
brabantischen, vereinzelt auch aus den flandrischen Städten, dazu einige 
neue Kölner. Ein getreuer Spiegel der Herkunft der Preußenfahrer sind 
diese Listen indes nicht. Der niederländische Herold hat sich offensichtlich 
vor allem für seine Landsleute interessiert und ihre unmittelbaren Nach- 
barn. Von den 358 Wappen der Hollen lI-XI gehört mehr als die Hälfte 
Niederländern und Leuten vom Niederrhein (50,5%, NiEderlande insges- 

mt 33,5%, Deutschland insgesamt 39,8'/0) '5. Gerade neun Franzosen 
werden genannt, darunter der als Eroberer der kanarischen Inseln be- 
kannte Gadifer de la Salle und sein Bruder Brandelis '11, 4 Engländer u, 
4 Schweden 48, 2 Savoyarden '9, 1 Schotte 110; kein Italiener, Spanier oder 
Portugiese. Andere Quellen lassen erkennen, daß der Anteil der Franzo- 


Heraldische Quellen zur Geschichte... 


U Die Belege s. künftig bei Par a vi c i n i (0. Anm. 1). 
&I S. Anhang 2. Die vollständige Aufschlüsselung kÜnftig bei Par a v i c in i 
(0. Anm. 1), Bd. 3, Dok. 11. 
48 Guillaume de Bouttemont (XI, 33), Sylvestre Clerbaut aus der Bretagne (VII, 
12), Jean de Grailly Captal de Buch (XI, 32; vgI. o. Anm. 19), Guillaume Pot (lU, 
69), Brandelis u. Gadifer de la Salle (III, 70; XI, 5), Jean VenedauNenduille BUS 
Tournai (?) (V, 3), Hutin de VermeIles (XI, 1). - Zu Gadifer s. Le Canarien, ed. 
E. Serra Rafols u. A. Cioranescu, Bd. 1, La Laguna de Tenerife 1959, S. 163-196. 
47 Sir James de Audeley (XI, 7 - auch I, 40), Sir Reginald de Cobham (II, 4 - 
aucb I, 36), Sir William Fitzwarin (11, 5 - auch I, 37), Sir John Russel (VIII, 4), 
Sir Miles de Stapleton (XI, 42). 
48 Je zweimal erwäbnt sind die Scbweden Knut Sparre von Tofta (III, 6 u. XI, 
47) und Kettil Jonsson von Malsta (III, 14 u. XI, 50). 
41 (Otto von] Grandson (XI, 3) und (Pierre deI Voserier (XI, 36). 
.. Sir Walter Leslie (XI, 8 - auch I, 1).
		

/Czasopisma_119_04_126_0001.djvu

			124 


Wemer Paravicini 


, 


sen; Engländer und Schotten an den Preußen fahrten sehr viel bedeuten- 
der gewesen ist. 
Einzigartig ist der hohe, bislang kaum vermutete Anteil von Polen und 
Schlesiern. Einige Namen hatte ich schon aus dem Ehrentischverzeichnis 
von 1385 bekanntgemacht 51. Hier sind es insgesamt 39 = 10,9°/. aller 
Namen, von denen einer, Herr Koster (wohl Johann Kustra) nicht weniger 
als dreimal, in Rolle III (7), IX (4) und XI (20) genannt ist 112. Die pol- 
nische Forschung sollte sich dieser Leute annehmen um zu ermitteln, wie 
es- zwischen dem Ftieden von Kalisch (1340) und der Erhebung Jagiellos 
von Litauen (1386) zu dieser, für eine vergangene nationalistisch-anachro- 
nistische Geschichtsschreibung überraschenden Hilfe polnischer Edelleute 
für den Deutschen Orden gekommen ist. König Ludwig von Ungarn und 
(1370-1382) von Polen ist in seiner Jugend gegen die Litauer zu Felde 
gezogen IIS. Vor einigen Jahren schon hat der Professor Karol G6rski mich 
auf die Verbindung des Ritters Strasz von Odrowqz in Kleinpolen mit 
der masowischen Partei aufmerksam gemacht 11'. Er hat damit eine Rich- 
tung gewiesen, in der weiter gesucht werden mag. 
t 
 
11 Pa ra v i ein i 1981 (0. Anm. 1) S. 26f., Anm. 6. 
11 S. Anhang 3. 1 ,h 
la N. H.o u 111 e y, King Louis the Great of Hungary and the Cru8t1des, 1342- 
1382, Slavonic and East European Rieview 62 (1984), 192-208, hier S. 193f. (1344- 
1354). 
N K. G 6 r 11 k i, Rod Odrowqz6w.w wiekach 
rednich, Rocznik Polskiego Towa- 
n.ystwa Heraldycznego we Lwowie, 8, Krakau 1928, S. 37 und 82. 


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/Czasopisma_119_04_127_0001.djvu

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Heraldische Quellen zur Gescbichte... 
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125 


An ha nl 


.
 


DATIERUNG UND ID!:NTIFIZIERUNG D!:R WAPPENROLLEN 
BELLENVILLE I-XI 


Rolle I JeQuier Paravicini 
I ca. 1360 Preußenfahrt? 1357/1361 "j'urnier in En- 
gland? 
11 1340/1345 ? 1340/1345 Preußenfabrt? 
111 1372 Preußenfahrt ca. 1350-1374 Preußenfahrt 
IV 1380/1400 Turnier? 1380/1381 Turnier in Preu- 
ßen'? 
V 1360/1370 Turnier? 1360er-1370er Preußenfahrt 
VI ? Preußenfahrt 1360er-1370er Preußenfabrt 
VII ca. 1380 Turnier? 1380-1381 Preußenfahrt 
VIII ca. 1380 Turnier? 1370er Preußenfahrt? 
IX ca. 1380 Preußenfahrt 1379/1381 Preußenfahrt 
X ca. 1380 Turnier? 1370/1371-l385 Preußenfahrt 
XI ca. 1380 ? 1:>57-1358 Preußenfahrt 
(Ehrentisch?) 


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/Czasopisma_119_04_129_0001.djvu

			IIeraldiscbe Quellen zur Gescbichte... 


127 


Anhang 3 
POLEN IN DER WAPPENBÜCHERN BELLENVILLE UND GELRE 
UND IM EHRENTISCHEVERZEICHNIS VON 1385. 


Nr. 


Bellenvllle 
ed. .Jtquier (nur eindeutig polnisch- 
schlesische Wappen 


1 


z 


1 


111 7 (60v 7) ber Koester [Kustra] 
IX 10 (66v 7) her Cooste 
XI 20 (71r 8) her Co ster, Polen 
111 15 (60v 15) her Belic (Kornicz) 
111 18 (60v 20) her Scibort (v. Sc ibo- 
rzyce) 
111 19 (60v 19) ber Zwiinkin (Swinka] 
111 20 (60v 20) her Stroske (OdrowQz, 
vgl. Gelre 537] 
III 21 (61r 1) Zwaef 


2 
3 


4 
5 


6 


7 
8 


III 22 (61r 2) bcr Hans van Lacrs (?) 
111 23 (61r 3) (nicht identifiziert) 


9 


111 24 (61r 4) her Tsesslcr (Ogonczyk 
oder Pilawa) 
IX 22 (67r 10) Tsesseler, Polen 
111 29 (61r 9) Jan van Valezau (aus 
Mähren) 
111 31 (61r 11 [G
ska oder Budzisz?] 


10 


11 


12 


111 32 (61r 12) (nicbt identifiziert) 


13 


111 33 (61r 13) Gora (Lekno) 


14 


111 34 (61r 14) die Scaeffe (Schaff- 
gotsch] 
111 37 (61r 18) die Scaeffe 
111 38 (61 r 17) Hans Zamentf.(?) 
111 41 (61r 21) Hans van Muelheym 
111 43 (61r 23) Bern van Wilperc 


15 
16 
17 


18 


X 48 (69v 12) (Wiltberg] 
111 44 (61r 24) Ualrich ber Pseske 
(Jelita] 
111 45 (61v 1) Hane Betswen (Bet- 
schau] 


19 


Gelre I 
ed. Adam-Even 
Nr. 500-547 
Wappenprovinz 
"König ILudwig 11.) 
von Ungarn [und 
Polen, 1370-1382)", 
ohne FUrsten 


3 


520 her Coester 


527 ber Belic 
526 ber Stibor 


530 Wicker 
531 her Stresk 


534 her Uulric 
Swaef 


532 (nicht iden- 
tifiziert) 
522, 545 ber 
Ymmerain 


533 Jan van Va- 
lezau 
539 (Gijska oder 
Budzisz?) 
540 (nicbt iden- 
tifiziert) 
5411 Rombout Go- 
ray 
511 her Uulric 
Zwaert 


538 Bernt van 
Wilperg 


541 (Jelita] 


547 Hans Bits- 
kou 


Ehrentischverzeich- 
nis von 1386 
ed. .1. Voigt, Codex 
cfiplom. Prusslcus 
IV (1863) Nr. XXXI. 


. 


32 her Stras 


63 (?) der Spi,el
		

/Czasopisma_119_04_130_0001.djvu

			128 


.. rl 


Werner ParRvicini H 


1 


2 


3 4 


20 


X 38 (69v 2) Hans Bleskou 
VII 9 (62v 9) her Hans Pousuwan 
(Bozewoj) 
IX 33 (67v 9) ber Hans Pousuwan. 
Polen 
.IX 7 (66v 7) her Magnus (v. Loeben) 


21 . 

 


22 
23 


. IX 8 (66v 8) her Pilat (Rogala] 
IX 21 (67r 9 (Lehwa: Johs. v. Mel- 
.sztyn) 
IX 23 (67r 11) [Prawda) 
X 16 (68v 4) [Prawda] 
IX 24 (67r 12) SIeden (Schlieben) 


24 


25 


26 


IX 25 (67v 1) her Ywin van Gorc, 
Polen (Korczak) 
IX 29 (67v 5) Bogoria 


27 


28 


X 12 (68r 12) van Weser, Polen (La- 
bt:di) 
X 21 (68v 9) (Laska ==0 Leszczyce] 
X 23 (68v 11) [Pomian) 
XI 19 (71r 7) ber Ot van Cessou, Po- 
len (Zeschau) 
XI 21 (71r 21) Vrederic van Cedelist 
(Zedlitz) 
XI 40 (72r 4) Sciltou, Polen (Nab:cz) 


29 
31 
32 


33 


34 


35 


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36 


11 


37 


38 


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39 


40 


41 


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42 
43 


544 Her Hans 
Bouseway 


521 her Magnus 
van Luben 
518 her Pylic 
519 her Yeskiin 


523 ber Tibier 


524 her Ot van 
SIewen 
525 her Ywiin 
van Goray 
529 her Preses- 
ken (vgl. 542) 


1 
515 her Otten 
van Cessou 
516 her Bernt 
van Cedelitz 
528 her Abra- 
ham van Sciltou 
509 Grave van 
Sunte Iorien (aus 
Ungarn) , 
510 Bartos van 
Wesenborch 
512 her Staellen 
van der Wekere 
513 her Raesken 
van Scoonavaer 
[aus Mähren] 
514 her Jan Cor- 
deboc 
517 her Jan van 
Meserets (aus 
Mähren] 
535 [Jastrzt:biec 
oder Bolesta] 
536 [Lis] 
537 [Odrow
z, 
abgewandelt] 


16 her Panlik 


J 


14 her Ywan von 
Gorow 


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I! 


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1 r a 


86 der GraU van 
Sente J orgen 


5 her Stask von 
der Widerkere 
8 her Racz von 
Schonanger "I 


4 her Jan Kor- 
delvok 
[ 


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11 I 


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/Czasopisma_119_04_131_0001.djvu

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3 


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44 


542 (Bogoria, 
abgewandelt) 
543 (Ko
ciesza) 


45 
46 
t.7 


48 


49 


50 


öl 


19 (?) her Wogs 
50 (?) her Gilalin 
de Sammoria 
51 (?) Sessin van 
der Masow 
57 (?) Als von 
Orrelik 
el (?) Heczel von 
Osterik 
75 (?) Wayks
		

/Czasopisma_119_04_132_0001.djvu

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1. Bellenville fol. 56v. (ed. Jl!quier 
S. 328) = Rolle 11 Blatt 1 


2. Bellenville fol. 60v (ed. Jl!quier 
S. 338)"" Rolle 111 Blatt 1 



 
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/Czasopisma_119_04_133_0001.djvu

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3. Bellenville fol. 61v (00. Jl!quier 
S. 335) - Rolle 111 Blatt 3 


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4. Bellenville fo1. 63v (ed. Jequier ,. 
S. 337 '""' Rolle IV 


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6. Bellenville fol. 63r (ed. Jequier 
S 339) = Rolle VII Blatt 2 


5. Bellenville fol. 62v (ed. Jequier 
S. 338) = Rolle VII Blatt 1 (im Origi- 
nal sind die Monde auf dem Banner 
schwarz) 


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/Czasopisma_119_04_135_0001.djvu

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7. Bellenville fol. 7lr (ed. Jeqmer 
S. 354) = Rolle XI Blatt 2 


9 Robert de Namur und sein Gefolge 
im Königsherger Dom (R. Detblefsen, 
Die Domkirche in Königsherg, Berlin 
1912, Ta!. 9 Abb. 1) 


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/Czasopisma_119_04_137_0001.djvu

			ORDlNES MILITARES IV. Werkstatt des Historikers... 


I 


CARL AUGUST LüCKERATH (Köln) 


'I 


Hochmeister - Itinerar 
Forschungs- und Interpretationsprobleme 


FORSCHUNGSPROBLEME 


Die Rcgierungs- und VE'rwaltungstätigkeit der Deutschordens-Hoch- 
meister sind trotz aller Deutschordens-Forschung weniger systematisch 
untersucht, als es zu erwarten wäre. P. G. Thielen 1 hat für die Verwal- 
lungsgeschichte des Deutschen Ordens Wesentliches beigetragen; ferner 
gibt es einzelne Arbeiten sowohl zur Kanzleitätigkeit als auch zur Re- 
gierungspraxis 2. Die biographische Literatur kann sich nur bedingt diesem 
Speszialaspekt widmen. 
Die KanzlE'igeschichte des Deutschen Ordens bedarf noch einer sy- 
stem8tischen Aufarbeitung. Die Kenntnis der Kanzleigewohnheiten der 
hochmeisterlichen Ordenskamlei erweist sich für ein präzises Itinerar 
als unerlässlich. Präzisere Kenntnisse über die administrativen Abläufe 
lassen sich schließlich ohnehin angesichts der Quellensituation nur für 
die Zeit vom ausgehenden 14. Jahrhundert bis zum Ende des Ordensstaa- 
tes, allerdings für die letzte Phase mit geändertem Residenzort, gewinnen. 
Als Quellenbasis für die Erstellung eines Hochmeister-Itinerars dienen 
bricfe (Beförderungsvermerke!), Urkunden, hier insbesondere Handfesten, 
Wirtschaftsschrifttum (Handels- und Rechnungsbücher) und bedingt auch 
erzählende Quellen. Die archivalische Gestalt dieser Quellen reicht vom 
Einzelstück als Blatt bis zum Ordens-Folianten. An gedruckten Quellen 
kommen je nach Regierungszeit vor allen Dingen die Urkundenbücher, 
die Ständeakten sowie das Treßlerbuch in Frage. Das Quellenproblem 
stellt sich in erster Linie als ein quantitatives überlieferungsproblem dar. 
Für ein Itinerar ist nämlich in erster Linie die Frage der Kontinuität bzw. 
der Diskontinuität erheblich. Wir müssen prinzipiell davon ausgehen, daß 
ein lückenloses Itinerar nicht rekonstruierbar ist. r 


1 P. G. T h i eIe n, Die VeTtooltung des Ordensstaates Preussen, vornehmlich 
im 15. Jahrhundert, OstmitteleuTopa in Vergangenheit und Gegenwart, hrsg. vom 
Johann Go t t f r i e d Herder-Forschungsrat, 11, Kö]n-Graz 1965. 
I Siehe H. B 0 0 c k man n, Der Deutsche Orden. Zwölf Kapitel aus seiner Ge- 
:Ichichte, München 1981, S. 181ff., 280ff.
		

/Czasopisma_119_04_138_0001.djvu

			......- 


136 


Carl August LOckerath 


Den vorhandenen Quellen haftet zum zweiten vielfach unmittelbar ein 
Unsicherheitsmoment hinsichtlich der bezeichneten Ausstellungssorte an. 
Das gilt namentlich für die sog. Handfesten. Es ist nämlich fraglich, ob 
der Ausstellungsort in diesen Handfesten tatsächlich oder fingiert ist, da 
E:S als übliche Praxis vorkommt, daß die Handfesten in der Kanzlei der 
Residenz ausgefertigt wurden und unterwegs erst an Petenten weiterge- 
reicht wurden, ohne daß sich der Hochmeister bei dieser Gelegenheit am 
Ausstellungsort, wie er verschriftlicht wurde, aufhielt. Ferner können 
auch sozusagen Verschleifungen bei der Reisetätigkeit des Hochmeisters 
vorkommen, insofern als bei der Bewegung von einem zum anderen Auf- 
enthaltsort des Umzuges die Widerspiegelung im Verwaltungsmaterial 
nicht komplett wiederkehrt. Das gilt zumal bei nur eintägigen Aufenthal- 
ten auf einer der Ordensburgen. Aus dieser Verlegenheit können in ge- 
wissem Umfange Doppelbelege helfen. 
Die dritte Problemebene ergibt sich aus dem Befund von Leerstellen, 
lI1sofern als die Kontinuität in keinem Falle, auch im 15. Jahrhundert 
nicht, erreicht werden kann. Dieser Sachverhalt erzeugt längere unbelegte 
Zeiträume, die einer Deutung nur schwer zugänglich erscheinen, insbe- 
sondere dann, wenn sie sich über eine längere Zeit hin erstrecken. Fragen 
ergeben sich in diesen Fällen derart, ob die als zeitliche Begrenzung greif- 
baren Aufenthaltsorte anzeigen, daß der dazwischenliegende Aufenthalt 
eben dort statt hatte oder ob die Belege für Aufenthalte wechselnder Art 
in dieser Zeit nicht auf uns überkommen sind. Es ergibt sich dann ein 
weiteres Problem, wenn die Begrenzungsaufenthalte differieren, denn 
dann ist es unmöglich zu entscheiden, zu welchem Zeitpunkt sich der 
Hochmeister von dem einen zum anderen Ort begeben hat. 


INTERPRETATIONSPROBLEME 
Die Hochmeister des Deutschen Ordens sind zunächst Vorsteher eines 
"Reise - Ordens", sie haben dementsprechend keine Residenz, oder 
besser, keine Stätte mit Residenzfunktion. Das hat sich schrittweise mit 
der islamischen Rückeroberung des Heiligen Landes geändert. Eine Re- 
sidenzfunktion eignete dem Sitz in Venedig nur bedingt. Dem Schwer- 
gewicht des Ordens folgend verlegte der Hochmeister seinen Sitz aus dem 
Mittelmeerraum nach Preußen. Dort entstand nach dem Provisorium in 
Elbing (Elbl
g) aus der Komtursburg Marienburg (Malbork) eine Haupt- 
hurg, der gezielt eine Residenzfunktion zuwachsen sollte, deutlich ablesbar 
an dem Bestreben, eine Art Zentralbehörden einzurichten. Vor diesem 
Hintergrund werden dann die Itinerare der Hochmeister von mehr als 
nur biographischem Interesse. 
Es wurde oben bereits festgestellt, daß die Quellen für verwaltungs- 
geschichtlich interpretierbare Itinerare im 14. Jahrhund
t n.icl1t aJ.lS-
		

/Czasopisma_119_04_139_0001.djvu

			Hocbmeister - Itinerar 


f37 


rdchen. Erst gegen Ende dieses Jahrhunderts und im 15. Jahrhundert 
wurde so viel Schriftgut produziert, daß incidenter auch genügend Anga- 
ben üb€'r Hochmeister-Aufenthalte mitgeliefert wurden; mit Hochmeister 
Konrad von Jungingen ist dieser Wechsel zeitlich verbunden. 
Einige Einzelbemerkungen sollen an die Itinerare der Hochmeister 
Michael Küchmeister 3 und Paul von Rusdorf' geknüpft werden. Wenn 
auch diese gedruckten Itinerare das Ausgangsmaterial bilden, so sei nicht 
unterdrückt, daß diese Itinerare in einigen Punkten präzisiert werden 
könnten, was in diesem Zusammenhang aber nicht nachgeholt werden 
soll. Die Frage ist, was Itinerare aussagen. Vordergründig zeichnen sie 
(He innerterritoriale Reisetätgkeit nach, inner territorial ist als Abgrenzung 
wichtig, die Hochmeister haben nach ihrer Wahl keine Auslandsreisen, 
heute würde man von sog. Staatsbesuchen sprechen, unternommen. Für 
Faul von Rusdorf müßte diese Aussage ein wenig differenziert werden. Er 
ist einmal über See nach Memel gereist und zu::n anderen hat er Be- 
suche in Garthen (Grodno) (Dezember 1425) und in Wilna (Oktober 
1430) absolviert. Diese ReisetÜtigkeit ist allerdings im Prinzip für die 
Hochmeister atypisch. Diese haben also mit ihrer Reisetätigkeit, um einen 
modernen Begriff zu bemühen, keine Reise-Diplomatie heutigen Stils 
betrieben. Andererseits kann man nicht behaupten, daß die Hochmeister 
die Reiseherrschaft als die typische Regierungsform und Verwaltungs- 
tätigkeit - beide Begriffe lassen sich nicht präzise abgrenzen - geübt 
hätten, denn nicht nur liefen die wichtigen Meldungen stets bei der 
,.Stallwache" an der Nogat ein (mit der Möglichkeit der Nachsendung an 
den Hochmeister), sondern es überwiegen auch die Aufenthalte in Marien- 
burg. Eingerechnet werden müssen aber auch die Aufenthalte außerhalb 
der Residenz Marienburg, die durch Kriegsereignisse und 
folgen her- 
vorgerufen wurden; denn diese sind ja eher als Störungen denn als Aus- 
weis von geregelter Verwaltungstätigkeit zu deuten. 
Für die Interpretation muß dabei wohl der Grundsatz gelten, daß das 
Schweigen der Quellen für Aufenthalt in der Marienburg spricht, da Auf- 
enthalte außerhalb der Residenz eher aktenkundig werden als hinsichtlich 
der Erzeugung von Verwaltungsmaterial gelegentlich "unproduktive" 
Aufenthalte in der Marienburg. 
Einige wenige Bemerkungen seien zu den beiden hier näher zu be- 
trachtenden Itineraren gestattet. Beide Itinerare entstanden als für die 
Biographie dieser Hochmeister als Territorialherren wichtige Aussagen, in 


I W. N ö bel, Michael KüchmeisteT, HochmeisteT des Deutschen Ordens 1414- 
1422, Quellen und Studien des Deutschen Ordens, Bd. 5, Bad Godesberg 1969. 
, C. A. L ü c k e rat h, Paul von Rusdorf, Hochmeister des Deutschen Ordens 
1422-1441, Quellen und Studien des Deutschen OTdens, Bd. 15, Bad Godesberg 1969.
		

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			138 


Carl August LOckerath 


zweiter Linie dienten sie war damit verbundenen Information über die Ver- 
waltungstätigkeit. In der Anlage verzichtet das Itinerar des Hochmeisters 
Michael Küchmeister auf Quellenbelege. Das Itinerar des Hochmeisters 
Paul von Rusdarf enthält pro Eintrag nur einen Einzelbeleg. Dieses Ver- 
fahren erweist sich im Nachhinein nicht als sicher genug, da alle Belege, 
die erreichbar sind, erst eine vertretbare Genauigkeit garantieren. Diese 
Bclegdichte w5re nicht nur sicherer, sondern auch aussagefähiger, da auf 
diese Weise überschneidungcn und Bestätigungen erfolgen könnten. Auch 
An- und Abreisen ließen sich so präziser nachweisen, gelegentlich sogar 
Aufcnthalte an mehreren Orten im Laufe eines Tages. Bei der Analyse 
beider Itinerare stellt sich heraus, daß neben der Residenz Marienburg 
(Malbork) einige Orte im Umfeld der Marienburg als "Verwaltungsorte" 
nachgeordneter Qualität, ja vielleicht im Falle Stuhm (Sztum) sogar als 
Neben- oder Sommerresidenz gedeutet werden könnten. Es gilt dies für 
Stuhm (Sztum), Elbing (Elbl
g) und mit Einschränkung für Danzig 
(Gdansk). Die Deutung dieses Phänomens intensiver Präsenz stellt sich 
im Falle Konrads von Erlichshausen etwas anders dar, für den K. Neit- 
mann nämlich im Dreieck Danzig (Gdansk)-Elbing (Elblqg)-Mewe 
(Gniew) den "Zentralraum" dessen Herrschaft festzustellen meint s. Diese 
Konsequenz ergibt sich aus der Gewichtigkeit der an den entsprechenden 
Orten getätigten Regierungs- bzw. Verwaltungsakte. 
Die Aufenthalte der beiden Hochmeister Küchmeister und Rusdorf an 
den übrigen Orten zeigen eine ziemlich gleichmäßige Streuung über das 
gesamte Ordensland Preußen während der Regierungszeit hinweg. Daher 

rgibt sich auch eine Differenzierung der Verwaltungstätigkeit je nach 
Vorliegen von ent.sprechenden Aufgaben und Anliegen. Weitergehende 
Aufschlüsse dürften in diesem Zusammenhang komparatistische Unter- 
suchungen der Hochmcister- Itinerare insgesamt liefern. Das setzt aller- 
dings voraus, daß die Intinerare nach gleichen Grundsätzen erstellt wür- 
den. Dieses ist selbst für die beiden hier in Rede stehenden Itinerare nicht 
der Fall. Wegen des differenten Aufbaues lassen sich beide Itinerare 
auch nicht linear vergleichen, sondern nur tendenziell. Das soll hier für 
einen Fall demonstriert werden, nämlich für das Verhältnis von nach- 
gewiesenen "ambulanten" Aufenthalten zu dem Verweilen in Marienburg. 
Für Michael Küchmeister wird in diesem Falle das Jahr 1417 gewählt. 
Es gibt für dieses Jahr 144 (147) Aufenthalte, die sich belegen lassen (die 
Zahl in der Klammer ergibt sich aus Mehrfachaufenthalten an verschie- 
denen Orten während eines Tages). Von diesen nachgewiesenen Auf- 
enthalten während des gesamten Jahres 1417 entfallen 86 auf Marien- 


· Siehe den Protokoll der Berliner Arbeitstagung des Wissenschaftlichen Ar- 
beitskreises fOr Mitteldeutschland, 1985. H
		

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			Hochmeister - Itinerar 


139 


burg. Es bedeutet dies quantifizierend, daß mehr als die Hälfte, und zwar 
deutlich mehr, auf die Residenzfunktion Marienburgs verweisen. 
Für Paul von Rusdorf sind für die nahezu 20-jährige Regierungszeit 
1316 Tagesaufenthalte nachgewiesen. Die Aufenthalte in Marienburg 
machen 655 aus, also nicht ganz die Hälfte der belegten Aufenthalte. 
Wenn man aber,wie oben bereits dargelegt, davon ausgeht, daß nicht 
Pichriftlich nachgewiesene Aufenthalte prinzipiell für Verweilen in der 
Residenz sprechen, dann wird man angesichts der vielen Lücken des 
Itinerars auf eine herausragende Funktion der Marienburg, die allerdings 
nicht im Sinne der "Verbandsbeständigkeit" als stabilitas loci zu deuten 
ist, gelenkt werden. Andererseits hatte die Reiseverwaltung - oder 
spricht man besser von Reiseherrscllaft? - einem erheblichen Umfang, 
wobei sich bei vielen dieser Reisen, wie man heute sagen wÜrde, "Hand- 
lungsbedarf" nachweisen läßt. 
Abschließend seien einige Folgerungen gezogen, ohne daß diese hier 
als sichere Erkenntnisse behauptet werden solJen: 
1. Die Marienburg erweist sich als ununmstrittene Residenz, sowohl 
kanzleimäßig wie auch von den hochmeisterlicheI1 Aufenthaltszeiträumen 
her; des Unterwegssein ist mehr Ausnahme als Regel, aber in die Regie- 
rungstätigkeit eingebunden. 
2. Es gibt bevorzugte Aufent.halts- und Verwaltungsorte um Marien- 
burg. 
3. Für \\-eitere Reisen in die Ausdehnung des Ordenslandes gibt es in 
der Regel konkrete Anlässe. 
4. Rcisetätigkcit ohne Anlaß ist nicht atypisch. 
5. Als krasse Ausnahmen und rare Seltenheit {'rweisen sich Auslands- 
aufenthalte ("Staatsbesuche"). 
6. Die diplomatischen Aufgaben hat nicht der Hochmeister selbst über- 
nommen, sondern dazu ein Gcsandtschaftswesen des Deutschordensstaates 
für die Außenvertretung etabliert. 
7. Der Beamtenapparat ließ nach innen eine Residenz als Dauerein- 
rIchtung zu, im Gegensatz etwa zum deutschen Reisekönigtum auch noch 
des Spätmittelalters. 
8. Die hochmeisterliche Land-Reise hat neben der Qualität als Regie- 
rungstätigkeit auch den Charakter von Visitationen. 
9. Das Hochmeister-Itinerar als Spiegel der Herrschaftsaktivität ist in 
Verbindung mit den Itineraren der Deutschmeister und des Landmeisters 
von Livland zu interpretieren. 
10. Die Präsenz des Hochmeisters diente mehr der innerordensmäßigen 
Autorität als der gegenüber der Bevölkerung des Ordensstaates. 
11. Die Reisetätigkeit des Hochmeisters erweist sich auch als ein 
Mittel der Ständepolitik.
		

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C-arl August "Lückerath 


12. Neben der Regierungs- und Verwaltungsfunktion der Reisetätig-" 
keit sind die wirtschaftlichen Aspekte nicht zu vernachlässigen, also Orga- 
nisation, Hofhaltung auf den Ordenshöfen, Kontrolle etc. 
Dieses Communique kann nur als Problemaufriß dienen, nicht aber 
Lösungen bieten. Es dürfte aber klarlegen, daß sich die Beschäftigung 
mit den Forschungs- und Interpretationsproblemen: Hoc hme
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r-Itinerar 
in vieler Hinsicht al lOhn.eQ-de Aufgabe anbietet. 't 
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			ORDINES MILlTARES IV. Werkstatt des Historikers... 


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1 


TORE NYBERG (Oden se) 


Quellen zur Geschichte der nordischen Johanniter 


. Der wichtigste Bezug der Johanniter zum Deutschen Orden ist be- 
Kanntlich der gemeinsame Ursprung der beiden Gruppen im Heiligen 
Land. Beiden ist gemeinsam, daß sie das ritterliche Element, die waffen- 
tragenden Laien, zur Verteidigung und Verwirklichung ihrer Aufgabe 
herangezogen und intergriert haben. Aber während beide sich von An- 
fang an als Hospitalorden und Hüter der Pilger zu erkennen gaben, trat 
der Deutsche Orden seit dem 13. Jahrhundert vorwiegend als Ritterorden 
im ostdeutschen Kolonisationsgebiet hervor. Ein historischer Zusammen- 
hang verbindet sein Auftreten hier mit dem von Bernhard von Clairvaux 
inspirierten Slawenkreuzzug der Jahre 1147-1149 1 . Auch die nordischen 
Johanniter waren am Rande an der großen Ostseeexpansion des Christen- 
tums im 12. und 13. Jahrhundert beteiligt - für das dänische Antvorskov 
kann man Zielrichtungen der Expansion im Ostseegebiet vermuten, vor 
allem Estland, das 1219 vom dänischen König Waldemar 11. erobert und 
christianisiert wurde I. Der militante Charakter blieb im Mittelmeergebiet 
an den Johannitern haften, und ihre Verteidigung gegen die Türken im 
15. und 16. Jahrhundert stellt die direkte Fortsetzung dieser Linie dar. 
In Mittel- und besonders in Nordeuropa verlor jedoch der Johanniter- 
orden weitgehend den Charakter des Rittertums und griff besonders im 
15. Jahrhundert wieder stark auf die Hospitaltätigkeit zurück. Weder die 
schwedischen Johanniter in Eskilstuna noch die norwegischen in Varne 
dürfen an der Ostseemission beteiligt gewesen sein, und die Neugründun- 
gen des Ordens in Dänemark und Schweden seit dem 14. Jahrhundert 


1 Vgl. die wertvollen Beiträge zu dieser ideengescbichtlich schwerwiegenden 
Verbindung von Hans-Dietrich K a h 1, z.B. in dem Band: Heidenmission und Kreuz- 
..ugsgedc1nke in der deutschen Ostpolitik des Mittelalters, hrsg. von H. Be um an n 
(Wege der Forschung VII), Darmstadt 1973, und neuerdings vom gleichen Verfasser: 
Bernhard von Fontaines, Abt von Clairvaux, (in:) Gestalten der Kirchengeschichte, 
brsg
 von M. G res c hat, 3, Stuttgart 1983, S. 173-191. 
. . T. Ny b.e r g, Zur Rolle der Johanniter m Skandfnavten. Erstes Auftreten und 
Aufbau der Institutionen, (in:] Die Rolle der Ritterorden in der mittelalterlichen 
Kultur' (Or.dines .mUitares, Colloquia Torunensia Historica 111),. htsg. von, Z. H. N 0- 
wa k, Toruil 1985, S. 129-144, hier S. 136. ·
		

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			142 


Tore Nyberg 


verbinden sich mit der übernahme alter oder der Gründung neuer Hospi- 
täler durch den Orden s. 
Die Quellen zur Ordcns- und Klostergeschichte werden dadurch ge- 
kennzeichnet, daß sie gleichermaßen das normative und das deskriptive 
Element dem Historiker zu VerfÜgung stellen. Das normative Element ist 
mn stärksten in den Ordensregeln und den Satzungen vorhanden, die uns 
die Ziele und Gebote der Gruppe vor Augen stellen, indirekt auch über 
Verhältnisse in der Organisation selbst Auskunft geben, die jedoch nicht 
primär die Absicht haben darzulegen, wie das Ordensleben vor sich geht, 
sondern wie es sich gestalten soll. Das deskriptive Element ist nm ehesten 
in Chroniken, Güterlisten, Personen verzeichnissen, Totenbüchern und 
liturcischen BÜchern zu finden, alles Quellen, die direkt den inneren und 
8ußeren Lebensprozessen eines Klosters oder eines Ordenshauses ent- 
sta:1unen, obwohl 	
			

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			Quellen zur Geschichte der nordiscben Johanniter 


143 


Heiligen Land anspornte 15. Damit konnten aber auch Jerusalem und die 
n-'!utestamentlichen Berichte die Predigtreisen der Johanniter quer durch 
die nordischen Länder unmittelbar ins1)irieren ". Die Johanniter hatten 
nicbt, wie bald die Franziskaner, einen Heiligen Franz, der durch Armut 
und intensive Frömmigkeit und. Askese die Christusnachfoige verkörperte, 
aber sie hatten das Heilige Land, v,,-o der Erlöser selber gewandert hatte, 
und sie konnten sich auf sein Be
spiel berufen. 
Daher verstand sich auch ihre Hingaue für die Kranken als eine 
Realisierung des Evangeliums im Heiligen Land. Ihl'C Geldsammlungen 
galten dem Hospital in Jerusalem, dann der Verteidigung des "Hospitals" 
.md der da:nit verbundenen Welt, des bedrohten Christentums überhaupt. 
Die Donationen und Stiftungen, Über die viele, auch nordische Quellen 
Auskunft geben, legen Zeugnis ab von dem Wunsch der Spender, mit dem 
Ursprungsland Christi, mit Jerusa1em und mit dem Heiligen Grab ver- 
bunden zu sein. 
Dieser iueengeschichtliche und religiose Ged..mkenzusammenhang wird 

ichtbar bei der Kombination von zwei verstreuten Quellellgruppen, die 
ich hier als erstes Beispiel bringe. Drei Papsturkunden des 12. Jahrhun- 
derts zugunsten der sogenannten Kanoniker vom Heiligen Grab bezeugen, 
daß es auch in D a c i a, also DÜnen:ark oder ganz Sknndinavien, GÜter 
gab, die an das Heilige Grab geschenkt worden waren 7. Da die Kanoni- 
ker vom In. Grab keine Organisation hatten, um solch verstreute Güter 
zu verwalten l!nd deren Einnahmen zu nutzen, :nüssen sie von anderen 
betreut worden sein 8. Nun bringt aber der schwedische Historiker des 
17. Jahrhunderts, Johannes Messenius, im Jesuitenseminar von Bromberg 
IBydgoszcz) erzogen, später in Danzig (Gdansk) tätig und in Uppsala Profes- 
sor, der wegen seines katholischen Glaubens seine zweite Lebenshälfte im 
finnischen Gefängnis verbringen mußte, eine Nachricht zur Verwaltung von 
UÜtern peculium Sancti Sepulchri cognominata, wie er schreibt D. Da 


· Die Arbeit von P. R i a nt übf'r die Pilgerfabrten der skandinavischen Völker 
ins Heilige Land wurde sc bon 1868 ins Däniscbe übersetzt: Skandinav.!rncs Karstog 
og AndagtsrejseT til Palrestina (1000-1350), Kooenhavn 1868. Vgl. A. Fa b r i ci u s, 
J.'oTbindelserne mellem Norden og den spanske Halv0 i a'ldre Tider, KjBbenbavn 
1882. 
· Vgl. Ny b erg (wie Anm. 2), S. 133-135. 
, Diplomatarium Danicum I, 3, Nr. 16, 1170 September 9: medietatem possessio- 
llum, que inter vos communes sunt, ut in Anglia, in Datia, in Alemannia, POlonia, 
Rutenia, Ungaria, Constantinopoli et in omnibus finibus suis; ibid., Nr. 105, 1182 
Juni 30 und Nr. 214, 1196 Februar 13 mit der gleichen Formulierung. 
B K. EI m, Kanoniker und Ritter vom Heiligen Grab, [in:) Die geistlichen 
Ritterorden Europas (Vorträge und Forschungen berausgegeben vom Konstanzer 
Arbeitskreis für mittelalterliche Gescbicbte XXVI), Sigmaringen 1980, S. 141-169. 
· Johannes Me s sen i u s, Specula ex qua incllltam Suedorum et Gothorum 
C'onditionem [...] contemplari licet, Stockbolm 1612, Kap. 26, S. 77. Die GUter sollten
		

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			4 


Tore Nyberg 


Messenius Zugang zu heute verlorenen Quellen hatte, ist seine Erwähnung 
If.12 von "Gütern vom I-B. Grab", die hodierna die in Suecia et Gothia 
[...] rer;eriuntur, d('lch von Interesse. Denn was diese Güter abwarfen, sagt 
er, sei von den Johannitern in Eskilstuna eingezogen und nach Jerusalem 
weitergeleitet worden 10. Die Quellensituation ist sehr bezeichnend, vor 
E.lllem weil wir durch sie auf den gemeinsamen Ursprung der Johannitef 
und der Schenkung von Grund und Boden an das Heilige Grab zurück- 
geführt werden. Daß Messenius im 17. Jahrhundert über Suecia et Gothia 

pricht, die Papsturkunden des 12. Jahrhunderts dagegen von Dacia, muß 
kein Widerspruch sein. Die Mendikanten schufen kurz nach Ankunft der 
Johanniter eine Ordensprovinz Dacia, die ganz Skandinavien umfaßte, 
und der Name bürgerte sich unter den nordischen Johannitern ein, 
obwohl sie der deutschen Zunge angehörten. Das Beispiel ist typisch, 
weil es uns die Notwendigkeit vor Augen stellt, uns mit den Kombinatio- 
nen der Gelehrten des 17. und 18. Jahrhunderts auseinanderzusetzen 11. 
Auch die Quellen zur Personengeschichte der nordischen Johanniter 
sind spärlich überliefert. Aus Schweden besitzen wir die Nekrolognotizen 
auf den zwölf Kalenderseiten eines Psalteriums aus dem 14. Jahrhundert, 
cJas sich in Eskilstuna befunden hat 12. Die Handschrift, im kleinen 
Duodezformat, wurde im heutigen Belgien geschrieben - die in der Hei- 
ligen liste genannten Adelgund, Bavo, Amandus und Nichasius weisen in 
dieser Kombination auf das Bistum Cambrai hin 13. Keine Änderungen 
oder Anspassungen an den schwedischen Heiligenkalender wurden unter- 
I
ommen, woraus erhellt, daß die Handschrift im privaten Gebrauch eines 
Konventmitgliedes in Eskilstuna gewesen sein muß. Die eingetragenen 
Namen beziehen sich auf verstorbene Ordensmitglieder und auf Freunde 


Equites Suecici geschenkt babcn, also die zu erwartende Scbicbt, die zu solchen 
Gaben imstande war. 
10 Ex quibus annuum coUegerunt censum monachi Eschilstunenses, ordinis 
S. Iohannis de Rhodo, eumque Hierosol1lmam per occasionem expediverunt, ebenda. 
11 leb danke herzlich Professor Kaspar Elm für den Hinweis auf Me s sen i u s' 
Specula 1612. In seinem Werk Scondia illustrata, nach seinem Tode in Stockholm 
1700 gedruckt, verrät Messenius keine Kenntnis von Johannitern in Dänemark oder 
Norwegen, sondern vermerkt erst zu 1255: Eskilstunium in Sudermannia Sueciae 
Johannitarum coenobium conditUT, quod AlexandeT IV privilegiis ornavit, Tom 2, 
S. 41. Unter 1191 hatte er die Gründung der Crucigeri, der Scbwertbrüder, vermerkt, 
S. 18. 
12 Reichsarcbiv, Stockholm, Cod. Skokloster 9 in 8: vo, hrsg. von I. Co 11 i j n, 
Ftt nekrologium frdn johanniterklostret i EBkilstuna. Bidrag tiU johanniterordens 
iiLdsta historia i Sverige, Nordisk tidskrift för bok- och bibl!oteQvllsen 16 (1929), 
S. 1-21, auch als Monographie gedruckt, Uppsala 1929. 
11 O. 0 den i u s, I andlig delaktighet med johanniterna i Eskilatuna. NdgTa 
anteckningar kring johannitiska participationsbTev (in Vorbereitung, wird in Eskil- 
IItuna gedruckt), Abschnitt Vigilie defunctorum.
		

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			Quellen zur Gescbicbte der nordischen Jobanniter 


145 


und Unterstützer des Ordcns 14. Es fragt sich, wie vollständig die Eintra- 
gung der Todesnotizen gewesen ist. Wenn keine offizielle Verpflichtung 
seitens des Konventes vorlag, die Namen aller Verstorbenen in diesem 
Buch einzutragen, wäre es ja möglich, daß die Namensliste nur einen 
Auszug darstelJt und nicht als Grundlage für die Berechnung der Größe 
des Konventes dienen kann, wie ich sie vor zwei Jahren hier benutzt 
habe 111. Die Möglichkeiten einer Nachprüfung mit Hilfe von anderen Mit- 
gliedslisten, z.B. Profeßlisten oder offiziellen liturgischen Büchern des 
Konventes, scheitern daran, daß solche Listen nicht mehr erhalten sind. 
Eine andere Möglichkeit der Nachprüfung wäre es festzustellen, wie 
viele Personen von dem Ertrag bestimmter Klostergüter leben konnten, 
um so zu einer Wanrscheinlichkeit zu gelangen, ob das erhaltene Toten- 
buch die Namen der Konventsmitglieder vollständig wiedergibt oder 
nicht. EinE' solche Untersuchung liegt noch nicht vor, obwohl das Urkun- 
denmaterial für Eskilstuna recht gut erhalten ist und auch durch erhal- 
tene Güter- und Steuerverzeichnisse aus dem 16. Jahrhundert ergänzt 
wird 16. Aber auch bei erfolgreicher Bearbeitung der Quellen zur Güter- 
geschichte besteht eine Unsicherheit, auf die der dänische Archivar Tho- 
mas HaU Olsen aufmerksam gemacht hat 17. Es war eine Aufgabe der 
Johanniter, durch Geldsammlung und regelmäßige Lieferungen an die 
Ordenszentrale das Hauptanliegen der Johanniter, die Verteidigung gegen 
die Ungläubigen, zu unterstützen. Man weiß dabei nicht, ob die regel- 
mäßigen Zahlungen ins Ausland vom Ertrag des Grundbesitzes oder von 
besonders eingesammelten Spenden in Verbindung mit Predigtreisen 
stammen 18. Hatt Olsen hat aus den Quellen im Ordenszentralarchiv in 


1& Die Analyse der Personennamcn wurde von Collijn unternommen. Vgl. 
T. Nyberg (wie Anm 2). 
11 Wie Anm. 2. - 0 den i u s (Anm. 13) bat Fragmente eines Jobanniterkalen- 
c!ariums gefunden, die uns die offizielle Heiligenliste für den Konvent in Eskilstuna 
für die Monate Januar, April-J"uli und Oktober-November mitteilt; ediert ebenda. 
Dicses Kalendarium wurde jedoch nicht zur Eintragung von Namen der Verstor- 
benen benutzt. 
le Ein Grundbuch aus der Zeit um 1490 für den Eskilstuna-Konvent ist im 
Reichsarchiv Stockholm unter dem Signum D 8 erhalten geblieben. Eine erste Aus- 
wertun
 dieser Quelle sowie des anschließenden Güterverzeichnisses für die Pfarr- 
kirche Fors - über welche das Kloster das Patronat innehatte - aus dem Jahre 
1554 unternahm in populärer 
'orm Knut Hell b erg, Eksilstuna genom tiderna. En 
svensk märkesstads historia, Katrineholm 1935. Vgl. zur Methode der Erforscbung 
des landwirtschaftlichen Ertrages den Beitrag von G. Du b y über die Johanniter- 
kommenden in Südfrankreich im Jahre 1338: La Seigneurie et l'
conomie paysanne: 
Alpes du Sud, 1338, :F::tudes rurales, Juli-September 1961 (Englische übersetzung i 
der Sammlung: G. Du b y, The ChivalTous Society, London 1977, S. 186-215). 
17 Th. Hat t 0 I sen, Dacia og Rhodos, Kebenhavn 1962, S. 15-18. 
18 Ny b erg (wie Anm. 2), S. 134; Re i t z e 1 - Nie 1 sen (wie Anm. 3), S. 338i.
		

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			146 


Tore Nyberg 


der Malta Royal Library nachweisen können, daß die Johanniterprovinz 
Dacia im ganzen 15. Jahrhundert jährlich um die 140 Gulden an die Lei- 
tung der deutschen Zunge in Köln absenden konnte, von wo das Geld 
nach Rhodos weitergeleitet wurde 19. Die Leistung stieg nach 1500 etwas 
an. Man muß sogar mit einer dritten Möglichkeit zur Deckung dieser 
jährlichen Zahlung rechnen: daß dazu der sogenannte Johannis-Pfennig 
benutzt wurde, der für Dänemark und Schweden urkundlich nachgewie- 
sen ist - eine Art Steuer, die von jedem Hausstand eingezogen wurde 20. 
Noch am Ende des 15. Jahrhunderts bestätigte der Erzbischof von Uppsa- 
la den Ablaß für diejenigen, die den Johannis-Pfennig entrichteten 21. 
Nach einer Gründungsperiode, während der jedes der drei nordischen 
Königreiche je ein Johanniterhaus erhielt, folgten zwei Wachstumsperio- 
den des Ordens in Skandinavien. Die erste Wachstumsperiode sah die 
Gründung von Johanniterhäusern in drei dänischen Bischofsstädten: 
Viborg, Odense und Ripen (Ribe) (Ende des 13., Anfang des 14. Jahrhun- 
dE:rts) 22. Versuche, zu dieser Zeit ebenfalls ein Haus im Erzbistum Lund 
zu gründen, scheiterten offenbar 23. Nach dem Schwarzen Tod setzte eine 
zweite Wachstumsperiode ein, die mehrere Häuser und Hospitäler in 
Dänemark und Schweden entstehen ließ. Hier handelt es sich typischer- 
weise nicht um Bischofsstädte, sondern um Handelsstädte oder kleinere 
Ortschaften, nun auch in Schweden, wo die Johanniter den Weg in die 
sich langsam ausbildende Hauptstadt Stockholm fanden 24. Norwegen 


I' Hat t 0 I sen (wie Anm. 17), S. 32f. 
.. Ny b erg (wie Anm. 2), S. 132f; R e i t z e 1 - Nie 1 sen, Hinweise unter 
lluspenninge im Index. 
11 0 den i u s (wie Anm. 13), mit Hinweis auf Reichsarcbiv Stockholm, E 8972, 
eme Abschriftensammlung, in der ein Brief Erzbischof Jakob Ulvssons vom Jahre 
H89 enthalten ist, mit der Formel: obolum sancti Johannis aoentibus, colligentibus 
ft claustTo Eskilstwna solventibus, XL dies indulgentiarum. Odenius weist auch 
auf ein Ablaß verzeichnis der Johanniter hin, das in die Handscbrift C 370 der Uni- 
versitätsbibliothek Uppsala BI. 112r eingetragen wurde - die Handscbrift hat offen- 
bar einem Dominikaner gehört. 
uRe i t z e 1 - Nie I sen (wie Anm. 3), S. 167-181. 
11 Ibid., S. 182. Daß die in Diplomatarium Danicum I, 3, Nr. 245 v.J. 1198 er- 
wöbnte ecclesia baptismali eis a tuo predecessore collata (Absalons Vorgänger Erz- 
bischof Eskil) ausgerechnet in der Stadt Lund gelegen hätte, ist keineswegs zu 
belegen. Erst 1311 (Diplomatarium Danicum 11, 6, Nr. 346) finden wir einen lohannea 
commendator Lundis, ebenfalls in Dip!. Dan. 111, 1, Nr. 182 v.J. 1341, später aber 
nicht mehr. 
.. Re i t z e I - Nie I sen (wie Anm. 3), S. 183-195: Dueholm, Horsens, Nyborg, 
Maskenholt auf Rügen. Die Stiftung in Köpinge auf der Insel Oland in Schweden, 
1459 zur Zeit der Königsherrschaft Christians I. über Schweden durchgeführt. 
konnte dort nicht gedeihen, sondern fand ihre Forstetzung in dem Johanniterhaus 
Kronobäck auf dem Festland innerhalb Olands, siehe S. 224-228. FQr Stockholm, 
siehe S. 221-224.
		

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			Quellen zur Geschichte der nordischen Johanniter 


147 


erhielt kein weiteres Johanniterhaus, aber zahlreiche Verbrüderungsbriefe 
bezeugen, daß das alte Varne-Kloster am Ende des 15. Jahrhunderts eine 
erneute Popularität genoß 26. 
Unsere Quellen zur Kenntnis dieser Klöster sind von den Ereignissen 
der Klosteraufhebungen im 16. Jahrhundert bestimmt. Als die Klöster 
generell als geschlossene Gütermassen in staatlichen Besitz übergingen 
oder als Lehen in Adelsresidenzen verwandelt wurden, entstand das 
Bedürfnis, die Klosterarchive mit ihren Besitzurkunden zu verzeichnen. 
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts hatten in Dänemark könig- 
liche Kommissare ununterbrochen die Aufgabe, die Klosterarchive zu 
registrieren. Von vier dänischen Johanniterhäusern können wir uns auf 
diese Weise durch das nachreformatorische Urkundenregister einen unge- 
fähren Eindruck des Güterbesitzes verschaffen. Kurz nach der Refor- 
mation wurden die Urkunden des Hauptklosters Antvorskov registriert; 
diese Registratur kennt man aber erst aus späteren Abschriften 18, 1558 
wurden die Urkunden vom Kloster St. Hans in Odense verzeichnet 17, 
1574 die vo:n Kloster St. Hans in Viborg 28 und 1591 die vom Kloster St. 
Hans in Dueholm auf der Insel Mors, Diözese Börglum, im nördlichen 
Jütland 29. Vom St. Hans-Kloster in Ripen ist kein Archivverzeichnis auf 
uns gekommen, vielleicht ist auch keins hergestellt worden. In den fol- 
gEnden Jahrhunderten sind die verzeichneten Urkunden auf verschiedenen 
Wegen abhanden gekommen - als letzte existierten die vom St. Hans- 
Kloster in Odense noch zu Anfang des 19. Jahrhunderts -, so daß unsere 
Kenntnis fast ausschließlich auf diesen zu reinen Verwaltungszwecken 
aufgestellten Verzeichnissen beruht. Die einzige Ausnahme bildet das 
Klosterarchiv von Dueholm, aus dem zwei Abschriftensammlungen aus 
der Klosterzeit, geschrieben 1487-1500 bzw. 1527, bis heute erhalten 
geblieben sind 30. 


11 Re i t 'L e 1- Nie 1 sen (wie Anm. 3), S. 19
205. Die Urkunden von Varn.E1"" 
Kloster sind in verschiedenen Bänden des Diplomatarium Norvegicum zu finden. 
11 De reldste danske ArchivregistratuTcr 4, Kgbenhavn 1885, S. 57-274. 
11 Ibid., 5, Kgbenhavn 1910, S. 605-642. 1 ,}{ 
n Ibid., 2, Kgbenhavn 1860, S. 361-392. 
.. Ibid., 3 K0benhavn 1865, S. 171-206. Eine Untersuchung der G6tergeschichte 
de-s" Klosters Dueholm 1370-1536 wurde an der Universitlit Odense durchgefQhrt: 
A. S. B r a n d hg j, I. D. Co n rad, Dueholm Klosters Godsudvikling, ca. 1370-- 
J536, 1984, Maschinenscbrift, Historisk Institut, Odense Universitet, 89 S., 13 .Karten. 
.. Universität Kopenhagen, Arnamagna;ansk Samling Nr. 875, 877. Herausge- 
geben von O. Nie I sen, Dueholms Diplomatarium. Samling af Breve J371-1539, 
Kj0benhavn 1872. Wie das künstlich bergestellte Verzeichnis von Regesten der in 
diesen beiden Abschriftens8mmlungen nicht enthaltenen Urkunden zeigt, vom 
Herausgeber O. Nielsen aus dem Archivregister in zeitlicber Folge auf S. 134-148 
abgedruckt, umfassen die beiden Abschriftensammlungen nur einen. .ganz beschei- 
denen Teil des gesamten Klosterarchivs.
		

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			148 


Tore Nyberg 


Für Antvorskov, das Hauptkloster des Ordens in Dänemark und ganz 
Skandinavien, wird in dem uns erhaltenen, späten Verzeichnis der Urkun- 
den v. J. 1607 notiert, daß die Urkunden damals noch in zwei Kisten in 
einer Kapelle bei der Klosterkirche lagen; man nannte die Kapelle 
1 i b e r i e t, eine dänische Bezeichnung, die auch für eine entsprechende, 
heute noch erhaltene Kapelle beim Dom von Lund verwendet wird 31. 
Die Urkunden waren in alfabetischen Reihen nach Ortschaften ange- 
ordnet: zuerst kam eine kurze Abteilung mit königlichen Privilegien, dann 
Jeweils eine für Güter in unmittelbarer Nähe des Klosters, auf Seeland, 
auf Fünen, auf Falster, auf Lolland usw., dann in einer eigenen Abteilung 
die Besitzungen an Grund und Boden in den Städten, besonders in der 
benachbarten Stadt Slagelse. Die Urkunden des Hauses in Oden se waren 
nach den Harden auf Fünen, in denen die Güter lagen, geordnet 32. Am 
F.nde des Verzeichnisses werden weitere ] 17 unspezifizierte Urkunden 
erwähnt, u.a. Verbrüderungsbriefe mit dem Orden 33. 
Die Urkunden des Klosters in Viborg befanden sich in der Sakristei 
des Domes, als sie 1574 verzeichnet wurden 3i. Auch sie waren in Kästen 
nach den Harden geordnet, in denen die Güter lagen. Eine Schachtel 
war voll von königlichen und anderen Privilegien, die man nicht mehr 
E'inzeln angab. Die Urkunden von Dueholm lagen nicht topographisch 
geordnet. , 
Ein erneutes Interesse haben die Briefe über Gebetsverbrüderungen 
durch eine neuere Arbeit erfahren 35. Die Gattung ist in allen Ländern 
bekannt. Die erwähnte Untersuchung befaßt sich mit Gebetsverbrüderun- 
gen der Johanniter von Eskilstuna. Die "Partizipationsbriefe", so genannt, 
weil sie den Empfängern die Teilnahme, die Partizipation an den geist- 
hchen Gütern und Verdiensten des Ordens zusichern, gebrauchen ver- 
schiedene Formulare, je nach der sozialen Stellung des Empfängers. Der 
Verfasser und Herausgeber Oloph Odenius teilt sie in folgende Gruppen 
r-in: 
1) Gebetsverbrüderungen der Johanniter mit anderen geistlichen 
Körperschaften; 


11 R. BIo m q v ist, Lunds historie 1: Medeltiden, Lund 1951, S. 157f. Die Be- 
legstelle aus dem Jahre 1499 dürfte als liberiam, nicht liberariam, zu transskribieren 
st'in. 
11 De a!ldste danske Archivregistraturer 5, S. 641, wo ein Index angibt, daß die 
Buchstaben A bis I, die sich auf jeweils eine Reihe von Urkunden beziehen, die 
geographische Lage der betreffenden Güter angeben. A, Bund C umfassen Güter 
in der Stadt Odense, dann folgen der Reihe nach die Güter der Harden östlich, 
westlich und nördlich der Stadt. 
u Ibid., S. 641f. 
" Ibid., Bd. 2, S. 363 beim Ingreß zum Register. 
.. 0 den i u s (wie Anm. 13).
		

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			Quellen zur Ge
chicbte der nordischen Johanniter 


149 


2) Briefe, durch die ein Adeliger, öfters mit seiner Gattin, in die Ge- 
betsverbrüderung aufgenommen wird; 
3) Briefe für die Aufnahme von Priestern in die Gebetsverbrüderung; 
hierin wird betont, daß die Johanniter das Privilegium besitzen, einen 
Bruder (confrater) von Strafen für Unachtsamkeit beim Stundengebet zu 
befreien; 'DJ 
4) eine E'infachere Briefformel für die Aufnahme von Personen 
bürgerlicher oder bäuerlicher Abstammung in die Gebetsverbrüderung; 
5) die Bestätigung des Konventes, bestimmte Güter empfangen zu 
haben, und die gegenseitige Zusicherung an die Empfänger, daß sie bis 
zum Tode ihren Lebensunterhalt beim Kloster und geistigen Anteil an 
den Privilegien des Ordens haben sollen. Dieser Typ des Pfründners, der 
beim Kloster seinen Lebcnsabend verbringt, ist allen Orden bekannt. Man 
darf annehmen, daß sic einen wichtigen Anteil der Bewohner
 der Hospi- 
täler darstellten, die die Johanniter betreuten 38. 
Im Unterschied zu anderen Orden scheinen die Johanniter kaum den 
Empfängern die Abhaltung von Seelenmessen nach deren Tode zuge- 
sichert zu haben, bemerkt Odenius. 
Endlich ist auch für die schwedischen Johanniter die Gattung der 
ikonographischen Quellen heranzuziehen 37. Einige Pfarrkirchen erhielten 
im Zuge der neuen Ausschmückung im 15. Jahrhundert ein Bildpro- 
gramm, das Odenius als Ausdruck johannitischer Frömmigkeit ansieht. 
Mit großer Wahrscheinlichkeit hat er wenigstens für die Pfarrkirche 
Älvkarleby in der Erzdiözese Uppsala Recht. Die Kirche wurde vom Erzbi- 
schof Jakob Ulvsson am 3. März 1490 neu geweiht, und der oben erwähnte 
Ablaßbrief des Erzbischofs für die Entrichtung des h u s p e n n in g wur- 
de gerade an diese Pfarrei gegeben. Bei der Wiedereinweihung erhielt 
die Kirche vier Patrozinien: Maria, Hl. Kreuz, Johannes der Täufer und 
Maria Magdalena. Unter den Heiligen der gleichzeitig angefertigten 
frescomalereien der Kirche findet man auch die Hl. Helena. Dies dürfte 
als Ausdruck einer besonderen Hinwendung an johannitische Frömmig- 
keit zu bewerten sein 38. 


a. Vgl. den historiscben "Überblick bei G. Müll e r, Die Familiaren des 
Deutschen Ordens (Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens 13), 
Marburg 1980, S. 1-47, für die Johanniter besonders S. 9-14. 
17 Es ist mir nicht bekannt, ob der neuerdings durcb den Kalkmaleriregistrant 
des Institut for kirkehistorie der Universität Kopenhagen erschlossene Bestand der 
dänischen Frcscomalereien aus vorreformatorischer Zeit noch im Hinblick auf 
Eildprogramme unter johannitscher Beeinflussung untersucht worden ist. 
a8 Dagegen dürften die "Überlegungen von Odeni
 zum KUltgegenstand caput 
johannis in disco - dem Haupt des Johannes als Skulptur oder Relief in einer 
Schale oder auf einen Teller - nicht immer zutreffen, da Jobannes der Täufer 
als Vorläufer Christi nicht ausscbließlich mit den Johannitern in Verbindung zu
		

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			150 


Tore Nyberg 


_ Mit diesen Hinweisen schließe ich meine Ausführungen ab: Die nor- 
dischen Johanniter haben sich aktiv im Dienste der Nächstenliebe ein- 
gesetzt und sind zunehmend zwar dem ritterlichen Geist des niederen 
Adels verbunden geblieben, doch rein faktisch klerikalisiert worden, 
jedoch so, daß ihr Aktivitätsradius sich nicht auf das Gebiet der intellek- 
tuellen Kultur erstreckt hat 39. Reitzel-Nielsen kann auf keine positive 
Quellenaussage hinweisen, die ein reges intellektuelles Leben oder eine 
literarische oder geistige Betätigung bezeugte 411. A)s indirekten Beweis 
führt er das Beispiel des dänischen Reformators Hans Tausen an, der 
offenbar bei den Johannitern in Odcnse in dic Schule ging, in den Orden 
in Antvorskov eintrat, ins Ausland zum Studium gesandt wurde und dabei 
in Rostock 1516-1521, ins Löwen 1522-1523 und in Wittenberg 1523- 
1524 das Wissen und die Erfahrungen erwarb, die ihn später als Kommen- 
dator- des Ordenshauses in Viborg zum Reformator werden ließen u. Die 
nähere, systematische Untersuchung dieser kulturellen Beziehungen und. 
der von Johannitern betreuten Schulen scheint noch nicht vorzuliegen, 
wQ
1,l di Zeilen als Anregung dienen mögen. 


setzen -1st. Die gleichen Vorbehalte bezüglicb der Deutung der Johannis-Gilde auf 
den Aland-Inseln als Ausdruck johannitischer Aktivität (in diesem Falle aus. 
Dänemark, nich aus Eskilstuna) wurden bei Nyberg (wie Anm. 2), S. 136f. referiert. 
11 AUerding:; ist hier wieder auf die Drucklegung des ersten dänischen Buches. 
wahrscheinlich im St.-Hans-Klostcr in Odense 1482 hinzuweisen; T. Ny b erg (wie 
Anm. 2), S. 143f. 
. CI Er bringt jedocb (gegenüber S. 320) die Abbildung einer Gesetzeshandschrift, 
die 1531 in Antvorskov hergestellt wurde, Kgl. Bibliothek Kopenhagen, Thott 582, 8°. 
C! Re i tz e 1- Nie 1 sen (wie Anm. 3), S. 319. 


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			ORDINES MILIT ARES IV. Werkstatt des Historikers... 


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I 


THOMAS RIIS (Kopenhagen) 


n 


Die Ubernahme Marqabs durch die Johanniter (1186) 


Nach Krak des Chevaliers und Sahyun (Saöne, heute mit dem offiziel- 
len Namen Chäteau de Saladin) ist Marqab (Margat) wahrscheinlich die 
best erhaltene Burg der Kreuzfahrer im heutigen Syrien. Ohne auf die 
Frage der zunehmenden Konzentration der Festungen in den Händen der 
Ritterorden während der fränkischen Zeit Syriens hineinzugehen, werden 
wir uns hier auf eine Teilphase dieses Konzentrationsprozesses begrenzen, 
nämlich auf die übergabe Margabs an die Johanniter. 
Am 1. Februar 1186 schenkte der Herr von Marqab, Bertrand le 
Mazoir, die Stadt Banyas und die Burgen Marqab und Brahym (unidenti- 
fiziert) an die Johanniter, was vom Fürsten Bohemond 111 von Antiochien 
bestätigt wurde, nachdem Bohemond selbst, seine Gemahlin und ihre 
beiden Söhne, der (lateinische) Patriarch von Antiochien, der (lateinische) 
Bischof von Banyas und der Graf von Tripolis die übertragung an die 
Johanniter genehmigt hatten. Formell handelte es sich um eine wohltä- 
tige Spende zu Gunsten des Ordens, der dafür Bertrand eine jährliche 
Pension von 2200 Saracener-Besanten zusicherte 1. 
Der Fürst von Antiochien bestätigte nicht nur die übergabe der Be- 
sitzungen Bertrands, sondern eiferte ihm nach, indem er mit Genehmi- 
gung seiner Gemahlin, ihrer beiden Söhne und des Patriarchen von Antio- 
chien mehrere Güter als Almosen an die Johanniter abtrat. Als Gegenlei- 
stung spendete der Orden 10000 Saracener-Besanten, mit 1000 auf jeden 
der beiden Söhne und mit 8000 auf den Fürsten zu verteilen!. Von den 
Besitzungen Bohemunds wurden ausdrücklich ausgenommen Eigentümer 


1 J. DeI a viii e, L e R 0 u 1 x, Cartulaire general de Z'ordre des Hospitaliers de 
St. Jean de JeTusalem, I, Paris 1894, Nr. 783, S. 491-492. Die übertragung umfaßte 
"civitatem Valenie et castellum Margati, cum omnibus casalibus et divisis, et perti- 
nentiis suis, planis et montanis, cultis et incultis, nemoribus, fluminibus, piscariis, 
terra et mari, et portubus, et cum omnibus juribus 8uis, cum militibus et hominibus, 
et universis villanis ad feodum pertinentibus, et castellum Brabym cum omnibus 
pertinentiis suis, et omnia alia tenementa quecumque de jure in principatu meo 
t.abebat vel habere debeat, prout ipse Bertrandus, et pater suus Rainaldus, et 
antecessores sui plenius et commodius et integrius de jure suo tenuerant vel tenere 
debuerant..... · I 
1 Ibid., S. 494-495. I ·
		

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			152 


Thomas Riis 


, 


"1JIO 


in der Stadt Antiochien, einen Backofen, "terram de Gereneis" 3 und in 
der Gegend von Marqab und Banyas das "casale Assenem", worunter man 
des heutige TaU Daruk am Flusse Nahr as-Sinn verstehen muß.. Aber 
lassen wir dem Fürsten von Antiochien das Wort, um uns sein Geschenk 
näher zu beschreiben: 


Concedo (u.] de pertinentiis predicti castelli, scilicet Margati, Cademois, Laicas, 
Malaicas cum divisis et pertinentiis suis(...)omne illud iuris quod habere debeo in 
Bokebeis cum divisis et pertinentiis suis[...]casale Beine cum divisis et pertinentiis 
suis. Concedo(...)in principatu Antiochie casale Fassia cum guastinis et divisis et 
pertinentiis suis in terra et in mari, casale Cimas, abbatiam Montis Parlerii, villam 
que dicitur Rusaa, casale Farangi, casale Come, castellum Popos cum casali suo et 
divisia et pertinentiis suis, casale Kaynon, casale Alus, abbatiam S. Gregorii, que 
est in Montana Nigra, cum casalibus et guastinis et divisis et pertinentiis suis, 
Rogiam cum guastinis et divisis et pertinentiis suis, casale Belmesyn, casalc Bessele- 
mon, casale Luzin, caveam Belmys, casale Casnapor, casale Colcas, casale Corconai, 
et Meunsarac, que sunt in montana Montis Parlerii, Potam3 et Pangeregan, que 
sunt in Valle Russe, Andesin, abbatiam de S. Maria, casale Badoleie, medietatcm 
casalis quod dicitur Gorrosie, casale Mastabe... 


Alles- Banyas, Marqab und andere castella, Klöster, oder casalia im 
Fürstentum Antiochien,die zum Lehen von Marqab gehörten, wurden 
vom Fürsten als Almosen den Johannitern geschenkt, sowie .auch die 
Ritter von Marqab mit deren Diensten und Lehcn 5. Ferner verpflichtete 
Bohemond SiC:l dazu, einen eventuellen Waffenstillstand zwischen dem 
Johanniterorden und den Muslimen, "qui sunt in feodo Bokebeis et a Ga- 
bulo in antea", zu respektieren ". 
Die von Bohemond dem Orden gcschenkten Besitzungen haben wir, so 
weit möglich, in der Tabelle identifiziert, indem wir die Reihenfolge der 
Urkunde beibehalten haben (die Ziffern weisen auf die Lokalitäten der 
Karte hin mit Ausnahme von Nr. 13, was außerhalb der Karte, unweit 
von Ehden im Libanon, gelegen ist): 


1. Cademois 
2. Laicas 
3. Malaicas 
4. Bokebeis 


Qadmus 
'OUaiqa 
Maniqa 
Qala'at Abu 
Qubais 


Dussaud, 140. 
Loc. cit. 
Loc. cit. 
Loc. cit. 


I Nicht identifiziert, vgl. R. Du s sau d, Topographie historique de la Syrie anti- 
<./ue et medievale, Paris 1927, S. 130. 
· P. J. R i i s, L'activite de la mission archeologique danoise SUT la cöte pheni- 
cienne en 1959, Annales Arcbeologiques de Syrie, X, 1960, S. 113-114; R. Du s sau d. 
ap. cit., S. 129. 
I J. Dei a viII e, L e R 0 u 1 x, Cartulaire, I, Nr. 783, S. 494-495. 
· Ibid., S. 495. . .
		

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			Die übernahme Marqabs durch die Johanniter 


5. Beine 
6. Fassia 
Cimas 
7. Mons 
Parlerii 
8. Russa 
9. Farangi 
] O. Come 
Popos 


] 1. Kaynon 
12. Alus 
] 3. S. Gl'ego- 
rius in 
Montana 
Nigra 
14. Rogia 
] 5. Belmesyn 
16. Besselemon 
17. Luzin 


18. Belmys 
1 9. Casna por 


20. Colcas 
21. Corconai 
22. Meunsarac 
23. Potama 
24. Pangl'egan 
25. Andesin 
26. S. Maria 
Badoleie 
27. Gorrosie 
28. Mastaba 


casale 
casale 
casale 
abbatia 


villa 
casale 
casale 
castdl um 
cum casali 
casalc 
casale 
abbatia cum 
casalibus 


casale 
casale 
casalc 


cavea 
casale 


casalc 
cas1.le a 


abbatia 
casale 
casale (i/2) 
casale 


Balda al-Mulk? 
Minat al-Fasri 
? 
Gabal al-' Aql'a 


, Allaruz 
KaCrangi 
Kamuh 


? 


Qaiqum 
lIallus 
Mal' Guryus, Qur- 
nat as-Sawda 


Tall al-Kars 
Mismit;an 
Baslamun 
Talluza 


" 


Saqif Balmis 
Karsan bol? 
Qarsbillo? 
Qaraquza 
Keurkene 
Morselik? 
Aftamun 
Arzgan 
Andrussa 
Jisr al-Hadid 
? 
Garisiyyat 
bei An tiochien? 


153 


Dussaud, 132---35. 
Ibid., 417-18. 
Ibid., 130. 
lbid., 422-23. 


Ibid., 165-78. 
!bid., 154. 
Ibid., 130. 
Ibid., 131. 


Ibid., 130, 429. 
Ibid., 129. 
Guide, 117-18. 


Ibid., 382. 
Dussaud, 173. 
Loc. cit. 
Ibid., 174; Guide, 
318. 
Cahen, 160. 
Dussaud, 422. 


Ibid., 422, 428. 
Cahen, 167. 
Loc. eit. 
Dussaud, 176-77. 
Loc. eit. 
Ibid., 129, 139-40. 
Cahen, 523. 


Dussaud, 130. 
Loc. eit., 
Cahen, 523, 740. 


i\) In montana Montls Parlerii, b) In valle Russe. 
Cahen = C. Ca ben, La Syrie du NOTd d l'
poque des croisades, Paris 1940_ 
Dussaud -= R. Du s sau d, Topographie historique de la Syrie antique et medievale, 
Paris 1927. 
Guide = R. B 0 u I a n ger (ed.), Moyen-Orient (Les Guides Bleus), Paris 1965. 


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/Czasopisma_119_04_157_0001.djvu

			Die übernahme Marqabs durch die Johanniter 


155 


. Wie man aus diesem Verzeichnis ersehen wird, umfaßt die Schenkung 
Bohemonds casalia, die, abgesehen von derer Konzentration um Jisr. as- 
Sogur zerstreut gelegen waren. Sehen wir sie aber im Zusammenhang mit 
dem Straßennetz Nordsyriens, ergibt sich ein aufschlußreicheres Bild. 
Die Burg Marqab selbst ist einige Kilometcr von der Küstenstraße 
entfernt gelegen, aber an dieser findet sich ein Wachtturm, Burg as-Sabi, 
der wahrscheinlich mit Marqab in Verbindung stand; das Signalieren 
zwischen den beiden muß einfach gewesen sein. Dieser Turm wurde in 
der Schenkungsurkunde speziell nicht genannt, muß aber in den Perti- 
ncntien Marqabs mitinbegriffen gewesen sein. Weitere Lokalitäten, die 
von Eohemond den Johannitern geschenkt wurden, sind unweit der Land- 
straße gelegen, zum Beispiel Beine (Balda al-Mulk?) und Come (Kamuh), 
und nördlich von Latakia (La Liche) Corconal (Keurkene), vielleicht auch 
Fassia (Minat al-Fasri). Es darf hier hinzugefügt werden, daß Bohemond 
das casaZe Assenem in seinem Besitz behielt, während die. Johanniter 
Beine an der Flußmündung übernahmen. 
Auch mit den Schenkungen in der Region von Marqab waren strate-. 
gische überlegungen verbunden. Qadmus (Cademois) befindet sich an der 
St.raß.e zwiscl).en. Banyas und Hama über Masyaf; 'Ollaiqa und Maniqa 
lI;a icas und Malaicas) sind an .der mit der Küste parallellen Bergstrasse von 
Sahyun nach Qadmus gelegen 7. Bokebeis (Qala'at Abu Qubais) befindet 
sich auf der Straße an der Ostseite der Gebirge von Mas
raf nach Norden. 
Nördlich von Qala'at Abu Qubais war das castellum Laqba schon 1168 
in den Besitz der Johanniter gelangt 8, ferner läuft aus Deir as-Samil 
(zwischen Laqba und Qala'at Abu Qubais) eine Straße nach Saizar und 
Ilama. Auch bemerken wir, dass die Römerstrasse nach Antiochien nörd- 
lich von Masyaf am Fuß der Gebirge am linken Orontesufer läuft, ehe 
sie den Orontes bei der Brücke von 'Asarin überquert, das heißt, daß aus 
Laqba, Qala'at Abu Qubais und den anderen Besitzungen in der Region 
der Orden sowohl den Verkehr zwischen Norden und Süden als auch den 
zwischen Banyas und dem Hinterland, besonders den arabischen Städten 
Saizar und Hama, überwachen konnte. 
Die Konzentration der geschenkten casalia um Jisr as-Sogur ergibt 
sich dadurch, daß diese Lokalität einen Knotenpukt der Landstraßen 
bildete. Die alte Straße nach Antiochien überquert hier den Orontes, und 
dasselbe tut die Straße zwischen Latakia und Aleppo 9. Wir bemerken, . 
daß die von Bohemond dem Orden geschenkten Besitzungen an beiden 
Seiten des Einganges zum Rugtal gelegen waren, wodurch die Straße 


7 Siehe R. D u 
 5 a u d, op. cit., Karte XIV (nach S. 472). 
8 J. DeI a viII e, L e R 0 u 1 x, Cartulatre, I, Nr. 391, S. 267. 
. Siehe hierzu R. Du s sau d, op. cit., S. 148-164, obschon einige 
einer Iden- 
hfikationen von der nf!ueren Forschung nicht angenommen werden. 


......
		

/Czasopisma_119_04_158_0001.djvu

			] 56 


Thomas Riis 


über Idlib nach Aleppo überwacht werden konnte 10. Am Fuß der Gebirge 
am rechten Orontesufer, wo sechs der geschenkten casalia gelegen waren, 
liefen also die Straße von Apamea nach Antiochien und die von Aleppo 
nach Latakia .zusammen, ehe sie den Fluß überquerten. 
Die Identifikation der von Bohemond III dem Orden geschenkten Lo- 
kalitäten zeigt eindeutig deren strategische Bedeutung für das Kommu- 
nikationssystem Nordsyriens. Es ist aber auffallend, daß die meisten als 
casalia und nur wenige als castella erwähnt wurden. SoHten sie ihre 
strategischen Möglichkeiten nützen, hätten sie, oder jedenfalls die mei- 
sten davon, befestigt sein müssen. Das muß Bohemond eingesehen haben, 
auch aber, daß es ihm nicht gelingen würde, dieses Programm zu verwirk- 
hchen. Dem reicheren Ritterorden mit seinen internationalen Kapital- 
ressourcen wurde die Aufgabe mit den Besitzungen übergeben, aber die 
Johanniter scheinen sie auch nicht gelöst zu haben. Der Verlust Jeru- 
salems im Jahre 1187 und Saladins glänzender Feldzug im folgenden Jahr 
in Nordsyrien veränderten die Stärkenverhältnisse in den Kreuzfahrer- 
staaten fundamental, und andere Aufgaben wurden als wichtiger auf- 
gefaßt. 


" Siehe hierzu für eine topograpbische Diskussion der Gegend R. D u s sau d, 
np. cit., S. 165-178, obwohl seine Identifikation Kailfahans mit Chastel Ruge von 
der neueren Forscbung nicbt akzeptiert worden ist, vgl. M01len-Orient (Les Guides 
Bleus) l!d. R. B 0 U 1 a n ger, Paris 1965, S. 382.
		

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			, ORDINES MILITARES IV. Werkstatt des Historikers... 


I 


COLIN RICHMOND (Keele) 


Research on the Spanish Military Orders in Great Britain 


I have taken as my task recent research: in the main work, which 
has appesred since Professor D. W. Lomax's bibliographical survey, Las 
07denes Militares en la Peninsula lberica durante la Edad Media, was 
published at Salamanca in 1976. 
There are four seasoned scholars whose work has been or is princi- 
pally upon the military orders in Spain: three are British, Professor Lo- 
max himself, Dr. A. J. Forey, Dr. Anthony Luttrell, the fourth is Ame- 
J'lcan, Professor J. F. O'Callaghan. I will deal first with them. 
Professor Derek Lomax's La Orden de 5antiago 1170-1275, appeared 
as long ago as 1965. Twenty years later, he teIls me, he is still engaged 
on the later history of the Order of St James. Meanwhile, he has written 
a short, informative and eminently readable history of The Reconquest 
of Spain (London 1978) and has given his inaugural lecture as Professor 
of Spanish at the University of Birmingham called Another SwoTd for 
5t James (Birmingham 1974). This raises in abbreviated form many of 
the themes of Spanish history associated with the military orders. Firstly, 
their part in resisting and throwing back the African threat to Western 
Europe between the 1170s and 1212. Secondly, the orders' major role in 
the Christian colonisation of the central and southern parts of the penin- 
sula after 1212: this, writes Professor Lomax, "was a process as impor- 
tant in its time as the settlement of the American West in the nineteenth 
century, and more permanent than the simultaneous settlement of Ger- 
mans east of the river Oder. The Poles have returned to Silesia but the 
Arabs are unlikely to return to Andalusia". Thirdly, the contribution 
made by the great estates of the orders, controlled after the 15209 by the 
Crown of a uniter Spain, not simply to the power of that Crown in the 
sixteenth century, but also to the lack of a Reforma.tion in Spain like 
those in Germany, Britain, and Scandinavia, for the nobility could get 
the use of these estates (through the patronage of the Crown) "and did 
not therefore need to make a frontal assualt on the Benedictines, Cister- 
cians and other orders". Currently, Professor Lomax is writing on a little 
known military order, the Friars of Alcala. 


........
		

/Czasopisma_119_04_160_0001.djvu

			- - 


158 


Colin Ricbmond . 


'1 I TI 


Dr. Alan Forey of the University of Durham's major work, The 
"i"emplars in the Corona de Aragon appeared in 1973. He had previously 
written 'The Order of Mountjoy', Speculum v. 46 (1971), pp. 250-266: 
"The military order wh ich was known first as Mountjoy, then as the 
Hospital of the Holy Redeemer and lastly as Montfragüe was among the 
less successful of those founded in the twelfth centu"ry. For mast of its 
brief life of some sixty years its existence was precarious, and its milita- 
ry activities have left no trace." Founded by the Leonese Count Rodrigo 
Alvarez in 1175, it was amalgamated with Caiatr8va in 1221. Subse- 
quently, Dr. Forey has written on that curiosity, an English, the only 
F.nglish military order: 'The Military Order of St Thomas of Acre', 
English. Historical Review v. 92 (1977), pp. 481-503. Founded during the 
.Third Crusade the .order. was militarily negligible; it is of interest" to us 
here bacause its brothers lived according to the Teutonic Rule until. the 
middle of the fourteen the'century. He has also published 'The Military 
Orders in the Crusading Proposals of the Late-Thirteenth and Early- 
Fourteenth Centuries',. Traditio v. 36 (1980), pp. 17-345. There are.. ho- 
v:ever, few references to Spain in this; it mainly deals with plans. for the 
l.ec.overy 01 Jerusalem. At the moment Dr. Forley and Elena Lourie are 
(.ngaged in scholarly controversy over the will of Alfonso I of Aragon 
lind tbe history of the Templars in that kingdom. Their opening shots 
.were: Elena Lourie, 'The will of Alfonso I, el batallador, King of Aragon 
E1nd Navarre: a Reassessment', Speculum v. 50 (1975), pp. 635-651; Alan 
Forey, 'The Will of Alfonso I of Aragon and Navarre' in the Durham Uni- 
,z'ersity JouTnal. Ms. Lourie has also written on 'The confraternity of Bel- 
c;hite. the Ribat, and the Temple' in Viator v. 13 (1982), pp. 159-176. The 
papersrgues forthe influence of the Ribat on the other two, particularly 
where the concept of temporary membership is concerned. I 
Twenty-four of Dr. Anthony Luttrell's papers were collected 2nd re- 
printed in 1978 under the title, The Hospitallers inCyprus, Rhodes, GreeCe 
and the West 1291-1440 (Variorum Reprints, London 1978). The collection 
includes the two important papers in Spanish, 'La Corona de Aragön 
y las Ordenes Militares durante el Siglo XIV' of 1970, and 'Los Hospita- 
larios en Aragön y La Peste Negra' of 1966. His invaluable general paper 
'The. Crusade in the Fourteenth Century' which appeared in Europe in 
the Late Middle' Ages, ed. J. Haie et al (London 1965) is not in the Va- 
riorum Reprint collection. Dr. Luttrell's work since 1978 has been con- 
centrated more on the Eastern than the Western Mediterranean, for 
example, 'The Hospitallers of Rhodes: Prospectives, Problems, Possibili- 
ties' in Die geistlichen Ritterorden Europas, ed. J. Fleckenstein and 
M. Hellmann (Sigmaringen 1980), pp. 243-266; however, Professor Lo- 
max tells me that Dr. Luttrell "and' David Mackenzie, of t.he Department
		

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			Researcb on the Spanisb Military Orders 


159 


of Spanish at the University of Ulster, are working with the Medieval 
Spanish Language teams at Madison to edit the bulky works of Juan 
t ernandez de Heredis, Master of the Hospital, and write his life". 
Professor O'Callaghan of Fordham University in the U.S.A. has 
written, as has Dr. Angus Mackay of the University of Edinburgh, Scot- 
land, a history of Medieval Spain. Dr. Mackay's Spain in the Middle Ages: 
Jrom Frontier to Empire, 1000-1500 (London 1977) is a mere 245 pages; 
it has an admirable if necessarily brief passage on the military orders 
(pp. 31-33). Professor O'Callaghan's A History of Medieval Spain (Cor- 
nell 1975) begins in 415 and ends in 1492; his longer time span requires 
729 pages. Where general histories in English are concerned mention must 
also be made of the masterly work of J. N. Hillgarth, The Spanish King- 
doms 1250-1515 (two volumes, Oxford 1976 and 1978), which has much 
on the military orders, especially the military orders in decline and in 
politics. The latter is the theme of arecent paper of Professor O'Callag- 
han, 'The Master of Calatrava and the Castilian Civil War 1350-1369' 
in Die geistlichen Ritterorden Europas, ed. J. Fleckenstein and M. Hel- 
mann (Sigmaringen 1980), pp. 353-374. As Professor O'Callaghan says: 
"Above all, the civil war pointed up the crown's growing awareness of the 
need to subject all the military ordcrs to effective royal control". Many of 
O'Callaghan's earlier, seminal papers were collected and reprinted in 
1975: The S1=anish Military Order of Calatrava und Its Affiliates (Vario- 
,rum Reprints, London 1975). The collection includes, for example, 'The 
Foundation of the Order of Alcantara 1176-1218', 'The Affiliation of the 
Order of Calatrava with the Order of Citeaux' and 'Don Pedro Giron, 

faster of the Order of Calatrava 1445--1466'. 
An artic1e of another American scholar should also be noticed. ClarQ 
Estow, 'The Economic Development of the Order of Calatrava 1158- 
1366', Speculum v. 57 (1982) pp. 267-291. Her judgement is that this 
"wealthy institutional giant" lacked enterprise, flexibility, even appli- 
cation and interst so far as its vast and wideranging economic interests were 
concerned. It was, for example, a bad maker and keeper of records: "no 
fuH or even partial inventory exists that would shed light on the extent 
and profitability of the Calatravan enterprises during the first two cen- 
turies of the Order's existence". Calatrava appears in this respect utterly 
unlike the Teutonic Order as revealed to English readers by Michael 
Burleigh, Prussian Society and the German Order (Cambridge 1984). This 
splendid book deals squarely with the crucial issue of what happens to 
a military order when there is no longer a frontier for it to protect and 
extend. The military orders in Spain, for all there was a fron tier of sorts 
with Muslim Granada between 1250 and 1480, were redundant aristocra- 
tic corporations by the second half of the thirteenth century, as was the 


........
		

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			160 


Colin Richmond 


Teutonic Order after 1387: the fron tiers they guarded were "false", 
because artificial, ones. 
There are three areas of study which particularly interest me; in the- 
se areas, however, British and American scholars and perhaps, for that 
matter, Spanish ones too, seem for the moment not to be labouring. 
Possibly, for I am not in position to judge, this is for lack of evidence. si 
The first of these areas is that of the military orders and the Jews. 
Yitzhak Baer's classic study A History of the Jews in Christian Spain 
(English translation, Philadelphia 1961) offers some tantalizing glimpses 
of this largely unexplored world: for example, the first governor of the 
fortress of Calatrava on its capture in 1147 was a Jew, Judah ibn Ezra; 
the Master of the Order of Santiago in the reign of Alfonso X of Castile 
('ntrusted the management of the Order's vast domains to Jews; the anti- 
.;("wish violence which englllfed the cities of Andalusia in 1473 was stirred 
up by Don Juan Pachero, head of the Order of Santiago; finally, there 
was the converso Juan de Pineda, a commander of the Order of Santiago 
8nd sometime emissary of the head of that Order at the papal court, who 
was burnt by the Inquisition in 1486. 
The second area is that of the orders' role in the Christian coloni- 
7ation of Central and Southern Spain after 1212. To wh at extent did they 
contribute, if they contributed at all, to what historians call "The Break- 
down of Convivenzia"? Were they in any sense a vanguard of Christian 
culture? As frontiersmen, what was their concept of that culture? It was, 
after all, a culture, a religion, a way of life even, which they were 
pledged to defend and propagate. 
This leads me to the third and last of these areas, one which is of 
cardinal importance for historians of the military orders, for historians 
of Medieval Christian Europe, indeed for all historians. Why were many 
of the best men of the age, the epoch of the "long twelfth century", 
&ttracted by the ideal which the military orders embodied? Why, if I may 
so phrase it, were the noblest the greatest killers? I have myself written 
on this matter (Sanity, February 1985, p. 28): "The power war had over 
nlen in the Middle Ages was that it brought out the best in them. If war 
only encouraged viciousness, it might have disappeared in the course of 
the Middle Ages. But it was (and is) the supreme occasion for the display 
of virtue". Recently, the English historian of the Templars, Dr. Malcolm 
Barber (whose The Trial of the Templars (Cambridge 1978) has some 
useful pages on Spain and Portugal) has dwelt on thisatopic in a lectun
 
to the Royal Historical Society, 'The Social Context of the Templars' 
(Transactions of the Royal Historical Society, Fifth Series, v. 34 (1984) 
pp. 27-46). He writes: brr "J 


1
		

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			Researcb on tbe Spanish Military Orders 


161 


The cbansons frequenUy portray a brutal 8nd callous world of noble superio- 
rity in which other c1asses are not acknowledged to have any role or significance 
lind in whicb tbe ideals expressed are only tbose affecting the relations between 
the nobles themselves or the nobles and the king, and are not concerned with 
noble conduct towards tb rest uf socicty. It is precisely tbis attitude 10 which the 
jongleurs pandered, tbat the Church sougbt to combat and against which the 
'l'emplars were such a useful instrument. 


We may ask, therefore, how successful was the Spanish Church in that 
combat and were the Spanish military orders a 'useful instrument' to it 
iu its labours? Moreover, and it is a question I will dose on: were the 
men of Galicia, Leon, Castile, Navarre and Catalonia who joined the 
Orders of the Temple, Calatrava, Alcantara and St James men fit for 
that task? Were these 'moor-slayers' the noblest and the best of their 
day and age? 


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			ORDINES MILITARES IV. Werkstatt des Historikers... 


JERZY SERCZYK (Torun) 


IJ 


Die Tradition des Deutschen Ordens in der stadtbürgerlichen 
Geschichtsschreibung Königlich-Preußens im 16.-18. Jahrhundert 


Die im Titel vorgezeichnete Problematik wurde in der Geschichts- 
wissenschaft zum ersten Mal von Theodor Schieder im Jahre 1940 auf- 
gegriffen, der mit der damals seltenen Blickschärfe und großem Maß an 
Objektivität die selbständige Stellung der städtischen Historiographie der 
sogenannten großen Städte Königlich-Preußens während ihrer Zugehörig- 
keit zum polnischen Staat erkannte 1. 
Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich die polnische Forschung die- 
ses Gegenstandes angenommen: Es waren die Pädagogische Hochschule 
in Gdansk (Kazimierz Kubik, Lech Mokrzecki), die Copernicus- Univer- 
sität Torun (Bronislaw Nadolski, Jerzy Serczyk) und die Arbeitsstelle 
der Abteilung für Geschichte des Küstenlandes des Instituts für Ge- 
schichte der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Torun (Stani- 
slaw Salmonowicz). Die im Titel erwähnte Problematik wurde dabei 
innerhalb der Geschichte der geistigen Kultur und im Rahmen der Ge- 
schichte der Historiographie behandelt 2. 
Das Geschichtsdenken der Bürger in den Städten der seit 1466 zu Po- 
len gehörenden Provinz Königlich-Preußen umfaßte vor allem die politisch 
aktiven Schichten der Stadtbevölkerung insbesondere in den drei großen 
Städten Danzig (Gdansk), Elbing (Elblqg) und Thorn (Torun), mit ihrer pro- 
testantischen, zumeist lutherischen Bevölkerung. Sie entwickelte ihre eigene, 
deutsch und lateinisch geschriebene Historiographie. Ihre Autoren gehör- 
ten entweder zur Gruppe der Professoren der in allen drei genannten 
Städten seit dem 16. Jahrhundert bestehenden akademischen Gymnasien, 


1 T. Sc b i"e der, Deutscher Geist und ständische Freiheit im WeichseUande.. 
Politische Ideen und politisches Schrifttum in Westpreußen von der Lubliner Union 
bis zu den polnischen Teilungen (1569-1772/1793), Königsberg Pr. 1940 (Einzel- 
schriften der Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landesfor- 
schung, 8). 
1 Bibliographische Hinweise sind zu finden u.a. bei J. Se r c z y k, Die bürger- 
liche Geschichtsschreibung der großen Städte des Königlichen Preußen als interne 
Kommunikation des städtischen Machtap1X1rats, Vierteljahrsscbrift für Sozial- und 
Wirtschaftsgeschichte, B£'iheft 74, Wiesbaden 1983, S. 192-195. 


I 
........
		

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			] 64 


Jerzy Serczyk 


oder zur Gruppe der höheren Beamten des von den autonomen Stadträten 
abhängigen städtischen Verwaltungsapparats. Dementsprechend interes- 
sierten sich die Autoren der Professorengruppe vorwiegend für diejenige 
Geschichtsproblematik, die sich pädagogisch besser verwerten ließ, also 
für Universal- (Welt-) und für polnische Geschichte. Dagegen war die 
Lokal- und Regionalgeschichte das Hauptinteressegebiet derjenigen Au- 
toren, die mit der Stadtverwaltung verbunden waren, wie z.B. Stadt- 
schreiber, Sekretäre des Stadtrates oder auch höher in der Hierarchie 

tehende Würdenträger, die Bürgermeister nicht ausgeschlossen. Ihre 
Werke dienten vorwiegend der internen Kommunikation der städtischen 
Eliten. Sie enthielten vielfach historische Informationen, die als vertrau- 
lich oder geheim galten; deshalb wurden sie entweder gar nicht oder nur 
teilweise gedruckt und existieren bis heute als Handschriften'. 
In aU diesen Geschichtswerken, sowohl der "professoralen" als auch 
d€!" "Verwaltungs-" Gruppe bildet die Tradition des Deutschen Ordens 
t'inen bedeutenden Bestandteil der gesellschaftlichen Bewußtseinbildung. 
Fast alle in der Provinz Königlich-Preußen wirkenden Geschichtsschrei- 
ber, mit Ausnahme derer, die sich ausschließlich mit der damaligen "Zeit- 
geschichte" befaßten, beschränkten sich nicht darauf, über die ihnen be- 
kannten Fakten aus der Ordensgeschichte zu berichten, sondern bemüh- 
ten sich auch, zur Haltung und Politik des Ordens in ihren verschiedenen 
Aspekten Stellung zu nehmen. Dabei vertraten sie meistens den Stand- 
punkt, daß die Historie die Tagespolitik zu unterstützen und zugleich 
besser verstehen zu lassen hat. 
Zu den Dauerelementen der Politik dcr großen Städte in Königlich- 
Preußen gehörte über die gesamte Zeit von 1454/1466 bie 1772/1793 die 
dialektische Einheit von auch in schwierigen Situationen meistens einge- 
haltener Treue gegenüber der polnischen Krone und des parallele Streben 
nach möglichst weitgehender Autonomie im Rahmen der Rzeczpospolita, 
öer polnischen Adelsrepublik. Die Darstellung der beiderseitigen Be- 
ziehungen zwischen dem Deutschen Orden und seinen preußischen Unter- 
tanen bildete eine wichtige Komponente der ideologischen, politischen 
und juristischen Untermauerung insbesondere des zweiten Teiles 


1 Die meisten befinden sicb in der früheren Danziger Stadtbibliothek, heute 
Biblioteka Gdanska Pol&kiej Akademii Nauk, und im Staatsarchiv - Arcbiwum 
Panstwowe w Gdansku; was von den früheren Elbinger Sammlungen gerettet 
werden konnte, wird zumeist in den erwähnten Institutionen in Gdansk auf- 
bewahrt. VgI. u.a. A. Bertling, L. Saunier, O. Günther, F. Schwarz, 
Katalog der Danziger Stadtbibliothek, Bd. 1-6, Danzig 1892-1921. Auch die Thor- 
ner Sammlungen enthalten wertvolles Material: Archiwum Panstwowe w Toru- 
niu und Ksi
:i.nica Miejska imienia Kopernika; vgl. M. Cu r t z e, Die HandschTiften 
tlnd seltene Drucke der GlImnasial-Bibliothek zu Thorn, Gymnasialpro,ramm 1875, 
1877, 1878. J
		

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			Tradition des Deutschen Ordens... 


165 


der erwähnten dialektischen Einheit, d.h. der autonomistischen Be- 
strebungen. 
In der vorliegenden Problemübersicht können nur ausgewählte Bei- 
spiele behandelt werden, die jedoch nicht willkürlich zusammengestellt 
wurden, um eine vorgefaßte Meinung zu stützen; der Verfasser bemühte 
sich um eine möglichst vielseitige Repräsentation verschiedener Stand- 
punkte. 
Als erster sei der nach dem allgemein bekannten Caspar Schütz wir- 
kende Michael Friedwald aus Danzig (1525-1597) genannt (. Er hat in 
seiner 1578 entstandenen Abhandlung "Die gemeine und einträchtige auch 
ganz rechtmäßige Abweichunge der Lande Preußen von den Kreuzher- 
ren" nach der Lublint'r Union 1569, welche die Autonomie Königlich- 
Preußens in vielen Punkten aufhob, den von den Schöpfern der Union 
geschaffenen Rechtszustand verteidigt, wofür er übrigens von Th. Schie- 
der als Renegat 11 bezeichnet wurde. Caspar Schütz hat dann zwar vom 
&utonomistischen Standpunkt aus eine Polemik mit Friedwald aufge- 
nommen 11, er hat aber zugleich hinsichtlich der Ordenstradition fast 
gleiche Ansichten wie Friedwald vertreten. Seine Argumentation ging 
freilich in die Richtung, daß die Untertanen jederzeit berechtigt sind, 
gegen Tyrannenherrschaft aufzutreten - so in der Vergangenheit gegen 
die tyrannische, ungerechte Herrschaft des Ordens, wie auch gegen die auf 
Positionen außerhalb der mit den Untertanen vereinbarten Rechtsver- 
hältnisse zielenden Herrschaftsansprüche des Königs von Polen 7. Dabei 
würdigte Caspar Schütz die organisatorischen Leistungen des Deutschen 
Ordens im 13. und 14. Jahrhundert und übernahm bei der Beschreibung 
der einheimischen prussischen Bevölkerung den Standpunkt der Ordens- 
chroniken ("ein barbarisch viehisch Volk"); er differenzierte also die Tra- 
dition des Deutschen Ordens je nach dem Gegenstand, mit dem er sich 
befaßte. 


. Vgl. S. B 0 d ni a k, Friedwold Michal, (in:) Polski Slownik Biogra!icznJ/, Bd. 7, 
Krak6w 1948, S. 143-146; Die Preußischen Gcschichtsschreiber des 16. und 17. 
JahrhundeTts, Bd. 4, Abt. 2: Peter HimmelTeichs und Michael Friedwalds dea 
Löwentödters Elbingisch-Preußische Geschichte, hrsg. v. M. T 0 e p p e n, Leipzig 
1881, 434 S. Dort auch eine Biographie Friedwalds von M. Toeppen. 
I Th. Sc h i e der, op. cit., S. 13. 
I De commissionis Gedanensis negotio... libri tres; bona fide ab eo qui praesens 
commissioni interfuit, anno 1578 conscripti, (Danzig) 1578. 
7 Diese Ansichten lassen sich zwar deutlich in dem gedruc:kten Hauptwerk 
Schützens, der ..Historia Rerum Prussicarum, das ist Wahrhafte und eigentliche 
Beschreibung der Lande Preußen," Zerbst 1592, erkennen, sie treten jedoch ganz 
ungeschminkt zum Vorschein in einem handschriftlichen Text ..Dialogus de belle 
Gedanensi cum Rege Stephano", BibI. Gd. PAN, Ms. 32, in welchem ein Danziger 
Bürger Raymund mit einem polnischen Ritter Stanislaul über die Befugnisse der 
königlichen Macht sich unterhält. Vgl. auch Th. Sc h i e der, op. cit., S. 14--15.
		

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			166 


J erzy Serczyk 


, 


Die folgende, zahlenmäßig starke Generation der städtischen Histori-:: 
ker, die im 17. Jahrhundert unter veränderten politischen Umständen 
wirkte, hatte unter vielen drei besonders hervorragende Vertreter; die 
zugleich auch als. Repräsentanten von drei verschiedenen Milieus betrach- 

et werden dürfen: Hartknoch, Schultz-Szulecki und Curicke. 
- _Der aus dem Herzogtum Preußen stammende Christoph Hartknoch- 
lI644-1687) 8, in den letzten zehn Jahren seines Lebens Professor des 
Akademischen Gymnasiums zu Thorn, hat mehrere umfangreiche Werke 
hinterlassen, von denen zwei für unser Thema besonders in Betracht. 
kommen: "Respublica Polonica" 9 und "Alt und Neues Preußen" 10,' Die 
"Respublica Polonica", lateinisch geschrieben und für Leser in ganz .Po.: 
len, nicht nur in der preußischen Provinz bestimmt, war eine Art Hand- 
buch der polnischen Verfassung, mit einem vorangehenden Abriß der 
Geschichte Polens. Der Deutsche Orden wurde in diesem Werk fast über..., 
haupt nicht. erwähnt: zum ersten Mal - erfolgt das bei der zusammen';. 
fassenden Beschreibung der Tannenbergschlacht und zum zweiten Mal 
beim Drezehnjährigen Krieg. Innerhalb der Hartknochschen KOnzeption 

er polnischen Gesamtgeschichte war dcr Orden eine quantite negligeable, 

twas, was im Vergleich mit anderen behandelten Ereignissen kaum 'noch 
als etwas Bedeutendes erwähnungswert ist. Im zweiten -großen Werk 
Hartknochs, .dem "Alt und Neuen Preußen", interessierte ihn die Ge- 
schichte der -Prussen, der preußischen Urbevölkerung,. ihre Sitten und 
Bräuche, ihre Sprache und Religion viel mehr, als die Geschichte- dieses 
Landes unter der Ordensherrschaft. Von der abschätzigen Beurt-eilung 
der prussischen Kultur, wie wir sie bei Caspar Schütz sahen, bleibt fast 
keine Spur; an ihre Stelle tritt die beinahe schon wissenschaftliche' Ge- 
]ehrsamkeit und für die Frühaufklärung typische Neugierde für primitive 
Völker-. Im Gegensatz zu diesem "Alten" Preußen der Zeit vor der Erobe- 
rung durch den Deutschen Orden erscheint das "Neue" Preußen der 
Ord
nszeit und die zweihundert jährige Periode der Zugehörigkeit zum 
polnischen Staat fast als Zeitgeschichte. Hartknoch hat von den stadtbür-. 
gerlichen preußischen Historikern vielleicht die größte - Distanz. zur 
Ordensproblematik. Man könnte ihn als einen Vorläufer der objektivier- 
ten wissenschaftlichen Geschichtsforschung betrachten, die sich zwar für 
die ,P.olitik in der Vergangenheit interessiert, sich aber bereits bewußt 
1 J. Se r c z y k, Warsztat historllcznll Krz'llsztofa Hartknocha, (in:] Ksi
ga pa- 
'nlqtkowa 400-lecia torunskiego Gimnazjum Akademickiego, Torun 1972, S. 283-314. 
_.'_ · Ch. H 
 r t k n 0 c h, Respublica Polonica duo bus libris illustrata, quorum prtor' 
historiae poloniae memorabiliora... posterior vero ius publicum Reipublicae Polo.- 
n-icae, Lithvanicae, Provinciarumque annexarum... comprehendit. His adiecta est 
dissertario histOTica de originibus Pomeranicis, Francofurti, Lipsiae 1678; 581 S. 
11 Der s., Alt und Neues Preußen oder Preußischer Historien Z'U!.ei Teile..-.,' 
Frankfurt und Leipzig 1664, 44 + 668 + 60 S. 111 f1
1 !Jr
		

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			Tradition des Deutschen Ordens... 


167 


von ihrem Einfluß zu befreien bemüht. Diese Haltung ist auch in dem 
letzten, kirchengeschichtlichen Werk Hartknochs 11 bemerkbar. 
Eine besondere Stellung im Rahmen unseres Problems nehmen die 
Danziger Rechtsgelehrten, insbesondere im 17. Jahrhundert ein, die sich 
im Bereich des Völkerrechts, des ius gentium, auch mit der Rechtmäßig- 
keit der Ordensherrschaft und der rechtlichen und moralischen Zulässig- 
keit des Aufstandes vom Jahre 1454 befaßten. In diesem Zusammenhang 
ist vor allem Johannes Schul tz oder Schultze (Jan Szulecki) aus Graudenz 
(Grudzi
dz) zu nennen 12. Johannes Schultz-Szulecki (1662-1704) war 
Professor am Danziger Akademischen Gymnasium und ist hauptsächlich 
durch seine Abhandlung "De Polonia nunquam tributaria" bekannt 13. Er 
hat in seinen Vorlesungen und Arbeiten über das Völkerrecht die These 
vertreten, daß die Verbreitung des christlichen Glaubens mit dem 
Schwert auf falschen Prinzipien beruht (religionis christianae vi propa- 
gandae falsa esse principia), wobei er sich auf Hugo Grotius (1583-1645) 
berief. In seinem Fall haben wir es mit einer erneuerten Version der 
Auffassung zu tun, die auf dem Konstanzer Konzil (1414-1418) von dem 
Krakauer Professor Paulus Vladimiri (Pawel Wlodkowic) entwickelt 
wurde. Dabei wäre zu bemerken, daß trotz der anderen methodischen 
und juristischen Grundlagen die beiden Autoren, die in der Zeit durch 
zweiundeinhalb Jahrhunderte voneinander getrennt sind, sich bei dieser 
speziellen Frage auf Thomas von Aquin stützen. Die Unterwerfung 
Preußens unter den König von Polen betrachtet Schultz-Szulecki als eine 
endgültige und die einzig völkerrechtlich vertretbare Lösung in dem Ka- 
pitel "De antiquo vero, ac optimo Regum Poloniae in Borussiam iure, 
belli, pactorum, spontaneae subiectionis et praescriptionis legitimae titulis 
confirmata, exc1usis Pontificum Maximorum, Imperatorum et Crucife- 
Torum praetensionibus". Danach haben mit der Auflösung des Deutschen 
Ordens in Preußen auch die Gründe für die kriegerischen Auseinander- 
setzungen zwischen der polnischen und der deutschen Nation aufgehört 
zu existieren. Die ganz im Geiste der barocken Gelehrsamkeit gehaltenen 
Ausführungen Schultz-Szuleckis zum Thema Deutscher Orden sind eine 
Art Synthese der in dem historisch-politischen Denken des Danziger 


11 Der s., PTeußische Kirchen-Historia, darinnen von Einführung der Christli- 
dten Religion in diese Lande, wie auch von der Conservation, Fortpflanzung, Re- 
formation und dem heutigen Zustande derselben ausführlich gehandelt wird, 
Frankfurt am Main, Leipzig 1686, 28 + 1098 + 149 S. 
11 Die ausführlichste Arbeit fiber S<:hultz-Szulecki: K. K 0 c 0 t, Nauka prawa 
narodow w Ateneum Gdanskim, Wrodaw 1965, S. 107-126. 
11 TTactatua historico-politicua de Polonia nunquom tributaria, autore Johanne 
Sc b u 1 tz i 0... Gedani 1694. VgL auch Disputatio iuris publici de Polonia nunquom 
tributaria (Sectio, I, J68g - Sectio X, J6g4) praeside Domino Johanne Sc h u 1 t z i 0, 
Danzil. I
		

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			- 


168 


Jerzy Serczyk 


Bürgerpatriziats und in den Anschauungen des politiSch' aktiven polni-:. 
:!'chen Adels vorkommenden Elemente. Bereits die Tatsache, daß--man 
überhaupt auf den Gedanken kam, diese Elemente miteinander zu verbin- 
den, ist schon bezeichnend genug, da sie zeigt, daß trotz mannigfacher 
Differenzen zwischen der Politik der verschiedenen Machtfaktoren der 
polnischen Adelsrepublik und den politischen Ambitionen der .Stadt 
Danzig, die ein "Venedig des Nordens" werden wollte, gerade in dem 
Punkt Deutscher Orden eine übereinstimmung möglich war. 
Weitere Beweise dafür liefert vor allem die städtische Geschichts- 
schreibung in Danzig, und zwar sowohl in der Gruppe der gelehrten .Hi- 
storiographie, die mit dem Akademischen Gymnasium verbunden war, 
fils auch in der Gruppe der mit dem Verwaltungsapparat (der Machtelite) 
verbundenen Historienschreiber, die sich vornehmlich auf die _Lokalge- 
schichte konzentrierten. Im Rahmen unserer Betrachtungen können wir 
aus der Fülle derartiger Texte nur einige charakteristische anführen. . .. 
Simon Siwert, der 1645-1646 eine "Preußische Chronica" 14 verfaß- 
te, stammte aus einer kaufmännischen Familie. Er stützte sich auf ältere; 
teilweise auch gedruckte narrative Quellen, er hat darüber hinaus aus- 
giebig aus dem Danziger Stadtarchiv geschöpft. Seine historische Metho- 
de ist jedoch im Rahmen unserer Fragestellung weniger interessant als 
seine Auffassungen. Er hat in seinem Werk eine durchaus positive Cha- 
rakteristik der alten Prussen gegeb
n; das Verhalten der Deutschordens- 
ritter ihnen gegenüber bezeichnete er als unentschuldbare Verbrechen. 
Dabei widersetzte er sich ausdrücklich der Interpretation der Ordens- 
chronisten, die das harte Vorgehen gegen die Prussen mit ihrem Heiden- 
tum und ihrer Barbarei zu begründen suchten. Darüber hinaus versuchte 
er, das ausschließliche Verdienst des Deutschen Ordens an der Unter- 
werfung und Christianisierung Preußens zu mindern, indem er auf die 
Beteiligung der westeuropäischen Ritterschaft an den Kreuzzügen gegen 
die heidnischen Prussen hinwies. Bei der Schilderung des Dreizehnjähri- 
gen Krieges waren all seine Sympathien an der Seite der Aufständischen 
und gegen den Orden 15. 
Daß aber ebenfalls ganz andere Standpunkte bei der Bewertung des 
Deutschen Ordens und seiner geschichtlichen Rolle .möglich waren, _ be- 
weist ein _ au,c im 17. Jahrhündert verfaßtes_ Werk von Eberhard - Böt- 


. . 


1& Biblioteka Gdailska PAN, Ms. 1303-: Eine preußische Chronica, ein kurzer 
Begriff einer preußischen Chronica, mit Vorrneldung von der Gelegenheit des Lan- 
des Preußen, von seiner Fruchtbarkeit, Strömen, Seen, Wässern, von den alten 
Preußen... von den Königen in Polen... von dem ersten Ursprung des Deutschen 
Ordens der Kreuzherren, von ihrer ersten Ankunft in Preußen... 
11 VgI. über Siwert: L. Mo k r z eck i, W krf:gu pTac historllk6w CldtJ118kich 
XVII wieku, Gdailsk 1974, S. 98-111. &n I
		

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			Tradition des Deutschen Ordens... 


169 


1.icher,. einem Kaufmann und Vorsitzenden des P{arreirates (des soge- 
nannten Kirchenvaters) der Marienkirche in Danzig "Historische Kirchen 
H.egister" 111. Seine Beurteilung der Hochmeister des Deutschen Ordens 
E:'rfolgte in dem erwähnten Werk nach dem Kriterium der Frömmigkeit 
und der Friedensliebe. Dcmnach erhielten Winrich von Kniprode und 
Konrad von Jungingen eine positive, Ulrich von Jungingen dagegen eine 
negative Zensur. Den Dreizehnjährigen Krieg hat Bötticher nur nach 
seinen Resultaten, wie sie in der Thorner Friedensurkunde vom 19. Okto- 
Ler 1466 dargestellt wurden, beschrieben und gewertet. Seine Haltung 
gegenüber der "großen Politik" ist durch Distanz gekennzeichnet, die 
aber nicht wie bei Hartknoch aus der Gelehrsamkeit, sondern aus der 
Religiosität resultiert; dabei ist nötticher in dem Fakt.
material gut 
orientiert. 
Eine wichtige Figur war in der städtischen Historiographie Königlich- 
Preußens der Danziger Reinhold Curicke (1610-1667), Sekretär des 
Stadtrates, Verfasser des großen Werks "Der Stadt Danzig historische 
Beschreibung" und weiterer kleinerer Texte geschichtlichen Inhalts 17. 
Die Zeit vor ] 454 behandelte Curicke als eine Art Vorgeschichte; die 
eigentliche Geschichte Danzigs begann bei ihm erst unter der Herrschaft 
der Könige von Polen. Er sonderte in den darauffolgenden Kapiteln zwei 
Problemkreise der Danziger Geschichte heraus, die er dann gesondert 
behandelte, nämlich die Perioden des Friedens und diejenigen des Krie- 
ges. Die Problematik des Deutschen Ordens erscheint in all diesen Kapi- 
teln in verschiedensten Zusammenhängen. Dabei sollte betont werden, 
daß die von Curicke vorgenommene thematische Begrenzung ihm eine 
spezifische historische Sicht als notwendig erscheinen ließ, die sich eben- 
falls in seinen Urteilen über den Deutschen Orden widerspiegelt. Die 
Fragen, die mit der Gründung einzelner Teile der Stadt Danzig zu- 
sammenhingen, nehmen deshalb in der die älteste Periode umfassenden 
Partie seines Werkes eine vorherrschende Stellung ein. Die Annexion 
Pommerellene durch den Ordensstaat zu Beginn des 14. Jahrhunderts 



 
. . 18 Historische Kirchen-Register dcr Großen Plarrkircbcn in der Rechten Stadt 
Danzig St. Marien... aus aUen derselben Kircben Büchern und anderen Chroniken... 
zusammengetragen durch Eberhard Bötticher, bestellten Kirchenvater daselbst... 
BibI. Gd. PAN, Ms. 948. Vgl. L. M 0 k r z eck i, op. cit., S. 116fl. 
17 R. C u r i c k e, Der Stadt Dantzig histoTische Beschreibung wOTinnen von dero 
l'f'sprung, Situation, Regicrungs-Art, geführten Kriegen, Religions- und Kirchen- 
Wesen ausfÜhrlich gehandelt wird, Amsterdam und Danzig 1688, 16 + 432 + 29 S. 
Der gedruckte Text ist eine gekürzte Fassung der Handschrift in der BibI. Gd. 
PAN, "Ms. 43. Vgl. dazu: P. S z a fra n, Warsztat histOTyczn1l Reillholda Curicke.... 
Libri Gedanenses, Bd. 2, Gdansk 1970, S. 87ff. Zusammenstellung der Literatur 
OlJer Curicke bringt L. Mokrzecki, ebd., S. 155. 


......
		

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			170 


Jerzy Serczyk 


schildert Curicke beinahe teilnahmslos, wobei er allerdings die dabei von 
branden burg gespielte Rolle stark hervorhebt. 
Dafür wurde die Gründung des Preußischen Bundes und die mit dem 
Aufstand von 1454 sowie mit dem Drcizehnjährigen Krieg zusammenhän- 
genden Begebenheiten nicht nur ausführlich und detailliert behandelt, 
sondern - ähnlich wie bei den früher erwähnten Geschichtsschreibern - 
die moralische Richtigkeit und die Rechtmäßigkeit des Handeins der 
Gegner der Ordensherrschaft stark betont. Die Unterwerfung unter den 
König von Polen war jedoch für Curicke nicht die Schaffung eines 
nE::uen, für Danzig günstigeren Rechtszustandes, sondern Wiederherstel- 
lung der alten rechtmäßigen Verhältnisse aus der Zeit vor der Ordens-- 
herrschaft. 
Von den im 18. Jahrhundert wirkenden Geschichtsschreibern und hi- 
storisierenden Schriftstellern seien zum Schluß noch drei Thorner ge- 
nannt: Zerneke, Jaenichen und Kries. 
Jakob Heinrich Zerneke, der Bürgermeister von Thorn, der während 
ües sogenannten Blutgerichts zuerst zum Tode verurteilt und dann be- 
gnadigt wurde (1724), veröffentlichte 1711 eine "Thornische Chronica", 
die mit einigen Zutaten und Erweiterungen sowie Fortsetzungen noch 
einmal 1727 herausgegeben wurde 1!1. Der Deutsche Orden erscheint in 
beiden Versionen der Chronik zunächst als eine Art großer Bauherr, der 
sich vorwiegend mit der Errichtung von Schlössern und Kirchen befaßt. 
Für die Stadt Thorn war der Orden nach Zerneke vor allem der freige- 
bige Wohltäter, welcher die Stadt in ihren Anfängen mit Privilegien aus- 
stattete, die ihr rasche Erlangung wirtschaftlicher Blüte ermöglicht haben. 
Es darf dabei angenommen werden, daß diese Schilderung nicht so sehr 
als Lob für den Orden gedacht war, sondern eher als eine Anspielung 
auf die Beschränkungen der Thorner städtischen Freiheiten, die gerade 
in der Zeit Zernekes von der polnischen Krone eingeleitet wurden. Ein 
guter Herrscher ist ein solcher, der seinen städtischen Untertanen die 
Möglichkeiten für die Entwicklung des Handwerks und des Handels 
!'Ichafft und die Verwaltung sowie die Gerichtsbarkeit innerhalb der Stadt 
ihnen überläßt. Diese seine Pflichten begann der Orden - so Zerneke - 
bereits im 13. Jahrhundert zu vernachlässigen. Die weitere Entwicklung 


-11 J. H. Zer n eck e, Historiae Thorunienais nautragae Tabulae oder Kern der 
Thornischen ChTonicke... aua bewährten Scribenten und plaubwüTdigen Dokumen- 
ten... Thorn 1711, 16 + 392 S.; der s., Thornische ChTonica in welcher die Ge- 
schichte dieser Stadt von 1221 bis 1726... 2. vermehTte Autlape, Berlin 1727, 111 + 
470 + 10 S. über Zerneke vgl. u.a.: W. F. H. Zer n eck e, Geschichte der Familie 
Zernecke... Bd. 2, Riesenburg Westpr. 1909, XIV + 186 S.; J. Se r c z y k, Kronikarz 
torunaki Jakub Henrllk Zerneke i iego UJaTsztat historiograticznll, [in:] Z dziei6w 
r.auki polskiei, Kaifga pamiqtkowa TowarZllstwa Naukowego w Toruniu 1875-1975, 
Torun 1975, S. 103-131.
		

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			Tradition des Deutschen Ordens... 


171 


hat dazu geführt, daß der Orden- nach ein-er Periode der -Einhaltung der 
gegenüber seinen Untertanen übernommenen Verpflichtungen sie -9atm 
ökonomisch und politisch zu unterdrücken begann und daß seine flerr- 
schaft sich in Tyrannei verwandelte. Das hat die Untertanen veranlaßt, 
auch ihre Verpflichtungen als nicht mehr bestehend zu betrachten und 
sich einen - rieuen Herrn. in dem König von Polen zu suchen, was wiede- 
rum - entsprechende beiderseitige Verpflichtungen mit sich brachte. Man 
sieht, daß -für Zerheke die Stadtbürger und die preußischen Stände die- 
eigentlichen Subjekte der geschichtlichen Ereignisse sind, die sich ihre 
Herrscher aussuchen und akzeptieren und in extremen Fällen abzuschüt- 
teln vermögen. Es ist eine ständische Ideologie, in der sich kein Platz 
findet etwa für eine Selbstidentifizierung der Untertanen mit dem Herr- 
scher auf gemeinsamer ethnischer Grundlage oder gar für eine Gemein- 
schaft politischer Interessen im Rahmen des Staates außerhalb der fest-: 
gesetzten, beiderseitig übernommenen Verpflichtungen. 
. -- Es ist interessant, daß in der gleichen Zeit im Thorner Akademischen 
Gymnasium im Geschichtsunterricht ein anderes Bild des Deutschen 
Ordens gelehrt wurde, in dem bei der ebenfalls eher- negativen Beurtei- 
lung mehr moralische als politische Motive in - dcn Vordergrund traten." 
In den von dem Rektor des Gymnasiums, Peter Jaenichen, 1721 veröf- 
fentlichen "Historisch-chronologischen Tabellen" wurden die den 
Deutschen Orden betreffenden Informationen in der Rubrik -"Polen" 
plaziert 19. Das gesamte auf diese Weise vermittelte Wissen läßt sich fol- 
gendermaßenzusammenfassen: Der 'polnische Uerzog (gemeint ist Kon- 
rad von Masowien) zieht die Kreuzritter (so werden sie im Text genannt) 
gegen die Prussen -'Leran. Der Orden löst diese Aufgabe, er erobert 
Preußen, bald aber tritt er gegen Polen auf und eignet sich Pommerellen 
an. Dafür wird er von Wladyslaw Lokietek bestraft (gemeint ist. die 
Schlacht bei Plowce 1331). Kasimir der Große hat dann den schändlichen 
Vertrag von Kalisz abgeschlossen, in welchem er auf Pommerellen ver- 
zichtete. Die -weiteren Schicksale des Ordens waren eine Reihe von Nie- 
derlagen: bis Z\:1 seiner Aufhebung als Institution in Preußen.. In diesem 
grob skizziert-en Bildnis des Ordens findet sich eine innere Logik und 
moralische Ordnung - Belohnung für die Gerechten und Bestrafung für 
die Schuldigen. Somit hat Jaenichen für den Gebrauch der Thorner Schul- 
jugend die Darstellung des Deutschen Ordens aufgebaut, welche derjeni- 
gen sehr ähnlich ist, die bei den adligen polnischen Geschichtsschreibern 


tt p, . J a e n ich e n, HistoTisch-chTo'l1.;ologische. Tabellen... . der tm Thornischen 
Gymmisio studierenden Jugend zuoute abgefaßt, Thorn 1721. Sie enthalten au
h 
fantastische Informationen, Produkte der barocken Gelehrsamkeit, wie unter dem 
Jahr -804: "Lescus 111. (König von Polen '- Anm. d; Vfs.) verehret Kayser Carolum 
Magnum mit einer Gesellschaft .'1J. spediert seine Geschenke nach Aaken".
		

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			172 


J erzy Serczyk 


wie etwa Maciej Stryjkowski 20 anzutreffen war. Die Erklärung dafür 
läßt sich bei seiner pädagogischen und didaktischen Einstellung und in 
seinem Interesse für polnische Geschichte finden: Er gab u.a. eine Serie 
"Meletemata Thorunensia seu dissertation es varii argumenti ad histo- 
riam maxime Polonicam" heraus, 1726-1731. 
Im Jahre 1754 wurde in Thorn der 300. Jahrestag des Aufstandes ge- 
gen die Herrschaft des Deutschen Ordens begangen, was ebenfalls zu 
einer langen Tradition sowohl in Danzig als auch in Thorn gehörte. Aus 
diesem Anlaß hat der Rektor des Akademischen Gymnasiums, Johann 
.t\lbin Kries, eine Abhandlung veröffentlicht: "Memoriam saecularem diei 
quo ante hos trecentos annos excusso tyrannidis Cruciferorum iugo in 
libertatem sese vindicatam ivit". 
. Kries, der in der Geistesgeschichte der Provinz Königlich-Preußen vor 
allem als einer der Herausgeber der Thorner Zeitschrift "Thornische 
Wöchentliche Nachrichten und Anzeigen" bekannt ist, hat in der er- 
wähnten Abhandlung eine Art synthetischen überlick der Geschichte 
Preußens gegeben, die uns bereits bekannte Züge aufweist. Der Autor 
war ein Vertreter der frühaufklärerischen Gelehrsamkeit: Er kannte 
gut die vor ihm entstandene Literatur zu diesem Thema und hat einen 
Versuch unternommen, eine Bilanz des Wissens über preußische Ge- 
schichte zu liefern. Dieses Vorhaben ist ihm gut gelungen. Das Bild, das 
cr gezeichnet hat, sieht etwa folgendermaßen aus: 
Der Deutsche Orden hat in Preußen die Fundamente des christlichen 
Glaubens gelegt. Die früheren Versuche der Heiligen: Adalbert und Bru- 
no scheiterten. Als sehr günstig erwies sich die Kulmer Handfeste für 
die Entwicklung der Städte und des gesamten Landes. Hochmeister Her- 
mann von Salza war ein tugendhafter Mensch. Die Ordensritter ver- 
mochten es aber nicht, aus eigener Kraft das Preußenland zu unterwer- 
fen. Sie mußten aus Deutschland Ritter und Stadtbürger kommen lassen, 
die das Land besiedelten und erfolgreich mit den heidnischen Prussen 
kämpften. Sie wollten zugleich für sich Freiheiten, die ihnen auch vom 
Orden zugebilligt wurden. Ähnliche Privilegien, die U.A. den Handel in 
Pommerellen und im Königreich Polen betrafen, wurden ebenfalls von 
dem pommerellischen Herzog Sambor und den Königen von Polen Kasi- 
mir dem Großen und Ludwig erlassen. Nachdem sich der Orden auf 
Kosten seiner Untertanen bereicherte, wollte er ihnen ihre bisherigen 
Rechte verweigern. "Multa privilegiis Prussicis derogare Cruciferi fratres 
audebant". Infolgedessen war der Preußische Bund entstanden, der ein 
Maximum an guten Willen gegenüber dem Hochmeister und dem Rö- 


· M. S t r y j k 0 W I k i, Kronika polska, litewska, imudzka i wlZll.tkiej RUli, 
Königsberl 1582. Nacbdruck in 2 Bänden, Warszawa 1846.
		

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			Tradition des Deutscben Ordens... 


173 


mischen Kaiser aufwies. Der böse Wille war ausschließlich auf der Seite 
Ger letzteren. Das hat den Bund zur Aktion veranlaßt. Das unerträgliche 
Joch wurde abgeschüttelt. Es ist bezeichnend, daß Kries, der sich sonst 
nicht auf Zitate und lange Ausführungen einläßt, bei dieser Gelegenheit 
('s für angebracht hielt, ein Fragment aus der Rede des Hans von Baysen 
vor dem polnischen König anzuführen (nach der Version des Caspar 
Schütz; die Version des Dlugosz hielt Kries für ungenau): "Das wir vns 
Ewer Koniglichen Majestet als den alten Erbherrn und jetzo auffs newe 
als einer selbsten erwehlten Obrigkeit gutwillig vnd on allen Zwang 
vntergeben". Darauf folgte das große Inkorporationsprivileg vom 6. März 
1454. Der König"promittebat patrocinium", bestätigte alle Landesrechte 
und verpflichtete sich, sie in alle Zukunf zu garantieren. 
Der Abhandlung folgt noch eine "Oratio", in der die Degeneration 
des Deutschen Ordens dargestellt wird, der sich durch seine preußischen 
Besitzungen bereichern und zu einer noch größeren Macht kommen 
wollte, im Gegensatz zu seinen Untertanen, die hergekommen sind, um 
in Preußen die Freiheit zu genießen und die alteingesessenen Bewohner 
daran teilnehmen zu lassen. In diesem idealisierten Bild läßt sich die 
'rendenz klar erkennen, das Recht der Preußen zu unterstreichen, die 
YJntertänigkeit dem Herrscher aufzukündigen, der sich als unzulänglich 
und schlecht erwiesen hat. 


. 


. . 


Aus den festgestellten dem Deutschen Orden gegenüber weitgehend 
kritischen, mit moralischen und juristischen Argumenten untermauerten 
F.instellung der stadtbürgerlichen Geschichtsschreibung in Königlich- 
Preußen dürfen wir keine zu weit gehenden Schlußfolgerungen ziehen. 
Besonders sollte man sich hüten, diese Kritik in national bedingten Be- 
griffen zu deuteI1. Als sicher kann jedoch angenommen werden, daß es 
1m Bewußtsein der neuzeitlichen westpreußischen Geschichtsschreiber 
keinen Platz für eine andere, als zeit- und ortsbedingte Kontinuität ihrer 
eigenen Gegenwart gegenüber der Ordens-Vergangenheit gab. Ein Gefühl 
der Fortsetzung der Ordens-Kulturtradition war ihnen fremd. Das Kon- 
tinuitätsbewußtsein war eine spätere Schöpfung der Romantik (Max von 
Schenkendorff) und der nationalistischen historischen Publizistik (Hein- 
rich von Treitschke), die sich aber gerade in dieser für sie so wichtigen 
Hinsicht als unhistorisch erwies. 
Die Betrachtung des methodischen und methologischen Fortschritts 
in den behandelten Geschichtswerken wurde bewußt ausgelassen, weil 
sie nicht direkt zum Thema gehört. Die Geschichtsschreibung ist als 
Faktor der gesellschaftlichen Bewußtseinsbildung unabhängig davon, ob
		

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			174 


Jerzy Serczyk 


T 


sie sich als Wisscnschaft ausgibt, oder als Literatur funktioniert. Ihre 
Wissenschaftlichkeit kann, unter diesem Gesichtswinkel betrachtet, ein 
Mittel zur Verschaffung größerer Glaubwürdigkeit sein, das aber zugleich 
den wissenschaftlichen Charakter der Disziplin in Frage stellt, weil es 
außerwissenschaftlichen, publizistischen Zwecken untergeordnet ist. Man 
mag das vielleicht als Ausdruck einer spezifischen Unschärferelation in 
der Historie auffassen. 
Diese publizistische Orientierung scheint klar genug zu sein, obwohl 
sie sich nicht in allen Geschichtswerken des uns interessierenden Kreises 
mit gleicher Deutlichkeit manifestiert. Es kommt in diesen Werken da- 
rauf an, das Recht der Provinz auf selbständige Regelung der eigenen 
Angelegenheiten, insbesondere im Bereich der Wirtschaft und des Fiskus, 

u betonen. In extremen Fällen kann auch die Rechtmäßigkeit der obersten 
Staatsgewalt bestritten werden. Die Geschichte des Deutschen Ordens 
wird in den meisten Geschichtswerken der Periode 16.-18. Jahrhundert 
in den großen Städten Königlich-Preußens vorwiegend unter diesem Ge- 
sichtspunkt betrachtet. Sie spielt, ähnlich den anderen politischen Gegen- 
ständen, eine instrumentale Rolle in der Darstellung. Die Geschichte 
(:rscheint als eine in die Vergangenheit projizierte Politik. 


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/Czasopisma_119_04_177_0001.djvu

			ORDINES MILlTARES IV. Werkstatt des Historikers_. 


ENN T ARVEL (Tallinn) 


Livländische Chroniken des 13. Jahrhunderts 
als Quelle für die Geschichte 
des Schwertbrüderordens und Livlands 


Die Datierungen und Konzeptionen eines geschichtlichen Ereignisses 
oder einer Periode werden gewöhnlich durch eine allgemein akzeptierte 
Quelle bestimmt. Man kann sie mit dem Scheinwerfer einer Theaterbühne 
vergleichen, der ein Bild beleuchtet und koloriert. Die Anerkennung 
einer solchen Quelle hängt von ihrer Glaubwürdigkeit, Farbenpracht, der 
dem Benutzer zusagenden Tendenz ab, natürlich nur dann, wenn sie 
nicht die einzige ist. Mit einzigen Quellen hat es eine eigene Bewandtnis. 
Wenn ihre Angaben im positiven oder negativen Sinn unkontrollierbar 
sind, neigt der Historiker dazu, sie zu benutzen, auch wenn ihre Glaub- 
würdigkeit durch nichts Entsprechendes nachzuweisen ist. Als entspre- 
chende Beispiele führt Ernst Bernheim die Angaben von Herodot und 
Tacitus an: Das Verlangen, aus älteren Zeit möglichst viel mitzuteilen, 
ließ fast alles als beglaubigte Tatsachen entgegennehmen. 
Genau so verhält es sich auch mit der Geschichte Livlands am Ende 
des 12. und zu Beginn des 13. Jahrhunderts. Alle übersichtswerke, ob 
deutschbaltische, estnische oder lettische, halten sich bei der Darstellung 
der Begebenheiten und Konzeption unerschüttlich an die Livländische 
Chronik Heinrichs. Daneben sind auch Mitteilungen russischer Chroniken 
und Urkundenmaterial in Betracht gezogen worden, aber nichts anderes. 
Als anderes käme natürlich nur die Ältere livländische Reimchronik in 
Frage. In Bezug auf Livland ist die Chronistik im Reich (Arnoldi Abbatis 
Lubecensis chronica, Annales Stadenses auctore Alberto) recht beschränkt 
und wirft, im Vergleich zu der Chronik Heinrichs, kein weiteres Licht 
auf die Ereignisse. Wenn die Reimchronik gelegentlich auch benutzt wor- 
den ist, dann nur als Illustration 1, nicht aber als fundamentale Quelle 
der Behandlung oder als der Entwicklung der Begebenheiten substanz- 
gebende Erzählung. Leonid Arbusow (jun.) erklärt die verhältnismäßig 

eltene Verwendung der Ältern livländischen Reimchronik durch sprach- 


1 Zwn Beispiel: Eesti rahva ajalugu I, Tartu 1932, S. 173-175, 257-258, 288. 


........
		

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			J 76 


En/1 Tarvel 


liche Schwierigkeiten und durch den Mangel eines historischen Kommen- 
tars und aller chronologischen Nachweise 2. 
Die livländische Chronik Heinrichs ist tatsächlich eine erstklassige, 
höchst glaubwürdige Quelle. Obwohl die Chronik Heinrichs selbstver- 
ständlich nicht in all ihren Einzelheiten in Bezug auf die Zuverlässigkeit 
geprüft werden kann, haben sich doch überall, wo eine Kontrolle durch 
Berichte von Zeitgenossen oder durch Urkunden möglich ist, seine Nach- 
richten als wahr erwiesen. Das Urteil Hermann Hildebrands, der der 
Chronik "außerordentliche Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit" zu- 
spricht, ist von der späteren Forschung stets bestätigt worden 3. Seine 
Chronologie ist in der Forschung hoch geschätzt worden. Wie bekannt, 
hat Ernst Bonnell den Vorschlag gemacht, die Chronologie der russischen 
Chroniken nach Heinrich zu verbessern, wobei man die Schlacht bei 
Kalka vom Jahr J223 auf 1222 vorrücken müßte '. Der russische Ge- 
schichtsforscher N. V. Stepanow und der sowjetrussische Historiker Ni- 
holai Georgijewitsch Berezhkow bewiesen, daß in Rußland vom Beginn 
des 12. bis zu Ende des 14. Jahrhunderts zweierlei Zeitrechnung benutzt 
wurde - das sogenannte Märzjahr und das Ultramärzjahr 5. Das bedeutet, 
daß das am 1. März beginnende russische Jahr im Vergleich zum am 1. 
September beginnenden byzantinischen Jahr um sechs Monate älter oder 
jünger sein konnte, so daß beide Jahre - 6731 und 6732 -, womit diE! 
Schlacht von Kalka in 5 Chroniken datiert wird, sich auf das Jahr 1223 
beziehen könnten. Man sollte also Heinrichs Chronologie nicht verabsolu- 
tieren. : n 
Ein Vergleich der russischen Chroniken mit Heinrich zeigt auch ande- 
re Abweichungen, die schwer zu erklären sind. Im Jahre 1212 teilt 
Heinrich mit (XV, 10): 
r +, 
Lembito aber kehrte nach ihrer Ermordung (d.b. des bischöflichen Priesters 
und seiner Genossen) zu seinem Heer zurück, und wäbrend die Russen in Estland 
waren, zogen sie selber mit einem Heer nacb Rußland, drangen in die Stadt Pleskau 
ein und begannen, das Volk niederzumachen, und da Lärm und Geschrei unter den 
Russen entstand, floben sie rasch mit der Beute und einigen Gefangenen und kehr- 


j I L. A r bus 0 w, Die mittelalterliche SChriftübcrliefeTung als Quelle tüT die 
FTühoeschichte deT ostbaltischen Völker, (in:) Baltische Lande, hrsg. von 
A. B ra c k man n u. C. Eng e I, Bd. I, Leipzig 1938, S. 186. _ .' 
· H. H i 1 d e b r a n d, Die Chronik HeinTichs von Lettland. Ein Beitrag zu 
Livlonds HistorioOTophie und Geschichte, Berlin 1865, S. 186ff.; H. La a k man n, 
ZUT Geschichte HeinTichs von Lettland und !eineT Zeit, Beiträge zur Kunde Es
 
lands, Bd. 18, H. 2, Reval 1933, S. 76f.; L. A rb uso w, op. ciL, S. 180ff. 
, E. Bon n e 1, Die ChTonologie Heinrichs des Letten verglichen mit den Zeit- 
angaben einiger russischer Chroniken, Melanges Russe!, t. 2, o. 0., 1853, S. 284ff. 
· N. G., Be r e! k 0 w, Chronologija russkogo letopisanija, Moskva 1963, S. 8, 
Nr. .252, Nr. 307.
		

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			Livlöndiscbe Chroniken des 13. Jabrbunderts... 


77 


ten nach Ugaunien zurück, und die Russen fanden, als sie heimkehrten, ihre Stadt 
geplünie . I 
Aber den russischen Chroniken gemäß wurde Pleskau nicht von den 
Sakkalern, sondern von den Litauern angegriffen. Die erste Novgoroder 
Chronik hat folgende Mitteilung vom Jahr 6721 (d. h. 1212): 


Wäbrend der Petersfasten (d. h. in der Zeitspanne vom 20.-29.VI.) haben die 
gottlosen Litauer Pleskau erobert und in Brand gesetzt, denn die Pleskauer hatten 
in dieser Zeit Fürst Wolodimir verjagt, aber die Pleskauer waren auf dem See, und 
begmgen große Verbrecben, und gingen fort'. 


Und die Pleskauer Chronik: "Und die Litauer kamen während der 
Petersfasten und setzten Pleskau in Brand und zogen mit den Gefange- 
nen fort" 7. Es ist schwer, diese Mitteilungen irgendwie zu interpretieren. 
Es ist unwahrscheinlich, daß die Esten und Litauer einen gemeinsamen 
Feldzug unternommen hätten. Historische Quellen erwähnen nämlich gar 
nichts von einer Zusammenarbeit zwischen den Esten und Litauern, eher 
im Gegenteil (Heinrich IX, 1-4 im Jahr 1205, XIII, 4 im Jahr 1209). Im 
Jahre 1212, bald nach Lembits Feldzug, unternahmen die Litauer einen 
Raubzug nach Sakala (Heinrich, XVI, 8). Man hat auch keinen Grund, an 
J der Realität eines dreifach verifizierten Ereignisses zu zweifeln. Aller 
Wahrscheinlichkeit nach hat sich Heinrich geirrt, oder die russischen 
Chronisten haben die heidnischen Stämme, obwohl sie Pleskaus Nach- 
barn waren und auch nach dem Klang der Sprache leicht zu unterschei- 
den waren, verwechselt. 
Auch Heinrichs Parteilichkeit muß betrachtet werden. Heinrich war 
Priester und Geschichtsschreiber des Bischofs von Riga, nach einer allge- 
mein akzeptierten Hypothese auch sein Schüler. Die sowjetische Ge- 
schichtsschreibung, mit dem lettischen Akademiker Janis Zutis 8 an der 
Spitze, unterstreicht die stark tendenziöse Ausrichtung der Chronik. Und, 
in der Tat, bei Heinrich führen sich unter den Völkern nur die Deutschen 
als wirklich untadlige Christen und eifrige Missionare auf. Die Haltung 
als christlicher deutscher Priester den heidnischen Stämmen, den "schis- 
matischen" Russen und den rivalisierenden Dänen gegenüber bedingt 
Subjektivität und tendenziöse Einstellung. Er kann seine Schadenfreude 
über die Mißerfolge der Schweden und Dänen nicht verheimlichen, 
obwohl jene wirkliche Christen waren (XXIX, 3). Unter den Deutschen 
gab es drei hervorragende Bischöfe: Meinhard, Berthold und Albert, und 


· Novgorodskaja pervaja letopis staTJego i mladJego i zvodov, Moskva-Lenin- 

rad 1950, S. 52. 
7 Pskovskie letipisei. V1lpusk vtoroj. pod red. A. N. N aso n 0 v a, Moskva 1955. 
S. 77. 
- · J. Zu ti s, Oi!erki po istoriogTajii Latvii, C. 1. Pribaltijsko-nemeckoja i!tOTjO- 
,rajija, Riga 1949, S. 7.
		

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			178 


Imbo.. 


Enn Tarvpl 


die Beobachtung ihrer 'Iätgkeit bildet das Knochengerüst der Chronik. 
J."ür sie findet der Chronist nur Worte des Lobes, seine Sympathien liegen 
immer bei dem Bischof von Riga, andächtig beschreibt er Bischof Alberts 
Handlungen (VIII, 1; X, 8), so wie er sich auch über Alberts Kämpfer 
immer mit Hochachtung ausdrückt (XXIII, 1). Es ist schwer, aus der 
ehronik Befremdung oder Kälte Bischof Albert gegenüber herauszulesen, 
wie Albert Bauer beh
lUptet9. Das Hauptthema der Chronik ist ja die 
Missionsarbeit der Rigischen Kirche. Zurückhaltender verhält sic.h der 
Chronist in der Beschreibung der Kämpfe des Schwertbrüderordens, 
obwohl er die Verdienste des Ordens nicht ableugnet (XI, 3; XIII, 2). 
Die führende Rolle des Ordensmeisters in den Kriegsoperationen, die 
Heinrich selbst in Bezug auf Volkwin zugibt ("Dieser hat dann in An- 
wesenheit wie in Abwesenheit des Bischofs das Heer des Herrn auf allen 
Heerfahrten geführt und geleitet..... - XIII, 2), kommt in der Chronik 
gar nicht besonders markant zum Vorschein 10. Von dem Kriegszug der 
Hussen und Litauer im Jahre 1221 wird speziell und entscheidend eine 
Episode hervorgehoben, wo die Abteilung des Bischofs zusammen mit den 
Letten erfolgreich ohne Beteiligung der Ordensstreitkräfte kämpfte (XXV, 
3). Friedrich Benninghoven weist darauf hin, wie Heinrich zum Beispiel 
die Eroberung der Burg zu Dorpat im Jahre 1224 zu Ungunsten des 
Ordens verschleiert hat 11. Er erwähnt des Bischofs Bruder Johann von 
Apeldern, der den Anstieg in die Burg beginnt, fährt aber fort: ..Und 
einer stieg hinauf, wer als erster anakam, weiß ich nicht, Gott weiß es..... 
(XXVIII, 6). Dieser erste muß ein Schwertbruder gewesen sein, denn es 
war beschlossen worden, dem Vordersten beim Angriff den vornehmsten 
Gefangenen zu geben, und der fiel wahrscheinlich den Schwertbrüdern 
zu. Heinrich als Augenzeuge mußte den gefeierten Helden des Tages 
kennen, wollte aber den Orden nicht loben. Doch verhinderte seine Wahr- 
heitsliebe, dem Bruder des Bischofs fälschlich die Ehre zuzuschieben. 
In der Chronik sind die Ordensritter diejenigen, die sich die Habe 
der Neugetauften ungerecht aneignen (XVI, 3, 6), sie neigen auch dazu, 
die Neugetauften zu unterdrücken (XXV, 2; XXIX, 3), unter ihnen gibt 
U . 


· Heinricb von Let t I a n d, Livländische Chronik. Neu übersetzt von A. Bauer, 
Darmstadt 1959, S. XIX (Einleitung): ..Umgekebrt ist das Verbtiltnis Heinrichs zum 
Bischof durch Fremdheit u,nd Kälte gekennzeichnet. Es berichtet wenig von ihm, er 
hewundert ihn nicht, nie findet er Worte einer herzlichen Zuneigung für ihn, wie 
er sie beispielsweise für B. Philipp von Ratzeburg übrig. hat; er kritisiert seine 
Handlungen nicht nur einmal, und es fragt sich, ob Albert die Chronik gern gele- 
sen hat - wenn er sie überhaupt gelesen hat". 
11 F. Ben n i n g b 0 v e n, Der Orden der Schwertbrii.der, Köln-Graz 1965, 
S. 145. . r 
11 Ibid., S. 191f 


1
		

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			Livländiscbe Cbron1ken des 13. Jahrhunderts... 


179 


t'S sogar unsittliche Leute (XI, 4; XIII, 2), aber entsprechende Priester 
präsentiert Heinrich nicht. 
Die Gründung des Ordens und die Verhältnisse zwischen dem Orden 
und dem Bischof (resp. ihre Uneinigkeiten) werden von Heinrich recht 
flüchtig behandelt. Daraus darf man natürlich nicht gleich auf ein vorsätz- 
licHes Totschweigen schließen. Möglicherweise lassen sich einige innen- 
politische Probleme einfach nicht in seiner Konzeption - die Geschichte 
der Christianisierung Livlands - unterbringen. Dabei ist es auch offen- 
bar, daß er.'über manches nicht informiert war, wie zum Beispiel den 
geheimen Inhalt der Verhandlungen Bischof Alberts mit dem dänischen 
König in Schl-eswig im Jahre 1218 über die Abtretung .Estlands (XXII, 1; 
XXIV, 2); t 
. Ohne den guten Ruf der Glaubwürdigkeit und Genauigkeit der Chro- 
nik Heinrichs mindern zu wollen, muß man doch einsehen, daß seine 
Chronik nicht als eine unfehlbare und exklusive kanonische. Quelle bei 
der Untersuchung der Geschichte Livlands zu Beginn des 13. Jahrhun:" 
derts betrachtet werden darf. Um das Geschichtsbild zu bereicheni, sollte 
der Kreis benutzter Quellen durch die Ältere Reimchronik erweitert und 
die . Möglichkeiten und Grenzen ihrer Benutzung überlegt werden. 
Mehrere ernste und unbestrittene Irrtümer haben die Ältere Reimchronik 
in den. Augen' der Forscher stark diskreditiert. Der Reichtum einer histo- 
rischen Quelle ist nur dann von Wert, wenn er auf festem Boden ruht. 
Doch die Reimchronik berichtet, Bischof Meinhart sei im Jahre 1143 
ordiniert worden (V. 430-432), nkht 1186; Riga sei vom Bischof Berthold 
gegründet, der später. nach einer Amtszeit von 11 Jahren im Kampf niit 
den. Esten gefallen sein soll (V. 523-524, 534, 574, 576 ..:.:- nicht 2 Jahre); 
der livische Älteste Kaupa sei in Bischof Bertholds Zeit im Kampf gegen 
die Russen und Litauer bei Kokenhuseri gefalleri (V. 503-522); der Or- 
densmeister Wenno (Winne) habe 18 Jahre amtiert (V. 727) - nicht 
maximal 7 Jahre usw. Irrtümer solchen Ausmaßes haben den Glauben 
an die Zuverlässigkeit des ganzen Werkes stark untergraben. . 
Andererseits ist die Ältere Reimchronik eine Primärquelle, die nicht 
auf Heinrichs Chronik basiert. Und sie ist eine frühe Quelle, eine aus dem 
13. Jahrhundert. Deshalb fordert. sie größere Aufmerksamkeit als Her- 
mann von Wartberges Chronicon Livoniae oder die Jüngere Hochmei- 
sterchronik. Der Literarhistoriker Lutz Mackensen behauptet: Die Reim- 
chronik überrascht durch -die Erlebnisnähe ihrer Schilderung, als Quelle 
für die geschichtlichen; lit'erarischen, sprachlichen und Lebensbedingt- 
heiten des livländischen Ordenslebens 12. Der Autor hat die Geschichte 
des. Ordens, nijmlich r;\es kämpfellden Ordens,. geschrieben. Den Haupt- 
11 L. Mac k e n sen, Zur deutschen LiteratuTgeschichte Alt-Livlondl, (in:] 
Baltische Lande, Bd. 1 (wie Anm. 2), S. 393ft. - r '"
		

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Enn Tarvel 


inhalt der Chronik bilden die Kämpfe und Eroberungen des Ordens, der 
Verfasser kennt sich aus in der Kriegstechnik und militärischen Termino- 
logie. Auch Leonid Arbusow ist der Ansicht, daß man der Chronik in den 
Fragen des Ordens und der Kriegsgeschichte Vertrauen schenken kann 11. 
Jedoch vom Standpunkt der Zuverlässigkeit aus wird die Ältere Reim- 
chronik in drei Abschnitte geteilt: 1) bis ungefähr zu den Jahren 1236- 
]238; 2) die Jahre 1240-1279; 3) vom 5. März 1279 bis zum Schluß u. 
Der zweite Teil wird als bedeutend zuverlässiger angesehen als der erste, 
sowohl in bezug auf das Ausmaß der Quellen wie auch auf ihre Genauig- 
keit, während der dritte aller Wahrscheinlichkeit nach von einem Augen- 
zeugen verfaßt worden und daher ganz zuverlässig ist. Da die Chronik 
Heinrichs mit dem Jahr 1227 endet, bleibt die Ältere Reimchronik Haupt- 
quelle für das Studium der Geschichte Livlands in der Folgezeit. Um die 
Unterwerfung der Kuren (bis 1267) und Semagallen (bis 1290) zu rekon- 
struieren, ist sie unsere einzige darstellende Primärquelle. Was die Be- 
handlung der Geschichte Estlands anbetrifft, hat man von der Älteren 
Heimchronik den Bericht vom Aufstand und von der Niederschlagung der 
Üseler im Jahre 1260 genommen. 
Vom Standpunkt der Geschichte Estlands aus ist der erste Teil der 
Reimchronik von primärem Interesse. Manches, in ihr berichtet, ist veri- 
fiziert worden, meistens durch die Chronik Heinrichs. L. Arbusow weist 
darauf hin, daß die am Anfang der Chronik angeführte Charakterisierung 
der einzelnen Völker des Baltikums (V. 322-376) stichhaltig ist, ebenso 
die Information über die Völker,die unter Russlands Oberhoheit stehen 
(V. 645-647) 11. Auch der Bericht von Ordensmeister Wenno und seinem 
Geschick (V. 626-738) stimmt mit Heinrichs Darlegung überein, wenn 
man die Dauer der Amtszeit außer Betracht läßt, ebenfalls ein kurzer 
Bericht von der Schlacht bei Fellin (am 21. Sept. 1217; V. 1369-1395), 
E'ine detailliertere Beschreibung der Schlacht von Kareda (Carethen) in 
Jerwen (im Jahre 1220 - V. 1178-1217), die Niederlage der Schweden 
in der Wiek (in Leal im Jahre 1220 - V. 1224-1238), die ünterwerfung 
von Üsel (1227 - V. 1613-1689) stehen in Uberinstimmung mit Hein- 
rich. 
Auch die Angaben über die Anwesenheit der wichtigsten Pilger in 
Livland stimmen bei Heinrich und der Reimchronik überein. Beide be- 
richten, daß Graf Albert von Orlamünde Livland vor der Schlacht bei 
Fellin erreicht und sich daran beteiligt hätte, daß Heinrich Borewin (Bar- 
win von Wendenland) ein Jahr darauf (1218) nach Livland kam, daß 


1. L. A rb uso w (wie Anm. 2), S. 189. 
u Ibid., S. 187ff.; vgl. F. Wa c h t s mut h, UebeT die Quellen und den Verfasse?' 
, T älteren livländischen Reimchronik, Mitau 1878. 
11 L. A r b U 11 0 W (wie Anm. 2), S. 187.
		

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			Livländische Chroniken des 13. Jahrhunderts... 


181 


Herzog Albrecht von Sachsen eine führende Rolle in der Schlacht von 
Kareda (Carethen) spielte (obwohl der Bericht über ihn, wahrscheinlich 
wegen seiner Wichtigkeit, in der Reimchronik anachronistisch vor Orla- 
münde und Berewin gestellt ist). Unerklärlich bleibt jedoch in der Reim- 
chronik die Erwähnung eines Grafen von Arnstein als Pilger auf dem 
Öselzuge von 1227 (V. 1647f£.). Weder Heinrich noch andere Quellen ha- 
ben ihn erwähnt UI. 
Eine interessante Tatsache ist die übereinstimmung des Legenden- 
materials in beiden Chroniken. Es handelt sich um den Mord an einem 
armen deutschen Nadelkaufmann in Sakkala während des Aufstandes im 
Jahre 1223; anschließend soll die Frau des Mörders einen mit Wunden 
bedeckten Sohn geboren haben (Heinrich XXVI, 10; Reimchronik 
V. 1269-1332). Der Bericht in der Reimchronik ist länger und umständ- 
licher, mit wesentlichen Einzelheiten - die Tötung soll im Dorf Riidaja 
(Podrigel, Podereial) stattgefunden haben, und der Legat Wilhelm von 
Modena habe von diesem Wunder einen Bericht nach Rom gesandt. Diese 
Nachricht weist auf die Existenz einer Quelle hin 17. 
Der erste Teil der Reimchronik enthält auch wesentliches Material, 
cas nicht durch andere Quellen bestätigt wird, bei dem es aber auch keine 
quellen mäßigen Widersprüche gibt. Von besonderem Interesse ist die 
Frage der Zuverlässigkeit gerade solcher Daten. Man kann zwar nichts 
Neues und Entscheidendes zu ihrer Analyse bieten, und das ist wohl kaum 
möglich, bevor die schriftlichen Quellen der Erzählung der Reimchronik 
nachgewiesen sind, oder bevor neue, die Angaben der Reimchronik veri- 
fizierende Quellen auftauchen. Man muß sich also auf allgemeinere und 
unbestimmtere Auslegungen beschränken. 
Es ist hier die Rede von einer wohlbekannten Situation, in der die 
Tatsachen nur von einer einzigen Quelle bezeugt sind und wo uns nur die 
indirekte Kontrolle zu Gebote steht, nämlich die Prüfung des einsamen 
Zeugnisses auf seine innere Wahrscheinlichkeit, wie uns schon Ernst 
:Rernheim belehrt 18. In Wirklichkeit handelt es sich hier nur um eine 
indirekte Bestätigung durch übereinstimmung mit allen zu dem betref- 
fenden Tatsachenkomplex gehörenden Zeugnissen. Wenn man das als 
quellengemäßes Wissen betrachtet, darf man nicht vergessen, daß auch 
dieses seinen Ursprung in der Beobachtung der Wirklichkeit hat 1'. Dieses 
Wissen gründet sich auf des Forschers allgemeine Erkenntnis des Ge- 
schichtsprozesses, auf die Allgemeinbehandlung des Problems, die auf 


I' Vgl. F. Ben n i n g h 0 v e n, op. cit., S. 222. 
17 L. Mac k e n sen, op. cit., S. 402ft. 
I' E. Be r n h e i m, Lehrbuch der historischen Methode und der Geschichts- 
philosophie, Leipzig 1908, S. 533-537, 547. 
11 J. Top 0 1 ski, MetodoloQia historii, Waruawa 19811, S. 275-288. a
		

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If f Enn Tarvel 


Nebenwegen erreicht worden ist (mit Hilfe anderer Forschungen und 
anderer Wissenschaft
n). Das ist nichts anderes, als eine Gesamtbewer- 
tung der Situation, eine Attitude, ein Ausgangspunkt der Analyse. Jer
y 
Topolski betont, man soll seine Analyse des queUenmäßigen Wissens 
unter keinen Umständen als eine Verminderung der Bedeutung der 
Quellen in der Geschichtsforschung auffassen. "Die QueUe ist und bleibt 
des Geschichtsforschers wertvollstes Gut, ohne welche er. kein Historiker 
sein könnte" 20. Er widersetzt sich nur dem -Fetischismus der Quellen und 
des auf Quellen basierenden Wissens, er begreift, daß die QueUen umso 
mehl" Information geben, je verschiedenartigere Frager1 .an .sie gesteUt 
werden - das wiederum erfordert eine mannigfaltigere Kenntnis. 
Letztendes muß man sich doch auf Vermutungen über den Möglich-. 
keits- und Wahrscheinlichkeitsgrad beschränken 21. Wie Topolski so -schön 
sagt, kann man für die Behauptung: "Die Gnomen haben die Schlacht 
von Crecy gewonnen", keine akzeptierbaren Beweise aufbringen, deshalb 
konnte das im Satz zitierte Faktum in Wirklichkeit auch nicht stattfin" 
den 22. Ganz anders verhält es sich mit der queUenmäßigen logischen 
Datenwahrscheinlichkeit der Älteren livländischen Reimchronik. 
Die ältere Reimchronik berichtet, Albert sei in Rom :vom, Papst per- 
sönlich als Bischof bestätigt worden (V. 590-594). Alberts Biographin 
Gisela Gnegel- Waitschies hat sich nicht getraut, diese Mitteilung in ihr-en 
Bericht einzugliedern, und verschweigt sie einfach 23. Friedrich Benning- 
hoven dagegen will in
lirekt die Wahrscheinlichkeit, daß Albert sich 
1199 persönlich in Rom vortellte, beweisen 24. Die Reimchronik. berichtet 
vom Ordensmeister Wenno als Gründer der Burgen Segewold, Wenden 
und Ascheraden (V. 626-644). Dieses einsame Zeugnis paßt in die allge- 
meine Situation. Die Reimchronik erzählt detailliert von der vom Pfleger 
Ascheradens, Ordensbruder Hartmut, geführten Heerfahrt gegen Gercike 
(V. 660-686). Es ist nicht klar, ob es sich hier um die von Heinrich 1209 
oder 1214 beschriebene Heerfahrt handelt, oder es hat sogar noch eine 
dritte gegeben, die bei Heinrich gar nicht erwähnt wird. Nach der Reim..; 
chronik soll die Heerfahrt vor Wennos Tod stattgefunden haben.: Das 
Durcheinanderbringen der geschichtlichen Folge der Erzählung ist in der 
Reimchronik häufig. Benninghoven. hat allerdings Har.tmut auf Grund 
dieser Nac hricht in sein Verzeichnis der Schwertbrüder aufgenommen; 
-w 


· Ibid., S. 287. 
11 E. B ern h e i m, op. cit., S, 200f. 
11 J. Top 0 1 ski, op. cit., S. 242. 
18 G. G n e gel - W a i t s c b i e s, Bischof Albert von Riga. Hamburg 1958, S. 53. 
.. F. Ben n i n g h 0 v e n, op. cit., S. 37f.:. Die Kreuzfahrerbulle dei Papstes 
stammt el"st vom 5.. Oktobe.r, 1199. WeIU1. aber Albert einen Gesandten nach Rom 
geschickt hätte, hätte er das schon nach der Ordination zum Bischof. (im März 1199) 
tun können. In. Deutschland. taucht Albert. in .den Quellen in Dezember 1199 auf. 


IM
		

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			Livländiscbe Chroniken des 13. Jahrhunderts... 


183 


_ Die Reimchronik erzählt von dem allgemeinen Aufstand der Esten in 
Fellin, Dorpat und Odenpäh zu Beginn der Amtszeit des Ordensmeisters 
Volkwin (V. 759-802) und vcrknüpft damit eine Legende von der Estin 
Emme, die mit Hilfe ihres Mannes Viliemes in Fellin zwei Ordensbrüder 
vom Tode gerettet haben soll. Diese Legende, die aller Wahrscheinlich- 
hit nach auf lokaler überlieferung beruht, wird bei Lutz Mackensen als 
bdirekter Beweis für die Existenz entsprechender Quellen angesehen 25. 
Gewöhnlich wird angenommen, daß die Beschreibung des Aufstandes vOri 
1-223 in der Reimchronik an zwei Stellen vorkommt (V. 759-802 und 
! 269-1332) 28. Es besteht aber auch die Möglichkeit, daß der in den 
Versen 759-802 zitierte und mit der Legende von Emme und Viliemes 
verknüpfte Aufstandsbericht sich auf einen früheren Widerstand bezieht. 
Auch bei Heinrich ist der Aufstand von 1223 (XXVI, 10) verknüpft mit 
dl':r Legende des Kaufmansmordes, ebenso wie in der Reimchronik 
(V. 1269-1332). Nach der Unterwerfung Fellins im Jahre 1211 (und der 
Eroberung Odenpähs' 1210) sollen nach Heinrich die Sakkaler mehrer
 
Feldzüge nach Lettland unternommen haben. Heinrich sagt: "Und es gab 
große Not im ganzen Grenzgebiet von Livland". In einen solchen Kontext 
würde die mit Emme und Viliemes verknüpfte Beschreibung des Auf- 
standes gut passen, wie die Herausgeber der Chronik, Theodor Kallmeyer 
und Kar! Eduard Napiersky, finden 27. 
Die Reimchronik berichtet; wie der Ordensmeister Volkwin einen 
I.'eldzug nach Wiek unternahm (V. 833-913). Davon war die Rede schon 
vor der Ankunft des Herzogs von Sachsen in Livland (d. h. den Ereig- 
nissen von 1219) gewesen. Wenn es während Bischof Alberts Aufenthal- 
tes in Deutschland geschah, wie man aus der Reimchronik herauslesen 
kann (V. 883-854): "Dar vnder warb ouch vm das sin zu lande meister 
Volkwin", läßt es sich in eine Lücke von Heinrichs Werk unterbringen. 
Denninghoven glaubt an das Vorhandensein solcher Lücken 28, besonders 
m Bezug auf den großen Kriegszug der Litauer, der in der Reimchronik 
sehr umständlich beschrieben wird (V. 1424-1552). Die Litauer kamen 
über Sem ballen und die gefrorene Irbestraße nach Sworben auf Ösel, 
verheerteri Ös
l und Monn; dann Wiek und Jerwen, auf dem Rückweg 
Nurmegunde und Sakkala, ja das Letten- und Livengebiet bis Remin. 
Die Ordensstreitkräfte von Ascheraden versetzten de
 
tpuerheer einen 


., 


U L. Mac k e n sen, op. cit., S. 402: Es wird" in der Ich--Form bericbtet" (Sie 
hat mln dicke wol gepflegen "- V. -799), "und man kann nicht annehmen, derselbe 
\7 e rfasser habe die Begebenheitem des 'Jabres 1290 und des Anfangs des 13. Jhs. 
beschrieben. 
.. F. Ben n i n g h 0 v e n, op. cit., S. 241. P 
17 Ditleb's von Alnpeke Livländische Reimchronik, Riga 1857, S. 247. W" 

 F. Benninghoven, op. cit., S. 143.
		

/Czasopisma_119_04_186_0001.djvu

			184 


,.. 


Enn Tarvel 


vernichtenden Schlag bei Lennewarden. Der Bericht ist sowohl im allge- 
meinen als auch in Einzelheiten ganz überzeugend und wird von Benning- 
hoven voll akzeptiert 211. Schwierigkeiten gibt es nur mit der Chronologie. 
In der zeitlich durcheinandergebrachten Reimchronik steht der Feldzug 
nach dem Aufstand der Esten im Jahre 1223, aber vor dem Feldzug der 
Russen im Jahre 1219. Da Heinrich 1219 (XXIII, 3) von einer Hilfsbitte 
der Semgaller gegen die Litauer spricht, sollte der erwähnte Feldzug auf 
den vorigen Winter placiert werden. 
Ähnlich überzeugt ist Benninghoven von einem Bericht nach welchem 
der Ordensmeister Volkwin nach dem Untergang der Schweden in Leal 
die aufsässigen Wiekesten durch ein Gefecht bei Sontagana bezwungen 
und Geiseln genommen habe (V. 1239-1268) 30. Das könnte im Winter 
1220/1221 stattgefunden haben. Die Erzählung ist überzeugend logisch 
und paßt in den allgemeinen Tatsachenkomplex. Sie ist auch leicht zu 
datieren, nach der Niederlage der Schweden am 4. Aug. 1220. Diese zwei 
Begebenheiten (der vermutliche Raubzug der Litauer 1218/1219, und der 
Feldzug der Ordensstreitkräfte in die Wiek 1220/1221) sollten einen ge- 
nügenden Wahrheitsgrad haben, um in den Rahmen einer allgemeinen 
Abhandlung eingefügten Bild der estländischen Geschichte Platz zu fin- 
den. 
Die obenerwähnten Gedanken sind nicht besonders produktiv, da sie 
auf keinen neuen Quellen oder neuen Auffassungen beruhen. Schon der 
vielzitierte Ernst Bernheim warnt, daß es unzweckmäßiger Aufwand von 
Arbeit ist, wenn man immer wieder aus denselben Daten, die sich zu 
sicherem Resultat unzureichend erwiesen, nur dur,ch Hin- und Herschieben 
eine andere Kombination zu gewinnen sucht, dies namentlich, wenn man 
erwägt, wie viel fruchtbares Forschungsgebiet noch brach liegt 31. Eigent- 
lich hat der Verfasser nur bezweckt, die Aufmerksamkeit darauf zu 
lenken, daß der erste, die Eroberungskriege in Estland behandelnde Teil 
der Älteren livländischen Reimchronik Angaben mit teils so hohem 
quellengemäßen Wahrheitsgrad enthält, daß diese Daten bei der Re- 
konstruktion des estländischen Geschichtsbildes zu Beginn des 13. Jahr- 
hunderts in allgemeinen Abhandlungen benutzt werden sollten 32. 


11 Ibid., S. 151, 434. 
11 Ibid., S. 169. 
11 E. B ern h e i m, op. cit., S. 255. 
11 Auch der sowjetestniscbe Historiker Sulev Vahtre aus Tartu schreibt, der 
ältere Teil der Chronik enthalte wertvolle Daten ,da, wie in vielen Chroniken, ver- 
worrene und irrtümliche Angaben auch wahrheitsgetreue Fakten in sicb bergen. 
C;. Va h t r e, Kroniki baltllckie (inflanckie) XlII-XVIII wieku ;ako ir6dla histo- 
rllczne (Stan badan), Zapiski Historyczne, Bd. 34, 1969, H. 4, S. 78.
		

/Czasopisma_119_04_187_0001.djvu

			ORDINES MILIT ARES IV. Werkstatt des Historikers... 


J AROSLA W WENT A (Torun) 


Cber die Notwendigkeit einer Neuausgabe 
der Annalen für das Gebiet des Deutschordenslandes · 


Drei monumentale Quellenveröffentlichungen haben den Annalen aus 
dem Gebiete des Deutschordenslandes schon in der Vergangenheit viel 
Platz gewidmet. Im Rahmen der Monumenta Germaniae Historica hat 
Wilhelm Arndt die preußischen Annalen herausgegeben. Theodor Hirsch, 
Ernst Strehlke und Max Töppen haben es in fünf Bänden der Scriptores 
Terum Prussicarum und Wojciech K
trzynski in den Monumenta Poloniae 
H istorica getan. 
Arndt hat das historiographische Material zu einer breiteren Ge- 
5l'hichte des mittelalterlichen Deutschland gesammelt. Daher rührt die 
weitgehende Selektion des von ihm herausgegebenen Quellenmaterials. 
Wojciech K
trzynski dagegen interessierte sich für die mittelalterliche 
Geschichtsschreibung aus den Gcbieten Pommerellens und des Kulmer- 
landes nur in den Fällen,wo sie Berührungspunkte mit der Geschichte 
Polens aufwies. Die Monumenta Germaniae Historica als Veröffentlich- 
ungsreihe haben hiE'r eine zweifache Rolle gespielt. Zum ersten sollten 
sie erwähnt werden, WE'il man hier preußische Annalen veröffentlichte, 
zum zweiten als Anregung für die Herausgeber der Scriptores reTum 
PTussicarum. Ihr Ziel war eine Herausgabe von Quellen zur mittelalter- 
lichen Geschichte der Provinzen Ost- und Westpreußen dcs Königreichs 
Preußen 1. 
In Frankfurt am Main ist im Jahre 1968 eine Quellenausgabe er- 
schienen, deren Titel an die Scriptores rerum Prussicarum anknüpfte. 
Seinen Herausgebcrn nach sollte es der 6. Band der genannten Reihe 
sein. Den Band eröffnete ein Nachdruck der Abhandlung von Erich 
Maschke über die historiographische Tätigkeit im Deutschordensstaate. 
In diesem Band finden wir kurze Studien über die einzelnen Quellen 


· Erweiterter Diskussionsbeitrag. 
I Scriptores rerurn PTussicarum (künftig: SRP), hrsg. von Th. H i r s h, M. T 0 e p- 
pe n und E. S t reh I k e, Bd. 1, Leipzig 1861, siehe Vorwort; vgI. J. Po wie r 5 k i, 
Wojciech K
trzllnski jako historllk PTUS, Kwartalnik Mazursko-Warminski, Jg. 1970, 
Nr. 3, S. 347ff. 


.......
		

/Czasopisma_119_04_188_0001.djvu

			- 


186 


Jaroslaw Wenta 


TM "': 


sowie Nachdrucke historiographischer Denkmäler, welche bereits früher 
in verschiedenen Zeitschriften und an anderen Orten außerhalb der 
Scriptores rerum Prussicarum veröffentlicht wurden 2. Diesen Band sollten 
wir als Ergänzung der alten Reihe betrachten. Wir finden hier zwei 
Annalen - Fragmente nach gedruckt. Es wurden die von Stanislaw Kot neu 
aufgefundf'nen und von Herbert Ludat veröffentlichten Annalen 3 und auch 
die sog. Annalen von Gollub (Golub) die von Wojciech K
trzynski früher in 
der Reihe Monumenta Poloniae Historica 4 veröffentlicht wurden, erneut 
herausgegeben. Sowohl unter methodischem"als auch inhaltlichem Aspekt 
ist der 6. Band der Scriptores rerum Pruisicarum leider nicht die 'erwün- 
schte Neuedition von Quellen zur Gcschichte des Deutschordensstaates. 

an muß mit aUem Nachdruck feststellen, daß wir heute über keine "den 
Forscher zufriedenstellende Edition der Annalen aus dem Deutsch- 
ürdensstaat verfügen. Da neuere Studien zur quellenkundlichen Erfor- 
schung der Annalen I fehlen, sind wir gezwungen, selbst individuelle 
Quellenforschungen durchzuführen. 
Den geltenden Regeln gemäß versuchten sowohl Wojciech K
trzyi1ski 
als auch die Herausgeber der Reihe Scrip tores reTum Prussicarum, die 
Quellen "ohne die spätcr hinzugefügten Vermerke" herauszugeben. Nach 
einer verhältnismäßig schematischen Untersuchung wählte der Heraus-' 
geber zur Veröffentlichung nur diejenigen Fragmente, welche cr persön- 
lich für wichtig hielt. Es wurden demzufolge Quellen "zu einer These" 
'\-eröffentlicht, die der Autor in der Regel in der Einleitung aufgestellt 
hat. Es wurden keine systematischen Quellenforschungen durchgeführt, 
und der' Ertrag der Herausgabe war demzufolge recht zufällig und hing 
von den individuellen Interessen des Herausgebers ab. Als Beispiel dafür 
soll hier der Stand der Editionsarbeiten an einigenen Anenale dargstellt. 
werden. 
Die ältesten preußischen Annalen sind uns aus zwei bis heute erhal- 
hmen Handschriften bekannt. Die erste wurde als ;,Pelpliner Annalen", 
die zweite als "Kurze preußische Annalen" veröffentlicht. Die erste haben 
unabhängig voneinander Johannes Voigt und Max Töppen ", die zweite 


1 SCTiptores rerurn PTussicarurn, Bd. 6, brsg. von W. Hub a t s c h, bearb. von 
U. Ar n 0 1 d, Frankfurt am Main 1968. 
1 Ibid., S. 61-67. . 
« Ibid., S. 165-167. 
I J. Wen t a, Kierunki rozwoju TocznikaTstwa w paftstwie Zakonu w XIII- 
XVI wieku (im Druck). 
. Annales Pelplinenses, hrsg. von M. T 0 e p p e n, (in:] SRP, Bd. 1, 270. Histo- 
rische Notizen über den Burgen- und Städtebau in Preußen und verscbiedene 
Schlachten, Codex diplomaticus Prussicu8, brsg. von J. V 0 i g t. Bd., 6, Königsberg 
1861, Nr. 1.
		

/Czasopisma_119_04_189_0001.djvu

			- 


über die Notwendigkeit einer Neuausgabe... 


1:87 


Ernst Strehlke. veröffentlicht 7; Schon Gerard Labuda bemerkte, daß. sich 
die Herausgeber. an diesen Annalen nicht b
sonders interessiert .gezeigt 
hatten 8. Nur Arndt als der bisher letzte Herausgeber der Annalen hat 
sie zusammen veröffentlicht und demzufolge ihren Zusammenhang zum 
Vorschein gebracht 9. Wir wissen von einer dritten Handschrift die noch 
am Ende des 19. Jhs. in Wolfenbüttelaufbewahrt wurde. Sie. dürfte fü
 
die Rekonstruktion der ältesten preußischen Annalen von größter Bedeu
 
tung. sein. Doch wurde' sie bisher noch nicht herausgegeben. Dieser Hand- 
schrift Bat. Ernst Strehlke 'einige Bemerkungen' gewidmet 10. Nur eine 
d
eser. Handschriften, die sog. "Pelpliner. Annalen", stammt aus. dem 
14.. Jh. Die .übrigen sind. im 16. Jh. entstanden. Sehon Max Perl bach hat 
bewiesen, daß die Handschriften verschiedene Fassungen eiFler und .der- 
selben. Quelle darstellen u. Im Vergleich zu. den hier erwähnten Heraus- 
gebern verfügen wir heute über eine bedeutend größere Zahl von Hand- 
schritten.. E.s sollen. pier die in den Danziger Stadtchronikenaus dem 
16. Jb. überlieferten Handschr.iften hervorgehoben werden.. Bisher wur- 
den sie weder 
herausgegeben. noch wissenschaftlichen Untersuchungen 
unterzogen 1
. Von besonderer Bedeutung sind hier mehrere MitteilungeI1' 
über die Burganlagen in Preußen, die in den ältesten preußischen Anna- 
len zu. finden 
ind. Die, Informationen. darüber finden wir in. vielen 
Schriftdenkmälern, historischen Sammlungen und Chroniken, welche auf 
dem .Gebiet des. damaligen. De
tschordensstaates in Preußen .entstanden 
slI1d. Wegen ihres Inhalts wurden nach der Säkularisation des Deutschen' 
Ordens in Preußen die ältesten preußischen Annalen durch die Städte 
als. Grundlage dez:. eigenen historischen Tradition angenommen. Der He- 
rausgeber der Danziger . Chronilten, Theodor Hirsch, hat auf ihre Veröf- 
fentlichung verzichtet 13. Neben den schon erwähnten stehen uns noch 
die vol":\ Edwin Jacobs entdeckten Annalen, welche sich heutzutage in 
der Landes- und Universitätsbibliothek Sachsen-Anhalt in Halle an der 


7 Kurze. preußische Anncilen, hrsg. von E. S t reh I k e, [in:] SRP, Bd. 3, S: 1-2. 
f R:G. L'a budn, Studia nad annalist1lkq pomorskq z XIII-XV w. CZf:AC 1, Za- 
piski Towarzystwa NaukowC'go w Toruniu, Bd. 20, 1955, S. 10lff. 
e Annales Prussici breves. ed. W. Ar nd t, (in:] Monumenta GeTmaniae Hi!Jto- 
rJca, ,ss, Bd.' 1
 Hannover 1866, S. 693-695.. 
tG..Zu den. kurzen preußischen Annalen 1190-1337, (in:) SRP, Bd. 3, Leipzig 1866, 
S. 726. '.. " . 
11 M. Per I ba c b, Die ältesten pTeußischen Annalen, (in:) der 5., Preußi!Jch-. 
polnische Studien, H. 2, Halle 1866, S. 7lff. . 
I1 Die erste Systematik dieser Schriftdenkmäler wurde von J. D W 0 r Z ac Z k 0- 
wa . durchgeführt; Dzie;opisar$two gdanskie do polow1l' XVI wieku, Gdailsk 1962, 
S. 42ff. 
,li Die Danziger Chronikctl. hrsg. von Th. H i r s.c h, (in:]SRP, Bd. 4, Leipzig 
1&70, S. 299-800 sowie Fortsetzung der Danziger Chroniken, hrsg. von T.h. H i r I!I c:h, 
(in:) SRP, Bd. 5, Leipzig 1874, S. 440-591. . \111 . ... I
		

/Czasopisma_119_04_190_0001.djvu

			188 


Jaroslaw Wenta 


Saale befinden, zur Verfügung I
. Wie aus den bisher dargestellten Infor- 
mationen hervorgeht, verfügen wir heute über keine kritische Edition 
der ältesten preußischen Annalen. Es soll darauf hingewiesen werden, 
daß diese Annalen die älteste bisher überlieferte Spur historiographischer 
Tätigkeit im Deutschordensstaat bilden. Ähnlich sieht es mit den Edi- 
tionen der sog. Chronica terrae Prussiae aus. Ihre weitgehende inhaltliche 
Ähnlichkeit mit den Thorner Annalen hatte zur Folge, daß sie als sehr 
WJchtig für die Forschungen über die preußischen Annalen galt. Die letz- 
teren gelten als die umfangreichsten mittelalterlichen Annalen aus dem 
Deutschordensstaat. Die Chronica terrae PrtUsiae wurde bisher dreimal 
veröffentlicht. Zum ersten Mal hat sie Wilhelm Arndt herausgegeben. 
Diese Edition war sowohl Ergebnis seiner Reise durch die polnischen 
Bibliotheken als auch des Zusammentreffens mit dem Herausgeber der 
Monumenta Poloniae Historica August Bielowski. 
Bielowski hat Arndt eine Abschrift der von Joachim Lelewel ange- 
fertigten Kopie, welche dieser anhand der sich damals im Besitz des 
Grafen Wladyslaw Ostrowski befindenden Handschrift ausgeführt hat, 
überreicht. Später wurde diese Handschrift für vermißt erklärt IS. Eben- 
lalls anhand der Kopie von Lelewel wurden diese Annalen von Ernst 
Strehlke in den Scriptores rerurn Prussicarum veröffentlicht I'. Zum 
dritten Herausgeber wurde Wojciech K
trzynski, dem man eine sehr 
willkürliche "Rekonstruktion" des Textes dieser Annalen vorwerfen 
kann 17. Die Editionsquelle war hier dieselbe wie im Falle der beiden 
früheren. Die Kopie Lelewels wird heute in der Bibliothek Ossolineum in 
Wroclaw aufbewahrt 111. Die sog. Handschrift Ostrowskis ist nicht spurlos 
verschwunden. Sie wurde wiederentdeckt. Sie befindet sich heute in der 
Handschriftenabteilung in der Nationalbibliothek (Biblioteka Narodowa) 
in Warszawa. Diese Handschrift kann als Sammlung historischer Ma- 
terialien aus dem 16. und 17. Jh. mit unterschiedlichem Inhalt bezeichnet 
werden. Sie ist unter dem Titel "Archiwum Spytka Lig
zy" bekannt und 
besteht aus zwei Teilen. Auf den Seiten 177-181 des zweiten Teiles ist 


11 Landes- und Universitätsbibliothek Sachsen-Anhalt, Halle/Saale, Cod. charta- 
ceus Zh 84 Folio; E. Ja C 0 b s, Ein MonUScTipt zur altpreuJji,chen Geschichte in der 
uTäflich Stolbergschen Bibliothek zu Wernigerode, Altpreußische Monatsschrift, Bd. 
4, 1867, S. 551-557. 
11 Annales terrae PTussioe, ed. W. A r n d t, (in:) Monumenta Germaniae Histo- 
'-ka, SS, Bd. 11, S. 891-893. 
11 Chronica terrae Prussiae, hrsg. von E. S tor e h 1 k e, (in:] SRP, Bd. 3, S. 485- 
4;1. 
17 Chronica terrae PTussiae, wyd. W. K t: t r z y tJ. ski, (in:) Monumenta Poloniae 
lliltorica, t. 4, Lw6w 11184, S. 31-40. 
11 Die Handschrift des Ossolineumll in Wroclaw, 2355/111.
		

/Czasopisma_119_04_191_0001.djvu

			über die Notwendigkeit . 


Neu&usgabe... 


189 


unser Schriftdenkmal zu finden 111. Es soll betont werden, daß die Kopie 
Lelewels, unter dem Informationsaspekt betrachtet, genau ist. Unanbhän- 
gig davon soll dieses Schriftdenkmal erneut herausgegeben werden. 
Die Thorner Annalen und deren Edition durch Ernst Strehlke sind 
weniger ein Problem der Grundlage als der Arbeitsmethode das Heraus- 
gebers. Es ist von Bedeutung, daß wir weiterhin über eine auf des 16. Jh. 
datierte Handschrift, welche unsere Annalen enthält, verfügen. Es ist 
erforderlich, die bisherigen Auffassungen von dieser Quelle darzustellen. 
Wir haben es hier mit einer typischen Edition zu tun, deren Inhalt einer 
These des Herausgebers untergeordnet wurde. Der Herausgeber hat 
bemerkt, daß der letzte 'feil der Thorner Annalen dem ersten Teil der 
Chronik, die er Johann von Posilge zugeschrieben hat, und welche in 
Wirklichkeit von Johann von Redden, dem Notar der Hochmeisterskanzl€i, 
niedergeschrieben wurde, ähnlich ist 10. Eine wichtige Rolle hat bei den 
Uberlegungen die Chronik des Franziskanerlesemeisters Detmar von 
I.übeck gespielt. Sie enthält zahlreiche Mitteilungen über den Deutsch- 
ordensstaat in Preußen. Die Struktur dieser Berichte wies auf ihre anna- 
listische Herkunft hin. Außerdem konnten einige gemeinsame Berüh- 
rungspunkte mit den Thorner Annalen festgestellt werden. In vielen 
Fällen, wenn in den Thorner Annalen entsprechende Vermerke fehlten, 
konnten ähnliche Mitteilungen in der Chronik des Johann von Redden 
gefunden werden. Auf Grund dessen hat Strehlke den Schluß gezogen, 
daß - später spurlos verschwundene - sehr umfangreiche Annalen 
existiert haben müßten. Sie wurden von ihm als "Archetyp der Thorner 
Annalen" bezeichnet. Die Thorner Annalen, die Chronica terrae PrussiaE' 
sowie ein bedeutender Teil der Chronik des Johann von Redden sowie 
lIuch die von Detmar von Lübeck stammenden Nachrichten sollten als 
Auszüge aus dieser für ver mißt erklärten Quelle betrachtet werden 11. 
Diese Hypothese wurde in wissenschaftlichen Kreisen anerkannt und 
gilt bis heute 11. 
Von ausschlaggebender Bedeutung war hier die gemeinsame Edition 
der Thorner Annalen, der Auszüge aus der Chronik von Detmar wie auch 
der Chronik des Johann von Redden in drei Spalten auf denselben Sei- 
ten. Dadurch wurde diese Edition zur Beweisgrundlage für die Bestäti- 


11 v,I. Katalog r
kopis6w Biblioteki NaTodowe; w WOTszawie, t. 7, pod red. 
K. M u . z y i1 ski e j, Warszawa 1969, S. 28-31 (Signatur 111 6614). 
· J. Wen t a (wie Anm. 5); v,1. E. S t reh 1 k e, Einleitung; Johanne. Posilge, 
Officials von Pomesanien, Chronik des Landes Preußen, (in:) SRP, Bd. 3, S. 3Uf. 
u V,I. E. S t reh 1 k e, Einleitung: Franciscani ThoTunensis Annale. Prusaici 
(94J-J4JO), [in:] SRP, Bd. 3, S. 13-57. 
11 VII. G. Lab u d a (wie Anm. 8), S. 114ft. Ich teile die AuffassUI1& Ober das 
Vorbandensein eiJ1es Archetyps der Thorner Annalen nicht. J. Wen ta (wie 
Anm. 5).
		

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			- 


190 


.. 


Jarostaw Welita" I I b'l (} 


gung der Hypothese von Strehlke. Auf diese Weise gelang es ihm, den 
hypothetischen Archetyp der Thorner Annalen aus Informationen' dreier 
Quellen zu rekonstruieren. Es muß Strehlke eine ziemlich willkürliche 
Behandlung der handschriftlichen Quellen bei der Editiofi dei' Annalen 
vorgeworfen werden. Die im Staatsarchiv in Gdansk befindliche' Hand
 
schrift aUs 'dem: 16. (Sig. 300 R,' LI 1q) endet nicht, wie es 
us der.Edi.;. 
tion von Strehlke hervorgeht, mit Ereignissen aus dem Jahre 1410. Dei' 
Herausgeber hat den Rest der Annalen nachdem Jahre 1410 einfach 
"abgeschnitten". Die gesamten Annalen I"eichenbis zum "Jahr"e 1540. 
Dieser fehlende Teil der Thorner Annalen wurde von ihm" als Fortsetzung 
herausgegeben'i!3. Diese sehr willkürliche Behandlung des QuellentexteS 
hatte die Verwischung seiner vesentlichen Merkmale zur Folge. Beim 
Betrachten der letzten Seiten" der Handschrift kann man feststellen, daß 
der Herausgeber für ,;eingcntliche" Annalen nur den Teil der Handschrift 
gehalten hat, der' als ununterbrocr.ener, geschlossener Text verfaßt war. 
Im Endteil der Handschrift 'sind nicht alle Seiten voll beschrieben wor
 
den. Einige sind leer, auf anderen finden wir schachbrettartig eingeschrie<- 
hene Mitteilungen. Dies ermöglicht die V
:dolgungsowohl der Arbeits- 
weise als auch der - Methode" der Textkonstruktion des "Kopisten" (7). 
Es soll darauf verwiesen werden, daß der - Kopist die Mitteilungen in 
zwei Spalten und in chronologischer Reihenfolge geordnet hat. Auf den 
letzten beschriebenen sechs Seiten ließ der "Kopist" freie Stellen, um 
später den Text zu ergänzen. Diese freien Stellen - sind ein Beweis für 
die aktive Rolle des "Kopisten" bei der Ausarbeitung des 'Textes. Ein 
Beispiel dafür kann die vom Ende her betrachtet sechste "beschriebene 
Seite sein. Der Text wurde hier in zwei Spalten niedergeschrieben; Die 
linke Spalte des Textes ist durchgehend geschrieben: In der rechten 
Spalte "oben wurde Platz für sechs Zeilen :freigelassen-.: Die danach fol- 
gende Mittetlung besteht aus drei Zeilen. Darunter finden,wir eine Lücke, 
die für zwanzig Zeilen des Textes bestimmt wurde. Danach finden -wir 
E'inen 'geschlossenen Text, den wir bis zum Ende der Seite verfolgen. Es 
ist erkennbar, daß die" ganze Spalte später unten von demselben Schrei- 
ber durch' eine aus drei Zeilen bestehende Mitteilung ergänzt wurde. 
Ähnlich dem oben genannten Beispiel sehen die danach folgenden Seiten 
der Handschrift aus. Es soll hier an die Tatsachen erinnert .werder: 
. . I' I. 
1) die "Kopie" stammt aus dem 16. Jh., 1- 
2) der Text reicht bis zum Jahre 1540, (. 
3f die Untersuchung der letzten Seiten der Handsc.hrift veranlaßt uns 
zu der Fes tstellung, daß sich der ,;Kopi
t:' an der Schaffu
g dessen, 

s 
... ,r 1 
, .. Fort'et
un" des" ThoT . nnalisten, hrsg. von E.' S t r.e h 1 k e, (in:] 
RP, 
Bd. 3, S. 398-399. ,
		

/Czasopisma_119_04_193_0001.djvu

			über die Notwendigkeit einer Neuausgabe... 


191 


Sthrehlke als Thorner Annalen bezeichnet, sehr eifrig beteiligt hat 24. 
Die Analyse der Handschrift läßt uns an der Richtigkeit der Methode 
der Quellenausgabe von Strehlke zweifeln. Sie hat dazu geführt, daß uns 
eine Handschrift aus dem 16. Jh. als Originaltext der Annalen aus dem 
14.-15. Jh, mit zahlreichen Fortsetzungen präsentiert wurde. Dadurch 
hlieb sein wirklicher Charakter verborgen. Infolgedessen gab es für die 
Forscher keine Möglichkeit mehr, den Text der Kritik auszusetzen, dies 
\...ar dementsprechend Gegenstand zahlreicher Mißverständnisse. Vor einer 
erneuten Edition sollte man eingehende archivalische Forschungen nach 
den die Thorner Annalen erläuternden Texten durchführen. 
Im Jahre 1955 hat Gerard Labuda in den" Zapiski Towarzystwa Nau- 
kowego w Toruniu" (Bd. 20) seine "Studien über die pommerellische Anna- 
listik aus dem 13.-15. Jh. Teil I." veröffentlicht. über die Initiative einer 
Neuausgabe der ältesten polnischen Annalen, berichtend, hat Gerard 
Labuda auf sich selbst als denjenigen hingewiesen, dem die Bearbeitung 
der aus Pommerellen und Preußen stammenden Annalen zufiel. Es sollten 
alle im Mittelalter in Preußen, Pommerellen und Pommern entstandenen 
Annalen veröffentlicht werden. Als erste sollen die Chronica teT1'ae 
rrussiae, die Thorner Annalen sowie die sog. ältesten preußischen Anna- 
len in Betracht gezogen werden. Er rechtfertigte dies mit der überzeu- 
gung, daß die schriftliche Grundlage der Annalen sich nicht so bald ver- 
ändern werde 25.. Das Verlangen nach einer Neuausg<;lbe der aus dem 
Gebiet des Deutschordensstaates stammenden Annalen ist heute gleicher- 
maßen oder sogar noch stärker aktuell als im Jahre 1955. Es wurde bis 
heute nicht erfüllt. Es ist hier angebracht, die grundsätzlichen Voraus- 
setzungen für ihre Edition darzustellen. Es soll festgestellt werden, daß 
zwischen allen uns bekannten Annalen ein enger, gegenseitiger Zusammen- 
hang besteht. Jede dieser Annalen enstanden in Anlehnung an ältere Texte 
und besitzen in bedeutendem Maße Kompilationscharakter. Mann kann 
annehmen, daß die Kompilationstätigkeit die originelle annalistische 
Tätigkeit übertrifft. Die Chronica terrae Prussiae, die Thorner Annalen, 
die Sambiensis Canonici epitome gestorum sind auf der Grundlage der 
ältesten preußischen Annalen entstanden. Die Chronik von Konrad Bit- 
schin und die bisher Johann von Posilge zugeschriebene Chronik des 
Johann von Redden sind deutlich miteinander verbunden. Sie stehen 
auch im Zusammenhang mit der ältesten Chronik der Stadt Torun sowie 
mit den Thorner Annalen. 


.. Ich gehe davon aus, daß sicb in Wirklichkeit in dieser Handschrift, die am 
Anfang des 15. Jbs. entstandenen Annalen befinden. Im Gegensatz zu Strehlke 
vertrete ich die Meinung, daß wir es hier nicht mit einem Auszug sondern mit 
einern erweiterten Text zu tun haben. 
.. G. Lab u d a (wie Anm. 8), S. 101-102.
		

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			192 


nta 


Die Grundlage der aus der Epoche der Renaissance stammenden Dan- 
z.iger Chroniken bilden hier die ältesten preußischen Annalen 
!I. Daraus 
geht hervor, daß sowohl für Kritik als auch zur Edition die Gesamtheit 
der annalist ischen Denkmäler aus dem Gebiet des Deutschordensstaates 
herangezogen werden sollte. An die bisherigen Herausgeber anknüpfend, 
darf man die für die historiographisehe Tradition des Deutschordens- 
staates wichtigen Annalen aus Livland nicht vergessen 17. 
Zu den grundsätzlichen Aufgaben gehören hier Nachforschungen in 
Archiven als auch in Bibliotheken, welche zur Entdeckung weiterer in- 
teressanter Quellendenkmäler führen könnten. Es muß darauf hingewie- 
s
n werden, daß bisher keine diesbezüglich besonders ausgerichteten 
Untersuchungen in den polnischen Archiven und Bibiotheken durchge- 
führt wurden. Es darf dabei nicht vergessen werden, daß eine moderne 
Edition der Annalen für den Erforscher der Geschichte des Deutschor- 
densstaates in Prußen eine der wichtigsten Aufgaben ist. 


.. Vgl. Fortsetzung zu Peter von Dusburgs Chronik von Conrod Bitschin, hrs,. 
von Max T 0 e p p e n, (in:) SRP, Bd. 3, S. 478-506. Die älteste Thorner Stadtchronik, 
hISg. M. T 0 e p pe n, Zeitschrift des Westpreußischen Geschichtsvereins, J,. 42, 1900, 
S. 117-181. 
17 Die Chronik von Dünemünde, Beilage 3, Th. 1., Hermanni de WartbeTge 
Chronicon Livoniae, brsg. von E. S t reh I k e, (in:) SRP, Bd. 2, S. 139-142. Die 
Annalen und das NecTologium von RonnebuTg, Beilage 3, Tb. 2, Hermonni de Wart- 
berge Chronicon Livoniae, brse. von E. S t reh 1 k e, (in:) SRP, Bd. 2, S. 142 


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/Czasopisma_119_04_195_0001.djvu

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/Czasopisma_119_04_196_0001.djvu

			Cena zl 290,- 


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ISB}q 83.231-0095-0